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Die Wahrheit · 1905-09-01 · Heft 34 (1.9.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 34 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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-SeitL'8: Frankfurt a. M. Vorige Woche sind achtnndvierzig jüdische Auswanderer aus Rumänien, welche auf der Kontroll-Station Bingerbrück zurückgewiesen worden waren, hier wieder eingetroffen und in das Klapperfeld-Gefängnis abgeführt worden, wo ,sie so lange interniert bleiben, bis sie Per Schub nach Rumänien zurückbefördert werden. Das gleiche Schicksal wartet 20 fernere Glaubens- und Heimätgenossen, denen in Bingerbrück ebenfalls die Weiterfahrt verwehrt und die hierher, ins Gefängnis zurückbefördert wurden. Sie besitzen regelrechte Päße,. sind auch mit Geld genügend versehen, um bis Rotterdam zu kommen, von wo sie-. Fahrkarten nach New-Iork haben, die ihnen von Verwandte.» in Amerckä^ zugeschickt wurden. Es ist für das gegenüber diesen Äuswanderexn geübtes Verfahren bezeichnend, daß sie ungehindert die bayerische Grenze passieren, konnten und nun von den preußischen Behörden in Bingerbrück angehalten mch wie gewöhnliche Verbrecher per , Schub zurückgeschickt werden. Und' weshalb? Weil sie, wie es heißt, nicht die vielgenannten 400 Mark Reisegeld besitzen; dazu kommt das schreckliche Verbrechen, daß sie keine Fahr-, karten der in Preußen konzessionierten Schifffahrtslinien des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Lune haben! Das mag „gesetzlich" sein, bleibt aber trotzdem eine völlig ungerechtfertigte Härte, und es wäre zu wünschen, daß die in Betracht kommenden englischen Linien — Anchor, Allan, Dominion — veranlaßt werden, Fahrkarten nicht mehr auszugeben, damit den Unglücklichen eine solche Behandlung erspart bleibt. Wenn nun aber einmal die „Gesetzlichkeit" so strenge gehandhabt wird,, warum läßt man die Beklagenswerten die deutsche Grenze passiren? Was in Bingerbrück geschieht, sollte schon dort eintreten. Dann würden die Behörden sich selbst manche Arbeit, den armen Auswanderern viel Not und Pein ersparen. Diese Rücksendungen per Schnb sind übrigens an der Tagesordnung; erst vor kurzem wurden wieder zwanzig Personen abgeschoben. Berlin. Eine rechtlich interessante, nicht unwichtige Frage beschäftigt zurzeit die Vorstände der jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich. Die Fleischereiberufsgenossenschaft in Mainz fordert die Vorstände auf, ihre Schächter zur Unfallversicherung anzumelden, weil sie diese Beamten auf Grund des Gewerbe-Unfallversicherungsgesetzes für versicherungspflichtig, erachtet. Diese Auffaffung ist, wie uns von angesehener juristischer Seite mitgeteilt wird, als eine irrige zu bezeichnen, weil das Gewerbe-Unfall-, Versicherungsgesetz nicht auf die Synagogengemeinden, die ja kein Gewerbe betreiben, Anwendung finden kann. Der Vorstand der Synagogengemeinde zu Glogau hat deshalb jener Aufforderung nicht genügt, sondern eine Beschwerde an das Reichsversicherungsamt gerichtet. Berlin. Ueber die Judentaufen inPreußen werden durch das „Klrchllche Gesetz- und Verordnungsblatt" des evangelischen Oberkirchenrates jetzt authentische Ziffern veröffentlicht, die aber nur unerheblich von denen abweichen, die nach anderweitigen statistischen Ermittlungen bisher bekannt geworden sind. Diese Ziffern lauten: Im Jahre 1869: 54 Uebertritte zur Landeskirche, 19 zum Judentum; 1890: 50. 