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Die Wahrheit · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32. Die Wahrheit Leite 5. darin das Bedürfnis, gegen einen rigorosen Religionsprofessor 26. Klage zu führen, der nach Ansicht des Briefschreibers sich gegen seine Schüler versündigt, indem er, dank seiner Rigorosität, die Gymnasialschüler scharenweise in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche treibt. Es soll auch in Wien das bon mot kursieren, daß der Erzbischof von Wien den jüdischen Religionslehrern, als seinen besten Propagatoren, einen Preis aussetzen läßt. So z. B. erhielt ein Schüler des Gymnasiums, der bei Professors, ein „ungenügend" aus Religion hatte, im nächsten Jahr — nach Erhalt der Taufe — die Note „lobenswert". Darum gibt unser Herr Anonymus den jüdischen Religionslehrern den dringendsten Rat, die größte Milde und Nachsicht zu üben. Um den geehrten Lesern die Individualität des Briefschreibers, trotz der dämmernden Stunde, im vollsten Sonnenlichte zu zeigen, will ich nach der altjüdischen Regel -110 VvV ^2.1-12-1 „Aus dem Schlußworte versteht man alles," mir erlauben, den letzten Absatz des Schreibens zu zitieren. Es heißt daselbst: „Nachdem wir Juden nicht allein auf der Welt sind und der Kamps ums Dasein für uns Juden ein ohnehin schwerer ist, sollte der Religionsunterricht vereinfacht werden. Der jüdische Knabe hat doppelt so viel zu lernen, als der christliche. Das tiefere Wissen gehört für die Theologen... Erzieht darum die jüdischen Kinder zu charaktervollen, ehrlichen, sittlichen Menschen, verschont sie aber mit Dingen, die sie in kurzem vergessen." — —- Aufrichtig gestanden, fällt es mir schwer, einem Manne gegenüber, welcher zwei Seelen in seinem Busen zu tragen vorgibt, meinen jüdischen Subjektivismus zurückzuhalten. Scheinbar möchte unser Herr B. aus Mähren das Judentum für sich und seine Kinder noch festhalten, was ja daraus zu ersehen ist, daß er die Taufe beklagt; er leugnet auch nicht die Notwendigkeit, etwas von der jüdischen Religion zu wissen, um endlich und schließlich das Ideal einer religiösen jüdischen Erziehung in der Betonung der Moral mit Hinweglassung alles Theologischen zu erblicken. Wenn ich heute, am 9. Ab, nicht von all jenen unheilvollen Stimmungen gefangen wäre, in die uns die 1835. Wiederkehr der Zerstörung unseres Volkstums versetzt, würde ich auf dieses Schreiben nicht reagieren und dasselbe blos als Produkt eines von der Sonnenhitze stark beeinflußten Gehirnes mit Stillschweigen übergehen. Allein liegt nicht schon in jenen Aeußerungen des Schlußsatzes des geehrten Anonymus jenes Endresultat assimilatorischer Trugschlüsse, welche das ganze Denken und Fühlen der Erzieher wie der Zöglinge des christlichen Halbjahrhunderts 1850—1900 erfüllten und in den Ruf ausklangen: „Weg mit dem Judentum!" Waren wir nicht Augen- und Ohrenzeugen Szantcch'cher Schandtaten, welche in ihrer Nacktheit darin gipfelten: Fort mit dem Hebraismus, deutsche Bibellektüre, mikroskopische Leseübung der Keduscha rc. und hat nicht jener Ruf des Wiener Religionsinspektors und des ätzenden Redakteurs der „Neuzeit" von 1879 ganz Oesterreich, Böhmen, Galizien rc. zur Verachtung, ja Mißachtung unserer heiligen Lehre gefiihrt? Haben wir nicht damals schon gegen diesen Raub unseres heiligsten Palladiums der Thora und des Judentums protestiert? Jene Unheilsperiode hat ja eben die gegenwärtige Generation erzeugt mit ihren unjüdischen Juden und Jüdinnen und ihrer ganzen Frivolität in deren Lebensführung auf allen Linien, auf den Höhen wie in den Niederungen des bürgerlichen Daseins! Hat nicht jene Epoche aus edlen, guten, moralischen nnaj; verkommene, verknöcherte, laszive amp großgezogen? Unser Herr Briefschreiber scheint doch mit dem Herzen im Judentum zu stecken, da derselbe ängstlich aus die Taufen von Schülern bei Professor 26. hinweist. Weshalb fürchten die Professoren nicht, ihren Schülern eine ungenügende Note aus Latein und Grieckiisch zu diktieren und sie eines ganzen Lebensjahres zu berauben? Und welch ein gewaltiger Unterschied liegt doch zwischen jenen Sprachen und unserer heiligen Sprache und der mosaischen Lehre und Geschichte! Wir wollen uns hier