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Die Wahrheit · 1905-08-25 · Heft 33 (25.8.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 33 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 33. Aufschrei der Entrüstung; doch der größte Teil treibt allerlei Schabernack, ohne sich an den Ausführungen des Redners zu erbauen. „Bei der Wahl der Kantoren wird" — nach unserem Autor — „blos auf die schöne Stimme geachtet, nicht auf Bildung und guter Sitte", ganz wie bei uns; daß ein ..Schliach- Zibbur' ganz makellos dastehen muß, daß er kein Unwissender in der jüdischen Lehre sei, das wird nur von den Wenigsten gefordert. Machen wir daher Umkehr, lassen wir uns nicht von äußeren, vergänglichen Formen blenden, denn sonst droht dem Judentume Gefahr, sonst führen wir seinen gänzlichen Verfall herbei. _ Dr. S. P. Die Schreckenstage von Dialystok. Ueber die empörenden Vorgänge in Bialystok, die sich würdig den skandalösen Tumulten in anderen Städten Rußlands, zuletzr Nischnij- Nowgorod, anreihen, wird dem „Berliner Tagblatl" in Ergänzung früherer Berichte noch folgendes mitgeteilt: Wenn von einer revolutionären Menge auf das Militär eine Bombe geworfen wird, so ist das letztere vollständig in seinem Recht, wenn es auf die Menge schießt; in jedem noch so freiheitlichen Lande würde das Militär ebenso handeln. Und doch ist das, was sich am letzten Sonnabend auf den Straßen Bialystoks abgespielt hat, nur in Rußland möglich. Am frühen Nachmittag fand eine Arbeiterversammlung statt; von Demonstrationen konnte nicht die Rede sein, weil bereits seit sechs Wochen die ganze Stadt und besonders das Arbeiterviertel stark von Militär bewacht sind. An eine kleinere Gruppe von jungen Leuten, acht bis zehn Mann, trat eine Militärpatrouille heran und forderte sie auf, auseiuanderzugeheu. Die jungen Leute, mit Ausnahme des einen, gingen sofort von dannen; der letztere, der noch etwas stehen blieb, wurde auf der Stelle von einer Gewehrkugel durchbohrt; er verschied noch am selben Abend. Eine Stunde später wurde auf den Soldaten, der den jungen Mann niedergeschoffen hatte, eine Bombe geworfen; es war also ein Racheakt. Jetzt wurde eine Reihe von Salven abgefeucrt; alle, die sich zu diesen Stunden auf diesen Straßen befanden, wurden uiedergestreckt: alte Männer, Frauen, Kinder. Aber damit noch nicht genug; wie auf ein verabredetes Kommando wurde jetzt auf allen Straßen das Feuer eröffnet. Die vorbeiziehenden Patrouillen, unter Oberbefehl eines Schutzmannes, schossen auf die Balkone in die Fenster. Ein von seiner Abteilung losgelöster Soldat zog mit seinem geladenen Gewehr durch die Hauptstraßen der Stadt und streckte jeden nieder, der ihm in den Weg kam. Die Aerzte, die zu den Verwundeten eilten, taten es unter Lebensgefahr, denn es wurde niemand geschont. Ein Fall ist mir bekannt, wo ein Arzt, der einem Verwundeten Hilfe leisten wollte, von dem diensttuenden Offizier barsch zurückgewiesen wurde, er habe hier nichts zu suchen. Ein Knabe, der seinen verwundeten Vater ins Haus bringen wollte, teilte auf der Stelle das Schicksal seines Vaters. Der Leser wäre vielleicht zur Annahme geneigt, daß das Militär durch Angriffe seitens des Publikums zu diesem rücksichtslosen Vorgehen gezwungen gewesen wäre; aber nichts von alledem. Kein Schuß seitens der Bevölkerung, nicht der mindeste Versuch zur Gegenwehr. Eine förmliche Jagd war es auf wehrlose Menschen, eine Jagd, in der System lag, denn nur Juden waren es, auf die die Soldaten losgelaffen wurden. Zum Beweise diene folgende Tatsache: An einer Straßenecke unterhielt sich ein Soldat mit einem christlichen Dienstmädchen. Als der Soldat einen jüdischen Herrn herankommen sah, zielte er sofort auf ihn; das Mädchen, das den Herrn kannte, hielt den Soldaten von seinem Vorhaben zurück und sagte: „Schieß nicht, er ist kein Jude!" — und der Jude war