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Die Wahrheit · 1905-08-25 · Heft 33 (25.8.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 33 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 33. Und das schreibt, ohne zu erröten, das offizielle Organ der christlich-sozialen Partei, jener Partei, die tagtäglich ihren Namen schändet, da sie sowohl dem Geiste des Christentums als dem der sozialen Gerechtigkeit Hohn spricht. # * * Der russische Czar hat seinem Reiche eine Pseudo-Verfaffung gegeben. Die große Masse des Volkes' wird wohl wenig von diesen konstitutionellen Errungenschaften haben, am wenigsten die russischen Juden. Aber selbst dieses Wenige ist den Antisemiten zu viel. So schreibt das „Deutsche Volksblatt" mit merklichem Bedauern: Dem Artikel 104, Z 12, des Projektes des Ministers des Innern Bulygin zufolge würden die Juden „an den Wahlen zur Reichsduma keinen Teil haben, bis die Gesetze über die Juden durchgesehen sind". Der Ministerrat stellre sich zu dieser Frage anders. Im für die „außerordentliche Konferenz" in Peterhof ansgearbeiteten und die Motive zur Umarbeitung des Bnlyginschen Projektes darlegeuden „Memorial" des Ministerrates heißt es, wie folgt: „Der Vorschlag der Nichtzulassung der Juden zu den Wahlen, bevor die Gesetze über die Juden durchgesehen worden sind, rollt der Meinung des Rates (Ministerrates) zufolge eine Frage auf, die zu ernsten Bedenken Anlaß gibt. Bekanntlich dauert die Durchsicht der verschiedenen Punkte der jüdischen Frage bald ein Jahrhundert. Wann der Zeitpunkt kommt, die Frage zweckentsprechend zu lösen, ist unmöglich vorauszusagen. Deshalb ist die Berufung auf diesen Umstand bei einem Akte von so großer Wichtigkeit, wie sie das Manifest über die Bildung der Reichsduma ist, wegen ihrer Uilbestimintheit der Bedeutung der Akte nicht entsprechend und kann Anlaß geben zu Anklagen gegen die Regierung in der Art, daß der Regierung die Entschlossenheit fehle, klar die von ihr beschlossene ablehnende Haltung in dieser Frage auszusprechen. Andererseits muß man nicht vergessen, daß die Fernhaltnng der Juden von der direkten Teilnahme an den Wahlen durchaus nicht die Wahlen in die Reichsduma von ihrem indirekten Einflüsse sichern wird. Diesen werden sie immer mit Hilfe ihrer christlichen Parteigänger ausüben können. Uebrigens, was wird die Gewährung dieses Rechtes an die Juden nach sich ziehen? Durch den von Bulygin vorgeschlagenen Wahlzensus wird von der Teilnahme an den Wahlen faktisch die Hauptmasse der Juden — ihr Proletariat — serngehalten. In die Duma kommen vielleicht einige Juden, doch diese werden wohl kaum auf die Meinung der 400 bis 500 Abgeordneten emwirken können. Unter diesen Umständen verspricht die geplante Fernhaltung der Juden keine nützlichen Resultate und niuß daher abgelehnt werden." Ueber diese „einige Juden" kann man sich ein Bild machen, wenn man die Zahl der Wahlmänner in vielen Gouvernements und ihre Verteilung betrachtet. Nimmt man auch an, daß die Banernwähler den Inden keine einzige Stimme geben werden, so ist es zweifellos, daß bei der völligen Abhängigkeit der Gutsbesitzer dieser Gouvernements von den Juden und dem rein jüdischen Charakter der Städte dieser Gouvernements den Juden die erdrückende Majorität gesichert ist. Aus diesen Gouvernements kommt außer den Inden und den den Juden offen ergebenen polnischen Gutsbesitzern niemand in die Reichsduma. Wenn man ferner bedenkt, daß die jüdischen Delegierten auch unter den 400 bis 500 anderen Delegierten genug Gesinnungsgenossen finden werden, so versteht man nicht, was das „Nichteinwirkenkönnen" bedeutet. Trotz des unzweifelhaften Entgegenkommens, das in den Beschlüßen des Ministerrates gegenüber den Juden unzweifelhaft bewiesen wird, werden dieselben mit der zu schaffenden Volksvertretung natürlich nicht einverstanden sein, denn sie sind ja dafür bekannt, daß sie, wenn man ihnen nur erst den kleinen Finger gereicht hat, gleich die ganze Hand fordern. * * Die jüdischen Finanziers in Amerika, an welche sich Rußland wegen einer Geldanleihe wandte, scheinen den Versprechungen, die Witte bezüglich der Besserung der Judenfrage gab, wenig zu trauen. Diesbezüglich meldet das Laffan-Bureau aus Portsmouth folgendes: „Lange dauerte die Besprechung, welche die Bankiers Strauß, Seligmann, Levisohn, Schiff und Krauß in Sachen ihrer russischen Glaubensgenossen jüngst mit Minister Witte hatten, der dabei von Baron Rosen und dem Finanzattachee Wilenkin begleitet war. Die Zeitungskorrespondenten, die Witte nach der Unterredung aufsuchten, fanden ihn stark heiser. Er hatte zwei Stunden lang den jüdischen Bankiers seine Haltung in der Judenfrage und die Schwierigkeit, etwas für die russischen