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Die Wahrheit · 1905-09-22 · Heft 37 (22.9.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 37 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 37. sichern, die für ein erfolgreiches Projekt jüdischer Kolonisation sich besser eignen würde... Hierin haben Tie meiner-Absicht , nach , Recht. Zn, der Tift war ich immer .für eine Annahme des Angebots unh, habe .es für einen höchst unglücklichen Amstand gehalten,^, daß .die Zionisten ihre im Aussicht gestellte Annahme an Bedingungen knüpften, welche zu einer. Spaltung unserer Gemeinschaft in dieser Hinsicht führten. Solange diese Bedingungen darauf berechnet waren, eine Art von Ghetto oder „Eintzeborenen- Reservation" aus der in Vorschlag gebrachten Kolonie zu machen; solange sie die Wiederbelebung einer veralteten Staatsform und die Kristallisierung sogenannter nationaler Gewohnheiten und Lebensweisen anstrebten. welche nicht essentiell jüdisch sind und welche in der Praxis nicht dem jüdischen Volke zu gute zu halten wären, solange ferner das Resultat aller Wahrscheinlichkeit nach das Fortbestehen der Fremdlingsstellung unserer Kolonisten in ihrem Adoptivlande war, konnte ich nicht anders, als dasselbe b'e- ‘ kämpfen. Sie haben mich jetzt über Ihre Ansicht, die Sie über diese Bedingungen hegen, beruhigt, und obgleich ich hinsichtlich des Erfolges nicht so hoffnungssreudig bin. wie Sie, muß ich doch eingestehen, daß, was die Prinzipien anbelangt, Meinungsverschiedenheiten zwischen uns nicht länger bestehen, und daß wir praktisch eine gemeinsame Basis haben, ans der wir wirken können. Autonomie ist natürlich auch jetzt noch die leitende Idee Ihres Projektes, aber wenn ich Sie recht verstehe, in einer Form, die frei ist von den Gefahren, die ich befürchtete. Sie wünschen etwas von den Strömen jüdischer Auswanderer sich zu Nutze zu machen, die unausgesetzt aus Rußland sich ergießen, und Sie wollen dadurch eine neue „geht' 6-ov6rOiuA"-Kolonie in den weiten, unkultivierten Ländstrecken des britischen Reiches gründen. Sie haben den festen Willen, daß eine solche Kolonie alle die Bedingungen politischer Entwickelung erfüllen soll, ,vermittelst welcher die überseeischen Kolonien bislang zur Selbstverwaltung vorgeschritten sind, und daß sie sich in jeder Hinsicht, politisch sowohl wie munizipal, den vorhandenen Kolonien anpaßt. Eine solche Kolonie würde nur durch das Vorherrschen ihrer jüdischen Bevölkerung politisch-jüdisch seju.. Sie würde keine anerkannte Kirche^ weder Bevorzugung noch Be- . nachteiligung der Religion wegen kennen, sondern es würde ihr freistehen, Feiertage anzuordnen oder andere munizipale.Einrichtungen zu treffen, welche den besonderen Verhältnissen ihrer Kolonisten qngepaßt sein würden unter Gewährung angemessener Ausnahmen für die Fremden innerhalb ihrer Tore. Nur englische Gesetze sollen anerkannt Und nach ihnen Recht gesprochen werden, in allen politischen Angelegenheiten, aber soll die.weltliche Gewalt die höchste sein. Auf die Sprachenfrage braucht besonderes Gewicht nicht gelegt werden — bei den uns in Canadst und der Schweiz gegebenen Beispielen können wir diese Frage auf sich beruhen lassen. Einem Punkte jedoch legen Sie große Wichtigkeit bei. Sie wünschen, daß von. Anfang an das politische oder Gemeinde-Oberhaupt der Kolonie — Administrator, Leutenant-Governor oder Gouvernor, je. nach dem — wenn möglich ein Jude sein soll. Hiergegen wüßte ich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß ein kompetenter und williger Glaubensgenosse im britischen Kolonial- oder indischen Dienst zu finden ist. Ebenso wie wir es mit der Oberlehrerschaft einiger unserer Alumnate in den jüdischen Distrikten Londons, gemacht, haben, können wir es auch mit der Besetzung des Gouverneur-Postens einer Kolonie machen, die sich hauptsächlich aus Juden zusammensetzt. Mit Hilfe einer so organisierten Kolonie hoffen Sie drei Dinge zu erreichen. In erster Linie glauben Sie, eine viel bessere Klasse von Ansiedlern heranziehen zu können, als solche für die