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Die Wahrheit · 1905-09-29 · Heft 38 (29.9.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 38 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 38. Die Wahrheit diesem heiligen Tage nichts Anderes zu sagen wüßten, als: Gedenke unser zmn Leben, schenke uns ein glückliches Jahr! Wenn du der Ueberzeugung lebst, daß du Leben, Gesundheit und Glück erst von Gott, dem Urquell alles Lebens, erst erflehen mußt, wie kommt es dann, daß du das ganze Jahr so lebst, als ob es gar keinen Gott gäbe? als ob du selbst dir das Leben erhalten, das Glück erringen könntest? Wie, wenn Gott zu dir spräche: du kennst mich das ganze Jahr nicht, ich will dich auch heute nicht kennen? — Aber jene großen Männer, welche uns die Gebete fest-, gestellt haben, waren nicht so einseitig beschränkt, daß fie uns nur um unser eigenes Wohl hätten beten lassen. Ihr Blick umspannte die ganze Welt und ihr Herz schlug für die ganze Menschheit. Nichts geringeres, als die Verbrüderung aller Menschen in Gerechtigkeit und Liebe, nichts weniger, als die allgemeine Herrschaft des heiligen und gerechten Gottes bildet den Kern und den Mittelpunkt unserer Gebete am Neujahrsfeste. Ja, des heiligen und gerechten Gottes! Wißt ihr, was alles mit dem Worte „heiliger Gott" verbunden ist? Die Völker des Altertums kannten die Keuschheit nicht, sie kannten die Sittlichkeit nicht. Kein Laster war ihnen zu schändlich, kein Verbrechen zu gemein — Raub, Mord, Unzucht, Betrug- Diebstahl —7 alles durfte begangen werden, denn die Götter gingen ja mit gutem Beispiel voran! Und dabei denken wir an das gebildetste Volk des Altertums, an die noch jetzt bewunderten Griechen. Was erst bei den anderen Völkern als erlaubt, ja als heilig galt, davon darf man in guter Gesellschaft nicht sprechen.... Da trat das Volk Israel auf, dessen Gott ihm die strengste Keuschheit, die peinlichste Gerechtigkeit und Sittenreinheit mit den Worten einprägte: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich,! euer Gott? Und diesem Gotte huldigen wir am Neujahrsfeste,; als unserem König und Gesetzgeber, und dieses Gottes Herrschaft soll sich, so beten wir, über alle Menschen ausbreiten, daß sie alle sich zu einem Bruderbünde zusammenschließen, daß alles Unrecht wie Ranch schwinde, daß alle Schlechtigkeit wie ein Hauch vergehe — und eine Gemeinschaft, welche an ihrem Neujahrsfeste solche Gebete zu Gott emporsendet, hat wohl das Recht, auch für ihr eigenes Wohl zu beten, aber ebenso die Pflicht, Gottes Herrschaft zuallererst in ihrer eigenen Mitte fest zu begründen, daß d a jedes gute Werk gefördert und jede böse Tat verbannt werde. — Aber da fällt uns ein Wort unserer Alten ein pan ny *6 n'vn wer die Thora nicht kennt, der kann nicht fromm sein, wie ja auch der heilige Sänger sagt: -pan 'brb “i: ein Licht für meinen Fuß ist mir dein Wort, ohne welches ich im Finstern wandeln muß. Und das führt uns auf die zweite Frage: Wie steht es um die Thora-Kenntnis bei uns? Wohl wird die Thora mach der weisen Verordnung Esras jahraus jahrein öffentlich verlesen, aber verstehen auch alle, was verlesen wird? Und doch ist die Thora der Lebensbaum, der Lebenssaft — dd — des Judentums. Was nicht von diesem Saft durchtränkt ist, muß mit der Zeit für das Judentum absterben! Darum ist die erste und heiligste Aufgabe der führenden Geister in Israel, die Thora in Israel heimisch zu machen, sei es durch die Schule, sei es durch die Kanzel. Aber wo die Schule nicht vorgearbeitet, da findet die Kanzel taube Ohren oder — gar keine Ohren! Darum ist die vornehmste Mahnung unseres heiligen Festes: Wachet, ihr Wächter in Israel, über eure Schulen! Ruhet nicht > und rastet nicht, bis die Schule eine erfolgreiche Stätte für die Thora werde! Nur so wird Lebenssaft den erstarrten Gliedern des Judentums zugeführt, nur so wird das Werk Esras zu neuer Blüte gelangen! Ans der Woche. In der Agitation sind die Antisemiten Meister und darum senden sie, mit Rücksicht auf die nur mehr kurze Lebensdauer des gegenwärtigen Reichsrates, schon jetzt ihre Boten aus, um die Wähler für die kommenden Neuwahlen zu bearbeiten. Für die blöde, urteilslose Masse gilt die Judenhetze leider noch immer als wirksamstes Agitationsmittel, und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn in den letzten