Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 32 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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- Nr. 32. Die Wahrheit. Seite 7. '254, dieses Vorgehen der damaligen Vorbeter, indem er ausruft: „Den Vorbetern und Meschorerim, die das Publikum blos mit ihren unjüdischen profanen Liedern ergötzen wollen, rufe ich zu: „Das Hauptgewicht legen sie auf ihre Lieder, darum sind sie mir verhaßt". Dem modernen Choralgesang kann dieser Vorwurf nicht gemacht werden. Obwohl Serkes sonst kein Verehrer philosophischer Studien war, las er doch fleißig Maimonides' „More Nebuchim" und nahm keinen Anstand, ihn in seinen Schriften öfters anzuführen. Bemerkt mußnoch werden, daß R. David Lewi, Verfasser des „Ture sahab", ein Schwiegersohn Serkes' war. Dr. M. H. Friedländer. Der Snhcrismns und die moderne synogogale Liturgie. Bon P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. (Fortsetzung.) Wie übertriebener Personenkult das Erhabenste ins Lächerliche umwandeln kann, dafür möge folgendes Beispiel dienen: Ein berühmter Sulzerkanwr aus Oesterreich-Ungarn, den ich vor Jahren in Bad Ems kennen lernte und den alle Kantorengäste als anerkannte erste Kopie Sulzers priesen, äußerte sich mir gegenüber, daß er das Megillalesen am Purim zu einer solchen Vollendung gebracht hätte, die selbst Meister Sulzer nicht erreichte. Meine Neugierde wurde so sehr erregt, daß ich -an ihn die Frage richtete, wie er denn das eigentlich mache. >^Ja", antwortete er, „Ihnen auf einem Fuße stehend alle dra- I malischen Subtilitäten zu zeigen, die ich für das Megillalesen - geschaffen habe, ist mir natürlich unmöglich, jedoch werde ich Ihnen einige Beispiele geben, aus denen Sie hoffentlich als 'Fachmann sich die ganze Art leicht selbst kombinieren werden. Ich mahle kein gemahlenes Mehl mit dem monotomen Tropus, sondern ich trage die Megilla in erzählender Manier und mit dramatischer Force a la Sulzer vor, und gebe durch verschiedene Nüancen der Stimme und allerlei mimische Behelfe ein vollkommenes Melodrama von den persischen Haremintriguen, vom Anfang bis zu Ende, wodurch die mannigfachen Situationen und die Rollen aller in der Megilla handelnden Personen, wie Achaschwerosch, Waschti, Haman, Ester, Mordechai rc. so reliefartig ausgeprägt werden, daß die Zuhörer sich in jedem Momente die abwechselnden Bilder der Handlung vergegenwärtigen können. -Hierauf gab er mir einige Stellen mit den angedeuteten Nuanzierungen in Ton, Vortrag und Mimik zum Besten und sagte dann zum Schluffe: „Nun Kollege! begreifen Sie die dramatischen und rezitativischen Feinheiten, die ich in diesen Megillavortrag hineingebracht habe, und sehen Sie ein, daß die Gemeinde einer der besten Vorstellungen beizuwohnen glaubt? Die Illusion ist riesig nnd der Erfolg kolossal! Eine solch meisterhafte Interpretation in sulzerischem Sinne würde auch für Sulzer eine Ueberraschung sein'." ..Glücklich ist die Gemeinde", entgegnete ich, „die in Ihnen einen solch unermeßlichen Schatz der liturgischen Wissenschaft besitzt, aber auch Salamon Sulzer, der Schöpfer des synagogalen Dramatismus und der syllabischen Interpretation, sei gesegnet! Unselig sind die jüdischen Gemeinden in Rußland mit ihren lyrischen Chasonim, die die alte Megilla mit dem monotonen Tropus lesen, der kaum im Stande ist, selbst die geringsten Vorstellungen von den Heldentaten und Hofintriguen des persischen Königs und seiner Paschas zu erwecken, und das arme Volk, das keinen Begriff von dem Inhalt dieses Schauspiels hat, ist gezwungen, alle Jahre mit vielen Kosten eine ganze Truppe .Schauspieler zu engagieren, um das Purimspiel sich aufführen .zu lassen". Fürwahr vom Erhabenen zum Lächerlichen ist blos ein Schritt. XI. Die alte Neima, die ich im hebräischen mit “wnrr rrmv bezeichne, steht auf einem ganz anderem Pol als der Sulzerismus oder die 'men rn'tr«. Während die letztere hauptsächlich intellektuell wirkt, bleibt