Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 36 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. Die Wahrheit. Seite 5. nach Möglichkeit entziehen, gegen ihre militärischen Vorgesetzten meutern und in offener Schlacht den Führer zur Uebergabe von Kriegsschiffen zwingen. Amtseinfül>rnttg der nenen Raddiner. Budapest, 11. September 1905. Die vom Vorstande, den Mitgliedern des Ausschusses und der Repräsentanz gewählten, und von. den inkorporierten Gemeindemitgliedern gutgeheißenen neuen Rabbiner Dr. Julius Fischer und Dr. Simon Händler haben am 1. September de facto ihr neues Amt angetreten und ihre rabbinischen Funktionen in Budapest ausgenommen. Die Gemeindeleitung mußte von einer sogenannten Installation absehen, weil sie — trotzdem sie zwei hervorragende Rabbiner durch den Tod verloren — dennoch nicht verwaist geblieben, und weil die neuen Rabbiner keine Neulinge sind, sondern bereits in hochachtbaren Gemeinden ihrem heiligen -Berufe oblagen. Etwas sollte und mußte dennoch geschehen, denn die Pester israelitische Religionsgemeinde konnte und durfte ein so wichtiges Ereignis, wie es der Amtsantritt zweier neuer Rabbiner ist, nicht sang- und klanglos vorübergehen lassen, sondern markierte dasselbe in einer der Großgemeinde würdigen Weise. Die Feierlichkeiten, die inmitten der Gemeindevertretung und dann fortsetzungsweise und vornehmlich im herrlichen Tempel in der Tabakgasse stattgefunden, waren grandiose Kundgebungen, wie man die Träger der Gotteslehre und die Männer der Wissenschaft ehren und Hochhalten muß. Da gab's freilich kein Festessen, dafür aber Festreden erster Güte. Die Gemeinde feierte mit ihren neuen Seelenhirten ein Verbrnderungsfest großen Styles, worüber wir im Nachfolgenden kurzen Bericht erstatten wollen. Im Prunksaale der Gemeinde hielt der Vorstand Freitag, den 8. d., um 5 Uhr abends, eme außerordentliche Vorstandssitzung, zu welcher auch der Ausschuß und die Repräsentanz geladen waren. Den einzigen Gegenstand der Tagesordnung bildete die feierliche Amtseinsetzung der beiden neugewählten Rabbiner. Unter den Anwesenden bemerkten wir den Vizepräsidenten Hofrat Dr. Philipp Wein mann, Kultusvorsteher Ludwig Adler, die Gemeindevorsteher Sigm. L. Breitner und Max Grünbaum, den Präsidenten der Chewra Kadischa Jakob B o s ch a n, Rabbiner Moses F e l d m a n n, die Tempel- und Synagogenvorsteher Konsul Emerich Birnbaum. Julius Adler, Arnold Kohn, Berthold Herzmann, Jakob Deutsch und Dr. Wilhelm Grauer, die Vorsteher der Chewra Kadischa Em. I. Weiß und Moriz Linden bäum, den Tata- Tövüroser (Totis) Oberrabbiner Markus Händler, ein ehrfurchtgebietender Herr mit silbergrauem Haar. Es ist dies der glückstrablende Vater des neuen Rabbiners Dr. Simon Händler, u. A. Die beiden Gemeindevorsteher Magnatenbausmitglied Sigmund Kornfeld und Louis Baumgarten haben ihr Fernbleiben entschuldigt und den neuen Rabbinern ihre herzlichsten Glückwünsche übersandt. In Abwesenheit des Präsidenten Hofrates Sigm. Kohn er leitete der Vizepräsident Hofrat Dr. Philipp Wein mann den Amtseinführungsakt. Nachdem Vorsitzender den ersten Sekretär Dr. Julius Weißburg mit der Führung der Protokolle betraut hatte, meldete er, daß die Wahl der Rabbiner allen Anforderungen der Gesetze und Bräuche entspreche, weshalb er den Kultusvorsteher Ludwig Adler ersuche, die neugewählten Rabbiner in die Festsitzung einzuholen. Der Kultuschef begab sich hierauf, begleitet von dem Tempelvorstande, zu den neuen Rabbinern und begrüßte diese auf das herzlichste. Er sei — so sagte er — überzeugt, daß die beiden Rabbiner ihrer heiligen Pflicht stets bestens entsprechen werden; sie haben mit ihrer hohen Würde auch eine schwere Bürde zu übernehmen, und er werde gerne bereit sein, sie jederzeit in ihrem verantwortungsvollen Wirken kräftigst zu unterstützen. Hierauf ersuchte er die beiden Rabbiner, ihm in die ihrer harrende Versammlung zu folgen. Mit lebhaften Eljenrufen begrüßt, betraten Dr. Julius