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Die Wahrheit · 1905-08-25 · Heft 33 (25.8.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 33 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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: Seite 8. Die Wahrheit Nr' 33; Seins an diese Erde! Meine Angen Allen sich mit brennenden Tränen, wenn ich die knospenden Büsche betrachte, wenn ich die Sonne die Fluren vergolden sehe. Alles verlassen müssen, sür immer verlassen! Hinab irr die finstere Grube müssen, losgerissen zu werden von denen, deren Hoffnung man war. Ost des Machls, wenn der Schlas mich flieht, wenn ich lange brütend dagelegen, kommt der Gedanke wie eine Erlösung über mich, daß der Süden mir Heilung zu bringen vermöchte, und ich schlummere ein. Vielleicht doch! Kennst Du meinen Vater, Alsred? Nein, Du kennst diesen Mann nicht. Du hättest ihn an dem Krankenlager meines Bruders sehen müssen. Wenn er es verließ, war sein Antlitz totenbleich, und in den Mienen lag ein Ausdruck des Leides, der mir schier das Herz abpreßte. Ich habe niemals ein zorniges oder gar böses Wort von meiner Mutter gehört. Sanft, freundlich und heiler waltete sie unermüdlich im Hause, als ich noch ein Kind war, sanft und freundlich, doch gramvoll schafft sie auch heute noch rührig. Ich fühle oft ihren sorgenschweren Blick auf mir haften, wenn ich die Lider gesenkt habe. Mitunter höre ich sie im Nebenzimmer-schluchzen. Dann muß ich mich mit dem Aufgebote meiner ganzen Kraft beherrschen, daß ihr nicht das Zucken meines Mundes verrate, was mich bewegt. Morgen kommt Richard aus dem Spitale heim. Mein armer guter Bruder! Ich hoffe, daß ihm die würzige Gebirgsluft hier bald seine roten Wangeu wiedergeben werde. Ich habe ihn noch nie klagen gehört Die Aerzte sagen, er müsse gräßlich leiden. Die Wunde am linken Ellenbogen ist noch immer offen, jedoch in Heilung begriffen. Ich will ihn unermüdlich Pflegen, ihm den fröhlichsten Gesellschafter abgeben. Die Abendsonne spiegelt sich in unserem Walde. Mir ist friedlicher zu Mute. Ich will Dir nun öfter schreiben, wenn ich dazu käme. Antwort erwarte ich keine von Dir. Sie könnte jemand in die Hände fallen. Sende mir stets bloß einige Worte. Dein Rudolf. H. Liebster Freund! Ich habe das große Fragezeichen auf Deiner Karte verstanden. Warum ich nicht schreibe, weshalb ich nicht ausführlicher sei. Mein bester Alfred! Wärest Du doch bei mir, könnte ich doch den heilsamen Frieden Deiner seelenvollen Augen auf mich gerichtet wissen, ich schlänge wohl den Arm um Dich und vergäße für einen kurzen Augenblick den Jammer! Warum habe ich nicht den Mut, mich selbst zu befreien? Verachte mich nicht, daß ich so spreche, lerne mich lieber begreifen. Ich vermag seit mehreren Wochen kein lautes Wort hervorzubringen. Die Aerzte bestanden darauf, daß ich Wien verlasse. Nur gute Luft, reichliche Nahrung, meinten sie, könnte hier Wandlung schaffen. Ich entschloß mich schwer. Gilt es doch, für Richard die Badekosten aufzutreiben. Bruder Hugo spart mehr als er soll. Er sendet jeden Heller, den er zu erübrigen vermag. Ich schlich mich in die Laube. Richard wähnt, ich schliefe im Nebenzimmer. Er hat heute einen schlechten Tag und muß das Zimmer hüten. Mutter und eine Nachbarin sind bei ihm. Ich -ertrug es nicht länger, mir Zwang aufzuerlegen. Weißt Du noch, wie Richard im Vorjahre aussah? Ein hochgewachsener, blühender Jüngling, voll Lebenskraft und Schaffensfreude. Seine runden Wangen waren stets rosig angehaucht, ein heiteres Lächeln umspielte gern seine kirschfarbenen Lippen. Wie hat er sich doch verändert! Matt und trostlos starrt er vor sich hin, wenn er sich unbeachtet glaubt. Tiefe dunkle Ringe umschatten seine glanzlosen Augen und um den blassen Mund hat die Wehmut einen schmerzhaften Zug gegraben. Er scherzt fast immer, aber ich weiß, daß er fast immer weinen möchte. Wenn ich ihn auskleide, lachen wir oft beide ganz übermäßig, so daß der Vater oder die Mutter nicht selten hereinschauen, um nach dem Grunde unserer Heiterkeitsausbrüche zu forschen. O, wir traurigen Betrüger! Wir suchen uns gegenseitig hinters Licht zu