Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 35 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 35. daß man den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, ist fraglich. Ein Schritt zur Besserung erscheint aber getan, und viele von den Antisemiten aller Nuancen im Lause der Jahre verbreiteten Jrrtümer — sonderbarerweise sind hierzulande die eingewanderten Griechen die eifrigsten Judenhetzer — sind jetzt von der öffentlichen Meinung als Jrrtümer erkannt worden. * * * Ueber einen allerdings nicht seltenen Beweis von der Verlogenheit der antisemitischen Blätter schreibt Graf Hoens,broch im Augustheft der Zeitschrift „Deutschland" über die „verlogene Kreuzzeitung" Folgendes: „Vor kurzem brachte das „Berliner Tageblatt" eine Zuschrift unter der Spitzmarke: „Der entlarvte Dante", worin die Mitteilung gemacht wurde, nicht Dante, sondern ein jüdischer Arzt namens Chasdni Kaksch sei der Verfasser der ,.Divina Commedia“. In einem Nachwort ließ die Redaktion keinen Zweifel darüber, daß sie diese literarische Entdeckung nicht ernst nehme, sondern sich darüber lustig mache: „Wer's nicht glaubt, zahlt stien Taler." Am Abend desselben Tages las man in der „Kreuzztg." nach einigen albernen gehässigen Angriffen auf die Juden tm allgemeinen: „Natürlich ist es wieder das ..Berliner Tageblatt", das sich als Sprachrohr für die unsäglich lächerliche Behauptung hergibt, daß der Dichter der „Göttlichen Komödie" ein Jude gewesen sei. Folgendermaßen lautet die Mitteilung." Es folgt der Abdruck der Zuschrift an das „B. T.", aber nicht der Abdruck der Zusatzbemerkung der Redaktion. Dann fährt die „Kreuzztg." fort: ..Wenn man also in Zukunft im ..B. T." dem Namen Kaksch begegnet, dann wird man wissen, daß dieser Mann bisher Dante geheißen hat. Die ..Kreuzztg." unterschlägt also die Bemerkungen des „B. T.", die klar erkennen lassen, daß das „B. T." die Zuschrift nicht ernst genommen hat; die „Kreuzztg." fälscht also den Tatbestand und tischt ihren ahnungslosen Lesern eine derbe Unwahrheit, in diesem Falle eine Lüge auf. Warum erwähne ich dies? Weil es die ganze Art der „Kreuzztg." kennzeichnet: unwahrhaftig bis ins innerste Mark. Schon Bismark hat sie wiederholt der Verleumdung geziehen, und wie im großen, so macht sie es auch im kleinen. Es ist aufs tiefste zu beklagen, daß manche gute, nrglose Menschen noch an die „Kreuzztg." und an ihr zur Schau getragenes Christentum glauben; sie werden schmählich von ihr hinters Licht geführt. Ich weiß, daß auch Kreuzzeitungsleser „Deutschland" lesen, und deshalb habe ich die vorliegende, ihre Art kennzeichnende Unwahrhaftigkeit bloßgelegt. Es stehen mir viele andere ähnlich typische Fälle aus den Spalten der ..Kreuzztg." zu Gebote. Ein Blatt, das von Christentum geradezu trieft, und dabei die Grundlage der christlichen Gesinnung, die Wahrhaftigkeit, so beständig außer acht läßt, um verhaßte Gegner herabzusetzen, ist eine besonders widerliche Erscheinung in der deutschen Tagespresse." Jüdischer Patriotismus. j Die Inden sollen nach einem der antisemitischen Axiome; keinen Patriotismus kennen. Einen halbwegs vernünftigen Beweis > für die Richtigkeit dieser Beschuldigung zu erbringen, hat man! für überflüssig gehalten, vielleicht im Bewußtsein, daß dies un-! möglich ist, daß es unmöglich ist, zu beweisen, daß ein Volks- | stamm von vielen Millionen der natürlichsten Gesühle bar sei. 1 Der Vorwurf, daß die Juden sich ja leicht entschließen, ihr! Vaterland zu verlassen, den wir vor kurzem in einem anti-! semittschen Blatte gelesen, klingt gar seltsam in Deutschland, das drei Millionen im Reich geborene Deutsche im Auslande, meist auch als nicht mehr Reichsangehörige, statistisch nachzuweisen in der Lage ist. Wir wollen in Folgendem zeigen, nicht daß die Juden Pattioten sind — das zu beweisen, halten wir für überflüssig — sondern daß die Juden sogar sich große Mühe geben, jüdische Pattioten zu erziehen, patriotische Proselyten zu machen. Die Juden, die aus unendlich triftigeren Gründen aus Rußland und Rumänien, als Germanen aus Deutschland auswandern,- wenden sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teile nach Frankreich, wo zwar auch der Antisemitismus seine Giftsaat ausstreut, wo aber die Juden nach Gesetz, Recht und — in der Praxis im allgemeinen sich vollständiger Gleichberechtigung erfreuen. Die jungen Einwanderer werden in jüdischen Schulen unterrichtet und systematisch mit französischem Geist erfüllt. Bei einer Preisverteiluug an die Schüler forderte der Präsident des Schulkomitees, Herr Levy, die Schüler auf, gute Franzosen zu.werden und so sich dankbar dem Lande zu erweisen, das trotz allerlei feindseliger Agitation den Grundsätzen seiner Verfassung gemäß handle. „Zeigt Euch würdig der großen Gastfreundschaft, die Euch gewährt wird, und denket daran, daß Ihr verpflichtet seid zu einem untastbar moralischen Lebenswandel, um Euren Mitbürgern Achtung abznnötigen. Wir werden uns für die Opfer, die wir Euch gebracht haben, belohnt erachten, wenn Ihr nützliche Mitglieder der Gesellschaft werdet, die Euch ausgenommen hat, wenn Ihr innig das Land liebt, welches das Verdienst hat, nicht nur Toleranz zu üben, sondern, was besser ist, die Juden als gleichberechtigt zu behandeln." In den Vereinigten Staaten von Amerika, wohin sich die aus den halbasiatischen Ländern Europas auswandernden Juden mit besonderer Vorliebe und in sehr großen, nach Zehntausenden jährlich zählenden Schaaren wenden, geben sich die ansässigen Juden alle erdenkliche Mühe, die Ankommenden zu amerikanisieren, und zwar nicht nur oberflächlich durch Annahme amerikanischer Tracht und Sitten, sondern sie zu amerikanischen Patrioten im besten Sinne des Wortes zu machen. Es würde, so führte in einer jüdischen Versammlung, die sich mit der Frage der Amerikanisierung der jüdischen Einwanderer beschäftigte, der bekannte Finanzmann und Philanthrop Jacob Schiff aus, zuerst erforderlich sein, klar zu machen, was man unter einem guten Amerikaner versteht. Er meinte, ein solcher habe zunächst Achtung vor den Rechten seiner Mitmenschen und sei durchdrungen von der Ueberzeugung, daß die Individuen die Gesetze achten und befolgen müssen, die das für diese verantwortliche Volk selbst sich gebe. Wer so denke, der sei für das amerikanische Bürgerrecht qualifiziert. Den Einwanderern müsse, so führte der Hauptredner, Dr. David P h i l i p p s o n aus, die wahre Bedeutung der Freiheit klar gemacht werden, wie sie die Begründer der amerikanischen Republik verstanden und die besten Geister erklärt haben. „Sie müssen begreifen lernen, daß Freiheit nicht Zügellosigkeit und Losreißen von alten Ueberlieferungen bedeutet. Es muß ihnen eingeimpft werden die Pflicht und Verantwortlichkeit des Bürgers, und sie müssen empfinden lernen, daß hohen Idealen nachstreben mehr sei, als Geld zusammenscharren und Aemter erjagen; sie müssen zu der Ueberzeugung gebracht werden, daß jedes einzige Individuum mehr dazu beitragen könne, den Staatskörper vor Korruption und Verfall zu schützen. Sie müssen einsehen lernen die Notwendigkeit der Moral im öffentlichen sowohl wie im Privatleben. Sie müssen wissen, daß ein Amerikaner die Oberhoheit von Gesetz und Recht anerkennt, von Klassen- und Kasten-Unterschieden nichts wissen darf, daß Bestechung und dergleichen den Staat unterwühlen und an den Eingeweiden des Staatskörpers nagen." Die bereits amerikanisierten Juden möchten auf allen möglichen Zugängen die jüdischen Ansiedelungen aufsuchen und den Bewohnern die erhebende Botschaft von den amerikanischen Idealen bringen, wie sie Washington dem amerikanischen Volke hinterlassen nnd Linkoln mit seinem Leben besiegelt hat, die Ideale, die ein Lowell besungen und ein Beecher gepredigt hat rc. rc. Nun fragen wir, welche von den zahlreichen Völkerschaften, die iu den Vereinigten Staaten ihr Heim gefunden haben, gibt sich die gleiche oder nur ähnliche Mühe, die neu ankommenden Stammesgenossen so zu rechten Bürgern der neuen Heimat zu machen? Da wir die Argumentierungsweise der Antisemiten nachgerade gut kennen, wissen wir auch, wie sie auf unsere Frage antworten werden. Sie werden sagen, die Juden haben es nötiger als andere, zu Patrioten besonders erzogen