Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 36 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 36. verlaßen. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, in maßgebenden Kreisen endlich Interesse für die Sache zu wecken, damit gegen diesen Unfug wirksam vorgegangen würde. Oder hat nicht ein Preußenkönig gesagt: „In meinem Lande kann jeder nach seiner Fayon selig werden?" — Das Treiben auf Borkum lehrt auch recht anschaulich eine Illustration in der Scherlschen „Woche". Sie zeigt das sogenannte „schwarz-weiß-grüne Regiment von Borkum", d. h. die zu antisemitischen Radauzwecken bestehende Organisation halbwüchsiger Jungen „besserer" Kreise, die sich im Falle des insultierten Bilderhändlers besonders hervortat. Inmitten der großenteils schon ziemlich erwachsenen Büblein prangen einige höhere Staatsbeamte, so der Staatssekretär Frhr. v. Richthofen, Eisenbahndirektionspräsident K r a n o l d und andere als „Ehrengäste". Nach den Textbemerkungen der „Woche" bildet das Regiment eine „Organisation zur körperlichen Kräftigung und vaterländischen Erziehung". Literatur. I. A u g u st W ü n s ch e, Der Sagenkreis vom geprellten Teufel. Leipzig und Wien. 1905. Akademischer Verlag. 128 Seiten. II. Hanna Grube, Amor generelis. Er und — jene Anderen. Apokalypse, 17. Kap., 5. Vers. Das Weib des Hethiters. Titanenkampf. Die Tragikomödie. Sein Tempelgeheimnis. Ihr Perlenhalsband. Leipzig und Wien. 1904. Akademischer Verlag. 146 Seiten. Preis K 8. HI. D i e ö st erreicht sch-ungaris che Sphinx. Ein Brief des Herrn Sektionschef Ritter von Z. Leipzig und Wien. 1905. Akadedemifcher Verlag. 39 Seiten. Preis K 1. Verlag und Bücher sind neu und interessant. Bis jetzt waren unsere Schriftsteller und Gelehrten gezwungen, ihre Produktionen nach Deutschland zu exportieren. Diesem Uebelstand abzuhelfen, haben einige junge Gelehrte sich vereinigt und den Akademischen Verlag gegründet. Daß diese Idee zeitgemäß war, zeigen die bereits erschienenen Bücher und die Namen der Herren Autoren, die mit diesem Verlag in Verbindung getreten sind. Es genügt, die Namen I o d l - Wien nnd Wünsche- Dresden anzuführen, um die Rührigkeit dieses neuen Berlages zu konstatieren. Das monumentale Werk „Monumenta Judaica", das den Lesern dieses Blattes bereits bekannt ist, soll — wie wir hören — noch in diesem Jahre zu' erscheinen beginnen. Die Kinderkrankheiten, an denen, solche Unternehmungen zu leiden haben, hat dieser Verlag lange hinter sich, so daß wir mit Spannung den weiteren Erscheinungen entgegensehen. Bon den bisherigen Schriften kommen für diese Zeitung nur die oben angeführten drei Bücher in Betracht. Ad L Herr Professor Dr. theoL'et phil. August Wünsche in Dresden hat die Sage des geprellten Teufels mit bedeutender Fachkenntnis und emsigem Bienenfleiß bearbeitet. Die Sage des geprellten Teufels ist eigentlich schon in der Bibel enthalten, u. zw. hat Hiob den Teufel durch Frömmigkeit besiegt. Daß gescheite Menschen immer die Teufel besiegen, hat im Volke zur Bildung verschiedener Legenden Anlaß gegeben. Wünsche behandelt die Sage des geprellten Teufels wie folgt: 1. Das altchristliche Dogma von der Versöhnung und der germanische Götterglaube; 2. Der geprellte Teufel als Baumeister; 3. Der geprellte Teufel als Freiersmann; 4. Der geprellte Teufel in seinem Anspruch auf Erdland und Bodenftucht; 6. Der bei