sogenannten Almosen-Kolonien geworben werden, oder als die gewöhnlichen Auswanderer, welche sich in den verschiedenen Ländern des Westens verlieren, insofern als die Idee einer jüdischen Kolonie mit Selbstverwaltung wahrscheinlich an höhere Motive appelliert, als diejenigen, welche den gewöhnlichen Auswanderer bewegen. In zweiter Linie glauben Sie, daß eine solche Kolonie schnell eine große Arbeiterbevölkerung heranziehen werde, da sie ja für die Zuflucht suchenden kein fremdes Land, sondern eine wahre Heimat sein würde, wo man irgend ein anti-jüdisches Vorurteil nicht kennt. Drittens hoffen Sie durch die Kombinierung dieser zwei Klassen von Kolonisten unter der stimulierenden Atmosphäre einer Selbstverwaltung es zu ermöglichen, auf britischer Grundlage eine britische Muster-Kolonie |U schaffen und zu verwalten. Mit allen diesen Zielen kann ich nur sympathisieren. Ich habe bereits gesagt, daß ich in Bezug auf den Erfolg nicht so hoffnungssreudig bin, wie Sie, und wenn wir nicht die Aussicht hätten — die historische Aussicht — auf eine umfangreiche Landkonzession seitens der britischen Regierung, so würde ich vielleicht zu dem Versuche geneigt sein, Ihnen von diesem Projekt abzureden. Doch wir Hatzen diese Aussicht, und ich glaube nicht, daß wir sie und die Verantwortlichkeit, die sie im Gefolge hat, mit gutem Gewissen von der Hand weisen können. Ich bin geneigt, Ihr Projekt für gut zu halten, und gebe ihm den Vorzug vor den bisher üblichen Kolonisations-Projekten, wie sie in Kanada mnd Argentinien durchgeführt werden, denn bei vorsichtiger Leitung würde dasselbe nicht hinter den besten Zielen jener Projekte zurückstehen, während es Deinerseits eine Zukunft eröffnet, die eine Quelle von Glück für viele Tausende von Juden und der Stolz unseres gesamten Volkes sein könnte. Alles hängt in erster Linie davon ab. ob Sie die richtige Klasse von Auswanderern in genügender Zahl herbeischaffen können. Wenn Sie dies können — und Sie sagen mir ja, daß Sie von der Möglichkeit überzeugt sind — dann wird alles Uebrige nur eine Sache harter Arbeit und intelligenter Leitung sein. Ich bin überzeugt, daß das Projekt in diesem Fälle die überreiche' Unterstützung der jüdischen Gesamtheit erzwingen wird und daß ausreichende Mittel zu seiner Etablierung und Organisierung erhältlich sein werden. Das ist die . Basis, aus der ich bereit bin,., Wt. Ihnen in der Territorial-Orgästisation zusammen zu Arbeitest.. Ich befurchte nur, daß infolge des, schlechten ,Zustandes ^meistrr Gesündheft und besonders meiner Äugelt meine Mitarbeiterschaft Nicht weit her sein wird;, auf alle Fälle werde ich aber mein Bestes tust.,Sie habest vielleicht die Güte, mich wissen zu lassen, ob ich Ihre Ansichten in irgend einem wesentlichen Punkte mißverstanden habe. Stets Ihr aufrichtiger Freund Lucien Wolf. 4- ■* * Union Hotel Frankfurt a. M., den 8. September 1905 Meist lieber Wolf! ' ' Es freut mich außerordentlich, zu vernehmen, daß Sie sich nach reiflicher Erwägung unserer Unterhaltung in Gießbach so herzlich bereit finden, Ihre großen Fähigkeiten mit unserer großen Aufgabe zu verbinden. Wie Sie selbst sagen, bildet die Verschiedenheit nuferer Ansicht hinsichtlich der endgültigen Prinzipien kein Hindernis für ein Zusammenarbeiten in einer Bewegung, welche keine offiziellen Beziehungen zum Zionismus unterhält. Ihre Zustimmung zu dem Prinzip der Selbstverwaltung ist Alles, was nötig ist, und ich freue mich, daß ich Sie wenigstens davon überzeugt habe, daß wenn wir uns anschicken, eine große, auf sich selbst angewiesene Kolonie aufzubanen, die Maßnahme der Autonomie kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Ein eigentümlicher Zufall bringt es mit sich, daß aus Lausanne, demselben Orte, aus dem Sie mir schreiben, ein reicher Jude zu mir nach Frankfurt gekommen, ist, um sich als Pionier-Gefährte der armen Einwanderer anzubieten, trotz der Mühseligkeiten eines jungfräulichen Territoriums, und er versichert mir, daß es hunderte von russischen Mittelstands-Familien, gäbe, welche früher oder später einer