Fischer und Dr. Simon Händler im vollen Ornat den Saal. Nachdem sie am Vorstandstische Platz genommen hatten, erhob sich Hofrat Dr. W e i n m a n n, um die neuen Rabbinen im Namen des Vorstandes in einer formvollendeten herrlichen Ansprache zu begrüßen, die in folgende Worte ausklang: „Seien Sie Führer und Leiter des Glaubenslebens der Gläubigen der Religionsgemeinde. Durch Ihre Lehren und Ihre Unterweisungen hemmen Sie die Gefahr, welche — leider — derzeit bei uns den jüdischen Glauben in erhöhtem Maße arg bedroht. Machen Sie mit Energie, doch mit Klugheit jene Faktoren unschädlich, welche die Gefahr gebären; erwecken und befestigen Sie in den Gläubigen der Religionsgemeinde die Anhänglichkeit zur Religionsgemeinde und die Glaubenstreue; unterweisen Sie die Gläubigen in Patriotismus und Moral. Möge Ihre Wirksamkeit unserer Religionsgemeinde zum Heile, Ihnen selber zur Freude und zum Ruhme gereichen! Gottes Segen begleite Ihre Tätigkeit!" (Stürmische Eljenrufe.) Hierauf erhob sich Dr. Fischer, um für die schöne und herzliche Begrüßung seinen tiefempfundenen Dank auszusprechen. Er ist gern bereit, sich mit hingebendem Eifer der Erfüllung der ihn erwartenden Pflichten zu widmen. Er verspricht, mit Liebe und Gottesfurcht seine Aufgabe zu erfüllen, doch bittet er auch, ihm Vertrauen entgegenzubringen, damit ihm die Arbeit, die seiner harrt, erleichtert werde. Er fleht zu Gott, daß er den Vorstand und die Mitglieder dieser Gemeinde segnen und schützen möge. Dann sprach auch Dr. Händler Dank für die Begrüßung und den festlichen Empfang, der ihm und seinem Kollegen bereitet wurde. Mit Opferwilligkeit und Liebe betritt er seine neue Laufbahn und aus vollem Herzen schließt er sich dem Gebete seines Kollegen an. Er fleht zu Gott, daß er ihm Kraft gebe, seine Aufgabe voll und ganz zu erfüllen. Damit war der erste Teil der Feier beendet. Vom Tempelvorsteher geleitet, begaben sich nun die neuen Rabbinen durch den Tempelhof zum großen Empfangssaal des Tempels, wo Rabbiner Dr. Samuel Kohn die neuen Kollegen erwartete. Beim Betreten der Vorhalle richtete Rabbiner Dr. Samuel Kohn an die neuen Rabbinen eine ebenso herzliche als erhebende Begrüßungsansprache. Sie überschreiten die Pforten des Gotteshauses — sagte der eloquente Kanzelredner —, um in diesen Gott geweihten Hallen den Namen Gottes zu verkünden. In Ihnen erblicken die Tausende Glaubensgenossen, die den Tempel füllen, ihre Seelenhirten, welche sie den Weg der Gerechtigkeit und der Menschenliebe leiten sollen. Hier an der Pforte des Tempels wünsche ich Ihnen alles Gute und flehe Gottes Segen auf Sie herab, daß er Ihnen Kraft gebe, Ihr schweres Amt zu erfüllen. Sie werden dazu beitragen, daß das Wort Gottes auch auf fruchtbaren Boden falle und daß die Liebe zu Gott und zu seinen Lehren von den Gläubigen auch gepflegt werde. Gott segne Ihren Eintritt und nun öffne ich die Pforte; folgen Sie mir in die Mitte Ihrer andächtigen Gläubigen. : Orgelklang und Chorgesang ertönten und Oberkantor Professor Lazarus stimmte den Willkommen-Weihgesang an. Unter Vorantritt des Rabbiners Dr. Samuel Kohn schritten die neuen Rabbinen den in allen Räumen gefüllten, festlich beleuchteten Tempel entlang, begleitet vom Vorsteher der Kultussektion und dem Tempelvorstande zu ihren Plätzen. Dr. Fischer erhielt den Sitz, den der verewigte Dr. Kayserling, und Dr. Händler denjenigen den Dr. Weiszburg inne hatte.! Als die beiden Rabbinen vom Haupteingange aus das Innere des Tempels betraten, intonierte Oberkantor Professor Adolf Lazarus den 26. Vers des 118. Psalms: „Gesegnet seid ihr, die ihr kommet im Namen des Ewigen! Wir begrüßen euch im Gotteshause." Hierauf ertönten die mächtigen Klänge der prächtigen Orgel und der Chor stimmte den 24. Vers des 118. Psalms an: „Diesen Tag hat der Ewige geschaffen, lasset uns jubeln und uns fteuen an ihm. Nach den einleitenden Freitag-Abendgebeten betrat Dr. Julius Fischer die Kanzel. Er eröffnete seine Antrittspredigt