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Die Wahrheit · 1905-09-22 · Heft 37 (22.9.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 37 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrheit. Seite 5. Der polnische Jude. Armer Jude, der du wandeln Mußt, von Dorf zu Dorf hausierend, Schlecht genährt und bitter frierend; Allwärts rufend: Nichts zu handeln! Auf dem Baume krächzt der Rabe, Hunde zerren dich am Rocke, Schneegestöber, Flock' an Flocke, Fleißig wauderst Du am Stabe. So beklagt Nikolaus Lenau das traurige Schicksal des jüdischen Dorfgängers, und wir sind ihm sür diesen Herzenserguß zu ewigem Danke verpflichtet. Bekunden doch diese wenigen Verse des unglücklichen Dichters ein Verständnis und ein Mitgefühl für den nnstät und flüchtig umherwandelnden armen Juden, wie wir es leider bei vielen unserer jüdischen Größen nicht allzu häufig antreffen. Die armen polnischen Juden, welche mangels jeder Existenz ihre Heimat verlassen und nach Wien Pilgern, um sich durch Hausieren fortzuqnälen, sind so manchem Assimilationsjuden ein Dorn im Auge, und sür den geistigen Tiefstand dieser jüdischen Jndenverächter spricht die Tatsache, daß man in ihren Kreisen gar häufig die weise Lehre zu hören bekommt, die armen polnischen Juden Hütten den Antisemitismus nach Wien gebracht. Welch alberne Behauptung, die jüdische Armut zur Quelle des Antisemitismus machen wollen! Ich bezweifle nicht im geringsten, daß der polnische Jude kein Liebling der Wiener christlichen Bevölkerung ist. Ist es aber der reiche Wiener Jude, der in einer prächtigen Karosse mit der Teerose im Rocklüppchen und der Havanna im Munde stolz einherfährt, oder die vornehme Jüdin, deren feurige Brillankenboutons die neidischen Augen der Damen des christlichen Frauenbundes auszubrennen drohen? Der arme Jude kann höchstens verachtet werden, aber die spitzen Pfeile des Hasses richten sich nur gegen die Reichen. Wir wollen aber diesen Auchjnden den Gefallen erweisen' und die „polnische Plage" als Quelle des Wiener Antisemitismus bezeichnen, aber sofort müßten wir gegen sie den bitter» Vorwurf schlendern: Warum tut Ihr nichts, um der armen jüdischen Bevölkerung den Zuzug nach Wien unnötig zu machen? Glaubt Ihr denn, daß der arme Jude seine Heimat, die ihm durch die Gräber seiner Eltern geheiligt ist, verläßt und nach Wien fährt, um die Oper zu besuchen oder die blendenden Equipagen seiner reichen Glaubensbrüder in der Hanptallee zu bewundern? Sehet Euch einen polnischen Hausierer etwas genauer an! Oeffnet Eure Augen und betrachtet seinen Körper, wie er zum Skelet abgemagert ist, blicket in seine melancholischen Augen, aus denen eine ganze Welt von Leid und Kummer spricht! Besichtigt das Haus Nr. 32 in der Großen Schiffgasse und Ihr werdet da ein Elend sehen, wie vielleicht noch nie zuvor. Die polnischen Juden, die nach Euerer Ansicht den Antisemitismus nach Wien gebracht haben, wären die ersten, die ihn wieder von der Stadt am Donaustrande expedieren möchten. Die polnischen Juden würden gerne in Galizien bleiben, wenn sie sich dort durch schwere Arbeit ernähren, kümmerlich ernähren könnten. Schaffet ihnen Arbeit im Heimatslande und der weitere Zuzug nach Wien ist beseitigt! Wenn man vom.polnischen Juden spricht, so muß man sich vor Augen halten, daß man da die österreichische Judenfrage vor sich hat. Dreimalhunderttausend Juden hungern in Galizien! Diese Ziffer spricht eine gar beredte Sprache.