Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 33 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33. Die Wahrheit. Seite 5. das ist undankbar und trivial. Aber — den Antisemitismus rechtfertigen, namentlich als Jude oder ihn gar vertiefen und ihn zu einem hohen Problem zu erheben, das ist originell und einträglich. Und so fährt man auf dieser Bahn fort und ein Paradoxon löst das andere ab. In der Tat gedeihen auf diesem von Torheit und Böswilligkeit gedüngtem Boden die wundersamsten Pflanzen und man verlernt allmählich das Staunen. Manche Erscheinungen der letzten Zeit sind derart, daß man nicht weiß, ob man dabei lachen oder weinen soll. Eine solche tragikomische Episode war vor einigen Wochen der ins Wasser gefallene Plan des M i l l i o n e n f o n d s für Offiziere aus dem verarmten Adel. Die Idee war von köstlicher Naivität und sie würde einem Backfisch alle Ehre machen. Die deutschen Juden haben am Anfang des lichtvollen 20. Jahrhunderts und 50 Jahre nach ihrer Emanzipation es noch nicht dahin gebracht, daß ihre Söhne für würdig erklärt werden, das hohe Amt eines Reserveoffiziers zu bekleiden. Natürlich kommt bei der bekannten Vorurteilslosigkeit des deutschen Offizierkorps nur die militärische Fähigkeit in Betracht, und diese fehlt eben, so lange die Kandidaten keinen Taufschein haben. Nun mutete man diesen Juden, deren Söhne nicht einmal Reserveoffiziere werden können, die hohe Ehre zu, die Schulden der adligen Offiziere zu bezahlen, damit sie dann umso fröhlicher über die gewöhnlichen Bürger und vor allem über die Juden höhnen können. Das war etwas, das sogar einen Hypochonder zum Lachen bringen könnte. Das einzige ernste und erfreuliche Moment dabei war, daß die reichen deutschrn Juden dieses Mal mehr Rückgrat zeigten und die Zumutung der schlesischen Durchlaucht ironisch ablehnten. Sie hatten wohl vor Jahren für die Stadtmisfion des Herrn Stöcker hohe Summen hergegeben, für adlige Offiziere aber scheinen sie nur dann Geld übrig zu haben, wenn diese „Auserwählten der Nation" zu gleicher Zeit ihre Töchter mit in den Kauf nehmen. Nun wird natürlich dieses Tema in der Presse je nach der politischen Farbe verschieden behandelt. Es werden die tollsten Betrachtungen daran geknüpft und es wird bald ein Leitartkel-Millionenfonds daraus. Eine Betrachtung im „Freien Wort", die jüngst in diesen Blättern kurz wiedergegeben war, hat mich besonders interessiert, weil sie von liberaler Seite ausgeht, sich ganz vernünftig anhört und doch durch und durch paradox ist. Es ist eben das Wesen des Paradoxen, daß es der Vernunft so nahe kommt und doch falsch ist. Darin besteht fein Reiz, aber auch seine Gefahr. Der Verfasser witzelt über den Millionenfonds und meint dann ganz ernst, daß die antisemitische Bewegung den Juden zum Vorteil gereichte und daß sie ihr eigentlich Dankopfer zu bringen verpflichtet wären, da sie ihr ihre wirtschaftlichen Erfolge verdanken. Dieses neue Dogma wird mit folgenden Argumenten sanktioniert: „Indem man es den Juden unmöglich machte, ihre Söhne im Staatsdienste unterzubringen, waren sie fortdauernd genötigt, sie dem Handel und der Industrie zuzuführen. Das mußte zu ihrem Heil äusschlagen, weil sie den riesigen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten vierzig Jahre voll ausnutzen und so Reichtümer sammeln konnten, auf denen heute ihre Machtstellung beruht." Das ist mehr neu als wahr. Es dürfte sogar schwer fallen, so viele Schiefheiten in so wenigen Zeilen zusammen zu fassen. Zunächst spielen die Juden in Deutschland in der Industrie keine große Rolle. Daß sie im Handel viel bedeuten, das hat tiefere Ursachen. Sie waren Jahrhunderte lediglich auf den Handel angewiesen, man drängte sie auf dieses Gebiet und sie bemächtigten sich seiner mit der ganzen Energie und Klugheit ihrer Rasse. Was das mit dem Staatsdienste zu tun haben soll, ist einfach unverständlich. Diejenigen Männer, welche Neigung für den Staatsdienst hatten, sind wohl Gelehrte, Politiker und Schriftsteller, aber kaum Kaufleute geworden. In Baden, wo schon vor 40 Jahren ein Jude Finanzminister werden konnte, haben die Juden den wirtschaftlichen Aufschwung der Zeit in nicht geringerem Maße mitgemacht als im stockreaktionären Preußen. Ein wirtschaftlicher Aufschwung bedingt freie Entfaltung