10; 1891: 57, 7; 1892: 74, 5; 1893: 76. 7; 1894: 120. 16: 1895: 122, 5; 1896: 136, 14; 1897: 157, 10; 1898: 134, 11; 1899: 163, 3; 1900: 170, 10; 1901: 240, 9; 1902 : 348, 7; zusammen 1901 Uebertritte zur Landeskirche und 133 zum Judentum. Das Bild, das uns diese Ziffern bieten, ist ein recht unerfreuliches, und zwar hauptsächlich deshalb, weil die Zunahme der Judentaufen mit der Abnahme des Antisemitismus Hand in Hand geht, wie dies von Einsichtigen schon zur Zeit der Hochflut der antisemitischen Bewegung vorausgesagt wurde, zudem weil die Judentaufen mit den Jahren immer zahlreicher werden. Auch über den Anteil der einzelnen Provinzen geben die Tabellen interessante Auffchlüsse. Voran gehen Brandenburg und Schlesien, d. h. Berlin und Breslau. In Posen mit 50.866 Juden traten nach der Volkszählung von 1900 zur evangelischen Kirche nur 54 während derselben Periode über, während die Provinz Sachsen mit 7343 Juden einen Zuwachs von 79 gehabt hat. Das gesteigerte Verhältnis der Uebertritte zur Gesammtzahl der Juden ,304.847 in den älteren Provinzen) drückt sich für die Jahre 1880—1902 durch 1: 1249 jährlich aus; in der Kirchenprovinz Brandenburg sind es aber 1: 645, in Posen 1:10.173. Amsterdam. In Holland ist wieder ein Jude zum Justizminister ernannt worden. Es ist dies das zweite Mal. Der erste jüdische Justizminister war Dr. Godefroi; der neuernannte ist der berühmte Jurist E. E. v a n R a a l t e, der früher Rechtsanwalt, dann Kronadvokat und Mitglied der Kammer war. Außerdem besitzt Holland noch einen jüdischen Staatsminister ohne Portefeuille, den bekannten Juristen Prof. Dr. C. Aster. Und der Staat befindet sich ganz wohl dabei. Mriefe eines Hlnglülktichen. Bon Jda Bock. (Fortsetzung.) HL Mein geliebter Freund! Ich habe mich im Grase niedergelassen, ein Buch auf meine Knie gelegt und will nun wieder mit Dir plaudern. Ueber mir rauschen die Fichten, vor mir jubeln die Vögel in den Zweigen der Linden, Birken und Buchen. Hier droben ist es unvergleichlich schön. Und keine menschliche Seele um mich her, niemand, der den Frieden meines Herzens stören würde. Lautlos gaukeln die Falter an mir vorüber, still wiegt sich ein Maiglöckchen an meiner Seite. „Das ist der Tag des Herrn!" ' , Muß ich wirklichbald sterben? Mußich?! Ja,wenrr der Tod in diesem Augenblicke in Gestalt des Schlafes kommen, wollte, ich breitete meine Arme aus, um ihn zu empfangend Nur dieses Zögern ist marternd, dieses Scheiden, dieser Abschied! Gott, Dü hast wenig Kreaturen, die Dir in solch grenzenlose! Liebe und Dankbarkeit ergeben sind. Weshalb willst Dü mich so bald vernichten? Tlsts nicht,, tu's nicht!; , Richard ist seit gestern: im Bade. Die Mutter begleitete ihn natürlich und nun führen wir unseren kleinen Haushalt. Vater Und ich sind bescheidene Leute. Frau Müller sieht öfterzu uns. Wir haben übrigens noch immer die alte Marischa, von der ich Dir oft erzählte. Am Abend, wenn es dämmert und der Vater mit seinem Pfeife aus der Stube geht, damit mich der Rauch nicht geniere^ oder wenn, aus dem Felde nicht mehr zu tun ist, setzt sie sich bisweilen.in meine Nähe und plaudert. Ich liege mit geschlossenen. Augen auf dem alten, breiten Lederdivan, der vom Großvater stammt. Er steht picht am