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Die Wahrheit · 1905-09-01 · Heft 34 (1.9.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 34 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 34. -- tÄ ~.r > ' ,;(•- i <; wm 8 f i . .1 v» > 1 i wenigstens solche Leute zu belehren, die belehrt sein wollen. In I der Tat beweist die Statistik, die unbefangenste aller Wissenschaften, wie sehr die Fehler, die ein Erbe finsterer Zeiten I bilden, sich von Jahr zu Jahr vermindern. Auch positiv finden wir die jüdischen Bürger auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft znm Wohle der deutschen Kultur wirken. Trotz aller Gehässigkeit haben sie häufig eine offene Hand, wenn es gilt, Not zu beseitigen und Elend zu mildern. So zeigen sie der Welt, daß sie keine Veranlassung zu Haß und Verfolgung gegeben -haben, und gar mancher wurde durch diese wirksame Abwehr zur Einkehr gezwungen und er schämt sich heute seiner früheren Gesinnung. Wenn es auch Ausnahme-Erscheinungen gibt, so liegt das daran, daß die jüdische Gesamtheit, wie jede menschliche Gemeinschaft, nicht aus lauter edlen Charakteren besteht. — Andere Vorteile aber hat der Antisemitismus nicht gebracht und nicht bringen können. Schaden aber hat er auf allen Gebieten gebracht und nicht nur für Juden. Die Judenheit ist ein lebendiger Organismus, der von den Strömungen des Lebens beeinflußt wird. Daß er auch in schwerer Zeit gedeihen kann, das beweist, daß der Kern gesund und lebensfähig ist. Eine gesunde Beeinflussung der jüdischen Entwicklung aber erwarten wir nur von der wahren Freiheit und vom Fortschritt der Idee der Menschlichkeit. Wir wünschen den jüdischen wie dÄ: nichtjüdischen Bürgern eine gesunde Entfaltung auf moralischem und auch ans wirtschaftlichem Gebiete, aber wir erhoffen alles von der Liebe und nicht vom Haß der Menschheit. Im Deiche« der Renaissance des Judentums. HI- Noch hatte ich nicht die Feder zu der in vorletzter Nummer dieses Blattes veröffentlichten „Offenen Erwiderung" auf das an mich gerichtete anonyme Schreiben aus der Hand gelegt, als mir von Herrn Rabbiner Dr. Nacht in Focsani eine soeben erschienene Broschüre zuging. Die in derselben niedergelegten Argumentationen betreffs des Unterrichtes der nationaljüdischen Geschichte erheben mit Recht den Anspruch, als Zeichen der Renaissance des Judentums zu gelten. Zunächst die Persönlichkeit des Verfassers. Wir haben es hier mit einem Gelehrten zu tun, der trotz des Drills als Seminarrabbiner doch viel hebräisches und talmudisches Wissen aus seinen östlichen Heim in die rabbinische Lehranstalt mitbrachte und daher auch nicht als Kunstproduktrabbiner mit all den Fehlern und assimilatorischen Schrullen und Nachäffereien auf seinem heimatlichen Rabbinatsposten zurückkehrte. Als Rabbiner und Direktor der jüdischen Schule in Focsani und in seinem ehrlichen Streben, das Judentum der Renaissance zuzuführen, stellt er die Forderung auf, daß die national-jüdische Geschichte in hebräischer Sprache gelehrt werden sollte. Damit der Leser seinem Gedankengang besser folgen könne, wollen wir einige Absätze aus diesem sehr interessanten Schriftchen im Nachfolgenden wiedergeben: „In letzter Zeit begannen die hervorragenden Geister unseres Volkes, mit wahrer Akribie sich mit der Frage des Unterrichtes unserer Jugend zu beschäftigen, und in verschiedenen Ländern, insbesondere in Rußland, verstreicht nicht ein Tag, ohne daß diese Frage vor das Forum des großen hebräischen Publikums gebracht würde. So widmen ihr die jüdischen Blätter spaltenlange Artikel, in Versammlungen steht sie zuerst auf der Tagesordnung, mit einem Worte, der jüdische Unterricht bildet den Brennpunkt allgemeiner und ernster Diskussionen. „Wie immer die Anschauungen betreffs der Lösung der Frage auseinandergehen, da jeder sein Urteil über diesen Gegenstand nach seiner geistigen Begabung fällt, verfolgen sie dennoch alle einen Zweck, nämlich die Fernstehenden uns näher zu bringen, uns die Herzen unserer Söhne und Töchter zu gewinnen und ein neues Geschlecht erstehen zu lassen, welches unser Volkstum, das heißt das Judentum, nach allen Seiten hin kennt. Wenn also auch die