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Die Wahrheit · 1905-09-22 · Heft 37 (22.9.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 37 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 37. bereicherte. Er ist ein Kunstmäcen im vollsten Sinne des Wortes, seine Bildergalerie gehört zu den besonderen Sehenswürdigkeiten Wiens. Das Jubiläum, an dem sich die zahlreichen Freunde und Verehrer beteiligen werden, wird er in seinem Tusculum im Cottage begehen. Emil Jelinek,; Mufundpuanfigjähriges Jubiläum der „Korrespondenz Kulka" Samstag, den 23. d. M., feiert der -verantwortliche Redakteur unseres Blattes, Herr Alois Kulka, die 25jährige Wiederkehr des Tages, au welchem die von ihm im Jahre 1880 unter obigem Titel gegründete Zeitungskorrespondenz zum ersten Mal erschien, und wenn wir die ernste und bedeutsame Lebensarbeit, die der Jubilar als Kantor und Journalist geleistet, überblicken und dabei bedenken, daß Alois Kulka bereits vor Jahren, die Sechzig überschritten, so muß man geradezu staunen über die seltene körperliche und geistige Frische, mit welcher er noch immer seinen Doppelberuf erfüllt. Mit jugendlichem Feuer erfaßt sein Auge nach wie vor die mannigfachen Erscheinungen des großstädtischen Lebens, um sie als Tageschronist zu verzeichnen, und glockenrein ertönt noch seine Stimme, wenn er im Dienste des Allmächtigen an den hohen Feiertagen vor den Altar tritt. Zu Leipnik in Mähren geboren, widmete sich Kulka schon frühzeitig dem Gesangsstudinm und besuchte auch, da er im Besitze einer klangvollen und kräftigen Tenorstimme ist, am Wiener Konservatorium die Schule des damaligen Hofopernsängers und Professors Hans' Freiherrn v. Rokitansky. Seine Mitschüler waren u. a. der vormalige Hofopernsänger und nachmalige Gesangsprofessor am Wiener Konservatorium Josef Stand igel und der bekannte Professor, Karl Udel vom Quartett Udel. Noch als, Schüler des Konservatoriums legte er im großen Probesaal der Wiener Hofoper vor dem damaligen Direktor Herb eck und anderen Kunstverständigen eine Gesangsprobe ab und fand allgemeinen Beifall, allein es fehlte ihm an der nötigen Bühnenerscheinung, und so wandte er sich mit allem Eifer dem kantoralen Berufe zu. Als Kantor gehört Alois Kulka noch zu den Repräsentanten der alten Garde, die ihr Singen und Sagen an großen Meistern bildeten und es war ihm auch vergönnt, eine Zeit lang .an der Seite Sulzers und G o l d st e i n s zu wirken. Seine kantorale Wirksamkeit begann er in Schoßberg in Ungarn, durch zwei Jahre fungierte er in der Wiener Kultusgemeinde im Range eines ersten Kantors, dann kam er nach Lundenburg und schließlich kehrte er wieder nach Wien zurück und amtierte durch mehrere Jahre als Oberkantor im Tempelvereine für Mariahilf und Neubau. Aus dem reichen Borne feines beruflichen Könnens und Wissens schöpften auch viele Schüler und Jünger, und von bedeutenden Kantoren, die unter dem Einflüsse Kulkas die ersten Schritte ihrer kantoralen Laufbahn machten, seien unter anderen Oberkantor Birnbaum in Königsberg und Oberkantor Lazarus in Budapest genannt. Nebst seiner Vorliebe für Gesang war es vornehmlich die Journalistik, die ihn anzog. Im Sommer des Jahres 1870 weilte er mit seiner Frau, die ihm in seinem journalistischen Berufe stets wacker zur Seite steht, bei Verwandten in Bottuschan in Rumänien, woselbst bald nach seiner Ankunft Judenverfolgungen ausbrachen, wobei es zu bedeutenden Gewalttätigkeiten gegen die jüdische Einwohnerschaft kam. Oft großen Gefahren trotzend, berichteteKulka damals als Augenzeuge der „Neuen Freien Presse". Diese erste journalistische Betätigung setzte er später in Lundenburg fort, wo er in den Mußestunden seines kantoralen Berufes Berichte über die Hofjagden in Göding an die Wiener Blätter sandte, und welche Anerkennung er in dieser Tätigkeit in den Hofkreisen fand, sei dadurch konstatiert, daß ihm seinerzeit vom Oberststallmeister Seiner Majestät des Kaisers, dem General der Kavallerie Prinz Emerich Thurn und Taxis, gestattet war, die nach Göding zu den Parforce- und anderen Hofjagden verkehrenden Hofzüge als alleiniger Jagdberichterstatter durch mehrere Jahre benützen zu dürfen. Im Jahre 1880 gründete er die von den angesehensten Wiener Tagesblättern benützte „Korrespondenz Kulka", welche seither ohne Unterbrechung erscheint. Hervorragend war auch seine Anteilnahme an der Gründung der „Oesterr. - Ungar. Kantoren-Zeituug" und des „Oesterr.