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Die Wahrheit · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 32. die meines Weibes, dann über die meiner Kinder, denn ich weiß nie, womit ich meinen und ihren Hunger stillen soll; so ist mir das Leben zu einer Dreifachen Qual geworden, von welcher du mich nun befreien wirst. Als Hadrian diese. Worte Hörle, nahm er sofort seinen Befehl zur Enthauptung des Juden zurück, indem er sagte: Wenn das Leben für ihn so qualvoll ist, viel qualvoller als der Tod. so mag er leben. Jener aber rief die Worte Kohelets aus: Ich hasse das Leben! Von welchen Gesinnungen gegen die Juden der Kaiser von Rußland bei seinem Regierungsantritte erfüllt war, davon hat die Welt keine Kenntnis erhalten. Denn alle die Juden einschränkenden und ihnen das Leben schwer und qualvoll machenden Gesetze hat er schon vorgefunden; aufgehoben oder wesentlich geändert hat er sie allerdings auch nicht. So viel aber steht fest, daß Juden nie Zutritt bei ihm hatten, daß er nicht allein keine Unterredungen mit jüdischen Gelehrten gepflogen, sondern überhaupt Juden nie zu einer Audienz zugelassen hat. Auch Eingaben und Schriftstücke.von Juden dürften ihm nie in die Hände gekommen sein. Wer weiß, ob er überhaupt von ihrem großen Elend Kenntnis hat. Ihr lautes Klagen und Jammern mag nie bis an fein Ohr gedrungen fein. Kein Wunder aber ist es, wenn jetzt, wo alle, die sich in Rußland elend und geknechtet fühlen, nach Erlösung und Befreiung rufen, auch die Juden nicht Zurückbleiben. Sind sie doch die Elendsten unter den Elenden, die Bedrücktesten unter den Bedrückten, können sie doch allen anderen zurufen: Schauet her und sehet alle, die ihr des Weges gehet, gibt es solches Leid und Elend wie das meine, kann sich jemand hierin mit mir vergleichen? Sollte das Jammer- und Wehgeschrei der Juden auch jetzt nicht bis ans Ohr des Zaren dringen und sollten bei der bevorstehenden Verleihung einer alle Stämme des russischen Reiches umfassenden Verfassung die Juden allein ausgeschlossen bleiben, dann wird die ganze Welt wissen, daß die Machthaber in Rußland nur dann gewillt sind, den Luden das Leben zu lassen, wenn dieses Leben für sie qualvoller ist als der Tod. Ein solches Leben aber mögen die Juden nicht, es ist ihnen verhaßt. Das zeigen schon jetzt die vielen Tausende, die ohne Aussicht auf Erfolg in die Reihen der verzweiflungsvollen Kämpfer um ein menschenwürdiges Dasein getreten sind. Stark-Prag. We«e Indenhefien i» Rußland. Berichten südrussischer Blätter zufolge hat in Jekaterinoslaw am 2. August eine große Judenhetze stattgefunden. Das ..schwarze Hundert" hat wieder einmal seine rohen Kräfte ungehindert wirken lassen und Verwirrung und Schrecken über Jekaterinoslaw gebracht. Zerstörte Häuser, Verwundete, Tote, Schrecken und Verzweiflung ... das ist in kurzen Worten die Situation in dieser Stadt. Es war gegen 7 Uhr abends des genannten Tages, als eine Gruppe von Rowdies in der Karaimenstraße, in der hauptsächlich Juden wohnen, die Fenster eines jüdischen Hauses einzuwerfen begann. Als Antwort oder Gegenwehr sollen aus dem Hause allerdings Schüsse gefallen sein, doch war das nur der Anfang, denn alsbald wuchs die demolierende Menge auf einige hundert Menschen an; alle Läden wurden eiligst geschlossen, und die Menge zog zum Markt, wo eine furchtbare Judenhetze begann. Wer nicht floh, wurde niedergeschlagen und verletzt. Die Zahl der Opfer ließ sich nicht genau feststellen, da sich viele in die Häuser retteten. Schwer verwundet sind gegen siebzehn Personen, ein Schüler namens Goldberg wurde durch einen Schuß in den Kopf gelötet. Am 3. August erschien eine Erklärung des Gouverneurs an den Straßenecken, in welcher er die Bevölkerung nach berühmten Mustern aufforderte, sich ruhig zu verhalten, da alle Maßnahmen getroffen worden seien, um eine Wiederholung der Unruhen in energischer Weife zu unterdrücken. Sonderbarerweise hatte aber das Militär wie die Polizei am Tage vorher nichts getan, um die Unruhen zu bekämpfen und die wehrlose Bevölkerung zu schützen. 