Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 32 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 82. Die Wahrheit Seite 9. Ktühende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Schluß.) Während man nun aus Martha wartete, unterhielten sich Me beiden Herren mit den geistreichen Mädchen, wobei Hellmann seine Verwunderung über das bedeutende hebräische Wissen der Schwestern nicht unterdrücken konnte. ..Das ist im Grunde kein Wunder," sagte Emma, „unser in Gott ruhender Vater war ein großer Talmudist. In Ermangelung eines Sohnes, verwendete er seine ganze verfügbare .Zeit zu unserer Ausbildung; er wußte wohl, daß wir nach seinem Tode ganz auf uns selber angewiesen sein werden, so wollte er uns die Wege zu dieser mühsamen Laufbahn, so viel er konnte, ebnen. Mein Talent zur Musik ließ er ausbilden, so daß ich im.- Konservatorium Ausnahme fand. Jetzt leben wir vom Musikunterricht, den ich erteile, mährend mir Bettina die Wirtschaft führt." Während Emma ihre Lebensgeschichte erzählte und die Aufmerksamkeit der Gäste ganz auf sich lenkte, schlich sich Betti, von allen unbemerkt, davon, um Martha, deren langes Ausbleiben sie besorgt machte, zu rufen. Sie traf dieselbe in ihrem .Zimmer am Tische sitzend und herzbrechend weinend und schluchzend. „Um Gott! Was ist Ihnen geschehen, Martha?" „Nichts, nichts, es überkam mich nur so ein Anfall von Heimweh." „Das finde ich begreiflich, doch kommen Sie ins Zimmer, da wird sich in unserer Gesellschaft das Heimweh bald verlieren. Hier nehmen Sie den Schwamm, waschen Sie sich die Augen mit kaltem Wasser, damit Emma nicht erschrickt, wenn Sie so - verweint aussehen." „Sie haben Recht, ich war kindisch, die Einsamkeit tut mir nicht gut. Kommen Sie!" Betti öffnete die Türe, welche ins Wohnzimmer führte, woselbst Emma mit den beiden Herren saß. Martha erblickte im Moment denjenigen, an den sie soeben mit unbezwinglicher Sehnsucht gedacht hatte und: „Mein Julius!" rufend, lag sie lachend und weinend an seinem Halse. Da trat Honig hinzu, welcher, ein stummer Zeuge dieses vamenlosen Glückes, dagestanden war. „Und an Deinen alten Vater denkst Du mit keiner Silbe, keinem Blicke, der Dir doch selbst den Geliebten in die Arme geführt hat." „Papa, Du auch hier? O vergib mir alles, was ich an Dir gefehlt habe, ich will alles, alles gut machen." „Natürlich, jetzt versprichst Du alles, wenn Du Deinen Julius Hellmuth hier hast, aber wenn wir dann fortgehen und Du wieder allein hier bleibst?" „Das geschieht nicht, Du böser Papa, ich gehe mit Euch nach Hause, auf immer." „Und wir hier," meinte Emma lächelnd, „was wird aus uns?" „Ihr bleibt immer unsere treuesten, besten Freunde, nicht wahr, Papa, nicht wahr, Julius?" Betti hatte unterdes den Tisch gedeckt und ein gutes Nachtmahl auch für die Gäste aufgetragen. Aus der Weinhandlung wurde ein Korb mit einigen Flaschen Osterwein gebracht, welchen Hönig vorher bestellt hatte, und bei Becherklang wurde die von Betti beigestellte Schale zerbrochen und die Verlobung von Dr. Hellmann und Martha Hönig nach altem Brauche vollzogen. Anderen Tages traten drei glückliche Menschen die Fahrt mach M. an. Die nächsten Tag anlangende Post brachte für Hönig eine angenehme Ueberraschung. Sie brachte einen mit fünf Siegeln geschlossenen Geldbrief, der die runde Summe von 5000 Gulden enthielt. Piesen sandte dieses Geld mit der Bitte, den von ihm ausgestellten Wechsel damit einzulösen und von jeder Verfolgung abzustehen. So sehr sich Hönig auch mit diesem schon verloren geglaubten Gelde freute, das Brautpaar konnte an die Gewissenhaftigkeit Piesens nicht recht glauben, besonders, da Martha in hem mit verstellter Handschrift geschriebenen Briefe die Handschrift Emmas herausfand. Das edle Mädchen hatte ihr ganzes ererbte und ersparte Vermögen geopfert, um die Ehre des Einstgeliebten zu retten und für seine Sicherheit zu sorgen. Vorderhand mußte das Brautpaar diese Entdeckung geheim halten. Als sie aber auf immer miteinander verbunden waren, nachdem Martha an derselben