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Die Wahrheit · 1905-09-15 · Heft 36 (15.9.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 36 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 36. - n k ~t‘ ,, Sj'\' •i i ’; J- ' * 1',;z V;!- r * ■'■V t: ■Sä edlen Geistes, weshalb wir sowohl den Pfaffenkoller einerseits, wie die Ketzerriecherei andererseits verurteilen. Mit Recht hat unser Kaiser betont, daß die wahre Geistesfreiheit in der Achtung der Ueberzeugung Andersdenkender bestehe. Von der Achtung und Schonung, die wir für die Andersdenkenden verlangen, nehmen wir auch jene religiösen Gemeinschaften nicht aus, die nicht auf christlicher Grundlage stehen, aber mit uns ihren Gott suchen. Die bürgerliche Toleranz gestaltet sich somit zu einer bürgerlichen Pflicht, der wir genügen müffen, weil in unserem Staat die verschiedensten Religionsgemeinschaften vorhanden sind und weil wir durch ein friedliches Nebeneinanderwohnen dem konfessionellen Frieden dienen. Konfessioneller Friede! Nicht ohne Gefühl der Wehmut und Bitterkeit können wir dieses Wort aussprechen, wenn wir an jene Zeiten zurückdenken, wo bessere Verhältnisse bestanden. Obwohl das Eindringen des Atheismus - in immer weitere Kreise der Bevölkerung schon eine dringende Mahnung zur Einkehr und zur Umkehr bildet, so ist dennoch ein blinder Fanatismus und Zelotismus fortgesetzt am Werke, die Kluft zwischen den Konfessionen in einer Weise zu erweitern, daß man nicht ohne Besorgnis in die Zukunft blicken und sich der Sorge nicht verschließen kann, daß das Vaterland selbst, das so dringend des äußeren wie des inneren Friedens bedarf, darunter leiden könne. Wenn infolge konfessioneller Verhetzungen in unserem Baterlande unaufhörlich Zustände sich ergeben, wie sie wohl in keinem anderen Staate der Welt anzutreffen sind, dann können wir es jedenfalls mit gutem Gewissen ablehnen, die Schuld daran zu tragen. Gewiß, das Wort ist richtig : üorao sum! Wer wollte bestreiten, daß auch in unserem Lager gegen die bürgerliche Toleranz gefehlt wird? Aber stets haben wir mit unfern Gegnern solche Erscheinungen aufs tiefste bedauert. Wir haben nur den gewiß nicht unbescheidenen Wunsch, nach unserer Fayou selig zu zu werden, und haben dabei die Ueberzeugung, daß, wenn wir unserem Gott dienen und dabei die religiöse Ueberzeugung Andersdenkender achten, wir auch zugleich dem Vaterlande am besten dienen." Eine härtere Verurteilung konnte der Antisemitismus, der Glaubens- und Rassenhaß in allen möglichen Formen predigt, nicht erfahren und die goldenen Worte des gläubigen Zentrumsführers sollten besonders seitens der Klerikalen in Oesterreich Beherzigung finden. Ä- * * Wie jedoch in Oesterreich manche Priester das Gebot der Nächstenliebe und religiöse Duldsamkeit auffassen, das zeigte ein Vorfall, der jüngst in der Sommerfrische Landro große Aufregung hervorrief. Bei der Table d’höte brach einer der dortigen Sommergäste, Hofrat K. aus Budapest, plötzlich ohnmächtig zusammen, und wiewohl ein Arzt sofort zur Stelle war, konnte der Unglückliche nicht mehr gerettet werden; er starb inmitten der entsetzten Tischgesellschaft an Gehirnblutung. Nachdem der Tod konstatiert war, mußte die Leiche aus Rücksicht auf die ohnehin durch den traurigen Vorfall höchst aufgeregten Kurgäste aus dem Hotel fortgeschafft werden, sie sollte also in die Totenkammer überführt werden; aber der Ortsgeistliche weigerte sich, der Leiche eines Juden, wenn auch nur für kurze Zeit, dort Obdach zu gewähren. Und so wäre es geschehen, daß die Leiche über Nacht obdachlos unter freiem Himmel geblieben wäre, wenn nicht der das dortige Sperrfort kommandierende Oberleutnant sich ins Mittel gelegt hätte. Er ließ die Leiche in das Fort schaffen, die Besatzung des Forts zimmerte über Nacht aus einigen Brettern einen schlichten Sarg, und am anderen Morgen konnte die Leiche auf einem Wagen in die Heimat des Verstorbenen transportiert werden; der Oberleutnant und ein Kadett gaben in voller Parade dem Toten das letzte Geleite. Der Vorfall hat begreiflicherweise die dortige Sommergesellschaft stark erregt. Die Unduldsamkeit des Priesters wurde allgemein getadelt und umsomehr das chevalereske Verhalten des Fortskommandanten gepriesen, das als ein schöner Zug von Ritterlichkeit eines Offiziers auch weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Der Jude als Feldfoldat. Die „St. Petersburger Zeitung" verbreitet zur Freude unserer antisemitischen Presse eine Statistik des „Rußki Invalid", der zufolge die Einberufung von Juden bei den Mobilisierungen