führen. Wenn ich den Armstumpf berühre, durchrieselt es mich wie Todesschauer. Es ist die linke Hand, die er verlor. Da hörten wir gestern zufällig das Gespräch unserer Nachbarn an, die im Garten jäteten. Wir saßen am offenen Fenster, das Schachbrett stand vor uns. Ich hatte eben einen Zug. getan-, blickre jetzt zu den Schwalben-empor, tie hart über unfern. - Köpfen bauten, als ich uns nennen hörte. „Sie dauern mich vom ganzen Herzen! Ich habe noch niemals so . rechtschaffene, kreuzbrave Juden gekannt. Ja, ja^ diese Verwandtenehen!" .Aber sind denn wirklich beide Burschen so schlimm daran?" „Ich weiß nicht.' Gar gut mag cs mit ihnen nicht stehen- Dr. Riedl war ganz bleich, als er von ihnen ging. Er bestieg hastig seinen Wagen, lehnte sich sofort ganz zurück, als wollte er keinen vom Dorfe mehr erblicken. So wars, wie, Schwager?' Du hast's ja. auch gesehen." . Der Hufschmied mußte hinzu' gekommen sein, ich erkannte seine tiefe Stimme. „Redet mir besser nicht davon. Mir ballen sich die Fäuste^, daß ich gleich dreinschlagen möchte, wenn ich bedenke, wie blöde die Menschen sind, nein, wie schlecht, wie gottlos schlecht!' Gestern komm' ich euch zu dem Juden, dem Eisenhäudler in der Stadt. „Herr Melzer," sagt er, „heut haben wir Verlobung." Er reibt sich ganz seeleuvergnügt die dicken Hände. „Na, wen Heirat' denn die Freiln?" frag ich. Ich kenn das Kind seit fünfzehn Jahr, 's ist ein schwächliches Mädel. „Meinen Reffenden Fritz Fischer, sie haben ihn oft bei uns gesehen," schmunzelt: der Alte. Ich aber eriuuer' mich an das heillose Elend da drüben und fahr' auf: „Da haben Sie wieder was Kluges angestellt, Herr Kraus, was recht Vernünftiges! Ich Hab gemeint, daß Sie ein besserer Vater sind, als daß Sie Ihr eigen Fleisch und Blut ins Unglück rennen lassen oder es gar hinein jagen f Eine gute Partie, was? Eine reiche Partie, nicht?" „Was für Unglück?" fragt er betreten. „Stellen Sie sich nur nicht sodumm, Herr Kraus, heut' weiß es schon jedes Kind, daß die Heiraten unter Blutsverwandten nichts Gutes bringen und bei Ihnen gar! Ihre Tochter ist schwach und der Herr Fischer ist auch kein Riese, Eltern hat er schon lang nicht mehr, kurzsichtig, ist er auch." „Aber, lieber Herr Melzer," sagt er und lacht mich an. „Aber,' lieber Herr Melzer, davon glaube ich auch kein Sterbenswörtl! Wenn Sie darauf hinzielen, daß die Kinder krank sein könnten, sag ich Ihnen, daß die Kinder von ganz: ftemden Leuten auch oft krank sind. Und übrigens, wenn etwas dran wär, hält es Moses sicher verboten. Er hat an Alles gedacht und bei der Gesetzgebung vor allem die Erhaltung und Kräftigung seines Volkes im Auge gehabt." Ich sag Euch, ich Hab schier gemeint, daß ich aus der Haut fahr, wie der Jud mir da so breit und gelassen daher red'. „Ich geb dem Mosesgewiß den schuldigen Respekt, klüger war er schon als Sie und all seine Nachkommen sind, aber dumm war er doch, wenn er sich eingebildet hatihr werdet selber wissen, was sein soll und was nicht, wenn eure Nerven und Augen und Ohren und Knochen nimmermehr so heil sind wie vor viertausend Jahren k Hat Moses verboten, daß ein Tuberkulöser eine Lungensüchtige heirate? Nein! Oder hat er verboten, daß ein Herzleidender ein Mädel nimmt, das einen Herzfehler hat? Nein! Die sollen, sich also kriegen, was? Das ist Eure Meinung, Herr Kraus!" Donnerwetter noch einmal, war ich in die Hitze gekommen! Er wiegt den großen Kopf hin und her: „Das ist was anderes," sagt er. „Was anderes? Wieso? Dasselbe ist es, ganz dasselbe!: Der Keim zu irgend einer Krankheit liegt heute fast in jeder Familie. Wer ist ganz gesund? Ihre Frau vielleicht? Klagt sie mir nicht immer über solche und solche Schmerzen? Ueberlegew Sie sich die Sache gut! Sie können es einmal bitter bereuen!" „Unsinn! Ich bin froh, daß ich das Mädel gut versorg'!" Ich höre Schritte, ich muß das Papier verbergen. Ich schreibe stets in fliegender Eile und, wie Du siehst, mit Tintenstift. Dein Rudolf. (Fortsetzung folgt.) Woll - u. Seidenkleid er reinigt man am besten mit Schicht's Schwanseife (feste Katiseife) schönste WEISSWÄSCHE

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