*) * Auf diese Judennot hat Ch. N. Reichenberg schon vor zwanzig Jahren die Oeffentlichkeit aufmerksam gemacht. In seinem Organe „Die Gerechtigkeit" kämpft er schon seit Jahren für die Begründung von Hausindustrien in Galizien, wodurch das unsägliche Elend von tausenden jüdischen Familien beseitigt *) In Wien existiert ein „Galizischer Hilfsverein" für die armen Juden in Galizien, aber leider findet sein lobenswertes soziales Hilfswerk nur wenig Verständnis und materielle Unterstützung seitens unserer Glaubensgenossen. (Die Redaktion.) werden könnte. Aber mit Hausindustrien allein wäre der galizischen Judenmasse nicht geholfen. Galizien kann 700.000 Juden unmöglich ernähren. Viele Juden müßten auch dann zum Wanderstabe greifen, wenn eine große Hilfsaktion zur Begründung der hausindnstriellen Tätigkeit eingeleitet würde. Und eine geregelte Emigration der überschüssigen Bevölkerung kann nur durch eine glanzvolle, zielbewußte Kolonisationspolitik hergestellt werden. Für die Lösung der österreichischen, das ist der galizischen Judensrage gibt es nur zwei Mittel: Begründung von Hausinoustrien und — ja nicht „oder" — Kolonisation. Alles andere ist Züchtung des Schnorrertums. Jakob R o b i n s o h n. Hofrat Professor Dr. Adam Politzer. In wenigen Tagen, am 1. Oktober, feiert einer unserer hervorragendsten Kliniker, eine der Zierden der Aima mater viennensis, ein Mann, dessen Ruhm und Ruf weit über die Gemarken unseres Vaterlandes gedrungen und allüberall lebhaftesten Widerhall erweckt, Hosrat Pros. Tr. Adam P o l i tz er, die 70. Wiederkehr seines Geburtsfestes. In Albern «.Ungarn) hat Politzer das Lichl der Welt erblickt und kam in noch jungen Jahren nach Wien, woselbst er seine Studien vollendete. Er arbeitete dann im Laboratorium Pros. Ludwigs, ging später nach Würzburg, wo er, der sich nun vollständig der Ohrenheilkunde widmete, Forschungen über den Mechanismus der Ohrtrompete anstellte; dann übersiedelte Politzer nach Paris, um hier Studien über die Schwingungen des Trommelfells und der Gehörknöchelchen vorzunehmen, die ihn zur Herausgabe eines von einem geradezu phänomenalen Erfolge begleiteten Werkes veranlaßten. Ten Abschluß seiner Studien vollzog Politzer in der Metropole Großbritanniens, wo er Gelegenheit fand, die pathologische Anatomie des Ohres kennen zu lernen und seine Ansichten über dieselbe gleichfalls in einer weitverbreiteten und mit dem größtmöglichen Anteil aufgenommenen Schrift niederzulegen. Nach Wien zurückgekehrt, habilitierte sich der junge, in Fachkreisen jedoch als hervorragende Kraft angesehene Gelehrte als Privatdozent; 1871 wurde er außerordentlicher Professor. 1873 übernahm er die Leitung der Universitätsklinik für Ohrenheilkunde und anno 1894 wurde seine Tätigkeit mit der Ernennung zum ordentlichen Professor belohnt. Die zahlreichen Werke über die Ohrenheilkunde, die Politzer seit 1863 in die Oeffentlichkeit bringt, werden von fachmännischen Autoritäten als erstklassige bezeichnet und sind einige hievon in bereits mehreren Auslagen verbreitet, insbesondere ist es die Schrift: „Ein neues Heilverfahren, Ohrtrompete und Katarrh des Mittelohres", die sich des größten Erfolges erfreute; er begründete auch eine bedeutende Sammlung anatomischer und pathologisch-anatomischer Präparate des Gehörorganes und höchst instruktiver plastischer Darstellungen der Krankheiten des Trommelfelles rc. Diese, sowie die in Form von Lehrbüchern zur Ausgabe gelangten bahnbrechenden Werke, haben an allen Stätten der Ohrenheilkunde Eingang gesunden und sind sehr geschätzt. Pros. Politzer besitzt eine Anzahl von Orden und Dekorationen und wurde seine Wirksamkeit von Seiner Majestät mit dem Prädikate eines Hofrates gewürdigt; er beteiligt sich an allen medizinischen Kongressen des In- und Auslandes und finden seine hochwissenschastlichen Ausführungen in allen Kreisen vollste Anerkennung und Würdigung. Durch mehrere Jahrzehnte versah er unentgeltlich die Stelle eines städtischen Ohrenarztes, verzichtete aber im vorigen Jahre daraus, wegen der gegen ihn vorgebrachten, selbstredend vollständig unbegründeten, von Seite des Landmarschalls mit keinem Worte gerügten Anwürfe im niederösterreichischen Landtage. Hosrat Politzer, der auch, wenn auch nur sehr kurz, Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde war, ist Vizepräsident der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums", deren Museum er mit einer hochinteressanter Kollektion seltener Stiche

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