seinen Wetten geprellte Teufel; 6. Der kluge Schmied und der geprellte Teufel; 7. Der geprellte Teufel als Helfer der Menschen in allerlei Notlagen und Anliegen; 8. Der dumme, geprellte Teufel. Und in einem Anhang gibt er „die jüdische Lehre vom Teufel im talmudischen Zeftalter". Beim Lesen dieses mit Humor geschriebenen Buches wird man sich öfters des Lachens nicht enthalten können, daß der Teufel, trotzdem er immer und immer wieder geprellt wird, doch nicht gescheiter wird. Da der Teufel sowohl in der jüdischen als auch in allen Religionen eine große Rolle spielt, ist dieses Buch auch den Theologen zu empfehlen. Wir möchten auf einige Kleinigkeiten aufmerksam machen, die auf uns beim Lesen der talmudischen Zitate störend gewirkt haben, damit dieselben bei eventueller zweiter Auflage berücksichtigt werden können. Seite 17, bei der Erzählung, wie Rabbi Josua ben Levi den Teufel vor seinem Tode geprellt hat (Kethuboth 77 b), fehlt Zeile 13: „Da schwor Rabbi Josua ben Levi, daß er nicht zurückkehren wird", denn nur so ist diese Stelle verständlich. Zeile 20, Oolbo ist Col bo zu lesen. Seite 98: Joma 96 b ist nicht Aschmedai, sondern der böse Trieb (Jezer Hora), ferner statt „ba% man ihm die Augen mit Spießglanz verklebe", soll es heißen, „daß man ihm die Äugen ausgestochen hat, und so sind die Gelüste bei den Verwandten abgeschwächt worden". Seite 126, Zeile 4, soll nach Altäre folgendes kommen: „Da sprach Gott, alles tue er doch nur für seinen Sohn und wenn ich von ihm den Sohn als Opfer verlange, so wird er es nicht verweigern". Seite 127, Zeile 1, ist „nach dem Falle" zu streichen, sowie Zeile 5, „nach seiner Verstoßung". Auch ist die Wiedergabe der.Erzählung des Jalkut, § 25, über den geprellten Sammael nicht klar und auch nicht richtig. Wie wir also sehen, ist der Ausspruch des Talmuds: „Wohl ist dem, deffen Fehler gezählt sind," auf Wünsche mit Recht anzuwenden. Ad EL Dieses Buch ist nach Form und Inhalt ganz eigenartig. Die Romanschriftsteller haben bis jetzt immer die Unkeuschheit und Untreue der Männer hervorgehoben. Hier aber kommt das weibliche Geschlecht arg davon; und was die Sache noch intereffanter macht, ist der Umstand, daß es gerade aus der Feder einer Frau stammt. Die Verfasserin ist der- Meinung, daß dieMasse bei der Liebe die Hauptrolle spielt, was übrigensder Talmud mit seinem Ausspruche, daß die Ehe nur der Kinder wegen, da sei, schon lange angedeutet hat. Interessant ist auch, daß trotzdem hier von Rasse sehr, viel gesprochen wird, vom Antisemitismus, keine Spur zu finden ist, sondern im Gegenteil: die Verfasserin zeigt uns, daß auch die jüdische Rasse ein Recht und einen Anspruch aus die Rassentheorien besitzt. Dies bezeugt sie in der Erzählung: „Das Weib des Hetithers",. in der die jüdische Rasse als eine hervorragende bezeichnet wird. Hier möchten wir die Verfasserin darauf aufmerksam machen, daß die Beurlaubung Urias und des Befehles Davids an ihn, „nach Hause zu gehen", zur Verhüllung seiner Schande vor der Welt, wie es uns die Bibel ausdrücklicherzählt, und nicht aus bloßen Gründen der Etiquette, wie es die Verfasserin darstellt, erfolgt ist. Wir empfehlen dieses Buch als Lektüre reifen Frauen, damit sie wissen, wie eine Frau nicht sein soll. Ad III. Diese Broschüre ist für uns Juden nicht nur deshalb interessant, weil sie uns die politische Lage in Oesterreich-Ungarn