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Die Wahrheit · 1905-09-08 · Heft 35 (8.9.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 35 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 35. gestorben ist. Freilich, das Geld ist hübsch in der Familie geblieben und das ist die Hauptsache. — ,Noch für die künftige Generation soll man sich sorgen!‘ hat mir Mendl damals zornig zugerufen. Ich war jung und bin alt geworden, Herr Kohn, ich habe immer mit offenen Augen gelebt, ich könnte Ihnen viel erzählen. Ich habe viel gewarnt, ich bin aber wenig gehört worden. Es schneidet mir in die Seele, wenn ich sehen muh, wie mancher seinem Teuersten den Grund zum Elend legt. Barmherziger Himmel, wie geht das nur zu? Nichts ist jüdischen Eltern kostbarer als ihre Kinder, warum wollen, können sie nicht begreifen, daß diesen wieder nichts höher stehen wird als ihre Nachkommen?!' „Frau Wand, hat Ihre Nichte einen Verwandten?" „Nein, Herr Kohn, sie hat nur Unglück. Wenn sie ihre beiden kranken Kinder ansieht, weint sie und fragt: ,Warum, lieber Gott, warum mir dies?!* Sich kann sie keinen Vorwurf machen, sich nicht und ihren Eltern auch nicht." ..Weißt Du, Vaterl, daß ich bereits Angst habe?" sagte Deine Urgroßmutter mit klagender Stimme. „Ich nicht," kam es schroff zurück. „Ich will jetzt gehen, morgen komme ich wieder. Ueberschlafet meine Worte! Gute Nacht!" Frau Wand verließ mit zusammengezogenen Brauen die Stube. Als ich den Kaffee hineintrug, saß das Ehepaar schweigend da. Die Verlobung fand in den Halbfeiertagen nicht statt. Der junge Mann reiste sogar ab. Ich glaubte schon, er werde lange nicht wiederkehren. Fanni schien aufzuatmen. Ihre Wangen röteten sich wieder ein wenig, sie schmückte sich gern, war bloß etwas stiller geworden. Woche um Woche verging. Der Sommer war gekommen. Ein heißer Juli hatte das Getreide schnell gereist. Jung und Alt war auf dem Felde oder in der Scheune, man erwartete einen plötzlichen Witterungswechsel und sah sich vor. Fanni war allein in der Fichtenlaube, ich rechte in ihrer Nähe das Gras im Garten zusammen. Mir war es, als ob ich sie schluchzen hörte. „Marischka!" rief sie mit einem Male. Ich eilte zu ihr. Sie hatte wirklich geweint. „Sage, solle ich ihn heiraten?" „Wen? Den David?" Sie nickte vor sich hin, während sie die Finger heftig gegen die Schläfen preßte. „Ich weiß nicht, Fränlein, ich weiß nicht!" stammelte ich. „Woher solltest Dus auch wissen? Er schreibt immerwährend und läßt mein armes Herz nicht zur Ruhe kommen, erinnert mich immer wieder daran, wie lieb mir ein anderer war. Wenn ich doch nur vom Hause könnte! Weit fort möchte ich! Unter andere Menschen, die von nichts wissen, die mich nicht besorgt oder vorwurfsvoll anblicken, deren Anteil mir nicht solch unendlichen Schmerz bereitete. Niemand spricht hier ein Wort darüber, aber ich fühle doch unausgesetzt, daß daran gedacht wird. Ich habe meinen Vater schon zweimal gebeten, er möchte mich in die Fremde schicken, er will nichts davon hören." „Und was würden Sie draußen beginnen?" stagte ich. „In reichen jüdischen Familien sucht man oft Mädchen aus guten Häusern. Mein Vater fürchtet, daß der Bittner sich mir wieder nahen werde. Wenn er ahnte, daß er mir wieder geschrieben hat!" Sie sah sich scheu um und lächelte glücklich. „Was reißt Du denn so Deine Augen auf, Marischka?" lachte sie und gab mir einen leichten Backenstreich. „Geschrieben hat er?" „Freilich hat er das, und wie? Hat er mich doch so wahnsinnig gern!" „Das hätte ein anderer auch." sagte plötzlich eine Stimme dicht neben uns. Fanni faßte krampfhaft meine Rechte. Ich blickte erschreckt auf. Frau Wand stand am Zaune ihres Gartens unter einem schattigen Nußbaum. Ein Strickzeug und ein offenes Buch lagen auf dem neuen Tische neben ihr. „Mein Kind, ich habe nicht lauschen wollen, habe mich einigemale geräuspert. Sie hatten mich nicht gehört. Nun, da es so gekommen ist, möchte ich Sie warnen." „Guten Tag!" brachte Fanni mühsam hervor. Sie wartotenbleich. . „Sie sind ganz verstört. Fassen Sie sich nur, ich