des Jahres 1904 einen starken Ausfall an Gestellungspflichtigen ergeben hat. Von den Erschienenen seien sehr viele dienstuntauglich gewesen, woraus man habe schließen können, daß die Pünktlichkeit weniger dem Pflichtgefühl als der Hoffnung auf Befreiung vom Dienst entsprungen sei. Diese Schlußfolgerung sei unterstützt worden durch die Taffache, daß ein großer Teil der sich krank meldenden Juden Bruchschäden oderdurchbrochene Trommelfelle aufzuweisen hatte, Mängel, die bei den übrigen. Reservisten nur in Ausnahmefällen beobachtet worden seien. .Wir lassen dahin gestellt, ob die mitgeteilte Statistik zuverlässig oder korrigiert ist. In Rußland, diesem Lande unbegrenzter Unmöglichkeiten, ist ja alles möglich. Wenn sogar Kanonen, Kriegsschiffe, Soldaten, Matrosen, Millionen und Liebesspenden gebucht, aber nicht vorhanden sind, dann können auch die Stammrollen, wie übrigens in früheren Fällen schon häufig nachgewiesen worden ist, falsche Eintragungen haben. Es > ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Statistik direkt gefälscht und jetzt grade veröffentlicht worden ist, um die minimale, wenn nicht gar vollständige Nichtberücksichtigung der Juden bei Erteilung des Wahlrechtes vor der Welt einigermaßen zu rechtfertigen. Wenn aber selbst die Statistik eine gerechte und zuverlässige wäre, wer bürgt dafür, daß die Juden, denen die Einberufungskarten nicht haben zugestellt werden können, vor der Mobilisierung und nicht vor drohenden „Pogroms" sich entfernt haben? Wer bürgt dafür, daß sie die diversen Verstümmelungen nicht in den von der Regierung oder Polizei veranstalteten bezw. geduldeten Judenhetzen erlitten haben? Man hat ja von solchen Jndenhetzen nach gerade genug gehört, und von sehr vielen wahrscheinlich auch nicht gehört. Wenn man es auch nach westeuropäischer Anschauung nicht billigen wird, so wird man es doch sehr wohl begreiflich finden können, daß bei den Zuständen, unter welchen die Juden in Rußland im Kriege wie im Frieden zu leiden haben, ihr Patriotismus kein sonderlich ausgeprägter ist, daß sie sogar, gleich vielen anderen, nicht jüdischen Russen, sich gern vor dem Transport nach der fernen Mandschurei drückten, zumal behauptet wurde, die Juden würden auf dem Kriegsschauplätze einer ebenso unfreundlichen und gefährlichen Ausnahmebehandlung unterworfen wie daheim. Dann hätte also die russische Regierung selbst Schuld, daß die jüdische Mobilisierung so ungünstig ausfiel. Sei dem aber auch wie ihm wolle, so hat man von antisemitischer Seite keineswegs das Recht, aus der zuverlässigen oder nur fragwürdigen russischen Statistik den Schluß zu ziehen, „daß die jüdische Nasse auch dann nicht für das Vaterland zu haben ist, wenn es sich um den Rest seiner bedrohten Ehre handelt." Man wende das Auge nach anderen Ländern. Warum sind Juden in anderen freieren, zivilisierteren Ländern tüchtige Soldaten und Offiziere? In den Vereinigten Staaten beispielsweise haben, wie wir des öfteren nachzuweisen Gelegenheit hatten, Juden an allen Kriegen des Landes in unverhältnismäßig I großer Zahl sich rühmlichst beteiligt, an den Kriegen, die das j Land zur Erringung seiner Unabhängigkeit gegen England ge- 8 führt hat, an dem Kriege gegen Mexiko, am großen Bürger- | kriege, und jüngst noch an dem Kriege gegen Spanien. Und um « so beweiskräftiger ist das Beispiel Amerikas, als hier dieTeilnähme der' Juden eine freiwillige war. Im Verhältnis zur jüdischen Einwohnerzahl war die Beteiligung der Juden eine außerordentlich große, und daß sie Tüchtiges geleistet, dafür spricht die große Zahl derjenigen, die es auf den Schlachtfeldern bis zu Generalen gebracht haben. Mit Recht ist denn auch der 1 Vorschlag gemacht worden, daß Witte seine Anwesenheit beiz der Friedenskonferenz benutzen solle, um sich zu überzeugen, wie 1 Juden in einem freien Lande unter günstigen Bedingungen sich 8 entwickeln können, und was Juden für ein solches Vaterland zu 8 tun imstande sind. Witte soll auch seine Ueberzeugung dahin | ausgedrückt haben, daß in der Lage der Juden Rußlands eine g große Erleichterung eintreten müsse. Wenn dies geschehen sein | wird, dann werden auch die Juden in Rußland an patriotischer | Gesinnung - sich von keinem übertreffen lassen. Wie die Dinge | aber liegen, wäre es ein außerordentliches Wunder, wenn die | Juden so sehr viel besser wären als die nichffüdischen Russen, Z die gegen ihr Vaterland rebellieren, die den Behörden Wider-1 stand leisten, ihren Verpflichtungen gegen das Vaterland sich 1

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