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Die Wahrheit · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 32. — viele Gegner zu verzeichnen. Diese Regel wurde von den besseren Chasanim der alten Neima prinzipiell anerkannt, das „Wörterverteutschen" war auch bei ihnen der höchste Preis der Sänger, nur unterscheiden sie sich von dem Sulzerismus iu der Art und Auffassung der Interpretation. Während der Sulzerismus die Forderung einer syllabischen, oder höchstens einer wörtlichen Interpretation stellt, betrachteten die alten Koryphäen der Neima und Improvisation eine solche Auffassung als zu eng und zu armselig. Ihr Streben ging nach einer universalen Interpretation^ nach einem vielfältigen Kommentar des Ganzen, um dadurch ihrer musikalischen Phantasie freien Raum zu gewähren und nicht in jedem Worte einem Hindernisse der heiligen Inspiration zu begegnen. Der Kontrast dieser beiden Auffassungen besteht darin, daß während die Syllabisten sklavisch mit der Interpretation des einfachen Sinnes jedes Wortes sich begnügen müssen, stiegen die Universalisten in ihrem Gesangs-Kommentar zum Symbolismus, zur Allegorie, zur vielfachen Tiefsinnigkeit des ganzen umfangreichen Inhalts. (Fortsetzung folgt). Uerschiedene Nachrichten. Wien. Anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers findet Freitag, den 18. August 1905 um 6% Uhr abends ein Festgottesdienst mit Predigt im Tempel, XV., Turnergasse 22. statt. Wien. In der Synagoge, IL, Müllnergasse 21, findet zur Feier des 75. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers Freitag, den 18. August, abends 1/27 Uhr ein Festgotcesdienst statr. Wien. (C h e w r a Kadcscha.) Allmählig entwickelt sich die Wiener Chewra-Kadischa (I.. Seitenstettengafie 4) zu einer modern geleiteten Wohlsahrtsinstitution, die namentlich auf dem Gebiete der Armen- und Krankenunterstützung eine in der großen Oeffentlichkeit wohl weniger bekannte, aber umso intensivere Tätigkeit entfaltet. Im abgelaufenen ersten Semester wurden seitens der Chewra-Kadischa an Kurbeiträgen und Unterstützungen K 21.196 — bewilligt. Weiters wurden 504 Parteien orthopädische und medizinische Behelfe (künstliche Füße, Stützapparate, Stützmieder, Bandagen, Augengläser rc.) und 10.240 Medikamente auf Rechnung der Chewra-Kadischa verabfolgt. Diese knappen Ziffern zeigen fürwahr eine beachtenswerte Tätigkeit, die umsomehr die Unterstützung unserer wohlhabenden Wiener Glaubensgenossen verdient, als ja, wie bekannt, die Ueberschüsse aus dem Beerdigungswesen nicht mehr wie früher der Chewra-Kadischa zugute kommen. Böslau. Seit Jahren besteht hier wohl schon ein Tempelverein, doch mußten die jüdischen Kurgäste, die auch die Herbstfeiertage in unserem herrlichen Kurorte verbringen wollten, sich bisher mit einem improvisierten Bethause in einem Restaurationslokale begnügen. Dank der rührigen Tätigkeit des an der Spitze des Vereines stehenden Herrn I. Witrofsky ans Wien ist es nun gelungen, eine Villa zu einem ständigen Bethause zu adaptieren und eine schöne und würdige Andachtsstätte hier zu schaffen. Unter den Bielen, die diesem heiligen Unternehmen ihre Förderung und Unterstützung angedeihen ließen, seien besonders zwei Personen genannt, es sind dies Frau Rosa Marmorek aus Wien, welche die vor Jahren durch ihren seligen Gatten um 500 fl. angekausten Bänke des alten türkischen Tempels in Wien für das Gotteshaus in Vöslau spendete, und der Böslauer Bürgermeister Herr Reiter, der aus der Gemeindekasse eine jährliche Subvention von K 100 bewilligte und außerdem die Einleitung des elektrischen Lichtes unentgeltlich besorgen läßt. Oderfurt. Am 12. August l. I., am hat der vom hiesigen Tempelvereine akzeptierte Kantor, Herr Bernhard I l m e r, Schwiegersohn des Kantors Smotritzky in