gerettet. Bis zur späten Abendstunde ertönten noch Schüsse, man saß zu Hause, man kannte nicht den Umfang des angerichteten Unheils, man ahnte ihn nur. Am frühen Morgen schon herrschte ein reges Treiben auf den Straßen, man eilte ins jüdische Krankenhaus. Ein schreckliches Bild bot sich da: 28 Verwundete, meist schwer Verwundete, und 15 Tote! Die Zahl der letzteren wuchs von Stunde zu Stunde, immer wieder wurden neue herbeigeschafft, und um 2 Uhr lagen da bereits 34 Leichen. Außer diesen 34 Toten und 26 Verwundeten befanden sich im christlichen Krankenhaus 6 Verwundete und 6 Tote. Das sind aber noch lange nicht sämtliche Opfer, viele Verletzte werden in ihren Wohnungen behandelt. Nach ärztlichen Angaben ist die Zahl der Toten 4 5, diederVerwund e t e n 7 0, darunter nur einige Christen. Montag um 2 Uhr sollte die Beerdigung stattfinden; eine vieltausendköpfige Menge war vor dem Krankenhause versammelt — da erscheint ein Regiment Infanterie mit Musik, das Gewehr scharf geladen, mit Lazarettwagen, mit einem Wort: kampfbereit. Die Soldaten wurden auf den Straßen, die zum Friedhof führen, verteilt. Der Leichenzug sollte sich zwischen zwei Bajonettwänden bewegen; es war klar, daß der mindeste Zwischenfall, der bei der herrschenden Stimmung und Erbitterung sehr zu befürchten war, eine Wiederholung des blutigen Sonnabends, vielleicht in noch viel größerem Umfange zur Folge haben würde. Erst nach langen Unterhandlungen, und nachdem mehrere der Administration bekannte Bürger die Verantwortung für die Ordnung auf sich nahmen, zog sich das Militär zurück. Nun begann man die Leichen herbeizutragen, 34 Leichen auf Tragbahren mit schwarzem Tuch bedeckt; die Reihe der Bahren schien kein Ende nehmen zu wollen. Ernst, in bester Ordnung, bewegte sich der etwa 15.000 Köpfe zählende Zug zum Friedhvf. Es war schon späte Nachtstunde, als der letzte Hügel aufgeschüttet wurde.... Es unterliegt keinem'Zweifel, daß die Judemetzelei von langer Hand vorbereitet war, die Bombe war nicht die Ursache, sondern nur ein Vorwand. Schon seit langer Zeit war die Administration bestrebt, hier eine Judenhetze ä la Kischinew, Homel, Schitomir u. s. w. zu veranstalten. Glücklicherweise ist hier aber nicht der geeignete Boden dazu. Erstens ist die hiesige jüdische Bevölkerung, durch die traurigen Erfahrungen der letzten Zeit gewitzigt, zur Gegenwehr organisiert, und dann würden auch die Veranstalter eines „Pogroms" keine Unterstützung in der hiesigen christlichen Bevölkerung finden; deshalb blieb ihnen auch nichts übrig, als einen „militärischen Pagrom" zu veranstalten. Die jüdische Bevölkerung ist sehr niedergeschlagen; mit Schrecken denkt sie an die vergangenen Tage und mit Grauen an die kommenden, denn sie hat gar keine Gewähr dafür, daß das Blutbad von Sonnabend sich nicht wiederholen wird. Verschiedene Nachrichten. Wien. Anläßlich des 75. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers fanden in sämtlichen Synagogen der Kultusgemeinde, im türkischen Tempel, sowie in allen Vereinssynagogen feierliche Gottesdienste statt. Auch in allen Provinzgemeinden wurden aus diesem Anlässe Festgottesdienste abgehalten. Wien. (N eu e s B e t h a u s.) Der Tempelverein des XIII. Bezirkes, der erst seit einem Jahre besteht, eröffnet zu den hohen Feiertagen in der Penzingerstraße 132 ein neues Bethaus, welches aufs würdigste ausgestattet ist. Er gewann in Herrn Dr. B e r t i s ch einen gewandten Prediger, in den Herren Gotthold Friedländer und Salomon Lagodzinsky zwei begabte, künstlerisch ausgebildete Vorbeter. Die Tischlerarbeiten besorgte die Firma Brüder Popper. Alle sonstigen Arbeiten stanimen aus ersten Arbeitsstätten. Der Verkauf der Betsitze beginnt am 10. September. Vormerkungen nimmt schon jetzt der Vorstand: XIII/8, Auhof st raße 222, entgegen. Gewitsch. Am 18. d. M. fand in der hiesigen Synagoge anläßlich des 75. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers ein Festgottesdienst statt, dem außer den Ausschüssen der Kultus- und politischen Gemeinde, auch ein zahlreiches distinguiertes Publikum beiwohnte. Unser neu gewählter Oberkantor, Herr Armin W i l k o w i t s ch, intonierte in schöner und präziser Weise das Na toxvu-Gebet, worauf der gemischte Chor unter Leitung des Chormeisters, Herrn Kultusvorsteher N. Veith, den Psalm 21 exat zum Vortrag brachte. Nach der schwungvollen patriotischen Ansprache des Herrn Rabbiners Keßler schloß die Feier mit Absingung der Volkshymne durch den Chor. Gewitsch. Am 20. d. M. veranstaltete die hiesige deutsch-jüdische Studentenschaft anläßlich des 25jährigen Sterbetages des Komponisten Jagues Offenbach einen „bunten Theaterabend", der unserer deutschen Einwohnerschaft sehr genußreiche Stunden brachte. Nach überaus gelungenem Variete, ausgeführt von den wackeren Studenten, gelangte unter der trefflichen und vorzüglichen Leitung des Theaterkapellmeisters, Herrn Jules Gott lieb, und gefälliger Mitwirkung der Fräulein Rosa Bock, Helene G o t t l i e b und Herrn Th. H e r s ch, die Offenbachsche Operette „Die Zaubergeige" zur Aufführung. Nicht endenwollender Beifall belohnte sowohl die Darsteller wie auch den Herrn Kapellmeister für den dargebotenen Kunstgenuß. Auch dem verdienstvollen Komitee sei hier der wärmste Dank für das Zustandekommen dieses vergnügten Abends votiert. W—tsch. Mähr.-Ostrau. Freitag, den 18. August, fand im israelitischen Tempel anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers ein solenner Festgottesdienst statt. Lange vor Beginn desselben war der festlich beleuchtete Tempel von den Spitzen der hiesigen Behörden, den Vorstehern der Kultus gemeinde und Vereine und von einem großen distinguierten Publikum dicht gefüllt. Die Feier begann mit dem von Herrn Oberkantor L ö w y samt Chor und Orgelbegleitung herrlich vorgetragenen Na towu, wobei das Solo (Kantor) besonders schön zur Geltung kam. Eine formvollendete, von patriotischem Geiste durchglühte Festpredigt hielt Herr Rabbiner und Prediger Ehrwürden Dr. S p i r a. Nach Bortrag eines Psalmes mit Chor- und Orgelbegleitung wurde die Volkshymne gesungen, womit die wahrlich schöne Feier ihren Abschluß fand. Witkowitz. Im Tempel des hiesigen Bethausvereines fand anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers am 18. August, um 10 Uhr vormittags, ein Festgottesdienst statt, der in besonders würdiger Weise verlief. Zu demselben hatten sich eine Abordnung der hiesigen Veteranen und Feuerwehr und viele andere Festgäste eingefunden, die an der Pforte des Gotteshauses vom Vorsteher Herrn Langer empfangen wurden. Der seit 1. Juni l. I. hier angestellte Kantor. Herr Bochner, zeichnete sich durch Stimme und Vortrag besonders aus und auch der unter seiner Leitung stehende gemischte Chor leistete Vorzügliches. r. Troppau Die hiesige „Freie Schlesische Presse" schreibt: Am 17. d. M., abends Uhr, fand im hiesigen israelitischen Tempel ein Festgottesdienst anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers statt, an welchem Abordnungen der hiesigen k. k. Staatsbehörden und des hiesigen k. k. Offizierskorps, sowie eine große Anzahl Gemeindemitglieder mit ihrem Vorsteher, Landesschulrat Herrn Dr. Sonnenschein, teilnahmen. Herr Oberkäntor Singermann, unterstützt von einem verstärkten Damen- und Herrenchor und Orgelbegleitung, zelebrierte den Gottesdienst, der einen sehr würdigen und feierlichen Eindruck machte. Herr Rabbiner Dr. Blüh hielt die Festrede. Budapest. Fräulein Sarah Feld mann, die Tochter des gelehrten Rabbiners an der Rombachsynagoge Moses F e l d m a n n, hat sich mit Dr. Heinrich Urbach, Rabbiner in Dolnja-Tuzla verlobt. Der Bräutigam hat erst im Vorjahr die Landes-Rabbinerschule verlassen und

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