Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. >35. dieses Landes Helles Licht verbreiten könnte. Beiträge zu einer solchen Geschichte wurden schon vielfach geliefert, und sie sind in d' Elverts Sammelwerke fleißig zusammengestellt. Einen Baustein zu dem Werke hat nun wieder Dr. Adolf Frankl-Grün, Rabbiner in Kremsier, geliefertnachdem er uns in den Jahren 1896—1901 mit drei Bänden einer „Geschichte der Juden in Kremsier und Nachbargemeinden" beschenkt hatte. Die neueste Broschüre Frankls beschäftigt sich mit der „Geschichte der Juden in Ungarisch-Brod". Auch ihr sind, wie der der Juden iu Kremsier, „Biographien" angefügt, u. zw. die von R. Moses Perls, P. Singer, Ad. I e l l i n e k, P. F. Frankl u. a. Gestehen wir es gleich, wir haben die 75 Seiten starke Broschüre mit Vergnügen nickt nur gelesen, sondern auch manches aus ihr gelernt, besonders, daß die Zwistigkeiten in deu jüdischen Gemeinden imnier herrschten, Zwistigkeiten namentlich zwischen Rabbiner und Vorständen, Geistlichen und Laien, und daß dies ein altes Erbe unserer Kultusgemeinden ist, an dem i och viele heute . zehren; wünschen wir nur, daß diese harte Speise nicht Verdauungsschwierigkeiten bei dem einen oder anderen Teile, oder bei beiden, erzeuge. Wenn Dr. Frankl zum Motto seines Büchleins den Vers aus Mischle wählt: „Tiferetli bonim Avaussom — die Zierde der Kinder sind ihre Eltern", so gibt dies sicherlich Zeugnis für die hohe Pietät, mit der er sein Buch schrieb, andererseits aber könnten nach unserer Meinung die in einem anderen Kulturmilieu ausgewachseneu Kinder unserer Gemeinden lernen, daß der Streit, der diese durchtobe, und den Frankl, si parva liest oorupousrs magnis, als „Kulturkampf" bezeichnet, durchaus nicht dem Judentum zur Ehre gereicht und nicht imstande ist, das Ansehen unseres Volkes und unserer Rellgionsgenosienschast in den Augen der Andersgläubigen zu heben. Es wäre wirklich au der Zeit, daß derartige Kulturkämpfe, aber auch andere Kämpfe, die Frankl schildert, in den jüdischen Gemeinden aufhörten. Wir wißen es selbst aus Erzählungen von Augen- und Ohrenzeugeu, wie gerade die Gemeinde Ungarisch-Brod durch den Kampf zwischen Rabbiner und Gemeindemitgliedern, denen er zu wenig „orthodox" war, zerrüttet wurde. Und da wurden die weltlichen Behörden, Bezirkshauptmannschaft und Statthalterei, zur Fällung von Schiedssprüchen angerufen! Es war dies wahrlich eine Entweihung des göttlichen Namens, wie sie Dr. I e l l i n e k, dem in der genannten Broschüre auch einige Blätter gewidmet werden, in unvergleicher Art in einer seiner unsterblichen Predigten nicht drastischer darstellen konnte. Die Broschüre Frankls ist mit vielem Fleiße gearbeitet und wird, wenn jemals eine Geschichte der Juden in Mähren geschrieben werden sollte, mit Vorteil benützt werden können. Sie enthält viel Urkundliches und macht uns in drei Kapiteln mit dem Ursprung der Gemeinde, mit der Zeit des 30jährigen Krieges, den Drangsalen der Gemeinde in dieser Zeit und dem sogenannten „Broder Verhängnis" (1683) bekannt. Die anderen Kapitel beschäftigen sich mit der Herrschaft Kaunitz, der Zeit des Erbfolgekrieges, dem schon erwähnten „Kulturkampf" in der Gemeinde und mit den Rabbinern aus und in Ungarisch-Brod. Der berühmteste Sohn dieser Gemeinde ist wohl Dr. Adolf I e l l i n e k. der große Prediger der Wiener Gemeinde, der zwar nicht in Ungarisch-Brod selbst, aber in einem Orte nahe dieser Stadt, in Drslowitz, am 20. Oktober 1820 geboren wurde. Was Frankl über ihn sowohl, als auch über andere mehr oder weniger bedeutende Personen der Gemeinde Ungarisch-Brod sagt, trägt das Gepräge einer gewisien Frische, die jeden Leser wohltätig berührt. Und so sei denn die vorliegende Broschüre allen denen, die sich für die Vergangenheit unserer Gemeinden