Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 32 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Breite 6. Die Wahrheit. Nr. 32. hervorragender Aerzte aufzählen, welche das Beth-midrascli i verließen, um in zwei bis drei Jahren die Maturitätsprüfung mit glänzendem Erfolge abzulegen, und ebenso ist es in allen änderen Fächern. Wir würden daher dem jüdischen Volke, dem Lande und dem Staate große Dienste leisten, wenn wir ihm Kandidaten stellen, welche aus jüdischen Lehranstalten hervorgehen. Eine andere Frage ist es wohl, ob unsere Kinder die richtige Verwendung im Staate erlangen werden, während die Getauften immer vorwärts kommen. Diese Frage berührt aber nicht unsere pflichteifrigen Religionslehrer, sie bedarf einer Auseinandersetzung ganz eigener Art, auf die wir . noch zurückkommeu wollen. Schließlich müssen wir uns noch mit dem Einwurfe des Herrn Anonymus befassen, welcher vom jüdischen Religions- Professor Liebe und Milde verlangt. Ich kenne die Gemütsstimmnng de« Herrn Professors 3E. nicht, aber von den mir bekannten Religionslehrern zu schließen, fand ich jene humane Seite zumeist bei jener Art von Religionslehrern, welche ein zwei Gulden-Schein so mild als nur möglich und so lieb als nur möglich stimmte; dadurch stieg wohl die Note bis zur höchsten Skala — aber das Judentum fiel bis auf den Gefrierpunkt herab. Der Religionsprofessor hat die heilige Pflicht, seinen Schülern den Beweis der hohen Achtung zu geben, welche diesem unserem national-religiösen Um und Auf zu zollen ist, ohne Distinktion des Geldbeutels und ohne Rücksicht ans den Fleiß, welchen der jüdische Schüler den mchtjüdischen Gegenständen widmet. Nicht die Schüler jener gerechten und würdigen Lehrer des Judentums werden den Taufbecken als ultima ratio vivendi ergreifen, sondern die Söhne und die Kindeskinder jener Lehre, welche das Relief der Assimilationsperiode bildete. Es fallen nur welke Blätter vom Baume des Lebens wie die wurmigen Früchte vom Baume der Erkenntnis ab. Gegen derlei Veräter muß energisch vorgegangen werden. Das sollen Sie, geehrter Anonymus, als Jude und als Vater zweier braver Kinder selbst einsehen und den Grundton ans die Stärkung, keineswegs auf die Schwächung des Pflichtbewußtseins ihrer Kinder stimmen, dann werden Sie auch die Tat des Pros. T. milder beurteilen und die Untat des Trödlers N. verachten, welcher sich mit der ganzen Sippschaft taufen ließ, um ja nicht als Jude erkannt zu werden. Wir gönnen der Kirche diesen Kehricht unseres Volkes. D r. R. Vierer. JL Joel Serk es. Einer der angesehensten und maßgebendsten rabbinischen Autoritäten des 17. Jahrhunderts war Rabbi Joel Serkes. Sein eigentlicher Familienname war Jafe. Serkes wurde er roohl deshalb genannt, weil seine Mutter Sara oder Serke geheißen hatte.*) Joel Serkes hatte ungefähr 1560 in Lublin das Licht der Welt erblickt. Er war der Sohn sehr frommer und höchst achtbarer Eltern, die ihm frühzeitig schon die Pforten der religiösen Wissenschaften erschließen ließen. Kein Opfer war ihnen zu groß, so es galt das geistige und leibliche Wohl ihres hochbegabten Sohnes zu fördern. Den ersten Unterricht genoß Joel bei seinem Vater R. Samuel Jafe, der ein gewiegter Talmudist und ein tüchtiger Dialektiker war. Obwohl R. Samuel mit Mangel und Not zu kämpfen hatte, pflegte er denn doch seinem Sohne Joel, als er noch ein junges Kind war, an den hohen Festen in der Synagoge des R. Salomo Lurja für leneres Geld „Maftir" zu kaufen. (Resp. des R. I. S., 158.) Joels spätere Lehrer waren: R. Salomo b. Löbisch aus Lublin, dessen talmndische Hochschule „Jeschiba" zur selben Zeit auch Jesaias Hurwitz besuchte, und R. Zebi Hirsch Schor. *) In früheren Jahrhunderten war es, besonders in Polen, üblich, daß man den Söhnen zur besonderen Bezeichnung den Namen der Mutter als Epitheton beigelegt hatte. So z. B. Samuel Edels, gewöhnlich „Meharscha" genannt, der die Rabbinate zu.Posen, Lublin und Ostrog bekleidet und zum Talmud treffliche Novellen' geschrieben hatte. Ferner Moses Ribkes, Verfaffer der „Beer Hagola", Josef Chaneles, Moses Hendeles u. A. m. Infolge