Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'Ji'v. 35. Die Wahrheit Leite 7. -würdiges Spiel mit unseren Lehrern getrieben wird: Entwertung der , Studien, Hungertod nach einer langen Reihe von Jahren schwierigen! Studiums. Zwar wurde eine kleine Drillanstalt für derartige „Religionslehrer" in Lemberg errichtet, allein wer will naiv genug sein, um an dieses Seminarinm irgend welche Hoffnung auf echte und rechte Religionslehrer zu knüpfen? Auch gibt es ja Kandidaten, welche in sich selbst die Üeberzeugung der mangelnden Qualifikation zu diesem Lehramt tragen und mit sich selbst in Widerspruch zu geraten drohen. Der jüdische Kandidat, der sich um eine Stelle als Klassenlehrer bewarb, wurde also bisher unbarmherzig verdrängt, ans seiner Karriere gestoßen und gezwungen, im unbeschützten Judentum seine Zuflucht zu suchen. Endlich geschah das Merkwürdige! Der hiesige jüdische Lehrerverband richtete ein Memorandum an das Kulmsmiuisterinm, in welchem das Ersuchen gestellt wurde, die jüdischen Kandidaten einschließlich der Religionslehrer zur Draxis zuzulassen. Das Ministerimn gab diesem Ansuchen Folge und es muß demnach auch den jüdischen Kandidaten eine Schule zur Verfügung gestellt werden, und genügt ein vierstündiger Unterricht aus einem profanen ^'Gegenstände, um ihnen die Qualifikation als Schullehrer zu erteilen. Was 'wird nun der hohe Schulrat in Galizien mit seinen Mittelchen und Män- ' telchen machen und wo wird der arme heimgeschickte Jesuitismus der } Schulleitung fernerhin seinen reichen Vorrat an Assemitismus anbringen? ^Sitzen also dennoch in Wien in den Ministerfauieuilles Männer von hoher .-Einsicht, denell polnische Ränke und Schlachzizen-Bigotterie fern ist, die ' weise und gerechte Urteilskraft besitzen, welche im Paschalik Galizien abhanden kam oder vielleicht niemals anzntressen war. Budapest. Unter imposanter Beteiligung des Publikums und mit einem Bestattungsprunk wie er nur hohen Würdenträgern zuteil wird, doch wich unter ergreifenden Aeußerungen einer ehrlichen, tiefschmerzlichen Teilnahme wurde am 3. d. M. David N e y, der glänzende Meister des Gesanges, zu Grabe getragen. Nur jene Liebe und Verehrung, mit welcher die Bevölkerung einer Großstadt ihre erklärten Lieblinge zu umgeben pflegt, vermag Manifestationen einer aufrichtigen Trauer hervorzurufen, wie solche bei dem Begräbnisse des Heimgegangenen populären Künstlers aus allen Schichten der Bevölkerung in wahrhaft imposanter Wege zum Ausdruck -gelangten. Lange vor 10 Uhr schon, für welche Stunde der Beginn der Bestattungsfeier angesagt wurde, war der das kön. Opernhaus umspannende Teil der Andrüssystraße, sowie die Seitengassen nächst dem Operngebäude von einem nach vielen Tausenden zählenden Publikum dicht besetzt und das Polizeiaufgebot hatte viele Mühe, außerhalb des vor dem Haupteineingange gezogenen Kordons die Ordnung ausrechtzuerhalten. Um halb 10 Uhr wurden die Haupttore des Foyers für das Publikum geöffnet und der große Raum war innerhalb weniger Minuten von den andrängenden Massen dicht gefüllt. In der tiefer.gelegenen Säulenhalle des Foyers, wo die Leiche aufgebahrt wurde, sowie aus den Treppenaufgängen zu beiden Seiten hatten sich um dieselbe Zeit zahlreiche Notabilitäten, das gesamte Solisten- und Chorpersonal des Opernhauses, die Mitglieder des Opernorchesters, zahlreiche Deputationen, sowie die Familie und die nächsten Freunde des Verblichenen eingefunden. Wir sahen unter den zur Leichenfeier daselbst erschienenen Gästen: Gras Eugen