Wien, seinen Posten angetreten. Am Vorabende hatten sich in dem festlich beleuchteten, schmucken Gotteshause der Gesamtvorstand des Vereines und ein zahlreiches Publikum eingefunden. Herr Kantor I l m e r hat bei diesem Gottesdienste, sowie beim durch seine herrliche, klangvolle, umfangreiche Stimme, durch seine melodiösen Borträge nnd durch seine verständnisvolle Rezitation alle Zuhörer gefeffelt und allgemeines Lob geerntet. In Anbetracht dieser vorzüglichen Leistungen ans seinem ersten Posten ist zu erwarten, daß Herr Kantor B. I l m e r voraussichtlich einer großen Zukunft entgegengeht. Auch der gemischte, neugebildete Tempelchor, unter Leitung des' Herrn Ingenieur L. Po mp an, erntete verdienten Beifall. Budapest. Ein hiesiges jüdisches Blatt fordert die beiden neugewählten Rabbiner auf, u. a. für die jüdischen Mädchen eine „Anti- Taufegelöbnis" einzuführen. Die Töchter der Gemeindemitglieder sollten — so lautet die Anregung — bei Beendigung ihrer Schulstudien gelegentlich einer eigens zu diesem Zwecke in der Synagoge zu veranstaltenden Feierlichkeit das Gelöbnis leisten, sie werden nie unter keinen Umständen der jüdischen Religion untreu werden. Totis. Dienstag, den 22. August, 1/25 Uhr nachmittags findet im hiesigen Tempel die Trauung des.Herrn Oberkantor Jsak Freud es aus Virovitica mit Fräulein Aranka Händler, Tochter unseres ehrwürdigen Herrn Rabbiners M. Händler, statt. Brüssel. Am 2. d. M. ist hier Professor Leo Errera, der bedeutendste Botaniker Belgiens, im Alter von 47 Jahren infolge eines Schlaganfalls-gestorben. Mit ihm verliert die botanische Wissenschaft einerr. ihrer Hauptgelehrten. Für unsere unterdrückten Brüdnr in Rußland ist er öfters in Wort und Schrift energisch eingetreten. Ehre seinem Andenken!' Brüssel (D ie G attin d es Ministers W itte.) Die Gattin des Herrn Witte ist, bekanntlich in Cherbourg von ihm gegangen und hat sich zu Verwandten nach Brüssel begeben, wo sie sehr eingezogen lebtt- Den Grund dafür scheint uns ein New-Iorker Korrespondent anzugeben, der folgendermaßen schreibt: Frau Witte ist eine geistreiche Jüdin, und deshalb hat sie der Minister nicht mitgcnommen. Sie selbst wollte gern mit in die neue Welt, aber ihr Gemahl hat sie zum Zurückbleiben veranlaßt. Dadurch wurde eigentlich zum ersten Male die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die Ehe des russischen Staatsmannes gelenkt, die zwar eine glückliche ist, dem Mann aber viele Unannehmlichkeiten in seiner Carriöre gemacht und viele gesellschaftliche Zurücksetzungen gebracht hat. Daß die- Jüdin in Rußland keinem freundlichen Entgegenkommen begegnet, ist ja aus den Judenverfolgungen zur Genüge bekannt. Dazu kam noch erschwerend hinzu, daß sie in erster Ehe mit einem Unterbeamten des Herrn Witte vermählt gewesen war und sich von diesem hatte scheiden lassen, um die Heirat mit dem damals schon hochstehenden Mann eingehen zu können. Es wareine Liebesheirat, bei der der Gemahl sich wohlfühlt, da sie geistreich und hochgebildet ist. Aber verkehren tut bei ihr nur die Lauts Finance, und Wittes Gegner haben schon hin und wieder behauptet, er lasse sich von. den Freunden seiner Frau zu Börsen-Coups aushorchen. Dieses Gerede nahm eine solche Ausdehnung an, daß der gewissenhafte Witte selbst eine Untersuchung gegen sich beantragte, die die völlige Haltlosigkeit des Geschwätzes ergab. Aber trotzdem und obgleich ihr Mann zeitweilig der nächste am Zaren war, ist die Gattin als geborene Jüdin nie am Hose zugelassen worden, und auf dieses Verhältnis ist auch wohl hier und da eine „Kaltstellung" Wittes zurückzuführen. Zwar sind am Hofe auch sonst noch Beamte, deren Frauen nicht hoffähig sind, und das ist durchaus nicht bloß in Rußland der Fall, vielmehr ist man darin an den. kleinen deutschen Höfen