nur ganz kurz darüber auslassen. Bei Latein und Griechisch wird die Jugend, nach Ueberwindung der Schwierigkeiten dieser Sprachen, mit altheidnischem Wesen vertraut gemacht und zum kleinsten Teile mit philosophischen Gedanken, welche die wissenschaftliche Gegenwart bestehen lassen kann. Aber auch als Kultursprache berührt die antike Sprache die christliche Laienwelt außerordentlich wenig, noch weniger aber das jüdische Volk und alle übrigen asiatischen und afrikanischen Nichtchristen, und daß ihr praktischer Wert vielfach angezweifelt wird, beweist ja am besten die moderne Strömung, die sich gegen den Lehrplan des Gymnasiums richtet. Anders unsere Sprache! Zunächst können wir nicht von einer veralteten sprechen, da diese, je biblischer, je jesaitischer sie ist, desto herrlicher klingt. Diese Sprache führt uns in eine erhabene Gefühlswelt voller menschlich göttlicher Laute, sie erhebt uns zur Anbetung des einig Einzigen, zu dem der Jude in allen Phasen seines Lebens in Inbrunst sich wendet; sie allein besitzt jene Konzentration der Laute, die unsere Seele und unser Herz erhebt, und keine andere kommt ihr in ihrer seelischen Wirkung gleich! Der Propheten heilige Geisterglut senkt sich nur in ihrer Sprache und in keinem anderen Idiom auf uns nieder. Ferner ist ja in dieser Sprache nicht blos unsere Geschichte und Moral, sondern die Ethik aller christlichen und mohamedanischen Völker geschrieben, und die Gelehrten müssen sie studieren, wenn sie aus die Urquelle jenes Borns des Heils zurückgehen wollen. Schließlich dürfen wir diese Sprache auch nicht als tote bezeichnen, da in ihr Sänger, Dichter und Gelehrte fortarbeiten und der Welt immer neue Geistesquellen erschließen. Wenn aber alle diese Faktoren einen weichherzigen Vater nicht von der Wichtigkeit und Würdigkeit unserer nationalen Sprache, von der Notwendigkeit ihrer Pflege und ihrer Aufnahme in das Lehrprogramm des Jünglings und des Töchterchens überzeugen können, dann möge er den großen Nutzen in Betracht ziehen, den dieselbe bringen kann als ein Hauptzweig der semitischen Sprachen, welche in dem Oriente gang und gäbe sind. Bei dem Drange der europäischen Völker nach dem Morgenlande und der Herstellung einer raschen Kommunikation zwischen Europa und dem Orient können unsere Kinder hohen Gewinn davontragen und reiche Früchte ernten, welche sie schon in ihrer Jugend gesät haben. Unsere Kinder, welche ohnehin in den orientalischen Akademien nicht zugelassen werden, kommen bei einigem gutem Willen und pflichtbewußten hebräischen Lehrern schon in ihrem Jünglingsalter in die Lage, sich größere Weltgebiete zu erschließen, als die bevorzugten christlichen Kollegen, und der odiose hebräische Unterricht gestaltete sich aus diese Weise gar zu einer politisch-ökonomischen Machisrage, welche zugunsten unserer lernbeflissenen Jugend entscheiden würde. Wenn ich zu einem anderen wirklich wunden Punkte, nämlich zur antisemitischen Gehässigkeit seitens gewisser nichtjüdischer Professoren übergehe, so kann ich dies jedem Vater und jedem jüdischen Schüler nachfühlen, allein den Zelotismus des Klerikalismus und Jesuitismus zu bannen, diesen Jezer horah unserer nichtjüdischen Mitmenschen, das liegt nicht in unserer Macht; aber weshalb sorgt nicht die Judenheit für eigene nationale Mittelschulen? Hatten etwa unsere Vorfahren nicht ihre eigenen hohen Schulen — ich erwähne die Universität in Montpellier — sowie ihre Talmudschulen und Jeschiwos? Weshalb ziehen wir uns von dieser heiligen Pflicht weschinantom lewonecho zurück? Wie groß würden wir dastehen, wenn wir Schulen hätten, die unserer jüdischen Kapazität im Reiche des Geistes entsprechen und die Fürsorge für die Erhaltung unserer nationalen Heiligtümer übernehmen würden. Die Klage wegen Ueberbürdung der Schäler mit verschiedenen Gegenständen kann wohl niemals den Schluß zulassen, daß unsere nationale Kulturarbeit minderwertiger als andere Mittelschul-Gegenstände sei. Im Gegenteile! Die größten jüdischen Geister erblühten uns aus dem Chederkinde, welches sich dann profanen Gegenständen zuwandte. Fraget die Geschichte und ihr werdet es erfahren. So könnte ich eine Reihe

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