Zichy, Ministerialrat Victor v. Bezerüdj, Reichstagsabgeordneten Paul Sündor, die Direktoren Raoul Müder, Alexander Somlü, Gabriel Faludi und Paul Vidor, seitens der Hauptstadt: Bizebürgermeister Julius Rozsavölgyi, Oberfiskal Koloman Fülepp, Oberarchivar Dr. Ladislaus Toldy, eine Deputation der hauptstädtischen Polizeibeamten unter Führung des Polizeirats Desider Boda, welcher dem Sohne des Verblichenen in warmen Worten seine Kondolenz aussprach, ferner das Präsidium des uugarländischen Schauspielerverbandes» die Deputation der israelitischen Kultusgemeinde, die Deputation der Provinzschauspieler, die Zöglinge des Knabenwaisenhauses, zahlreiche Künstler n. A. Punkt 10 Uhr begann das Zeremonial in der mit Blumen und Gewächsen reich geschmückten, bis zum Treppenhause schwarz verkleideten Säulenhalle, in welcher der zwischen dreißig Kandelabern ruhende Sarg aufgebahrt wurde. Es wurde mit weihevollen Ritualgesüngen des Oberkantors Professor Lazarus eingeleitet, an denen sich der stimmungsvolle Tempelchor beteiligte. -Sodann betrat der neugewählte Rabbiner Dr. Julius Fischer die Kanzel, Än in gedankenreicher, schön vorgetra'gener Trauerrede die Verdienste des Heimgegangenen als ungarischen Künstler, als edlen Menschen und als wahrhaft treuen Sohn seiner Kirchengemeinde zu feiern. Darnach trat Direktor Raoul Müder vor den Sarg, um mit Worten rückhaltloser Anerkennung das seltene Pflichtbewusstsein, die beispielgebende künstlerische Ambition David Netfis hervorzuheben. Nach Direktor Müder nahm Alexander Büradi, in vor Rührung übermannten Worten namens der Künstlerkollegen von dem Verblichenen Abschied. Nach der herzlichen und ergreifenden Rede Vüradi's sprach Oskar Beregi im Namen des Nationaltheaters ein von Arpüd Püßtor verfaßtes, schönes und stimmungsvolles Gedicht, worauf das Opernorchester unter Stephan Kerner's Leitung den prachtvollen Tranermarsch aus der „Götterdämmerung" zum Vortrag brachte. Die in dieser ergreifenden Musik liegenden Beziehungen zu dem nun auf der Bahre ruhenden todten Wotan ergaben ein Stimmungsbild von tief erschütternder Wirkung, die sich allen Anwesenden mitteilte. Nun trug der gesamte, unter der Leitung Professor Karl Noseda's stehende Opernchor den Trauergesang aus „Hunyadi Lüßlü" vor, worauf der Sarg unter den rituellen Gebeten aus der Halle getragen wurde. Als die sterbliche Hülle Netfis das Opernhaus für immer verließ, ertönte auf der Straße der vom Opernorchester unter der Leitung Heinrich Benkö's exekutierte „Schwanengesaug" aus Erkel's „Hunyadi Lüßlü". An der Spitze des nun eröffneten Konduktes erschien eine Reihe -berittener Polizisten, worauf drei mit Blumengewinden und Kränzen reich beladene Bestattungswägen dem vierspännigen Leichenwagen vorausfuhren Zu beiden Seiten des Leichenwagens schritten die Zöglinge des Waisenhauses, sowie die Solisten der Oper als Fackelträger, während hinter demselben eine nach vielen Hunderten zählende Trauergemeinde, aus Freunden und Verehrern des Künstlers bestehend, einherschritt. Die weiblichen Familienmirglieder solgren dem Zuge in geschlossenen Wagen, denen sich eine fast endlose Reihe von Equipagen und Fiakern auschloß. Ter Trauerzug bewegte sich über die Andrüffystraße, den Elisabelhring bis zum Newyorkgebäude und dann weiter über die Kerepeserstraße, während ein dichtes, von vielen Tausenden gebildetes Spalier zu beiden Straßenseiten vom Opernhaus bis zum Ostbahnhofe die ungeheure Beteiligung des Publikums an diesem Leichenbegängnisse in imposanter Weise