Tagen die diversen Antisemitenhäuptlinge, und allön voran ihr Herr und Meister Dr. Lueger, das Thema variirten, daß nur die Juden an allem Uebel in Oesterreich schuld tragen. Vorige Woche hielt der Wiener Bürgermeister in Eggenburg im Waldviertel große Heerschau und da es jetzt besonders dankbar ist, über die allgemeine Fleischteuerung zu sprechen, konnte er sich natürlich die Gelegenlegenheit nicht entgehen lassen, gegen die ..jüdischen Fleischwucherer" loszuziehen und den alten Kampfruf „Kauft nicht bei Juden!" anzustimmen. Die Lüge hat bekanntlich ein kurzes Gedächtnis, denn sonst müßte Herr Dr. Lueger durch sein eigenes Parteiorgan, das „Deutsche Volksblatt" belehrt werden, daß nicht die Juden, sondern die christlichen Fleischhauer es sind, die dem Volke den Fleischkorb höher hängen. * •* - Ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen. Den Gesinnungsgenossen in Wien, die aus den Gemeinderatsberichten über die Fleischfrage genügend orientiert sind, konnte man wohl die Märe von den jüdischen Fleischwucherern nicht leicht ohne Widerspruch austischen, aber da Herr D r. Lueger niemals um eine neue Walze für die Judenhetze verlegen ist, so mußte die angeblich in Wien bestehende Kirchennot herhalten, um recht weidlich auf die Juden zu schimpfen. „Ich habe mich." so führte er in der kürzlich stattgehabten Versammlung des katholisch-politischen Vereines in der Leopoldstadt aus, an sehr hohen sowohl kirchlichen als weltlichen Stellen, bemüht, darzulegen, daß es geradezu ein Unglück für die. katholische Kirche bedeuten würde, wenn man an die Errichtung von Pfarrgemeinden schreiten würde. Wenn jemand eine Extrawurst haben will, so muß er sich dieselbe auch bezahlen. Die Juden haben! ihre eigenen Kultusgemeinden, gut, das ist eine Extrawurst, j die sollen sie sich bezahlen. Wieso aber wir Katholiken, welche doch die überwiegendste Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, uns neben den politischen Gemeinden auch noch in eine Art Kultus- . gemeinden ab grenzen zu lassen brauchen, sehe ich ganz und gar nicht ein. Es geht nicht an, daß man die Wiener Katholiken, die Majorität der Bevölkerung, zwingt, eigene Gemeinden zu gründen. Das war nicht notwendig und geht auch jetzt nicht an. Dagegen werden wir uns mit aller Kraft wehren, und es wird auch nicht gelingen, diesen Plan durchzusetzen. Freilich sind einige Kanonici und einige Hofräte für diese Idee eingenommen, ich bin aber überzeugt, daß, solange der jetzige Landtag und Gemeinderat noch ein Wort zu reden haben werden, wird es zu diesem Attentat auf die katholische Kirche nicht kommen. Mit Verwunderung fragt man sich heute, warum denn eigentlich alle Klöster aufgehoben worden sind. (Zwischenruf: Damit die Juden dort einziehen können!) Jawohl, meine Herren, damit die Judeu dort einziehen können; speziell in Niederösterreich ist dies der Fall und namentlich Baron Rothschild hat eine Menge solcher Güter in seinem Besitze." Dem gesunden Menschenverstände ist es wohl nicht erfindlich, was die Juden mit diesem „Attentate auf die katholische Kirche" zu tun haben, aber ganz abgesehen davon würden wir uns für die „Extrawurst", die uns mit der Bestreitung unserer Kultusbedürfniffe aus eigener Tasche großmütig bescheert wird, recht gerne bedanken und es sicherlich vorziehen, gleich unseren katholischen Mitbürgern, unseren Kultusaufwand aus den allgemeinen Steuergeldern decken zu lassen. j * -i-! ■* Die Wiener israelitische Kultusgemeinde hat ein jährliches Budget von zirka zwei Millionen Kronen, also ein ziemlich hoher Preis für eine Extrawurst, aber trotzdem für den jüdischen Religionsunterricht an den Volksschulen eine beträchtliche Summe seitens der Kultusgemeinde aufgewendet wird, genießen die jüdischen Kinder nicht an allen Volksschulen internen Religionsunterricht, sondern sie müssen zu diesem Behufe oft entfernte Sammelschulen aufsuchen. Welche Nachteile daraus den Kindern und dem Unterrichte erwachsen, wollen wir an einem krassen Beispiele, das schon zu wiederholten, berechtigten Klagen Anlaß gab, Nachweisen. Die Volksschule bei den Schotten im I. Bezirke, welche besonders seit dem Vorjahre, da aus bekannten Gründen viele jüdische Kinder aus der Werderthorschule ausgeschult wurden, von einer E3E^£--; «V

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