interessieren, warm empfohlen. Sie gibt uns ein wahres Bild von. dem treuen Festhalten der Altvorderen an der angestammten Religion; zugleich aber liefert sie ein Zeugnis dafür, wie Hartköpfigkeit scharfe Kämpfe hervorruft. Geben wir unseren Kindern den Beweis, daß dem Judentum kein Schaden zugefügt wird, wenn die wahrhaft Weisen klug nachgeben. Heute, wo man über uns mit Argusaugen wacht, wäre es schlecht angebracht, wenn wir unseren Vorfahren in nichts nachahmten, als in ihren — Kämpfen. Dr. Gel. Girre neue Tertausgabe der heiligen Schrift. Trotz der Riesenarbeit der Massoreten, die mau nicht genug bewundern kann, ist der Text der heiligen Schrift noch lange nicht sichergestellt. Allerdings hat die Judenheit im allgemeinen den massoretischen Text als sichere Grundlage für das Studium der heiligen Schrift angenommen und dem jüdischen Beispiele folgten auch die christlichen Gelehrten. Aber ein Blick in den 'v nnm oder in die Ausgaben von H e i d e n h e i m, Baer, Ginsburg zeigt uns, wie groß noch an vielen Stellen die Unsicherheit ist. Und diese Unsicherheit wächst ins Ungeheuere, wenn man noch die zahlreichen Uebersetzungen berücksichtigt. So zeigen namentlich die griechische — Septuaginta — und syrische — Peschito — Uebersetzung große und zahlreiche Zusätze und Aenderungen auf, die man keineswegs als absichtliche Fälschungen ansehen kann. Man muß sich vielmehr oft sagen, daß die betreffenden Uebersetzer einen Text vor sich hatten, der in vieler Beziehung von dem mafforetischen abwich. Welcher Text ist aber der richtige? Dazu kommt noch, daß die moderne Kritik aus inneren Gründen sehr oft Aenderungen des Textes vorschlägt, Konjekturen macht, so daß man gezwungen ist, sich eine stattliche Bibliothek anzuschaffen, um eine gewiffenhaste Lektüre der heiligen Schrift zu ermöglichen. Diesem Uebelstande hat der Leipziger Profeffor Rud. K i t.t e l abgeholfen, indem er in Verbindung mit vielen namhaften Gelehrten die heilige Schrift nach dem massoretischen Texte mit Anmerkungen herausgibt,*) die sämtliche Lesearten der verschiedenen Handschriften und Uebersetzungen, sowie der modernen Konjekturen enthalten.' Die Korrektheit im Text ist mit großer Gewissenhaftigkeit angestrebt, wenn auch nicht immer erreicht worden, was aber dem Hauptzweck des Werkes keinen Abbruch tut: es ist ein unentbehrliches Handbuch für Lehrende und Lernende. Dr. K a h a n, Znaim. Verschiedene Nachrichten. Wien. Mittwoch, den 6. d. M., ist Frau Julie T Heu mann, die Gattin des Seniorchef der bekannten Selchwarenfabrik I. Theumann, nach langem schweren Leiden im 64. Lebensjahre gestorben. Die Verblichene, die bis vor wenigen Jahren noch in dem großen Fabrckshap.se rüstig mitschaffte, konnte leider die Zeit der Ruhe, die ihr nunmehr beschießen sein sollte, nicht genießen; ein tückisches Leiden zehrte an ihrer Lebenskraft und führte ihren allzufrühen Tod herbei. Sie war eine Dsebei chajil in des Wortes vollster Bedeutung; eine aufopfernde Gattin, eine zärtliche, liebevolle Mutter und eine warmfühlende Helferin der Unglücklichen und Dürftigen. Ihr Andenken wird nicht nur von ihren Kindern und Verwandten, sondern von Allen, die ihr im Leben nahe standen, stets in Ehrei' gehalten. Das Leichenbegängnis findet Freitag, den 8. d. M.. 1/213 Uh: vormittags, vom Trauerhause, II., Taborstraße 32, nach dem Zentralsriedhofe statt. „no'S'j'n Wien. (Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk, IX/j, Glasergasse 24.) Die Einschreibungen finden am 12. September l. I. statt, an Wochentagen von 10—12 Uhr vormittags, 2—4 Uhr nachmittags, am Sonntag von 10—12 Uhr vormittags (Samstag nicht). Dieser Verein, der während seines vierjährigen Bestandes ganz Außerordentliches auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes geleistet, bedarf