Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 34 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion 11. Sldiiiiiiistialion: Wien, II/, Nsvaragafse 27. Telephon Nr. der Druckerei I53U2 Lnferste 2» HeN. per NonvareiUe-Zeiie. Abonnementsn. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar lind klagbar. Zeitschrift für Mische »nieressen^' Erscheint jeden Kreitag. Itlotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” * Gerngsvrrei»: |{ Ganzjährig |! Halbjährig . ft. 12 — . ft. 6— || Für CnltnSbeamte: I l| G»„zjährig , . . st io— j! Für Ausland: j Ganzjährig ... 3 SBlovf.j 6 Rubel oder 16 Fc». I ., . . J |tv. 34. Wien, 1. September 1905. Inhalt: Der „Nutzen" des Antisemitismus. — Im Zeichen der Renaissance des Judentums. — Selbstbewnßtsein. — Das russische Bolksvertretungsgesetz und die Juden. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Briefe eines Unglücklichen. Die geehrten Herren Abonnenten werden um freundliche Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge ersucht. Der „Untzen" des Antisemitismus. (Schluß.) Wenig Wahres und viel Schiefes enthalten auch die folgenden Sätze: „Die antisemitische Bewegung in den achtziger Jahren kam dieser Entwicklung noch zu Hilfe. Während nämlich der Antisemitismus dem wirtschaftlich schwachen Juden den Lebenskampf schwer macht, ist er geradezu der Schutzengel für die reichen Juden geworden, und zwar ganz besonders deshalb, weil er es ihnen ermöglicht, ihre Kinder gut zu erziehen. Das bekannte Wort, wonach der Geldsack und der Bettelsack alle drei Generationen in derselben Familie vorkommt, findet im allgemeinen offenbar auf die Juden keine Anwendung, und das verdanken sie in erster Linie dem Antisemitismus. Denn die Klippen, an denen Söhne reicher christlicher Familien scheitern, räumt der Antisemitismus den jüdischen sorgsam ans dem Wege. Zunächst weiß der jüdische Jüngling, daß er nicht in der Staatskrippe unterschlupfen kann, er muß etwas lernen, weil er sonst nicht unterkommt! Er kann als Student am Korpsleben nicht scheitern, weil ihn im allgemeinen kein Korps aufnimmt — was bleibt ihm übrig, als zu a r b e i t e n? Er kann nicht Reserveoffizier werden, spart dadurch wertvolle Zeit und viel Geld und wird nicht in das „noble Leben" hineingezogen, das so viele Söhne reicher Familien ihrem Beruf entfremdet — kurz alles wirkt mit, ihn seiner kaufmännischen und gewerblichen Tätigkeit zu erhalten. Statt mäßig bezahlte Stellungen als Richter, Verwaltungsbeamter, Offizier u. s. w. zu erstreben, zu denen ihn vielleicht sein sozialer Ehrgeiz hinzöge, muß sich der Sohn jüdischer Eltern Industrie, Handel, Bankwesen, Presse usw. als Feld seiner Tätigkeit auswählen, Berufe, für die ihn angeborene Anlagen noch besonders geeignet machen. Den Erfolg dieser überaus klugen Maßnahmen der regierenden Kreise sehen wir in der wirtschaftlichen Macht unserer jüdischen Mitbürger vor Augen." Wahr ist, daß die antisemitische Bewegung mit all ihren Begleiterscheinungen den ärmeren Juden, der ohnehin einen schweren Kampf ums Dasein zu kämpfen hat, in erster Reihe traf. Das ist bei allen Störungen, die das soziale Leben streifen, nicht anders. Die schwachen Existenzen sind immer die ersten Opfer. Die goldene Rüstung schützt noch besser als die eiserne gegen feindliche Geschosse. Daß aber die reichen Juden vom Antisemitismus Vorteil gezogen haben, das ist absurd. Ihre Kinder gut zu erziehen, daran hat sie niemand gehindert, und. das ist auch eine alte Tradition bei Juden. Daß sie vom hohlen Scheinwesen des Korps ausgeschlossen sind, ist gewiß kein Schaden, man darf aber auch nicht vergessen, daß das Verbindungswesen eine andere Entwicklung genommen hätte, wenn mit dem feudalen Moder aufgeräumt worden wäre und wenn neue, frische Elemente ihm eine andere Richtung gegeben hätten. Auch das ist wohl kein tragisches Geschick, ohne den Titel Reserveoffizier in der Welt herumlaufen zu müssen. Man kann aber auch mit dem Titel ein tüchtiger Mensch sein. Nicht daraus kommt es an, ob man einen Titel besitzt, sondern wie man ihn trägt. Die größte Klippe bei der Entwicklung des Charakters und der angeborenen Fähigkeiten ist nicht der Titel, sondern die Genußsucht, und die ist bei den reichen Juden ebenso groß wie beim reichen Christen. Es bleibt also nicht viel Gesundes an diesem ganzen Gedankengange, und für den Schlichtdenkenden unterliegt es keinem Zweifel, daß die Juden sich geistig, sittlich und wirvschaftlich gesunder entwickelt hätten, wenn es keinen Antisemitismus gegeben hätte. Hindernisse, die von der Natur geschaffen sind, wirken anspornend und stärkend. Künstlich aufgerichtete Hindernisse aber absorbieren viel Kraft und Energie und machen einseitig. Der Verfasser schließt mit der Maxime: „Es ist nämlich ein Gesetz des Lebens, daß alle staatliche Unterdrückung zum Heil des Unterdrückten ausschlägt." Nun, in dieser absoluten Form ist der Satz kaum richtig. Wir kennen in der Geschichte viele Beispiele dafiir, daß die staatliche Unterdrückung viel Unheil für die Dauer angerichtet hat. Auch die Gegenwart lehrt uns, daß die Unterdrückung Böses schasst. Man braucht nur seinen Blick nach Rußland oder Rumänien zu richten, um zu sehen, wieviel dauernden Schaden auf kulturellem, sittlichem und sozialem Gebiete die Politik der Unterdrückung gebracht hat. Gewiß gibt es nichts Böses, das nicht auch etwas Gutes an sich hat, aber von einem Vorteil der Juden am Antisemitismus zu sprechen, ist paradox. Ebenso geistreich könnte man ja schließlich beweisen, daß jede physische und moralische Epidemie bei all dem Unheil auch manches Gute brachte. Einen Vorteil hat der Antisemitismus nur den Geschästsantisemiten und politischen Charlatanen gebracht, sonst aber niemand aus Erden. Nur einen Vorteil könnte die antisemitische Bewegung der deutschen Judenheit bringen, und dieser liegt nicht auf wirtschaftlichem Gebiete. Die häßliche Judenhetze und noch mehr der sogenannte vornehme Antisemitismus sollte in den Herzen der Juden einen edlen Trotz wecken, aus dem Wege des sittlichen und kulturellen Fortschrittes mit umso größerem Eifer fortzufahren, die Schwächen des Ghettos ganz abzustreifen, um so zu demonstrieren, welch bitteres Unrecht ihnen geschieht, und