klar vor Augen führt, sondern auch weil der Verfasser, der ein hervorragender deutscher Politiker zu sein scheint, wie man dies beim Lesen der Broschüre ans jeder Seite merkt, doch den Antisemitismus scharf verwirft und denselben mit folgenden Worten verurteilt (Seite 34—35): „Trotz der Gleichberechtigung aller, der Freizügigkeit, der Wahl der Ansiedlung und des Wohnsitzes, der Berufs- und Erwerbsfreiheit, der Freiheit des Gewissens¬ und Glaubens, sowie der Wissenschaft und Lehre, wird bei uns der öffentliche und Familienfriede durch Jntoleranzkampf zwischen Menschheit und A n t i s e m i t i s m u s." Auch freut es uns, aus den einleitenden Worten zu erfahren, daß der Empfänger dieses wichtigen Dokumentes, der dasselbe auch veröffentlicht hat, Jude ist, und daß die ganze Broschüre einem in „Nord und Süd" erschienenen Aufsatze über die Chassidim sein Entstehen verdankt. Wir geben einige Sätze aus den einleitenden Worten wieder: „Mit großem Interesse las ich in ,Nord und Süd' den Aufsatz, über die Chassidim. Er bestätigte meine Anschauung, daß die Chassidim Galiziens und seiner Nachbarländer wirklickr frommgläubige Juden sind, und daß die beste Lehre, d u r ch Herrschsucht und Eigennutz mißbraucht, auf ganz andere Bahneil als die vom Lehrer beabsichtigten geleitet und selbst zum Schaden ihrer Bekenner ausgebeutet werden kann." Diese Einleitung ist für uns interessant, denn wir ersehen daraus, daß in höheren Beamtenkreisen der polnische Jude kein solcher Stein des Anstoßes ist, wie uns die westlichen Juden glauben machen wollen. Sinnstörende Druckfehler sind folgende: Seite 2, Zeile 2 von oben, ist statt Unterstützung „Unterdrückung" zu lesen; Seite 4, Zeile 19, soll es statt 1723/4 „1722/23" heißen; Seite 7, Zeile 7, statt scheint „schien"; Seite 30, Zeile 11 von unten, statt junger „ganzer". „Der geprellte Teufel" und „Die österreichisch-ungarische Sphinx"' sollten in keiner jüdischen Bibliothek fehlen. M. B.... r. Uriefe eines Unglücklichen. Von Jda Böck. (Fortsetzung.) „Ich weiß nichts, nur daß ich ihn lieb habe," sagte Fanni leise. „Würden Sie keinen anderen Mann heiraten? Ueberlegen Sie recht: Würden Sie unseren neuen Amtmann zurückweisen,, wenn er um'Ihre Hand bäte?" „Aber das, das wird doch nie geschehen!" kam eshastig hervor. „Ich weiß genug. Sie sind ein Kind. Ihr Vater hat Recht! Fort dürfen Sie nicht, es wäre denn, daß Sie bei Verwandten für einige Zeit Aufnahme finden könnten. Bei Ihrer Tante in Schlesien, wären Sie in guter Obhut." Fanni nahm keinen Brief mehr von Bittners Hand an. Zum Unglück für uns alle kam ein Maler kurz darauf m die Stadt. Er sah Fanni einigemale am Fenster, schickte ihr alsbald prachtvolle Blumen zu, die von leidenschaftlichen Gedichten begleitet wurden. Mein Urgroßvater machte kurzen Prozeß. Fanni wurde mit ihrem Konsin verlobt. Marischka. weiß von dem harten Wortwechsel zu berichten, der sich zwischen dem Brautvater und Frau Wand abspielte. „Ist denn kein anderer Mann auf der. weiten Welt, daß. Sie gerade diesen nahen Blutsverwandten einsetzen? Müssen Sie denn Gott versuchen? Jeder Seufzer, den ein unglückliches Opfer Ihres wahnsinnigen Starrsinnes hinstöhnen wird) bedeutet eine drohende Anklage gegen Sie, ja einen Fluch! Weshalb wollen Sie den Tischler Blau nicht? Ein schöner, starker, fleißiger Mensch. Zu wenig Jiches, was? Soviel Wissen wia