Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 36 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 36. . t *1 l ZU i 4 r j .; J;! $$ - . y* ' % K, 7 < i . j •I " fl ’Y v, j 'i ' •' * , H i - -L' 3t ' M ' i i S. > ‘ r " r''l \/| fiy m Seile 6. mit einem Gebet, in dem er dem Allmächtigen für die große Dnade dankt, daß er ihn aus weiter Ferne wieder in sein Vaterland zurückbrachte, um hier in der geliebten Muttersprache zu Zipn Gläubigen sprechen zu können. Mit pietätvollen Worten gedachte er seiner dahingeschiedenen Amtsvorgänger. Es erfülle ihn rpit Freude, daß Gott ihn zum Lehrer der größten und ersten Zsraelitengemeinde Ungarns auserkoren hat. Ausgehend von dem Schriftworte, das an diesem Sabbattage zur Verlesung gelangt, „Dein Lager sei heilig", sprach er in drei Abteilungen, von der Gesamtheit, von den Familien und von den Einzelnen. Der gelehrte Kanzelredner gelobte, den Traditionen Israels treu zu bleiben, im Geiste der talmudischen Literatur das Wort Gottes zu verkünden. Er werde nicht nur vor der versammelten Gemeinde die Lehren verbreiten, sondern Anschluß suchen an die Familien und bestrebt sein, das ideal-schöne jüdische Familienleben, in Welchem Gottesfurcht, Andacht, Moral und Liebe die leitenden Sterne sind, in feinem ursprünglichen Glanze erstrahlen zu lassen. Aber auch den Einzelnen, das Jndividium werde er gegebenenfalls aufsuchen und seine Türe werde Jedem offen stehen, der seines Rates und seiner Tat bedarf. Er erbitte sich zu seiner Tätigkeit die Mithilfe der Gemeindemitglieder; der Reiche, der Mächtige und Vornehme sei ihm ebenso lieb und wert, wie der Arme, der Schwache und Geringe. Am Schluffe seiner mit kräftiger, angenehmer Stimme und edlem Schwünge vorgetragenen Rede flehte er den Segen Gottes auf den König, das Vaterland, den Gemeindeoorstand, auf seinen Meister und Vorbild Dr. Kohn und auf sämtliche Mitglieder der Gemeinde herab. Nach dieser an poetischen Schönheiten und tiefen Gedatiken reichen Antrittsrede sah man derjenigen des Dr. Händler mit gespanntem Interesse entgegen. Gelegentlich des Sabbatgottesdienstes wurden die beiden Rabbiner „hoch aufgerufen". Prof. Lazarus rezitierte einen von ihm eigens zu dieser Feier in einem klassischen Hebräisch verfaßten Mischeberach. Nach dem „Einheben" bestieg Dr. Händler die Kanzel. Anknnpfend an das soeben verlesene Profetenwort: Die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber meine Huld wird von dir nicht weichen" hielt er seine Anttittsrede. Von hier sehe ich, begann ssr, die große Versammlung Israels im Festkleide und in Festesstimmung. Mein Herz ist beklommen, meine Seele befangen ob der großen Aufgabe, die meiner harret. Die Pflicht und die Aufgabe des Lehrers in Israel ist es, §u unterrichten und das öffentliche Bewußtsein zu befruchten. Die Allgemeinheit hat große Existenzinteressen, welche die ruhige, tatkräftige Hand erwarten. Dem Priester stellt sich leider ein großes Hindernis entgegen. Der Geist der Jrreligiösität hat in viele Herzen Eingang gefunden, die Produkte der Politik, der Literatur und der Wissenschaft zerren und nagen am Glauben der Menschheit. Das heutige Zeitalter ist ein verderbtes, mit einer dekadenten Literatur, welche die Seelen nicht veredelt, sondern die Ueberwucherung der Instinkte herbeiführt. Einst wurde Literatur genannt, was Ideale errichtete, während die heutige Literatur Ideale zerstört; aber auch die Wissenschaft, welche der Meister des Lebens genannt wurde, ist heute bestrebt, die alten Fundamente zu sprengen, die Lehren zu vernichten, welche die Bedingungen des moralischen Lebens bilden. Woraus soll der Priester in Israel angesichts dieser Hindernisse Mut, Verttauen und Hoffnung schöpfen? Müßte er da nicht die Waffen strecken und mit verzagter Resignation bei Seite treten? Aber nein? Ich schöpfe die Kraft und das Verttauen aus den Lehren der jüdischen Geschichte, welche die Auswüchse der Wissenschaft überlebt hat; aus der psychologischen Tatsache und Wahrnehmung, daß im jüdischen Herzen die Nostalgie der Traditionen, die Sehnsucht nach den alten