-ungar. Kantoren-Vereines" und besonders in der ersten Zeit entwickelte er in dem genannten Blatte eine rege publizistische Tätigkeit. , Nach seinem Rücktritte von dem Mariahilfer Kantorposten widmete sich Kulka ganz dem journalistischen Berufe und fand in demselben die Anerkennung und Auszeichnung hoher und allerhöchster Kreise. Aber ganz losgelöst hat er sich niemals von seinem ursprünglichen kantoralen Berufe. Abgesehen davon, daß er als verantwortlicher Redakteur der „Canlören-Zeitung" und als Vorstandsmitglied des ,,Oesterr. - Ungar. Cantoren- Vereines" mit inniger Sympathie an seinen Betufsgenossen hängt, kehrt er alljährlich an den hohen Feiertagen zum Vorbeterpult zurück. Durch 23 Jahre versieht er so die Mussaf-FnnktioN bei dem von der Wiener Kultusgemeinde zu Rosch-Haschonoh und Jom-Kippur im großen Musikvereinssaalle alljährlich veranstalteten Gottesdienste und leitet mit feiner noch immer herrlichen Stimme rmd seinem weihevollen Vortrag die Gemeinde zu frommer Andacht. Aus ihrem Kreise wie aus dem Kreise feiner Berufsgenossen wird ihm gewiß auch die Anerkennung für sein ernstes und rastloses Streben an feinem Jubeltage nicht ansbleiben.. Uene Synagogengesangswerke. Besprochen von Oberkantor I. Singer, Wien. III. Die Schlußworte des vorigen Aussatzes tönten in dem Gedanken aus, daß es heilige Aufgabe sämtlicher jüdischer Kantoren der Gegenwart und der Zukunft sei, bezüglich eines einheitlichen Synagogengesangsstiles schlüssig zu werden. Wir jüdische Kantoren befinden uns ja gerade hier in Wien auf dem für uns immerhin klassischen Boden, der modernen Entwicklung des Synagogengesanges. Salomon Sulzer zeigte uns in Ton und Wort, durch eigene Betätigung wie durchdachte Hinweise, was wir zu tun oder zu lassen haben. Konnten wir allenthalben und bedingungslos diesen vorgezeichneten Spuren folgen? Die beiden Teile Schir Zion, I und II, kennzeichnen am erschöpfendsten die mannigfachen Wandlungen, die im Seelenleben Sulzers, gleichgiltig ob dem Andrange der Verhältnisse oder der eigenen Initiative entstammend, Platz gegriffen. Muß der erste Teil des Schir Zion gleichsam als diktatorisches Dokument weitgehendst modern-reformatischer Betätigung erachtet werden, so gestaltet sich der zweite Teil schon als schüchterne Ueberleitung auf das Gebiet des traditionellen Synagogengesanges, und der ernst strebende Kantoratsjünger steht auf dem Scheidewege zwischen der alten und neuen Richtung, zweifelnd, welcher Anordnung er zu folgen habe. Zweifelnd? Nicht doch! Wenn Altvater Sulzer, der kühne, bahnbrechende Reformator, es für nötig erachtete, nach Jahrzehnte langem Suchen und Forschen, im Schir Zion II nur auf eine alte Weise wie beispielsweise Jom kippur kotaun oder scheni wachamischi wescheni hinzudeuten, so muß das für uns, seine Nachfolger, ein überaus bedeutsamer Fingerzeig für die Richtung sein, die wir zu nehmen haben. Es lohnt der Mühe, mit uns den Schir Zion H aufzuschlagen und die uachbezeichneten Nummern 47 Brochos wehodoos, 51 En ke erkecho, 58 Ledor wodor, 59 Jis’mach mosche und Nummer 75 Tikanto schab bos, genau zu untersuchen. Allesamt ruhen dieselben auf der Basis 6- und allesamt sind die Jntervallenverhältnisse der Steigerskala .G, As, H, C, D, Es, F, G gemäß bearbeitet, und trotzdem finden wir bei Nr. 47 ein Kreuz vorgegezeichnet, bei 51 gar keine Vorzeichnung, bei 58 drei B, bei 59 wieder ein Kreuz und bei 75 wieder gar keine Vorzeichnung. Diese Mannigfaltigkeit der Vorzeichnung für eine und dieselbe Tonart bedeutet für die Stilreinheit des Synagogengesanges mehr, als ganze Bände von modernen Synagogenkompositionen. Diese Mannigfaltigkeit der Borzeichnung für dieselbe Tonart erbringt uns den unumstößlichen Beweis, daß im Seelenleben Meister Sulzers irgend ein Zwiespalt vorhanden war, den er künstlerisch zu lösen — trotz aller Versuche und musikalischer Wendungen — noch nicht im Stande war. Wir leben der sicheren Ueberzeugung, daß, wenn vor Drucklegung der vorbenannten Rezitative die heutige, allgemein bekannte Steigertheorie schon Gemeingut gewesen wäre, Meister Sulzer uns nicht solche Probleme zurückgelassen hätte, deren Lösung uns für ewig vorenthalten bleibt. Kollege Heller ist bei seinen Aufzeichnungen glücklicher daran, indem er gewissermaßen die Erbschaft der Tradition der schon vor Jahren nachgewiesenen Steigertheorie antreten konnte. Und er tat es seelenberuhigt, wenn auch nicht mit Benennung der jüdischen Steigerskala*), doch ganz *) Wir kommen später hierauf zurück.

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