viel „engherziger", aber hier war dcr Mann iit: der höchsten. Stellung, und seine Gemahlin blieb die Jüdin. Sie stand geradezu unter dem Boykott, das hat auch ein Mitglied der allerhöchsten Petersburger Adelsgesellschaft erfahren müssen. Der vor einiger Zeit ermordete Minister des Innern Ssipjagin stieß in der gesamten Aristokratie damit an, daß er seinem besten Freunde Witte nach seiner Hochzeit milder Fürstin Vyssemska einen Antritts-Besuch machte, um ihm und ausgesprochenermaßen auch seiner Frau die Neuvermählte vorzustellen. Daswar ein „grober Verstoß" gegen den „Heiligen Geist der guten Sitte," ein Schlag ins Gesicht der besten Gesellschaft der Zarenstadt, die höfisch bis in die Knochen ist. Es hat zwar dem harmlos vertrauenden Ssipjagin beim Zaren nicht dauernd den „Hals gebrochen", er ist, wie erwähnt, später doch Minister geworden, und dabei einem Meuchelmörder: zum Opfer gefallen. So der Zar, die Zarin aber, die doch eine deutsche Fürstentochter ist, hatte von ihrem englischen Blute noch so viel Gefühl für „shocking“ in sich, daß sie ihrerseits dem „Herrn" Minister des Jnnern ihre tiefgefühlte Mißbilligung über diesen seinen unüberlegten Schritt in einer so verletzenden Weise aussprechen ließ, daß der gesamte Kreis der Höflinge noch Monate lang einen pikanten Gesprächsstoff daran hatte." Das Wittesche Paar hängt mit großer Liebe an seiner jetzt mit in Brüssel weilenden Tochter, die übrigens an einen Naryschkin, einen hohen Moskauer Adeligen, vermählt ist, aus dessen Hause auch bereits einige Zarinnen entstammten, worunter auch die Mutter von Peter dem. Großen! — also keine ganz „üble" Verwandtschaft! London. Der „Times"-Korrespondent in Portsmouth meldet: Die Anwesenheit der Finanzmagnaten Strauß, vormals Botschafter in l Konstantinopel, Schiff und S e l i g m a n n, führt naturgemäß zu Gej rüchten von Anleihen, aber davon ist gar keine Rede. Die genannten! Bankcers kommen nicht als solche, sondern als Juden, um einem intelli-! genten, liberalen russischen Staatsmann ihre Ansichten vorzutragen. Herr Schiff gibt folgendes bekannt: Em freier Meinungsaustausch hat stattgefunden. Mit einiger Offenheit setzte Herr Witte die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Rußlands auseinander, während die Amerikaner versuchten, Witte über die Stimmung zu unterrichten, welche in Amerika infolge der einschränkenden und unterdrückenden Gesetze der russischen Regierung hervorgerufen wurde. Diese Diskussion konnte natürlich nicht zu einem praktischen Resultat führen, doch glauben die Herren, daß der offenherzige Meinungsaustausch imLaufe der Zeit günstige Folgen haben kann. Bon anderer Seite hört der „Times"-Korrespondent, daß bie- Delegierten mit dem Ergebnis der Besprechung zufrieden sind und radikale Reformen für möglich halten. Witte glaube, daß allmähliche Reformen leichter durchzuführen seien als ein etwaiger Versuch, alle Einschränkungen sofort zu beseitigen. Der Korrespondent des „Daily Telegraph" besuchte Witte, als die Besprechung noch im Gange war. Der Staatsmann war ganz heiser. Er hatte im Detail seine Haltung in der Judenfrage auseinandergesetzt und ausgeführt, wie schwer es sei, ihnen beizustehen. Deshalb sei die gänzeFrage der Volksvertretung im nächsten Jahre vorzulegen. Berlin. Aus Newyork wird dem „Berliner Tagblatt" gemeldet,, daß die Konferenz W i t t e s mit den Bankiers drei Stunden dauerte.. Witte gab zu, daß Gesetze bestehen, welche die Rechtsgleichheit der russischen Juden beschränken,, und versprach, sich für die Ä u f h e b u n g dieser Gesetze zu verwenden. Die Konferenz soll in keinerlei Zusammenhang mit russischen Anleiheabsichten stehen, letztere werden viel-" mehr von Witte durchaus in Abrede gestellt.

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