Stelle, wo sie einmals ihr „Nein!" ausgesprochen, ein verschämtes „Ja!" gelifpelt hatte, war es ihre erste Handlung, dem edelmütigen Mädchen ihr Gut zurückzuerstatten. Ja, mehr als das, sie zwangen sie, von ihnen das zur Errichtung eines Institutes notwendige Kapital als Darlehen anzunehmen. So hatte sie ihr Ziel, zur Selbständigkeit zu gelangen, mit Hilfe der Freunde erreicht; mit der Zeit vernarbte auch die ihr von Piesen geschlagene Herzenswunde und sie reichte einem frommen, geliebten Manne die Hand zum ewigen Bunde. Betti hatte diesen Freudentag ihrer geliebten Schwester noch erlebt. Einige Monate nachher aber erlag ihre zarte Gesundheit einer Lungenentzündung, die sie sich infolge einer Erkältung zugezogen hatte. Sie starb in den treuen Armen ihrer Schwester. Piesen hat nichts mehr von sich hören lassen. Die edle, selbstlose Emma hatte „glühende Kohlen" auf das Haupt desjenigen gesammelt, der sie einst schmählich verlassen hatte. Verzeichnis der Werüorvenen vom 6. bis 12. August 1905. Auton Friedmann, Kaufmann, 70 I.; Erich Grüuwald, Zugführerskind, 1 I.; Moriz Flesch, Kaufmann, 54 I.; Simon Knapp, Privatbeamter, 45 I.; Henriette Schwarz geb. Gotttieb, Arztenswitwe, 70 I.; Albert Weinberger, Kaufmann. 66 I.; Samuel Schlesinger, ohne Beruf, 70 I.; Perl Kranz geb. Chocheles, Privatensgatlm, 64 I.; Alois Neugebauer, Privatier, 34 I.; Otto Markus, Kürschnerskurd, 5 Monate; Rosalia Bank geb. Gallin, Dienstmannsgattin, 76 I.; Dr. Ignaz Schorr, Advokaturskonzipient, 26 I.; Hermann Weiß, Schlossermeister, 52 I.; Karl Kaufmann, Zimmermaler, 50 I.; Fanny Grimm geb. Grimm,. Arztenswitwe. 49 I.; Moses Erbrachter, Hausierer. 48 I.; Anna Heimann, Artistin, 20 I.; Bertha Faslich, Hausiererskind, 1 Monat; Kurt Kohan, Geschäftsleiterskind, 5 Monate; Moses Verschleißer, Hutmachergehilfe, 62 I.; Bernhard Frankl, Hutmacher, 73 I.; Pessie Jndik, Pfründerin, 39 I.; Moriz Wimmer, Privatier, 73 I.; Rosalia Hartmann geb. Proßnitz, Kaufmannsgattin, 75 I.; Scheindl Fischer, Mäklersgattin, 32 I.; Sigmund Parduwitz, Kaufmann, 59 I.; Ignaz Lassner, Kaufmann, 78 I.; Malka Kohn, Schneidersgattin, 51 I.; Rosa Kovacs, Gutsbesitzersgattin, 38 I.; Moriz Lackenbacher, Privatier, 71 I.; Bernhard Litowsky, ohne Beruf, 36 I.; Bela Samek. Schüler, 13 I.; Siegfried Reig, Kaufmannskind. 8 Monate; Stefanie Pollak, Kaufmannstochter, 25 I. KONKURS. Der .Bethaus-Verein „Bne-Brith“, XX. Bezirk, Traunfelsgasse 7, sucht für die hohen Feiertage einen Kantor. Honorar bis 200 Kronen. Vorstellungen von 7—9 Uhr abends im genannten Bethau sc. Wien, 17. August 1905. Der Vereinsvorstand. KONKURS. In der israelitischen Kultusgemeinde in Hohenems in Vorarlberg ist die Stelle eines Rabbiners bis zu den Halbfeiertagen d. J. zu besetzen. Jahresgehalt 2000 Kronen, freie Dienstwohnungv einige Stiftungsgenüsse und die üblichen Emolumente. Die Anstellung ist eine provisorische für drei Jahre. Die Bewerber müssen österreichische Staatsbürger sein oder werden und verpflichten sich: 1. zur Erteilung des Religionsunterrichtes an der hiesigen israelitischen Privatvolksschule mit Oeffentlichkeitsrecht und zur eventuellen Vertretung des Lehrers; 2. zur Leitung des Gottesdienstes. Abhaltung von Predigten und Vorträgen. Vorlesen ans der Thora nach dem dreijährigen Zyklus* zur Uebernahme eines Teiles der Gebete an den hohen Feiertagen und eventueller Vertretung des Vorbeters; 3. zur Führung der staatlichen Matriken. Gesuche und Zeugnisse wollen bis Ende August d. J. an die Unterzeichnete gesendet werden. Akademisch gebildete Bewerber und solche mit Lehrbefähigung für Volksschulen werden bevorzugt. Reisekosten werden nur dem Akzeptierten vergütet. Hohenems, 3. August 1905. Die Vorstellung der israelitischen Kultusgemeinde: Michael Menz, Kultusvorsteher. Bassist und Tenorist geübte Blattleser, werden akzeptiert. Derjenige, welcher die Befähigung hat, den Chor zu studieren und zu dirigieren, wird separat honoriert. Gehalt nach Uebereinkommen. Zuschriften an Oberkantor Weinstock, Wien, II. Gabelsbergergasse 4.