Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 37 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Die Wahrheit Zelte 7. -entschieden im Sinne derselben. Die Rezitativ? des Samstaggottesdienstes, wie Nr. 59 Schochen ad, Nr. 60 B’ü jschorim, Nr. 61 Brochos -wehodoös, Nr. 73 Hamchadesch, Nr. 74 Or ehodosch, Nr. 75 Wehawienu rc. ruhen allesamt auf der E-Basis der lischtahach-Steigerksala und müssen unumwunden als Musterbilder aller Synagogen-Rezitative anerkannt werden. Wie könnte es auch anders bei einem Kantor, der sozusagen von Picke auf gedient, der die Gesangsdarbietungen berühmter Ehasanim von. Kindesbeinen an in sich aufnahm, dieselben jedoch später unter dem Gradmesser moderner Auffassung zuvörderst in seiner eigenen Gedankenwelt verarbeitete und hierauf durch Fixierung an die Mit- und Nachwelt überlieferte! Die obengenannten, sowie die später folgenden im Steiger gearbeiteten Rezitative erscheinen auf den ersten Blick als selbstverständliche, dem Volke geläufige Gemeinplätze; unter der Lupe der Musikkritik gestalten sich dieselben jedoch als Darbietungen allerersten Ranges, als Darbietungen jahrelangen Suchens und Forschens, als das Ergebnis einer geläuterten Anschauung, als ein Stück Entwicklungsgeschichte, welche in unserer, der synagogal-gesanglichen Kunst geradezu bahnbrechend wirkt, indem sie an die Ueberlieferung anknüpfend, die Eigentümlichkeiten der alten Gesangsweise zwingt, durch Neugestaltung die Freiheit zu erwerben und dem modernen Geschmacks dienstbar zu werden. Kollege Heller hat hier mit klarem Blicke die naturgemäße Entwicklung einer von Anderen hochmütig vernachlässigten Richtung mit väterlich-liebevoller Hand gestützt; deshalb zollen wir ihm für diese seine Schenkungen rückhaltloses Lob und Anerkennung. Lob und Anerkennung aber nicht allein für seine rezitativischen Gesangsdarbietungen, sondern in erhöhtem Grade auch für die streng grammatikalische Anordnung der Wortsilben, milel milra, des kurzen und langen Schwa, sowie jür das dem logischen Gedankengange nach sich ergebende Zusammenfassen und Auseinanderhalten der Satzphrasen. Wir gaben zu wiederholten Malen der Anschauung Raum, daß bei Schaffung nioderner Rezitative im alten Stile zuvörderst, bis das Wesen der Steigerreinheit nicht zum Gemeingut Aller geworden, auf Modulation und die durch dieselbe sich notwendig ergebenden Veränderungen der Originalintervalle verzichtet werden müsie, wie wir uns ausdrückten: „Und wenn das Herz auch bricht"; hier jedoch, bei der seltenen Opulenz altrezitativischen Könnens, nehmen wir diese Abirrungen gerne mit in den Kauf, wenn wir es auch wirklich nicht begreifen, wie es möglich ist, neben dem unangetastet tonreinen und prachtvollen Mimekomcho Nr. 85, ein solches Konglomerat von fremden Intervallen zu erzwingen, wie es seine Nachbarn Eedor wodor Nr. 87, lismach mosche Nr. 88 und weschomru Nr. 89 ausweisen. Die vollständige Tonreinheit wäre unseres Erachtens mehr am Platze, als die ewigen Angriffe auf die historische Form. Bezüglich der groß aufgebauten vierstimmigen Komposition mit Orgel, mit ihren Vorzügen und Schwächen, müssen wir, um nicht durch Wiederholungen sck)werfällig zu werde», auf unsere diesbezüglichen kritischen Kundgebungen gelegentlich der Besprechung der Freitagabend-Kompositionen Hinweisen.' Nur eine Anschauung können und dürfen wir nicht zurückdrängen, es sind die Gedanken, die uns bei Durchsicht des groß angelegten Aw horachamim, S. 72, beschleichen. Es sei im vorhinein zugestanden, daß ein Professor der Tonsatzlehre dieser Arbeit als einer Orgelkomposition (denn die vorliegende Arbeit ist offenbar als für die Orgel obligat geschrieben und erst aus dem Orgelsatze wurden die Töne des Bokalsatzes zurecht gestellt) die Note „gut" erteilen müßte; allein, fragen wir, ist.dem synagogengesanglichen Zweck mit diesen im Schweiße des Angesichtes hingezeichneten und mit dem mit einer Lupe bewaffneten Auge ängstlich gegenüber gestellten Noten gedient? Ist