Überlieferungen vorhanden ist; diese können in einer Laren Seele, in einem moralischen Herzen ihre Wirkung nicht verfehlen; aus dem Glauben an die Kraft und Wirkung der Lehre, auf dem Fuße des Felsens der göttlichen Erkenntnis stehend, nehme ich den Kampf mit den Sophisten auf, belehre und bekehre die Zweifler und richte die Schwachen auf. Schließlich schöpfe ich Kraft und Vertrauen aus dem Glauben an den Ällächftgen; die Berge und Felsen können erzittern, aber der laude bleibt fest und unerschütterlich für und für. Beide Kanzelreden waren Meisterleistungen, und sollten wir Kritik üben und, entscheiden wer der Beste sei, so könnten wir nur sagen: Freuen wir uns, daß wir Beide haben! . ' D. H. Spitzer. Der Sulzerisnms und die moderne synagogale Mtnrgie. Von P. Minkotvsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. (Fortsetzung.) Diese Auffassung entspricht nicht nur dem scholastischen Sinn des Talmudjuden, sondern findet auch Unterstützung in der Schopenhauerischeu philosophischen Konzeption über das Verhältnis des Tones zum Text. „Die Musik," sagt Schopenhauer, „ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst, dessen Objektivität auch die Ideen sind. Deshalb eben ist die Wirkung der Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher, als die der anderen Künste; denn diese reden nur vom Schatten, sie aber vom Wesen." . . .*) „Daher hat es immer geheißen, die Musik sei die Sprache des Gefühles und der Leidenschaft, so wie Worte die Sprache der Vernunft." . . .**) „Es sind nicht einzelne bestimmte Gefühle, die durch Musik ausgedrückt werden können, sie drückt daher nicht diese oder jene einzelne und bestimmte Freude, diese oder jene Betrübnis, oder Schmerz, oder Entsetzen, oder Jubel, oder Lustigkeit, oder Gemütsruhe aus; sondern die Freude, die Betrübnis, den Schmerz, das Entsetzen, den Jubel, die Lustigkeit, die Gemütsruhe selbst, gewissermaßen in abstracto das Wesentliche derselben, ohne aÜes Beiwerk, also auch ohne die Motive dazu. Denn überall drückt die Musik nur die Quintessenz des Lebens und seine Vorgänge aus, nicht diese selbst, deren Unterschiede daher auf jene nicht allemal einfließen. Gerade diese ihr ausschließlich eigene Allgemeinheit, bei genauester Bestimmtheit, gibt ihr den hohen Wert, welchen sie als Panazee aller unserer Leiden genießt. Wenn also die Musik zu sehr sich den Worten anzuschließen und nach den Begebenheiten zu modeln sucht, so ist sie bemüht, eine Sprache zu reden, welche nicht die ihrige ist. Daher kommt es auch, daß eine musikalische Komposition bezogen werden kann auf verschiedene Vorstellungen und Begriffe, daß also eine und dieselbe Melodie zu mehreren, dem begrifflichen Sinne nach verschiedenen Strophen eines Liedes paßt. Die Musik ist demnach, wenn als Ausdruck der Welt angesehen, eine im höchsten Grade allgemeine Sprache, die sich sogar zur Allgemeinheit der Begriffe ungefähr verhält, wie diese zu den einzelnen Dingen. Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere Allgemeinheit der Abstraktion, sondern ganz anderer Art, und ist verbunden mit durchgängiger deutlicher Bestimmtheit."^*) Darum kann sich Schopenhauer nicht mit Gluck befteunden, der die Musik ganz zum Knechte schlechter Poesie gemacht habe, weshalb denn auch seine Opernmusik ohne die Worte gar nicht genießbar sei.*) Schopenhauer ist aber nicht der einzige in seiner Konzeption über die Verhältnisse des Tones und Wortes. Auch Leon Tolstoi ist der Meinung, daß die zu enge Verbindung zwischen Wort und Ton die Freiheit der beiden schädige und die natürliche Entwicklung der Heiden hindere.**) Fast in gleichem Sinne betrachteten instinktiv die hervorragenderen alten Chasanim ihre Gesangsmission. So sangen sie z. B. das „A.tto nigleitho“ in dem „Jekmn Purkon“- Steiger, der eine doppelte Konsttuktion von der mixolydischen *) Arthur Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstellung." HI. Bdch. S. 340. **) Ibid. S. 842. ***) Ibid. S. 345. *) Paul Moos: „Moderne Musik-Aesthetik." S. 47. Leipzig 1902. **) A. N. Tolstoi: „Was ist die Kunst?" SHBB SfiüKSBUBi