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Die Wahrheit · 1905-09-08 · Heft 35 (8.9.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 35 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35. Die Wahrheit. Seite 5. zu werden, einmal weil sie mißliebiger sind, sodann weil es ihnen schwerer fällt, Patrioten zu werden und zu sein. Diese Begründung aber ist durchaus falsch. Die Juden sind bei dem Gros der amerikanischen Bevölkerung viel 'weniger unbeliebt nicht nur wie die Neger, Chinesen und Japaner, sondern auch wie Italiener, Slaven und Iren. Von den Snobs sehen wir natürlich ab, die sich gern ein vornehmes Air geben dadurch, daß sie sich nach europäischer Manier hie und da üon Juden absondern, ebenso sehen wir ab von den dünkelhaften Knownothings, die jeden eingewanderten Ausländer für minderwertig halten. In gewisser Hinsicht haben die jüdischen Einwanderer, von denen hier in erster Reihe die Rede ist, allerdings es nötiger, im obigen Sinne amerikanisiert, beziehungsweise französiert zu werden. Kommen sie ja aus halbbarbarischen Ländern, wo sie seltsame Begriffe genug vom Staat und von der Regierung in sich ausgenommen haben, wo sie gewohnt .gewesen sind, in allen Nichtjuden ihre erbarmungslosesten Feinde zu sehen und zu fürchten. Das wissen die bereits amerikanisierten Juden sehr wohl und sie bemühen sich im Interesse des Vaterlandes wie ihrer neu angekommenen Glaubensgenossen die Metamorphose möglichst zu beschleunigen. Als gute amerikanische, beziehungsweise französische Patrioten sind sie am besten in der Lage, den Unterschied zwischen russischen Halbmenschen und französischen und amerikanischen Vollbürgern sich recht einleuchtend zu machen. Sie wissen von sich, daß sie Patrioten sind, wissen, daß die Ankömmlinge in ihrer Heimat es nach der ihnen dort zuteil gewordenen Behandlung kaum sein können und lehren ihnen nun die Pflicht und die Schönheit der Liebe zu einem väterlichen Vaterlande. Jedenfalls ist das Bemühen der jüdischen Patrioten in Amerika und Frankreich, ihrem Vaterlande neue Patrioten zu gewinnen, edler und klüger als das der Antisemiten in vielen europäischen Ländern, die sich bemühen, zwischen Bürgern Zwietracht zu säen und diesen einen verzerrten Patriotismus einzuimpfen, jenen den wahren Patriotismus zu erschweren. David Uey. 1843-1905. Unerwartet, nach kaum eintägiger Krankheit, ist das Mitglied der königlichen ungarischen Oper, dessen stolzeste Zierde er gewesen, Herr David Ne y, im Alter von 62 Jahren von hinnen geschieden. Sein Ableben hat allgemeine und gerechte Trauer hervorgerufen, da Ney zu den Auserkorenen der Kunstwelt gehörte. Als Meister des Kunstgesanges, als Künstlersänger in des Wortes weitgehendster Bedeutung, im Besitze einer glockenreinen Stimme, als einer der gewaltigsten und überwältigendsten Stimmriesen, als der beste und vornehmste Baß Bariton der Gegenwart, wußte er sich eine beispiellose Popularität zu erwerben und war er der ausgesprochene Liebling aller Kreise der haupl- und residenzstädtischen Bewohner. Was aber den unvergleichlichen Gesangskünstler, dem alle Welt die Ruhmeskrone reichte, ganz besonders auszeichnete, war seine im Kunstleben in der Tat noch nie dagewesene Bescheidenheit. Hat die Kunst im allgemeinen einen überaus großen Verlust erlitten, so hat die ungarische Kunst durch Ney's Ableben geradezu Unersetzliches zu beklagen und das königlich ungarische Opernhaus ist nicht nur in die tiefste Trauer gehüllt, sondern es sieht voll Bangen der Zukunft entgegen. Denn der ungarische Meistersänger par exceHence, hatte ein Repertoir von mehr als 100 Rollen ganz allein bewältigt, und mehrere Künstler werden sich in den entstandenen Riß stellen müssen, um denselben — und das vielleicht nur ungenügend — zu verdecken. Ney hat daher keinen wirklichen Erben, sondern sein überreiches künstlerisches Erbe fällt Mehreren in den Schoß. Ney war aber nicht nur ein gottbegnadeter Sänger, mit einer Stimme, die man so volltönend und so wohlklingend nicht so leicht und nicht so bald selbst bei einem allerersten Sangesmeister antreffen konnte, sondern auch eine äußerst vornehme, männliche Erscheinung, voll Hoheit, voll Majestät, sozusagen der wiedererstandene verkörperte Halbgott der Grieckeuwelt. Mil Recht hat daher Direktor Paul Müder an der Bahre des verewigten Großmeisters der Kunst