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Die Wahrheit · 1905-09-15 · Heft 36 (15.9.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 36 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahvSsit 'Jiebnftiou li. Sldmiiiistialioil: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Insvraie 20 He», per Noupareilie-^jeiie. Ülboiuieiueutsu. Jusertionsbeträge sind in Wie» zahlbar »nd klagbar. naMngige Keilschrift für jüöische Erscheint jeden Kreitng. lilotio: „I)as LieZel tlottes ist Wahrheit!" ij Rerngspveis: ij Äauzjätirig ... ft. 12. |: Halbjährig ... ft. tz. Für Cultnsdeaiute: ij '»»».,jävrig ... ft. 10 —*f Für Ausland: j Manual,rig . . . s Mark.jj H biudel aver >6 Fcs. Uv. 36. Wien, 13. September 1903. Inhalt: Aus der Woche. — Der Jude als Feldsoldat. — Amtseinführung der neuen Rabbiner. — Ter Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Briefe eines Unglücklichen. — Volkswirtschaft. Ans der Woche. In Oesterreich-Ungarn wackeln die Ministerfauteuils ganz bedenklich. Drüben hat das gesamte Ministerium Fejervary seine Demission gegeben und in Oesterreich hat das Kabinet Gautsch ganz unvermutet zwei seiner Mitglieder ausgeschifft. An Stelle des Kultus- und Unterrichtsministers Ritter von Härtel wurde der bisherige Vizepräsident des niederösterreichischen Landesschulrates, Freiherr v. Bienert, zum Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht ernannt, und der Handelsminister Freiherr v. Call hat dem bisherigen Sektionschef im Ministerium des Innern Grafen Leopold Auersperg Platz gemacht. Wenn auch allgemein der Rücktritt der beiden Minister mit der beabsichtigten Parlamentarisierung des Ministeriums Gautsch in Verbindung gebracht wird, so steht es immerhin fest, daß sowohl Ritter v. Härtel als auch Freiherr v. Call den überhand nehmenden nationalen und klerikalen Aspirationen zum Opfer gefallen sind. Bedenkt man, daß ersterer, trotz seines Liberalismus das niederösterreichische Landesschulgesetz zur Sanktion vorlegte und unter letzterem die rückschrittliche Tendenz der Gewerbegesetzgebung immer größere Fortschritte machte, so gibt das recht trübe Aussichten für die Zukunft. * * Der Stadtrat hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, gegen die Entscheidung des Ministeriums des Innern, mit welcher dem Ministerialrekurs der Gemeinde Wien gegen den Statthalterei-Erlaß in Angelegenheit des Schächtverbotes keine Folge gegeben wurde, die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof zu ergreifen. Da der Gemeinderat hiezu seine Zustimmung geben muß, so wird man wahrscheinlich schon in allernächster Zeit eine neue Auflage der Schächtdebatte erleben und da wird wohl den diversen antisemitischen Sachverständigen in jüdischen Ritualfragen wieder einmal willkommene Gelegenheit geboten sein, ihre Weisheit leuchten zu lassen. Ernst sind die biederen Herrn allerdings nicht zu nehmen, es ist ihnen ja nur um die „Hetze" zu tun! 14- . 4- Jn einem Wiener Blatte, das sich keineswegs durch besondere Judenfreundlichkeit auszeichnet, fanden wir dieser Tage folgenden Bericht: „Aus Tulln wird uns vom 26. v. M. geschrieben: Bor dem Strafrichter des hiesigen Bezirksgerichtes, Adjunkten Dr. Ganzwohl, hatte sich heute der Wiener Hoffischhändler Johann Singhofer wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. Der in Greifeustein mit seiner Familie zum Sommeraufenthalt befindliche Kaufmann Bernhard Kleinmann aus Wien hatte folgende Klage erhoben: Am 4. v. M. wartete Kleinmann auf seine Frau und seine Kinder, die aus dem öffentlichen Bade in Altenberg, wo Singhofer wohnt, kommen sollten. Der Beklagte begann im Borübergehen den Wartenden zu verhöhnen und sagte: „Judenbagage, ihr kommt daher, um euch dieL.... abzuwaschen, fahreir Sie nach Krakau." Als Kleinmann sagte, er wolle gar nicht baden, hob Singhofer die Faust und schrie: „Nicht reden, ich erschlage S i e." Dann befahl er dem Kutscher, mit Wagen und Pferd ins Wasser zu fahren, damit die jüdischen Badegäste auf diese Weise herausgejagt werden. Der geständige Angeklagte behauptete, er sei in seinem sittlichen Empfinden beleidigt gewesen. Der Richter verurteilte ihn zu h u n d e r t K r o n e n S t r a f e." Der Bericht spricht für sich selbst, und es ist eigentlich wenig dazu zu bemerken. Immerhin verdient das kleine Genrebild aus der österreichischen Gegenwart einige Beachtung. Es ist ein kulturgeschichtliches Symptom, das, wenn es vereinzelt dastünde, kaum irgendwelche Bedeutung beanspruchen würde. Auch Dummheit und Rohheit wollen sich ausleben, müssen sich auslcben. Das liegt einmal so in der menschlichen Natur, die sich durchaus nicht lediglich aus idealen Ingredienzien zusammensetzt. Wenn aber das Symptom auf eine soziale Massenerscheinung hinweist — und wer hätte den Mut, zu behaupten, daß das hier nicht der Fall sei? — dann ist es doch wohl angemessen, es näher ins Auge zu fassen. Der Antisemitismus als Erzieher! Hier ist einmal ein weithin leuchtendes Beispiel dafür. Daß er die Massen verroht, daß er sie in der Auffassung der Dinge gut um ein halbes Jahrhundert zurückgeworfen und damit einen sittlichen und überhaupt einen kulturellen Schaden angerichtet hat, der auch in hundert Jahren nicht völlig wieder gut zu machen sein wird, das ist ja zur Genüge bekannt. Hier zeigt sich aber wieder einmal, wie der Antisemitismus als Erzieher selbst in den sogenannten besseren Kreisen zu wirken vermag. 4- * 4- Daß das Festhalten am eigenen Glauben Toleranz gegen Andersgläubige keineswegs ausschließt, das hat am letzten deutschen Katholikentage, der vor kurzem in Straßburg stattfand, der Zentrumsabgeordnete de Witt-Köln in einer bemerkenswerten Rede auseinandergesetzt. Er sagte unter anderem Folgendes: „Man muß auch die religiöse Ueberzeugung Andersdenkender achten, den Grundsätzen der bürgerlichen Toleranz gemäß, das entspricht nicht nur dem Prinzip der Liebe, sondern auch dem Prinzip der christlichen Demut. Aber abgesehen von religiösen Erwägungen, ist es auch eine Pflicht dev Gerechtigkeit, die Gefühle Andersdenkender zu schonen. Geringschätzung und Verletzung anderer Anschauungen sind immer ein Zeichen kleinen, un-

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