Einzelheiten nicht deutlich genug festgestellt wurden, wie etwa, welches Zeitausmaß wir diesem Gegenstände widmen sollen, welches Lehrsystem hiebei in Anwendung zu bringen sei u. s. w., so kamen dennoch alle Sachverständigen zu dem Endresultate, daß der Geist, welcher in dem besagten Lehrsystem herrschen soll, unbedingt der hebräische sein muß. In weiterer Verfolgung dieses Gedankens nahm man wieder die national-jüdische, respektive hebräische Geschichte hervor, welche in einem Schmollwinkel unserer Schulen lag, wie ein versenkter Fels,, der nicht gehoben wird, und brachte sie nun an eine freie Stelle, um sie augenfällig zu machen. Unsere Brüöer sahen, daß sie sich näherten, und allgemein drang die Ueberzeuguug durch, daß das Studium der hebräischen Geschichte ein Hauptmoment ist, ohne welches keine Erziehung für unsere Söhne und Töchter gibt." In wahrhaft klassischer und doch nicht gekünstelter hebräischer Sprache setzt Rabbiner Dr. Nacht seine Betrachtungen über die Wichtigkeit des Studiums der hebräischen Geschichte fort und seine Ausführungen repräsentieren sich wie ein herrliches Gemälde aus goldenen Worten, dessen Vollgenuß wohl nur das Original selbst zu bieten vermag. Unser Autor plaidiert aber nicht blos für die Einführung der Geschichte in den Lehrplan sondern verlangt kategorisch, daß die Erlebnisse unseres Volkes in seiner eigenen heiligen Sprache vorgetragen werden. „Erster Grundsatz, ist, daß unsere Nationalgeschichte in reiner, klarer, hebräischer Sprache geschrieben sein muß; denn wollen wir unseren Kindern ° einen Unterricht erteilen, welcher ihr Gehirn und ihr jüdisches Herz beleben und erquicken soll, dann müssen wir uns solcher Mittel bedienen, die uns zum Ziele führen. Die richtige Ansicht, daß in dem hebräischen Geschichtsunterrichte Kraft genug liegt, um uns die verirrten Kinder zurückzuführen, wie die Einsicht von der Dringlichkeit dieses Vortrages an unseren Lehrstätten ist der erste Schritt auf jenem Wege, welcher zum Judentum führt. Deshalb müssen wir acht geben, daß. dieser. .Schritt..ganz.im Heiligtume gemacht werde, daß der Schüler nicht mit einem Fuße mitten darin und mit dem andern außer dem jüdischen Gebiete stehe, mit anderen Worten, daß unsere (jüdische) Geschichte mit jüdischem Inhalte auch eine jüdische Schale haben muß." Diese in der 12 Seiten starken Broschüre mit so viel heiligem Ernste und glühender, innerer Ueberzeugung niedergelegte Anschauung über die Dringlichkeit der Hebraisierung eines Teiles unserer Lehrgegenstände erscheint nicht blos als die Stimme des Einzelnen, sondern als Lebensbedürfnis unseres gesamten, der Lethargie und der langsamen Auflösung nahegerückten Volkes. Derlei Rufe dürfen nicht als verwehte und versprengte Schallwellen aus dem rückständigen Osten aufgefaßt, noch weniger aber als Lärm von Finsterlingen und Analphabeten seitens unserer Brüder aus dem Westen vornehm überhört werden. Diese Worte kommen ja aus dem Herzen eines talmudisch und klassisch gebildeten Mannes voller gottbegabter Urteilskraft, die Nachhall in allen echt jüdisch denkenden und fühlenden Söhnen und Töchtern in Israel finden werden und finden müssen. Daß dieser Ruf eines jungen Rabbiners aus einem Lande, in welchem die Assimilation schier die gesamte Judenheit ergriffen hat, in einem Lande, in welchem die jüdischen Gymnasialschüler mit glänzendem Erfolge ans der Taufe gehoben werden, sich frei entringen konnte, ohne von seinen Kollegen und der Assimilationspartei desavouiert zu werden, will uns den Beweis erbringen, daß auch dort neues jüdisches Leben erblüht, daß ferner alle Bratianos nicht imstande sind, das von Dr. C. Lippe, Dr. Niemerower, Dr. Nacht und Andere geführten Volk fortleben will, gegen den Willen der fanatischen, christlichen Antisemiten und jüdischen Assimilanten. Unsererseits fügen wir hinzu, daß unser Volk an einem Scheideweg angelangt ist, welcher auf eine reinliche Scheidung drängt: hie Untergang, hie Aufgang des jüdischen Daseins. Wählen wir! Entschließen wir uns für Fortexistenz, dann erwächst uns die Pflicht, auch die Kosten für dieselbe zu bezahlen

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