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Die Wahrheit · 1905-08-25 · Heft 33 (25.8.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 33 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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»ieboftiou h. aibmtiiiftvatiou: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Tclcphvu Nr. der Druckerei 15302. HuJ'cvatc 20 He», per Noiivureille-^eiie. SlbouuemculSu. Juseilious» beträge fiitb iit Wie» znhlbar uub klagbar. Unabhängige Heitschnst für jübische Jniere§en^ Erscheint jeden Jreitag. Uoiio: ,fl)as LieZel Gottes ist Wahrheit!“ Verugsp^ei»:! Äauzjälirig ... ft. 12.— | öuldjährig ... ft. 6.— Ij j | Für (Sultusbeumtf: jl jj Äauzjahrig . . . ft. lü—1|!{ Für Ausland: jj Jj ^auzjalnig ...» Mark.jj |! 6!)(nbei oder lt> Fcs j li_ il |tv. 33. Wien, 35. August 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Der „Nutzen" des Antisemitismus. — Einst und jetzt. — Die Schreckenstage von Bialyftok. — Berschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Briefe eines Unglücklichen. — Scheliach Zibur. Ans der Woche. In der gegenwärtigen trüben Zeit, da die Apostel des Rassenhasses und der konfessionellen Verhetzung in Oesterreich und besonders in der Residenzstadt Wien leider noch immer so viele verblendete und betörte Anhänger finden, mag es uns Juden mit doppelter Freude und Beruhigung erfüllen, daß in den letzten Tagen zweien Männern jüdischen Glaubens von allerhöchster Stelle überaus auszeichnende Beweise der kaiserlichen Huld und Anerkennung für ihr hervorragendes öffentliches Wirken zuteil wurden. Bei dem jüngsten Pairsschub ist der Präsident der Reichenberger Handelskammer, Herr Alois Neum a n n, einer der angesehensten Industriellen Oesterreichs, der die heimische Industrie mannigfach gefördert und bei der Vorbereitung des Zolltarifes und der Handelsverträge hervorragend mitgewirkt hat, ins Herrenhaus berufen worden; und wenige Tage nachher wurde dem Gouverneur-Stellvertreter der österreichischen Bodenkreditanstalt, Herrn Theodor Ritter v. T a ußi g. der nicht nur die unter seiner Leitung stehenden Finanz- und Verkehrsinstitnte zu hoher Blüte gebracht, sondern sich auch um die gesamte Volkswirtschaft und die staatlichen Jttteressen vielfache Verdienste erworben hat, das Großkreuz des Franz Josefs- Ordens verliehen. Von allen Blättern wird betont, daß diese seltene Auszeichnung die höchste ist, die bisher in der Wirkungssphäre des Herrn Ritter von Tanßig überhaupt vergeben wurde. Zur Bewertung der Persönlichkeit des letzteren sei auch darauf verwiesen, daß Herr v. Tanßig trotz seiner fast aufreibenden Berufstätigkeit sich der Pflichten gegenüber seinen Glaubensgenossen nicht entzieht, sondern sich auch als Vertreter der Wiener Kultusgemeinde mit der ihm eigenen Energie hervorragend an der Verwaltung dieses großen jüdischen Gemeinwesens beteiligt. Beide Auszeichnungen, so bedeutsam sie an sich sind, mögen Jenen, die ihre Karriere nur durch den Abfall vom Judentum sichern zu können glauben, als beredtes Zeugnis dafür dienen, daß wahres Verdienst auch ohne charakterlose Fahnenflucht vom angestammten Glauben an maßgebender Stelle Würdigung und Anerkennung findet. * * * . . Mehrere Blätter haben jüngst über eine höchst beachtenswerte Enunziation des Oberhauptes der Christenheit berichtet. Der Papst hat den außerordentlichen Gesandten des Präsidenten der Republik Haiti am Hofe des Kaisers Melenik, Herrn Dr. Kenito S y l v a i n, der sich „die soziale Erhebung der Schwarzen" zur Aufgabe gestellt hat, wiederholt empfangen und in einem durch den Kardinal M e r r y d e l Val an ihn gerichteten Schreiben ausdrücklich erklärt, daß er das „ungerechte und törichte Vorurteil gege.n eine Rasse" verurteile, da dieses sowohl dem Geiste der christlichen Liebe als auch der Gerechtigkeit zuwiderlaufe. Jene pflichtvergessenen Hetzer, die den gläubigen Katholiken gerne einreden möchten, daß die christliche Nächstenliebe hauptsächlich darin bestehe, die Juden zu hassen und zu verfolgen, könnten aus diesem Schreiben des Papstes eine heilsame Lehre ziehen, aber angesichts der Tatsache, daß antisemitische Hetzpsarrer und Hetzkapläne und ihre Getreuen vom Anhänge Luegers sich oft schon verwegen gegen Päpste und Kirchenfürsten wandten, wenn diese Toleranz gegen die Juden forderten, ist kaum zu erwarten, daß selbst das Wort des Papstes diesen Biedermaiern als heilig gilt, falls es der Erreichung ihrer dunklen Zwecke hinderlich tst. ■i* Die Herren Antisemiten in Wien scheinen ihre ganze Nächstenliebe — vielleicht besteht da irgend eine bisher wissenschaftlich noch nicht begründete Wahlverwandtschaft — dem „lieben Vieh" zuzuwenden und darum kann auch das „Deutsche Volksblatt" seinen Aerger nicht darüber verwinden, daß das Ministerium des Innern den Rekurs der Gemeinde Wien gegen die in Angelegenheit des Schächtverbotes von der niederösterr. Statthalterei erlassene Entscheidung abgewiesen und „sich gleichfalls für die Beibehaltung der jüdischen Tierfolter — des Schächtens" — entschieden hat. * * * In Ungarn nimmt der Kampf der Koalitionsparteien gegen die Regierung immer exzessivere Formen an. Jeder aufrichtige Freund der Neichseinheit wird diese traurige Erscheinung gewiß bedauern, aber überaus komisch wirkt es, wenn das Wiener Antisemitenorgan nur aus dem Grunde, weil Lmch ungarische Juden Anhänger der Koalition sind, der ..Katholischen Volkspartei" ordentlich den Text liest. In einer der letzten Nummern des „Deutschen Volksblatt" lesen wir Folgendes: „Zur Komplettierung des Hausgesindes des echten Magnatentums gehören einige Juden, ein Kaplan und ein Advokat. An die Knöpfe der Attilas biefer vier Parteiführer hat sich die Katholische Volkspartei angehängt. Bon vornherein ist es ein arger Mißgriff, wenn eine parlamentarische Gruppe den Dogmanamen irgend eines Glaubensbekenntnisses als Ausdruck des Parteiprogrammes wählt. Dieser Mißgriff führt bei der Katholischen Volkspartei in Ungarn zur Profanierung der katholischen Religion, wenn man die politischen Bocksprünge ihrer Mitglieder ins Auge faßt. Eine politische Partei darf ab und zu Dummheiten machen, sie darf sich dann und wann sogar lächerlich machen, aber nie und niemals darf sie sich mit ihrem Namen in Widerspruch setzen. Und die Katholische Bolkspartei in Ungarn läßt durch ihr Verhalten den alten Gassenhauer nicht tot werden: „Stumpfsinn! Stumpfsinn, 0 welch Vergnügen", sie setzt sich dem Gespötte des unparteiischen Zuschauers aus und schändet ihren Namen tagtäglich."

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