die erstere immer sentimental; während die zweite die westeuropäische neue philosophische Doktrin „Cogito ergo sumu anerkennt, konserviert die erste die älteste allgemeine Doktrin des Ostens, „Sentio ergo sinn“. Wenn wir also unsere Liturgie jüdisch und modern gestalten wollen, wenn wir überhaupt unsere nationale Musik nicht blos als ein formalistisches mathematisches Wesen, wie sie Leibnitz „exercitium arithmeticae occultum nescientis se numerare animiu nennt, müssen sich die beiden vereinigen und ergänzen. Mit dem bloßen Sulzerismus bleibt der Gottesdienst zwar modern aber nicht jüdisch. Diejenigen, die so glücklich ausgerufen haben, da ß der Anfang des Sulzerismus, d. h. das Rezitativ „Na godlu maasecho aclonai“ das Ende der alten Neima verkündet habe, zeigten, daß sie entweder auf einem assimilatorischen Standpunkte stehen, oder daß sie mit den Prinzipien des alten Judentums zu wenig vertraut sind. Eine derartig mangelhafte Auffassung des jüdischen Geistes überhaupt braucht nicht erst theoretisch bekämpft zu werden, nachdem die Praxis der letzten Dezennien in Westeuropa und noch mehr in Amerika so viele Beweise der Schädlichkeit einer solchen Auffassung geliefert hat. Trotzdem werde ich mir erlauben, diese wichtige liturgische Frage nach Möglichkeit empirisch zu erörtern. Der Sulzerismus ist nie im Stande, die alte Neima gänzlich zu verdrängen und der alleinige Träger der jüdischen Liturgie zu bleiben, wenn wir nicht unsererseits einige Opfer der kanonisierten Liturgie bringen werden. Er kann unmöglich den synagogalen Ballast auf seine Schultern laden, wenn wir nicht ihm zu lieb viele Gebete der Vernichtung preisgeben. Die Vertonung großer Gebete a 1a Sulzer ist eine Sache der Unmöglichkeit, und wir müssen daher zu dem Schluffe kommen, daß so lange der Sulzerismus in Begleitung der alten Neima gewirtschaftet hat, er ein doppelter Segen für die jüdische Liturgie gewesen ist, von dem Momente aber, da er als der absolute Herrscher im Gotteshause auftrat, und das „Ivi Hinnett- Recitativ auf Rechnung der alten Neima als nba min des synagogalen Gesanges angesehen wurde, erlag er selbst unter der Last der Einseitigkeit. So lange die Kantoren das Sulzergenre auf kleine Gebete verwandten, übrrftrahlte es die alte Neima durch Kraft, Schwung, deutliche Expression, syllabischen Kalkül und besonders durch seine Frische und Novität im jüdischen Gotteshause; jedoch in den großen Gebeten zeigte sich der Sulzerismus fast bankerott. Ja, ein kleiner Komplex von Silben, oder sogar von Phrasen ist leicht durch dramatische Akzentuationen und deklamatorische Nuanzierungen, durch sämtliche Zeichen der dynamischen Abwechslungen und der agogischen Wendungen zu zieren, um dadurch den Vortrag deklamatorisch zu färben. Aber wie ist es möglich, die unzählige Masse von Silben und Phrasen der großen Gebete in unserer Liturgie sulzerisch zu vertonen? Die vielen dynamischen und agogischen Abwechslungen, die sich unaufhörlich wiederholen und aufeinander stürmen, verwandeln das Ganze in einen geschmacklosen Tropus, oder in eine verrückte Rethorik, die nicht nur die Hörer, sondern auch die Sänger zur Ohnmacht bringen kann. Eine solche moderne Akrobatik a la Sulzer ist unerträglicher als die alte, abgeschmackte Improvisation, und zwar schon aus dem Grunde, weil hier immer eine musikalische Idee zu finden war. die als Faden den ganzen Text durchzog, während dort vom Anfang an gar kein Plan für das Ganze existiert; anstatt der Gebundenheit des Ganzen explodieren Knäule der einzelnen Phrasen, tönen Worte, Worte ohne Sinn, Nuancen ohne musikalische Logik, die den Text nach allen Richtungen zerreißen und zerstreuen. Die Kardinalbedingung des Sulzerismus ist, den Gesang als strengen Interpreten des Textes zu gestalten. Die Wahrheit dieser Regel im allgemeinen muß überall Anerkennung finden, die Art und Weise der Ausführung hat noch bis nun — ungeachtet Wagners großen Kampf für den engen Sprechgesang