kundgab. In der gleichfalls dichtgefüllten Leichenhalle des neuen Friedhofes sprach noch Rabbiner Moses Richtmann ein stimmungsvolles Trauergebet, worauf der Sarg unter den ergreifend schönen Gesängen des Oberkantors Lazarus, sowie des Tempelchores in dem von der Chewra-Kadischa beigeftellten Ehrengrabe zu ewiger Ruhe bestattet wurde. Worms. Der Vorstand der hiesigen israelitischen Religionsgemeiude hat aus Alllaß des 800jährigen Todestages Ruschis einen Preis von 300 Mk. gestiftet für eine Schrift über: „Was bedeutet Rafchi für seine Zeit, wie wirfte er in der Folge und von welchem Werte sind seine Schriften, noch für die Jetztzeit?" Die Schrift soll ^8 Oktavdruckseiten nicht überschreiten und in allgemein verständlicher, volkstümlicher Form verfaßt werden. Sie muß ein Kennwort enthalten, das sich auch auf dem beizugebenden, den Namen des Verfassers enthaltenden Briefumschläge befindet. Die preisgekrönte Schrift wird Eigentum der Wormser israelitischen Gemeinde, die sie nach der Drucklegung weiten Kreisen zugängig machen wird. Einsendungstermin bis 1. Jänner 1906. Preisrichter sind die Herren Rabbiner Dr. S a l f e l d - Mainz, Dr. S t e ck e l m a ch e r - Mannheim, Dr. Stein- Worms. Mriefe eines Angtücktichen. Von Jda Bock. > Fortsetzung.) Ich hörte Deinen Urgroßvater mit starken Schritten auf- und niedergehen. „Sie waren immer gute Eltern. Machet Euer Kind nicht elend, ich bitte Euch darum!" „Unser Kind wird nicht elend werden, Frau Wand," entgegnete Dein Urgroßvater lauter und rascher als es seine Art war. Die Worte klangen sehr erregt. ..Mir kommen Sie nicht mit diesen modernen Tüfteleien. Ich bin Jude und erlaube mir das, was mir gestatter ist. So klug wie die heutigen Menschen, war unser Moses wohl auch. Ich muß Ihnen nicht erst erzählen, daß die Verwandtenehe uns fast geboten ist, sie kennen die Verordnungen viel zu gut." „Was ist das für gedankenloses Gewäsche?" brauste jetzt die alte Nachbarin aus, „Und Sie hält man für sehr gescheit? Hören Sie, war es verzeihlich, daß Sali Gottlieb den Moriz Braun geheiratet hat? Sie mit ihrem Hüsteln, er mit seiner schmalen Brust, beide aus Familien, in denen mehrere Personen Lungenkrankheiten erlegen waren? Nun ist ihnen ein Kind nach dem anderen gestorben, die arme Sali hatte vor Kränkung Bluthusten, ihr Mann ist eine wandelnde Leiche. Wo steht in unseren Gesetzbüchern, daß Personen mit Anlagen zu Brustübeln einander nicht heiraten dürfen?" „Das ist selbstverständlich!" „Ei, wirklich? Und warum? Weil man diese fürchterlichen Folgen beobachten kann, sie beobachtet hat? Und seit wann ist jemand durch die Erfahrungen anderer klüger geworden? Sehen Sie, ich führe Ihnen den Fall hier an, zeige Ihnen andere, die diesem auf ein Haar ähneln, Sie aber wollen es nicht zugeben. Muß ich weiter gehen und Ihnen die Krankheiten Ihrer Angehörigen anfzählen? Der Keim für sie liegt in den beiden jungen Leuten, kann sich in ihren gemeinsamen Kindern verhängnisvoll entwickeln." „Aber, liebe Frau Wand, Gott wird doch nicht zugeben ..." „Ich bitte Sie, bleiben Sie mir damit weg. Gott gibt zu, Gott gibr alles zu! Er hat dem Menschen Vernunft gegeben, daß er sie gebrauche, sich umschaue, lerne, vorbeuge. Das hat mir auch Mendl Breier vor zwanzig Jahren gesagt, wie ich ihn gebeten habe, seine schwächliche Tochter nicht an seinen schwerhörigen Bruder zu verheiraten. .Gott wird doch nicht zugebenß hat er gesagt. Und voriges Jahr hat er sich die Haare gerauft, weil Gott doch zugegeben hat, daß sein einziger Enkel