Fenster, und die linde Abendlufti streicht kosend über mich hin. „Heute ist Lag-Beaumer," sagte sie gestern, das Wort eigentümlich hart aussprechend. „Ich habe gehört, wie Dein Vater des Tages erwähnte. Heute vor 55 Jahren' haben Deine Großeltern Hochzeit gehalten. Ich war erst 17 Jahre alt, stand schon einige Monate im Hause Deines Urgroßvatersim Dienst. Deine Großmutter war das schönste Mädchen im Orte, geschickt, fleißig und immer guter Laune. Ich wollte, sie wäre anders gewesen, so ... Doch, da läßt sich nichts mehr ändern. Zwei Katholiken bewarben sich um sie. Der eine war: der Sohn des Bezirksrichters, ein. bildhübscher aber flatterhafter Mensch, den sein Vater alsbald auf Reisen schickte, der andere zeigte sich als ein ernster, reifer Mann. Er war Postbeamter,, verkehrte fast mit niemand, las viel, schweifte an schönen Tagen im Freien umher. Ihm hatte Fanni es gründlich angetan. Es währte nicht lang, so hatte er ihre volle Neigung erobert. Gab das ein Gerede im Städtchen! Die beiden Leutchen sahen einander bloß an der Post, später selbst dort nicht mehr. Deine Urgroßmutter sperrte ihre Töchter förmlich ein. Sie konnte doch nicht verhüten, daß ihr bisweilen einige Zeilen in die Handkamen, die pünktlich erwidert würden. Dies ging ganz einfach zu. Fannis jüngere Schwester weilte damals bei einer Tante und schrieb öfter. Herr Bittner öffnete das Kouvert, legte ein. Blättchen hinein, das dank der Vorsicht Deiner Großmutter nur ihr zu Gesichte kam. Die Eltern waren wohl stets anwesend,, wenn der Postbote kam, schöpften aber keinerlei Verdacht. Sofiemußte nicht lange auf Antwort warten. Ein anderer aber auch nicht. Es war acht Tage vor Ostern. Ich stand eben' vor der Türe, wollte zur Kirche, als ich Bittners hohe Gestalt die Judengasse heraufkommen sah. Ich stürmte in des Fräuleins Stube. Es saß mit glühenden Wangen über seine Handarbeit gebeugt und schrak sichtlich, zusammen, als ich eintrat. Da merkte ich, daß der Besuch unserem Hause gelte und nicht unerwartet kam. Ich sagte nichts und ging wieder auf die Gasse. Bittner trat in den Flur. Er sah bleich aus, fragte mich nach Deinem Urgroßvater, der gerade im Garten war und die Beete in Ordnung brachte. Ich führte den Gast hinein und lief' gleich fort.. Als ich aus der Messe gekommen war, stand Fanni mit rotgeweinten Augen am Herde. Der alte Herr war wieder im. Garten. Er blies mächtige Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, während er hastig rings die Beete umeilte. Seine Hände lagen auf dem Rücken, die klugen, grauen Augen blickten unter den zusammengezogenen Brauen finster vor sich auf den Weg.. Ich entsinne mich noch deutlich, daß ich darüber erstaunte, wie es ihm möglich wurde, so vieleMal den Kreis zu beschreiben, ohne schwindlig zu werden. Deine Urgroßmutter saß strickend in der Laube. Von Zeit zu Zeit sanken ihr die Hände in den Schoßr keiner sprach den ganzen Tag ein Wort mit mir, so daß mir ganz, unheimlich zumute würde. Ich war froh, als er vorüber war. Bald wußte es jeder, daß Bittner um Fanni Kohn geworben hatte, daß er Jude werden wollte. Man erzählte, er wäre nicht direkt abgewiesen worden: Dein Urgroßvater hätte sich Bedenkzeit genommen. Fanni weinte in den nächsten Tagen, viel, war aber mitunter so übermütig, daß sie mich öfter um»

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