dringend der Unterstützung, um allen an ihn gestellten Ansuchen armer Kinder um unentgeltlichen Unterricht entsprechen zu können. Beiträge und Spenden wollen Herrn kaiserl Rat Moriz W a i z n e r, IX., Kolingasse 11, übermittelt werden. Jungbunzlau. Am 29. August fand im Schloße Detenic bei Libau die Hochzeit des Frl. Tust Bloch, Tochter des Großindustriellen Herrn Ludwig Bloch, mit Herrn Lucian Kahn aus Paris statt. Die Trauungsfuuktionen versahen Rabbiner Dr. M. H o ch aus Jungbunzlau und Oberkantor B. Singer mit seinem Chorkörper. Nach dem Bedecken der Braut zog der Hochzeitszug unter den Klängen des Hochzeitsmarsches aus Lvhengrin, ausgeführt von der Kapelle des 74. Infanterie-Regimentes aus Reichenberg, in den Trauungssaal, woselbst der Sulzer'sche Ma towu in F angestimmt wurde. Herr Rabbiner Dr. Hoch vollzog nun nach Exekutierung des Miadir den Trauungsakt, und mit den herrlichen Klängen des Mehero von Sulzer und einem deutschen Liede von B. Singer schloß die eigentliche Feier. Nach der Trauung, der eine illustre Gesellschaft, besonders viele Finanzkapazitäten aus Wien beiwohnte, wurde den Hochzeitsgästen in den prunkvollen, Räumen des im Rokkokostyl erbauten Schlosses das Dejeuner serviert wobei deutsche und französische Toaste gesprochen wurden. Geradezu entzückend war der Ausblick von der Schloßterrasse auf den herrlichen, wohlgepflegten Park. Lemberg. Ein weiser und humaner Erlaß des Ministers für Kultus nnd Unterricht ist an die hiesige Schulbehörde resp. an den Landesausschuß gerichtet worden und verdient mit goldenen Lettern in die Annalen der jüdischen neuzeitlichen Geschichte eingetragen zu werden. Als allgemein bekannt darf man voraussetzen, welcher Kampf und mit welchen Mitteln derselbe seitens der galizischen autonomen wie landesfürstlichen Behörden gegen unsere Brüder und Schwestern in Galizien geführt wird, um denselben die geistigen und materiellen Nährquellen abzujagen. Ein Gebiet, auf welchem gouvernementaler und lokaler Assemitismus einander die Hände reichen, bildet der k. k. galizische Landesschulrat; außerdem meldet sich noch die ängstliche Kirchlichkeit zum Worte, so ein jüdischer Kandidat nach Absolvierung der Präparandie sich um einen Lehrposten in irgend einem Dorfneste bewirbt, um dort eine Praktikantenstelle anz nehmen. Es ist nämlich Vorschrift, daß jeder Kandidat eine zweijährige Praxis an einer Gemeinde- oder Stadtschule absolvieren muß, um dann zum wirklichen Lehrer ernannt zu werdend Gesetz ist Gesetz, so lange dasselbe ohne jesuitische Hinterhälterei verzerrt und zu Gunsten des eine: und zum Schaden eines Nichtkonnationalen gehandhabt wird. Hat ein jüdischer Kandidat das Pädagogium absolviert, dann beginnt erst bei ihm das Martyrium und der bittere Kampf um ein Stückchen Brod, das derselbe empfangen soll aus den Händen unfehlbarer Paschas in Konfedratka und Kontusz. Der junge Mann, eventuell die jüdische Lehrerin rennt in die Statthalterei in Lemberg und wird dort regelmäßig mit „kein Platz!" abgefertigt, während die christliche Kollegen ohne Anstrengung Anstellungen erhalten. Ist der betreffende Chef besser gestimmt, so drückt er sein Bedauern über die Unmöglichkeit einer Anstellung aus, da der Kandidat den Befähigungsnachweis, nämlich den Taufschein, nicht beigelegt hat. Die armen jungen Leute schaffen sich wohl Rat und werden Religionslehrer; aber auch das hilft nicht, da derselbe keine Qualifikation als Lehrer erlangen kann. Man übersieht nun im Augenblick, welch frivoles und un- *) n»rm3VDno3J rrvm Biblia Hebraica adiuvantibus Professoribus G. Beer, F. Buhl, G. Dalman, S. R. Driver, M. Löhr, W. Nowack, I. W. Rothstein, B. Ryssel sckiäit Rud. Kittel, Prelssser Dixsisusis. Pars I (Thora und erste Propheten). lüxsias. I. C. Hinrichs, 1905. 4 Mark.