autonomen Niederlassung zuströmen würden. Ich verbürge mich persönlich, daß selbst das englische Mittelstand-Element sticht ganz fehlen wird. Mit Bezug auf das politische Bild der Kolonie können lvir gut und gerne die allgememe Entwickelung der britischen Kolonien als Vorbild nehmest, insofern eine englische Kolonie sich eines beträchtlichen Spielraumes für nicht-englische innere Gesetzgebung erfreut. So ist z. B. Neuseeland in der. Lage gewesen, das ,Wahlrecht für Frauen einzuführen, das der britischen Konstitution bis jetzt stoch fremd ist. Wollen wir hoffen, daß in ähnlicher Weise der Genius stnserer Rasse, der einst in der mosaischen Gesetzgebung und ist prophetischen Aspirationen zum Ausdruck kam, zu einer führenden Rolle in der Zivilisation und zu soziologischen Fortschritten,, wie sie für unsere Zeit geeignet sind, inspiriert werde. Die hebräische Basis,..aus welcher die britische Zivilisation sich hauptsächlich bewegt, würde einer Entwickelung unter 'britischen Auspicien besonders sympathisch sein. Däs Guäs Ngishu-Plateau, welches den Zionisten angeboten und von ihnen zurückgewiesen wurde, ist jedoch nach der Aussage der zionistischen Kommission nicht das „große und fruchtbare Territorium", für welches die Herren B älfo'ur und Ch am b er läin es zu halten scheinen. Es scheint eher.ein Land zur Exploitation durch ein Viehzucht treibendes Syndikat als für eiste ansässige Bevölkerung zu sein. Während ich mit einigen Mitgliedern der jüdischen Kolonisations-Gesellschaft (die mir gegenüber nicht unsympathisch von der neuen Kolonisations-Gesellschaft gesprochen hat)'darin übereinstimme,,, daß-eine jede Sache klein ansangen muß, so gefällt es mir doch nicht, daß auch Alles klein enden muß. Ich will die Eichel stur da pflanzen, wo auch Platz für die Eiche ist. Das Territorium, das wir suchen, muß erstens landwirtschaftliche und zweitens industrielle Aussichten bieten; es muß die Möglichkeit einer dichten Bevölkerüstg in der Zukunft gewähren. Sollte es uns unglücklicherweise nicht möglich sein, unsere Arbeitskraft für ein solches Land unter englischer Protektion hergeben zu können, so müßten wir uns natürlich an andere. Regierungen wenden, welche über Land verfügen, das der Kultur zu erschließen wäre. Wo immer wir aber auch unsere Kolonie gründen, immer stimme ich mit Ihnen überein, daß die moderne Tendenz, Kirche und Staat getrennt zu halten, wie in den Vereinigten Staaten, vorteilhafter, für beide Institutionen ist. Es leuchtet ein, daß in einer jüdischen Kolonie fromme Juden eine weit bessere Umgebung für ihre Religion als anderwärts finden, und auch der gesetzliche Feiertag kein, anderer, als der jüdische Sabbath sein könnte. Für Sie, der Sie stets eine so große Sympathie für das traditionelle Judentum bekundet haben, Muß dieses Bild unserer Kolonie besonders erfreulich sein. Was das Verhältnis unserer Organisation zu dem großen russischjüdischen Problem änlangt, so haben die russischen Juden hierüber selbst zu bestimmest. Ob dieses Problem in Rußland selbst gelöst werden kann oder nicht, jedenfalls muß es von den russischen Inden selbst gelöst werden. Unsere Kolonie ist nur bestimmt (siehe mein Manifest) „für diejenigen Juden, welche in den Ländern, in denen sie gegenwärtig leben, nicht bleiben können oder wollen." Aber welche Wahl auch immer die russischen Juden hinsichtlich der Lösung des Problems treffen mögen, so können wir letzteres gewiß erleichtern durch Verringerung des Andranges zum Ansiedlungsrayon in Rußland. Ob unsere Organisation eine Möglichkeit finden wird, ihnen in anderer Weise zu helfen, das kann allein die Zukustft lehren. Obgleich ich sehr bedäuere, daß Ihr Wunsch, uns zu helfen, vielleicht Ihre physische Kraft übersteigt, habe ich Sie inzwischen doch, mein lieber Wolf, in Uebereinstimmung mit unserer Konstitution zum englischen Mitglied unseres internationalen Komitees kooptiert, und verbleibe Ihr aufrichtiger Israel Zang will Ehren-Vorsitzenöer der Jüdisch-Territorialen Organisation.

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