Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 34 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063299--03832-3070623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 84. Die Wahrheit. Seite 5. und in schweißtriefender Arbeit den Erwerb von geistig-jüdischen wie auch territorial-zionistischen Gütern anzustreben. Unser Volk darf nicht das einzige Ansnahmsvolk in der Welt sein, welches an den zwei gräßlichen Krankheiten, Seelentaubheit und Seelenblindheit, leidet. Jedes Volk spricht eben die Sprache, die es verdient, und soll denn unser Volk aus lauter Heiligkeit nnd Auserwähltheit alle fremden Sprachen sprechen, nur sein eigenes Idiom nicht? Hängt wohl die Wiedererlangung unseres begrenzten nationalen Territoriums von Faktoren ab, die nicht in unserer Machtsphäre liegen, die Wiedererlangung des unbegrenzten und uneingeschränkten geistigen jüdischen Bodens aber ruht in unseren Händen. Ist unser Streben darnach ernst und wollen wir wirklich, dann werden sich die Wunder der Renaissance vor unseren Augen vollziehen. (Fortsetzung folgt.) Srlbstbenmtztseirr. Bon W. Groß. Keinem aufmerksamen Beobachter modernster Zeitgeschichte, so schreibt Herr W. Groß in der „Franks. Jsr. Familienztg.", wird die nicht wegzuleugnende Tatsache entgangen sein, daß in weiten jüdischen Volkskreisen eine Stärkung des berechtigten Selbstgefühles, der Selbsteinschätzung eingetreten ist. Man sieht doch allmählich ein, daß die vielgeübte Bescheidenheit, das Sichducken, Sich-selbst-verleugnen, sehr oft nichts Anderes war und ist, als veritable Charakterlosigkeit. Ist denn die Abänderung derjenigen Aeußerung des Judentums, welche ihrem Wesen nach die allerjüdischeste sein sollte, nämlich unseres Gottesdienlles, in der Richtung, daß man ihn dem christlichen immer ähnlicher machte, vielleicht etwas Anderes als charakterlose Verleugnung unserer innersten Eigenart? Gewöhnlich ist der vorgebrachte Beweggrund der, daß man die jüdischen Institutionen verschönern, oder gar „veredeln" wolle, um die jüdischen Ideale der Welt in möglichst hellem Lichte zu produzieren, um den jüdischen Charakter als fortbildungsfähig, vor den Mitlebenden so hoffähig als möglich zu machen. Ein schöner Charakter, der sich zerstört, um sich in einen anderen zu verwandeln. Der Charakter jedes Volkstums, jeder Religion zeigt sich in der möglichst starken Betonung seiner auf historischer Entwicklung begründeten Eigenart. Führt diese Betonung der Eigenart in ihren Konsequenzen zu offenkundigen Mißbräuchen, so war die ganze Grundlage eine falsche, wenn aber nicht — dann unterlasse man es, sie zu entstellen. Gerade unsere Zeit hat historischen Sinn. Wo irgend ein Gebäude aus alter Zeit in charakteristischem Baustil steht, sucht man diesen zu erhalten und zu vervollkommnen. Wem wäre es eingefallen, die Saalburg der alten Römer mit Rokokoornamenien zu „verschönern", oder die Pyramiden mit Backsteinaufbau und Stuck zu modernisieren? Nein! Man hat das rechte Gefühl, daß ihre Schönheit gerade in ihrer Eigenart, in der angesetzten Patina liegt. So auch ist nicht etwa der althergebrachte jüdische Gottesdienst ein Anachronismus, wie man oft anklagend sagt — nein, die Einführung einer Orgel, eines Männerchores u. dgl. ist der Anachronismus! Ich muß unwillkürlich an jene Fabel (Lessing, nach Aelian) denken, in der das Pferd Zeus bat, ihm zur Hebung seiner (unter den Tieren doch edelsten) Gestalt und Schönheit längere Beine, einen Schwanenhals, eine breitere Brust und einen natürlichen Sattel zu verleihen. Zeus willfahrte ihm, und an der Stelle des Pferdes stand — kein Pferd mehr, sondern die Mißgestalt des Kameles. Ein zweiter Ausdruck dieser charaktervollen Selbstverleugnung ist die Art und Weise, wie von einer großen Anzahl moderner jüdischer Gelehrten die Bibelauslegung betrieben wird. Da treibt man gleichfalls dieses Selbstbescheiden so weit, daß man die Erklärungen eines Raschi, Abr. b. Esra, Nachmanides. Abarbanel, vom Talmud zu schweigen, als Erzeugnisse naiver Anschauungsweise, wie nichlbestehend, bei Seite liegen laßt. Dagegen halten diese jüdischen „Theologen" es wohl als ein Zeichen ihrer wissenschaftlichen Nicht-Voreingenommenheit, die Forschungen protestantischer Theologen zur Grundlage ihrer Exegese zu machen und lieber an einen Wellhausen und Kuenen bei der Bearbeitung unseres jüdischen biblischen heiligen Ursprungs anzuknüpfen, als an die jüdische traditionelle Ausfassung. Doch dabei nennen sie sich jüdische „Theologen" — wer erkennt dabei mit dem schärfsten Vergrößerungsglase eine Spur von Theologie? Wenn sie doch in angebrachter Selbsterkenntnis sich mit dem Titel „Philologen" begnügen wollten! Denn nichts anderes sind sie, die an die Bibel sezierend Herangehen, wie die klassischen Philologen an den Homer. Aber, Gott sei Dank, auch hier regt sich die eingangs gerühmte Selbsteinkehr und Selbsteinschätzuug. Vor uns liegt „das Buch Leviticus, übersetzt und erklärt" (Kap. 1—17) von Dr. D. Hoffmann. Hier haben wir zum ersten Male eine wissenschaftlich-exegetische Bearbeitung der Bibel in deutscher Sprache von einem jüdischen Gelehrten, der nicht durch die Brille der protestantischen Theologie die heilige Schrift erforscht; vielmehr geht er bei der Bearbeitung dieses jüdischen National- und Religionsbuches von dem einzigen, eines Juden würdigen Standpunkte aus, dem Standpunkt der jüdischen Tradition, oder sagen wir hier einmal der „jüdischen Theologie". Noch ein Gebiet wollen wir heute berühren, wo vermeintliches erhöhtes Selbstgefühl hart an Charakterlosigkeit oder doch an Charakterschwäche streift, das der jüdischen Eigennamen. Einer der ersten Erfolge der allgemeinen Emanzipation war u. a. der, daß viele Glaubensgenossen in dem Bestreben, sich der Emanzipation in allen Punkten vor der Welt auch würdig zu zeigen, ihre althergebrachten Rufnamen mit hochdeutsch oder modern klingenden vertauschten. Man schämte sich vor allem der „alttestamentlichen" Namen. Vielfach erreichten sie das Gegenteil des Gewollten. Ich las jüngst den Bericht einer Verwaltungsbehörde (ca. 1835) an die Vorgesetzte Stelle, worin über die Anmaßung der Juden Beschwerde geführt wird, die in Mißbrauch ihrer neu erworbenen Rechte ihre Kinder statt Jfak oder Eisek jetzt Eugen, statt Rahel jetzt Roswitha u. s. w. nennen. Es ist wohl zu verstehen, daß das große Publikum das Bestreben hat, landläufige Namen zu wählen. Tatsächlich kann man bis zur talmudischen Zeit zurück beobachten, daß die Juden ihre profanen Rufnamen mit Vorliebe aus der Sprache ihres Aufenthaltsortes wählten. Entbehrt ja sogar die Erteilung des profanen Namens nicht einer gewissen religiösen Weihe. Nachdem das Kind beim ersten Ausgang der Mutter vor der Thora den Schem kodesch erhalten, wird bald darauf von der Jugend dem Kinde feierlich bei der „Holekrasch" der Rufname erteilt. Das Wort Holekrasch bedeutet trotz allen entgegenstehenden gekünstelten Erklärungen nichts anderes, als Chol (= profan) kreischen (= laut ausrufen), nachdem unmittelbar vorher in der Synagoge der heilige Name, für religiöse Akte bestimmt, publiziert worden. So sind tatsächlich meistens alle die altjüdischen Personennamen, deren man sich jetzt schämt, da sie allzu jüdisch klingen, auch in alter Zeit der Landessprache entnommen. So kann man oft hören, daß eine Frau in heiliger Scheu erklärt, wenn sie Minna heißt, ihr Schem Kodesch sei Mindel. wenn sie Gutta heißt, ihr Name sei Gitel, wenn sie Bella heißt, ihr Name sei Bele, wenn Frieda: Fradel u. s. w. Sie alle ahnen nicht, daß alle diese alten Namen auch „deutsch" sind und einst gleichfalls sehr modern waren. Mindel ist dasselbe wie Minna, Gitel (die Gute) Gutta. Bele Bella (die Schöne), Fradel — Frieda u. s. w. Alle jene alten Namen, einst sehr modern, sind veraltet. Immerhin haftet ihnen eine durch das Alter geheiligte Würde an, so daß es recht wohl oft ein Zeichen der Schwäche ist, uns des Namens zu schämen, den unser Großvater und unsere Großmutter in Ehren geführt. Vor allem ist es stets tadelnswert, sich eines „alttestamentlichen" oder rein jüdischen Namens zu * schämen. Uebrigens, wie manche, die sich, um der modernen Zeitströmung gerecht zu werden, sich Johannes oder Hans nennen.