werde Sie nicht verraten. Oeffnen Sie die Gartenpforte, ich komme hinüber." Sie trippelte davon, ich aber lief, um aufzuschließen.. Dann nahm ich wieder meinen Rechen zur Hand. Eine brütende Hitze lag über der Gegend. Die Vögel schwiegen. Jedes Geräusch ward weithin hörbar. Frau Wand sprach nicht so laut wie damals in der Stube, aber ich verstand doch nahezu jedes Wort. „Setzen Sie sich, Fanni, ich bin bald fertig. Versprechen Sie mir jedoch, daß Sie aufrichtig sein werden. — Sie wollen? — Gut. Sind Sie fest entschlossen, das Haus zu verlassen, wenn Sie die Erlaubnis dazu erhalten? Ja? Nun weiter: Halten Sie sich für so stark, dem Postbeamten keinerlei Annäherung zu gestatten? Sie schweigen? Mein Kind, eine ohne das andere ist ein Unsinn und kann zu keinem gedeihlichen Ende führen. Sie würden sich mit Ihren Angehörigen entzweien. Sie kennen den starren Willen Ihres Vaters. Ob Sie aber wirklich zufrieden würden? Ich habe Ursache zu zweifeln. Der junge Mann ist achtbar, aber... er trinkt. Ich habe mich genau erkundigt. Er trinkt. Ich wollte nur darauf hingewiesen haben. Und nun möchte ich wissen, ob Ihr einander überhaupt ein wenig kennen lerntet." (Fortsetzung folgt.) Notizen. Union-Kalender. Der neue Jahrgang (5666 — 1905/6) des von. der „O e st e r r e i ch i f ch - I s r a e l i t i s ch e n Unio n" herausgebenen „Kalender für Israeliten" ist soeben erschienen. Auch dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Teile wurde die größte Sorgfalt gewidmet und im s ch e m atischen Teile war man bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktuellität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstehungen, Funkrionäre und rituellen Institutionen, zu. erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen Vereinswesen die größte Aufmerksamkeit zugewendet. Das Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen wurde vervollständigt. Der literarische Teil bringt eine interessante Studie über den Zusammenhang der jüdischen Monatsnamen mit religiösen Vorstellungen aus der Feder des ausgezeichneten Talmudkenners Leopold Mandl, ferner eine spannende Erzählung aus dem jüdischen Auswandererelend von Julia U p r i m n y. Die handliche Form und die elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß volle Anerkennung finden. Der billige Preis (K 160) ermöglicht auch dem Minderbemittelten die Anschaffung. Esrogim. Wir erlauben uns, die geschätzten Leser unseres Blattesauf die bekannte alte Firma Ignaz Rath in Triest beim Ankauf und Bestellungen von Esrogim, aufmerksam zu machen. Schicht feste Spezialität für "Wolle and Seide. Gibt aach die schönste Weißwäsche Marke Max Marmoroscli-Stiftuag für Handels- Akademiker. Am 5. Kislew (3. Dezember 1905) als dem Sterbetage des Herrn. Max Marmorosch gelangen aus obiger Stiftung zwei Plätze ä K 340.— an arme israelitische Schüler der Wiener Handelsakademie zur Verleihung. Unter den Kompetenten gemessen bei gleicher Würdigkeit in erster Linie den Vorzug, solche Bewerber, welche mit dem Stifter Herrn Jacob Marmorosch mit dessen Gattin, Frau Rachel geb. Löbl. oder mit deren Schwiegersöhnen, Herrn Hermann Lemberger und Herrn Karl Pisling verwandt sind, in zweiter Linie solche, welche in Bukarest geboren oder dort ihre Erziehung ganz oder zum Teile genossen haben. Die mit einem Geburts-, Armuts- und den bisherigen Schulzeugnissen, sowie eventuell mit den im Sinne des vorhergehenden Absatzes ein Vorzugsrecht begründenden Nachweisen belegten Gesuche sind bis 30. Zsptemdsr 1905 im Einreichungsprotokolle der Israel. Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, woselbst auch Gesuchsblankette unentgeltlich behoben werden können,, während der Amtsstunden zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zn überreichen. Auszüge aus den Matriken der Israel. Kultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich und genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, 1. September 1905. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien»

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