seines Scharfsinnes und seiner immensen Gelehrsamkeit erwarb sich R. Joel bald einen bedeutenden Ruf in der jüdischen Gelehrtenwelt. Die hervorragendsten Gemeinden appellierten an ihn in den wichtigsten religiösen Angelegenheiten. Selbst von den talmndischen Koryphäen der von seinem Domizil ferne gelegenen Gemeinde Amsterdam wurde R. Joel angegangen, religiöse Bescheide zu erteilen. Er stand überhaupt mit den meisten Gemeinden Polens in Verbindung und mit den bedeutendsten rabbinischen Autoritäten in Korrespondenz. Bescheidenheit, Charakterfestigkeit, ungewöhnlicher Scharfsinn, Seelenadel und Herzensgute waren die Eigenschaften, die ihn schmückten. Seine literarischen Arbeiten: „Bajit Chadosch" und Responsen beweisen, daß er mit Recht den Großen seiner Zeit würdig an die Seite gestellt zu werden verdiente. Nicht umsonst wurde er von den größten Gemeinden Polens zum Rabbiner ernannt. So z. B. begegnen wir ihm 1601 in Lubmila (Resp., S. 3), dreizehn Jahre später, treffen wir - ihn in Bels, einer großen polnischen Gemeinde, die in neuerer Zeit durch ihren chassidäischen „Rebben", durch den „Belser" in Chassidimkreisen „berühmt" geworden. Vier Jahre später, 1618, sehen wir ihn schon das Rabbinat in Brzeze (Brsk) in Lithauen bekleiden. (Resp. 70.) Gegen Ende des Jahres 1619 folgte er einem ehrenvollen Rufe nach Krakau, einer der größten und würdigsten Gemeinden Polens, wo 47 Jahre früher R. Moses Jsserls das Rabbinat inne hatte. In Krakau wirkte R. Joel Serkes bis zu seinem im Jahre 1641 erfolgten Tode äußerst segensreich. Von hier aus wurde er öfters nach Lublin zur Messe berufen, um die wichtigsten religiösen Angelegenheiten, wie es damals in Polen übliH war, daselbst zu ordnen und die etwaigen Prozesse zu schlichten. Ein besonders hohes Verdienst hat sich Serkes in Krakau durch die im Jahre 1628, seiner Anregung zufolge, daselbst neukreierte Talmud-Thoraschule erworben. Um von seinen herrlichen, vorurteilsfreien Anschauungen entsprechende Proben und Belege liefern zu können, wollen wir hier einen Passus an den für dieses Institut, das unter seiner Leitung stand, verfaßten Statuten reproduzieren. Derselbe lautet: „Ober-und Unterlehrer des Vereines haben den Kindern, wenn dieselben in die Anstalt treten, zuerst das Alphabet und das Lesen des punktierten Textes beizubringen. Hierauf folgt das Lesen des Gebetbuches, dann der Pentateuch, aber ausschließlich mit dem Kommentar des Beer Mosche, oder, wenn der Schüler begabt, mit dem des Raschi, das liturgische Ritual, wie es eben je nach der Jahreszeit an der Ordnung ist, ferner sind die Schüler über die Gesetze des Anstandes und der ehrbaren Ausführung zu belehren. Jedes Kind ist einzeln und seiner Fassungskraft angemessen zu unterrichten. Die Schüler müssen unterwiesen werden im Erkennen der nichthebräischen (also der.deutschen und polnischen) S ch r i f t z e i ch e n, wie sie für die Veröffentlichung der in nichthebräischer Sprache erscheinenden Werke verwendet werden, damit sie im Stande seien, solche Schriften zu lesen, woraus sie Tugendlehren und redlichen Lebenswandel erlernen. Auch sollen sie geübt werden im Schreiben der nicht hebräischen Schriften und in der Landessprache, die hier üblich ist. Die begabten Schüler sollen die Paradigmen des hebräischen Zeitwortes einüben und sich das Wesen der hebräischen Grammatik aneignen rc. Sie sollen ferner die Rechenkunst lernen, u. zw. Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division rc." Rabbi Joel Serkes hatte auch anderweitig seine Toleranz bekundet, indem er trotz seiner rigorosen Frömmigkeit und streng asketischen Lebensweise gestattete, Melodien profaner Lieder, die in den Beihäusern anderer Konfessionen ertönen, in der Synagoge zu singen, wenn sie sonst keine konfessionelle Bedeutung haben. (Vgl. Resp. 124.) Hieraus ist ersichtlich, daß die damaligen Vorbeter sich nach fremden Melodien umsahen, um sie in der Synagoge beim Gottesdienste verwerten zu können, dagegen schon Alfaßi im elften Jahrhunderte geeifert hatte (vgl. Resp. Alfaßi 281). Auch R. Jesaias Hurwitz tadelte in seinem Werke „Schelah",