und Freude am Vaterlande. Je größer die Freiheit ist, ein desto besserer Boden ist für den wirtschaftlichen Fortschritt vorhanden. Der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland wäre ein noch viel größerer, wenn hier nicht alles militärisch und bureaukratisch zugeschnitten wäre und wenn der Kaufmann hier gesellschaftlich und staatlich mehr bedeuten würde. Und nun gar von einer Machtstelluug der Juden zu sprechen, das ist nicht mehr paradox, das ist komisch. Soll sich etwa darin ihre Machtstellung zeigen, daß sie nicht einmal Reserveoffiziere werden können, daß sie in den norddeutschen Staaten tatsächlich Bürger zweiter Klasse sind? Machtstellung? Ein Schutzmann bedeutet in Berlin für die Regierung mehr, als ein jüdischer Kommerzienrat. Eine Machtstellung, die mehr Pflichten und weniger Rechte hat. mag ethisch sehr schön sein, im Leben aber nimmt sie sich kläglich aus. (Schluß folgt.) Einst und fetzt. Wir hören überall Klage führen, daß unsere Religion in Dekadenz begriffen ist, daß die Hüter und Wächter der jüdischen Religion sich wenig kümmern, um die Mauern auszubessern, die im Laufe der Zeiten morsch geworden sind und endlich ganz einzustürzen drohen; darum erregt es Verwunderung, daß so viele in unserer Mitte aus Gleichgiltigkeit und Unverstand fahnenflüchtig werden, daß sie das väterliche Erbe um ein unbedeutendes Linsengericht hingeben, daß das weitberühmte jüdische Familienleben, der oft beneidete Familiensinn geschwunden ist, daß die Gottesflamme am eigenen Herde zu erlöschen droht, weil man nach „fremdem Feuer" langt, das weder Wärme noch Licht zu verbreiten imstande ist. Und doch könnte die jüdische Geschickne, die so viel Leid und Not ausgezeichnet, welche über Israel ob seiner Lässigkeit im Glauben hereingebrochen, uns belehren, daß die Glaubensstärke allein uns Festigkeit und Dauer verliehen, daß die Gotteslehre allein uns Mut und Ausdauer gegeben haben, den zahllosen Widerwärtigkeiten standzuhalten. R. Salamo Alami, in seinen Sittenschilderungendes XV. Jahrhunderts, führt uns ein trauriges Bild in markanten Zügen vor, das den Verfall der spanischen Juden nach sich gezogen hat. Hievon könnten wir gar viel lernen, wenn wir noch ein offenes Auge hätten, einen regen Sinn für Glauben und Sittenreinheit. Die Verachtung und Gehässigkeit hatte unsere Brüder nicht abgehalten — ebenso wie im jetzigen Zeitalter — fremde Pflanzen zu pflegen und großzuziehen, anstatt die eigenen zu warten und zur Blüte zu bringen. „Aerger und bitterer ist es, bei diesem verachteten Geschlechte," so klagt Alami, „daß unter meinem Volke gar böse Füchse vorhanden sind, die den Weinberg der heiligen Lehre vernichten. Und wenn ein Jude aus den griechischen Schriften einige Kapitel gelesen, überhäuft er Mit Spott und Hohn die göttlichen Gebote und die Tradition, anders wie die christlichen Völker, welche die Gesetze ihrer Religion genau einhalten und darum auch ein gesitteteres Leben führen, als die Juden." Es ist also nichts Neues unter der Sonne, auch unsere Juden, die dem Zeitgeiste zu huldigen wähnen, wenn sie von der Kultur beleckt werden, wissen nichts besseres zu tun, als über die eigene Religion die Lauge des Spottes zu gießen; „ihre Frauen und Töchter lleiden sich in Gold und Silber und Perlen, gleich Fürstinnen", ähnlich den unserigen, die den Neid der übrigen Völker erregen durch den Prunk, welchen sie bei allen Gelegenheiten entfalten, anstatt im eigenen Haufe die Zierde durch regen Familiensinn und Gottergebenheit zu festigen. „Sie lieben die Trägheit und den Stolz und darum beneiden sie eine die andere." Auch unsere Frauen vernachlässigen die häusliche Arbeit und besuchen öffentliche Lokale, um mit neidischen Blicken und böser Zunge über die jüdischen Schwestern loszuziehen. „Wenn in den Gotteshäusern," so fährt er fort, „der gelehrte Rabbiner die Gottesgesetze erklärt, ergibt sich ein Teil der Anwesenden dem Schlafe, ein anderer spricht von unnützen Dingen; anders die Christen, die mit voller Aufmerksamkeit auf die Worte ihres Predigers lauschen." Und ist es etwa bei uns Juden jetzt anders? Wenn die Neugierde sie schon ins Gotteshaus treibt, wird dort mehr geplappert als gebetet; die Predigt, wenn sie zuweilen mit Geistesraketen gewürzt ist, erregt bei dem Einen Lachen, bei dem Andern einen