denn der Text aw horachamim nicht eines der herrlickisten Gebete des Judentums, daß man sich veranlaßt sehen müßte, wie beispielsweise bei der Schöpfung einer Oper, stets an wechselnde Szenerien, Bilder, Farben, Blumen re. zu denken? Diese in der Oper, beim Ballet rc. notwendige Schwelgerei in der Farbenpracht kann der Gestaltungskraft eines Synagogenkomponisten unter gar keinen Umständen zum Segen gereichen. Allein, abgesehen hievon, macht sich der verderbliche Einfluß dieser absichtlich großangelegten Komposition schon darin geltend, daß die Nachahmungsnotwendigkeit in dieser Fuge eine Stimmlage verlangt, die von unseren, zumeist doch einfachen Synagogen-Ehören geradezu nicht zu bewältigen ist. Welcher Choraltist soll die Solfeggien-Passagen in der ersten Altzeile, Seite 73, oder welcher Tenor die Lage derselben Zeile, die sich zunächst beim Alt zwischen Fis und E und beim Tenor gar zwischen E und A bewegt, zu Stande bringen, ohne die größtmöglichste physische Anstrengung anwenden zu müssen? Ein Auswechseln der Töne zwischen Alt und Tenor wäre oft am Platze. Es beschleicht uns ein Gefühl des Bedauerns, daß wir bei der offenbar fachmännisch reinen Gesinnung und lauteren Absicht des Kollegen Heller nicht unumschränktes Lob spenden können, so, wie wir es wollten; allein Aufgabe der Kritik ist es weder zu loben noch zu tadeln, sondern, einzig allein richtig zu stellen. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, müssen wir auch unserer Verwunderung Ausdruck verleihen, wie es ein mit dem altehrwürdigen Chasonus so überaus vertrauter Kantor, als welcher sich Kollege Heller in den meisten seiner rezitativischen Aufzeichnungen bewährt, über sich gewinnen konnte, solchen wirklich nicht jüdisch empfundenen Kompositionen die Nachbarschaft mit seinen überaus prächtigen, altjüdischen Rezitationen zu gestatten. Es nannte jemand einmal die Baukunst gefrorene Musik; wir erlauben uns, dieser Anschauung eine weitere Deutung zu verleihen, indem wir behaupten, daß die Fuge mit ihren strenggegliederten Wendungen und feindurchdachten Linien als gefrorener Spitzbogen erachtet werden jfaitn. Und welche Existenzberechtigung hat der Spitzbogen in der Synagoge? Man mißverstehe uns nicht, indem man meint, daß wir schlankweg ein Gegner der Fuge im allgemeinen wären; wir denken nur an die nichtjüdische Fuge, und wir können uns beim Anblicke dieser Tonwindungen in zumeist 16tel-Notenwerten nicht dem Eindrücke voll und ganz hingeben, als ob dieses Tongewoge vom Rauschen des Jordans erfüllt wäre. Interessant ist auch die Fughette im Ez chajim Nr. 123. Dort hatte der Komponist die Aufgabe, die Worte „drocheho darche noaia" musikalisch zu illustrieren; man untersuche genau die gesangstechnische Arbeit, die bei einer eventuellen Aufführung von den Sängern zu bewältigen ist, und beurteile, ob dieselben angesichts dieser ihnen obliegenden Leistungen an darche noam (liebliche Wege) zu denken veranlaßt sind. Und nun noch einem Konflikte stehen wir geradezu ratlos gegenüber. Es erscheint uns wirklich unfaßbar, wie ein Mann, der den Intellekt und die Befähigung besitzt, den Jehi rozon für Birchas hachodesch, Nr. 111, niedeiHnschreiben, dessen Töne dem ewig frisch sprudelnden Born altchasanischer Lyrik entstammen, und diese antiken Töne mit solcher Feinfühligkeit dem modernen Geschmacke anzuschmeicheln versteht — gleich nebenan einem Ni scheoso, Nr. 112, Eingang gestattet, dessen cantns firmus ebenfalls der alten Gepflogenheit gemäß fixiert, dessen Orgelbegleitnng jedoch geradezu antisemitisch genannt werden muß: antisemitisch, weil judenfeindlich, indem die Orgeltriolen wie durch Dissonanzen bewirkende Vorhalte wirklich lediglich dazu erkoren zu sein scheinen, um den poetische.» Hauch altjüdischer Glaubensfreudigkeit, der auf diesem cantns firmns .lagert, mit rauher Hand wegzuwischen, und ein solches Attentat kann doch keineswegs in der Absicht des Herausgebers, des Herrn Oberkantor Heller liegen. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Israelitische Kultusgemeinde.) Öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes Sonntag, den 24. September 1905, 10 Uhr vormittags, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock. Tagesordnung: 1. Einlauf. 2. Präsidialbericht. 3. Bericht des Bertreterkollegiums: a,> Beschlußfassung über die Ersatzwahl für die verstorbenen Vorstandsmitglieder Salomon Rosner und Dr. Isidor Schnabl. h> Schächtangelegenheit; c) Supplenturen für den Religionsunterricht an Mittelschulen; d) Ansuchen nm Bewilligung eines Bethauses im VIII. Bez.; e) Berufung des Bethansvorstandes in Ottakring. Wien. Donnerstag, den 14. d. M., fand am Zeniralfriedhofe das Leichenbegängnis des Kultusvorstehers med. Dr. Isidor Schnabl statt. Eine ansehnliche Trauerversammlung, in welcher wir das Präsidium der Kultusgemeinde, mehrere Kultnsvorsteher. viele Mitglieder des Hummntätsvereiues „Bnei-Brith" und zahlreiche Vertreter der Aerztekammer und der Wiener jüdischen Intelligenz bemerkten, gab dem allzufrüh Heimgegangenen, der Menschenliebe nicht blos predigte, sondern auch werktätig übte, und sein Judentum nicht auf den Lippen, sondern auf dem Herzen trug, das letzte Ehrengeleite. Nach Rezitation der Trauergesänge durch Oberkantor Singer hielt Oberrabbiner Tr. Güdemann einen den Lebensgang und die Berdieirste Dr. Schnabls würdigenden Nachruf und hierauf sprachen noch Präsident Dr. Stern namens des Kultusvorstandes, Dr. Marc. Spitzer namens der Chewra-Kadischa, Prof. Dr. K ö n i gst e i n namens der „Bnei-Brith", ein Vertreter der Aerztekammer und Dr. Emil Wolf namens der Familie tiefempfundene Abschiedsworte. Möge der tieftrauernden Gattin und den verwaisten Kindern das ehrende Andenken, das dem Berblick)enen allgemein bewahrt werden wird, ein gelinder Trost in ihrem herben Schmerze sein. Wien. Unter ungemein zahlreicher Beteiligung, in welcher sich die außerordentliche Popularität des Verblichenen bekundete, fand Freitag, den 15. d. M., l/210 Uhr vormittags, das Leichenbegängnis des Kultusvorstehers Salomon Rosner, vom Trauerhause, XVII., Beronikagasse 38, statt. Unter den zahlreichen Trauergästen waren anwesend: Der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Tr. Gustav K o h n, die Kultusvorsteher H. E l t b o g e n, Moriz Edler v. K u f f n e r. kais. Rat Wilhelm P o l l a k, Dr. Markus Spitzer und Gottlieb Taussig, der Präsident des Tempelvereines im VIII. Bezirke Hermann Beck, kaii. Rat Dr. Lieben, Sekretär Dr. Adle r. Sekretär Fleischer in Vertretung der österr.-iirael. Union, Frau Bach, Präsidentin des Frauenvereines im XVI. und XVII. Bezirke, der Arntsleiter-Stellvertreter des Bezirkes Herr Kurzweil, Deputationen zahlreicher humanitärer Vereine rc Erster Kantor M a t y a s stimmte die Trauergesänge an, hieraus wurde unter allgemeiner Bewegung der Sarg gehoben und der imposante Leichenzug bewegte sich am Tempel vorbei, wo die Deputationen Aufstellung genommen hatten, nach dem Zentralfriedhofe. Nach Vortrag der Trauervsalmen durch I. Kantor Matyas und Kantor Smotritzky trat Rabbiner Dr. Bach an die Bahre und schilderte mit beredten Worten die großen Verdienste, die sich der Verblichene um die Hebung und Förderung aller jüdischen und humanitären Institutionen besonders in den beiden Gemeindebezirken Ottakring und Hernals erworben hat, und die hohen persönlichen Tugenden, die den Heimgegangenen zierten. Nach dem Rabbiner sprachen noch der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, der Obmannstellvertreter des Bethansvorstandes Eduard Pollitzer, der Obmann der Bezirkskommission für den 16. und 17. Bezirk Leopold T r e b i t s ch, Herr Sigmund Weiler namens der Chewra-Kadischa für Ottakring-Hernals, und Herr Heinrich K o r n m e h l namens des orthod. Bethaus-Bereines „Gemilus-Chessed". Hierauf wurden die sterblichen Reste dieses zum Wohle der Allgemeinheit bis zu seinem letzten Atemzuge unermüdlich wirkenden Mannes unter den üblichen Trauergesängen zu