Juden zu tun, erklärt. Wittes jüdische Gäste erklärten nach der Konferenz auf Befragen, der Zweck ihres Besuches sei die Emanzipation der russischen Juden, die jetzt eine internationale Frage geworden sei. Für den Fall, daß diese Frage nicht bald in zufriedenstellender Weise erledigt würde, bestehe bei den Amerikanern eine starke Neigung, ihre ständigen Beziehungen zu Rußland entsprechend zu gestalten, und wenn Witte freundschaftliche Beziehungen zwischen beiden Nationen wünsche, müsse er erst den internationalen Anstoß, den die Judenfrage bilde, dauernd beseitigen. Amerika habe bereits wegen der Metzeleien in Kischenew und Schitomir und wegen der Ausnahmsgesetze gegen die Juden es abgelehnt, Rußland Geld zu leihen. Witte legte ausführlich die Gründe dar, die ihn hinderten, die Emanzipation der Juden gleichzeitig mit der Besserstellung der Sektierer und Andersgläubigen zu Ostern dieses Jahres durchzusetzen. Die Behörden, sagte er, würden keine derartige Reform dnrchgeführt haben, und ein Versuch hätte nur eine noch stärkere Gegenströmung hervorgerufen. Deshalb habe er die ganze Frage der Volksvertretung überlassen, die noch in diesem Jahre einbernfen werden würde." Jedenfalls zeigen die jüdischen Finanziers in Amerika einen steiferen Nacken und besseres Herz für ihre Glaubensgenossen als ihre Kollegen in Europa. Der „Untzen" des Antisemitismus. Ich glaube Oskar Wilde ist es, der in seiner herzerschütternden Seelenoffenbarung aus dem Zuchthanse den Gedanken flüchtig berührt, daß das Paradoxe auf geistigem Gebiete dem Perversen im Sinnesleben entspricht. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, dann findet man, daß beide Verirrungen innig mit einander verschmolzen sind. Wie das Perverse eine Verzerrung des Naturtriebes darstellt, so ist das Paradoxe eine Verrenkung des logischen Denkens. Wie die Perversität auf ungesunder Beanlagung und auf Uebersättigung beruhen kann, so ist auch das Paradoxe entweder die Ausströmung eines sprunghaften, unharmonischen Geistes, oder auch die gesuchte Manier eines geistig Blasierten. Und beide bilden heute eine große Anziehungskraft, weil die überreizten Naturen, an denen unser nervöses Zeitalter so reich ist, stets nach neuen Reizmitteln und nach immer stärkeren Pikanterien haschen. Im Romane sucht man heute häufig das Pikante, im Essai das Paradoxe. Was bliebe an einem großen Teile unserer übermodernen Literatur, wenn man ihm diesen Reiz nehmen würde? Jede Mode wird nachgemacht, das ist im geistigen Leben nicht anders wie im äußeren. Das literarische Gigerltum ist heute eine nicht mehr seltene Erscheinung. Das Paradoxe ist modern und kann auch die geistige Leere verhüllen, warum also soll es keine Nachahmer finden? Kann man nicht durch den Inhalt imponieren, so will man wenigstens durch die Form auffallen. Viele unserer neuen Schriftsteller sind daher bemüht, sich vor allem eine besondere Manier auszubilden, ein eigenes patentiertes Verfahren, mit dem sie im schweren Konkurrenzkämpfe zu glänzen suchen. So trägt in einer Zeit, wo über den alten Zopf so sehr gespottet wird, jeder seinen natürlichen oder künstlichen Zopf, nur freilich modern frisiert und zugestutzt. Die Furcht vor dem Trivialen und die Sucht, originell zu sein, muß eben zur Unnatur führen. Auf keinem Gebiete aber hat sich die Paradoxie so breit gemacht wie auf dem der Judenfrage. Das ist begreiflich. Die ganze Judenfrage ist eben das schreiendste Paradoxon unserer Zeit, und wo die breite Straße der Vernunft in Vergessenheit geraten ist, da ist es besonders leicht, neue Irrwege zu schaffen. Wer aber mit aller Gewalt neue Bahnen schaffen will, der wird oft auf Dornen und Steine stoßen oder in den Sumpf geraten. Es ließe sich ja nichts dagegen sagen, wenn man den Antisemitismus von der heiteren Seite anfassen würde. Die lachende Philosophie ist noch die erträglichste, und man kann oft den Widerwärtigkeiten des Lebens nur mit Humor beikommen. Wenn man aber mit ernster Miene die absurdesten Behauptungen über eine tief ins Leben einschneidende Frage aufstellt, dann hört die Sache auf, harmlos zu sein. Es ist fast unglaublich, was iu den letzten Jahren auf diesem Gebiete geleistet worden ist. Schriftsteller jüdischen Stammes — ich erinnere nur an Harden, Rathenau und Meininger — gaben ein derart verzerrtes Bild vom jüdischen Wesen, daß nicht nur Christen, sondern auch oft jüdische Laien selbst daran irre wurden. Und mit jedem Tage tauchen hier neue Ideen und neue „Lösungen" auf. Jeder versucht seinen Witz daran und experimentiert, um eine neue Methode zu finden. Den Antisemitismus als geistige und sittliche Verirrung bekämpfen? Nein,

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