das vollgiltige Zeugnis abgelegt, daß Ney der Stolz der ungarischen Kunst gewesen. Gewesen! .... Auch das herrliche Gotteshaus in der Tabakgasse vermißt seinen herrlichsten Sänger. Noch unter Prof. Friedmaun gehörte Ney dem Männerchor an, und als er dann vom einfachen Choristen im Nationalrheater sich zum Solisten der königl. ungarischen Oper aufgeschwungen, nahm er nur an den drei Festen, sowie an den beiden Hochfesten zur Verherrlichung des Gottesdienstes teil. Man nannte ihn den Meister des Uneszäne-tokef, den er in wahrhaft erschütternder Weise zu fingen verstanden. Seine Keduscha, sein Haschiwenu, sein Jigdal, kurz alles, was er vorgetragen, war einzig in seiner Art und riß die Zuhörer zur größten Begeisterung und Bewunderung hin. 1843 ward Ney als der Sohn eines armen Gerbers in Varpalota geboren. Er konnte daher nur den nötigsten Schulunterricht erhalten. Sein Vater gab ihn nach Veszprim zu einem Schneider in die Lehre, allwo er dann im Alter von 18 Jahren als Bassist an der Seite des Kantors N a n s ch b u r g im israelitischen Kultustempel fungierte. 1864 wurde er als Kavallerist zum Militär eingereiht. Daselbst brachte er es bis zum Wachtmeister. Sechs Jahre diente er als Soldat und nahm als solcher auch an der Schlacht bei Chlum teil. Nachdem er seinen Abschied erhalten, wurde er Bassist am Tapolczaer Tempel. Dann kam er als Chorist mit einer Monatsgage von 20 fl. an das Wiener Carltheater. Von da ging er nach Raab, allwo er neben dem dortigen Kantor fungierte. Hier lernte er das schöne Fräulein Anna Weisz kennen, die auch seine Gattin geworden. Der königl. Rat Dr. Sigmund Adler, ein hervorragender Arzt in Budapest, veranlaßte Ney nach der ungarischen Hauptstadt zu kommen. 1874 sang er vor dem Intendanten der königl. ungarischen Oper Johann Richter, der ihn gleich mit einem Jahresgehalt von 600 fl. akzeptierte. 1884 trat Ney in den Verband des vornehmsten Kunstinstitutes des Landes. Sein brillanter Baß-Bariton, der sich vom tiefen E bis zum As des Tenor zu erheben vermochte, war nicht nur in Ungarn, sondern auch in Deutschland und Oesterreich hochgeschätzt Gar oft erhielt Ney die ehrendsten und verlockendsten Anträge, sein Patriotismus hielt ihn jedoch an die heimatliche Scholle fest, und ließ ihn der Versuchung nach fremden Landen zu übersiedeln widerstehen. Die Direktion des königlich ungarischen Opernhauses hat folgende Traueranzeige herausgegeben: „Die Direktion des königlich ungarischen Opernhauses gibt mit schmerzlichem Gefühle Nachricht von dem schweren Verluste, den das Institut durch den Sturz seiner starken Säule, das heute um 6 Uhr früh erfolgte Ableben David N e y's erlitten hat. Die sterblichen Ueberreste des Verblichenen werden im Foyer des königlich ungarischen Opernhauses aufgebahrt und von hier aus am Sonntag, vormätags 10 Uhr, nach dem Ritus der jüdischen Religion im Rakoskereßturer Friedhose zur ewigen Ruhe bestattet werden. Das ruhmreiche Andenken des Dahingeschiedenen sei gesegnet und möge ewig unter uns weilen." Der Minister des Innern, Josef Kristoffy, hat an den Direktor Mader folgendes Kondolenzschreiben gerichtet: „Mt größtem Bedauern erstlbr ich den großen Verlust, welchen die königlich ungarische Oper durch das Ableben David Ney's erlitten. Der hervorragende Künstler, der durch seinen hingebungsvollen Fleiß und seine von der Kunst glühende Begeisterung sich aus der letzten in die vorderste Reihe emporgeschwungen, war stets die Zierde und der Stolz unserer Oper, welcher er während seiner ganzen langen Laufbahn treu blieb. Durch sein unerwartetes Ableben hinterläßt er eine kaum ausfüllbare Lücke. Ich fordere Sie auf, der Familie des seligen Künstlers meine aufrichtige Teilnahme und meinen Schmerz über den Verlust auszudrücken, welcher durch seinen beklagenswerten Tod die heimische Kunst betroffen hat. Ney's Andenken bleibt bestehen für und für! _ D. H. Spitzer. Zur Geschichte der Inden Mährens. Der ehrwürdige, im hohen Greisenalter dahingeschiedene Geschichtsschreiber der Stadt Brünn, Christian d' E l v e r t, an den ein Spaziergang in den prächtigen Anlagen des Spielbergs allüberall erinnert, äußerte sich einst, eine Geschichte dex Juden Mährens wäre ein zwar schwieriges, aber höchst verdienstvolles Werk, das über viele Kapitel der Kulturgeschichte

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