4- * ❖ Ein interessantes Dokumente Wie man dem „Berliner Tagblatt" schreibt, wurde vor einigen Tagen in Homel (Gouvernement Mohilew) folgendes Zirkular verbreitet: Bekanntmachung. Während meines viertägigen Aufenthaltes in Homel sind zwei Bombenattentate gegen mich verjucht worden, und zwar von niederträchtigen Juden. Hiermit teile ich zur Warnung mit, daß jeder Jude, der zum Answurf der jüdischen Gesellschaft gehört, sich Demokrat (Sozialist) nennt und sich während meiner Fahrten durch die Stadt meinem Wagen auf mehr als 50 Schritt nähert, von den mich begleitenden Kosaken niedergeschvssen werden wird. In diesen vier Tagen ist auf die Patrouillen, welche die Stadl durchstreiften, von vielen Häusern aus geschossen worden, und bei den Nachforschungen bei den betreffenden Hauseigentümern leugnen letztere und geben an, daß die betreffenden Wohnungen unvermietet seien, weshalb sie für die betreffenden Wohnungen nicht verantwortlich seien. Es stellte sich aber (?) heraus, daß die Wohnungen nicht bewohnt waren. Ich mache daher bekannt, daß in diesen Fällen die Garnisonen den Befehl erhalten haben, diejenigen, die die Soldaten beleidigen, zu erschießen, welcher Befehl auf die betreffenden Häuser Anwendung finden wird, unabhängig davon, wer dort wohnt, weshalb die Hauseigentümer verpflichtet sind, dafür zu sorgen, daß die Demokraten bei ihnen keinen Einlaß finden. Das zweimalige Attentat auf mein Leben wird mich nicht hindern, die energischesten Maßnahmen zur Unschädlichmachung der Niederträchtigkeiten zu ergreifen, und ich wende mich an die Homeler Gesellschaft mit der Aufforderung, zum Frieden und zur Ordnung zurückzukehren. denn auch eine friedfertige Menschenmenge, welche den freien Verkehr des Publikums hindert, wird vom Gesetze bestraft. Die letztere Erscheinung habe ich auf der Rumjanzew-Straße bemerkt, wo ich eine Anzahl von Juden, nach ihrem Alter und Stand ordentliche Bürger, sah. Auch hiergegen werden von mir Maßregeln ergriffen werden. Der stellvertretende Polizeimeister C h l e b n i k o w. Auf diese Bekanntmachung hin begab sich eine Anzahl der angeseheneren Inden von Homel zu dem Unterzeichneten stellvertretenden Polizeimeister, um Gegenvorstellungen zu machen. Sie machten geltend, daß die Kosaken doch nicht in der Lage, wären, zu entscheiden, welche Juden „Demokraten" und welche friedliche Bürger seien, und demnach das Leben jedes Inden in der Stadt bedroht sei. Der Polizeimeister erwiderte, daß es den Juden freistünde, gegen ihn bei der Vorgesetzten Behörde Klage zu führen. (Diese „Vorgesetzte Behörde" ist der Gouverneur Klingenberg, dessen Benehmen bei dem Homeler Judenkrawalle vom Herbst 1903 noch in aller Erinnerung ist!) Uebrigens bemerkte der Polizeimeister, daß er seines Amtes so überdrüssig sei, daß er, wenn er nur ein Kapital von 1500 Rubel „besäße", sein Amt sofort aufgeben würde.. . Ein Interview mit Witte. In einer Unterredung mit einem Korrespondenten der „Morning Post" hat Minister Witte drei Gründe angegeben, welche nach seiner Meinung die Sympathie Amerikas für Japan erklären. Erstens habe Japan Amerika zu glauben veranlaßt, daß es ebenso sehr für Amerika als für sich selbst kämpfe; der zweite Grund sei der, daß Rußland es unterlassen habe, seine Angelegenheit vor das Forum der ganzen Welt zu bringen; der dritte Grund endlich sei die russische Juden frage, welche die Juden in Amerika sich zu nutze machten, um die Sympathie der Amerikaner für Rußland zu zerstören. Witte fügte hinzu, in der amerikanischen Presse werde in nächster Zeit eine Reihe von Artikeln veröffentlicht werden, die im Laufe von wenigen Tagen die amerikanische Oeffentlichkeit über die ganze Frage aufklären sollten. Er werde mit den hervorragenden Vertretern der jüdischen Rasse Zusammentreffen, um diesen Gegenstand mit ihnen zu besprechen. Offene Antwort onf ein anonymes Schreiben. Erschöpft von einem etwas anstrengenderen ärztlichen Visitengange heimgekehrt, ging ich jüngst meinen Posteinlauf durch und fand unter anderen die jüdische Oeffentlichkeit gar nicht interessierenden Schriftstücken ein anonymes Schreiben aus Wien, das eine jüdische Frage anschnitt, die ich in der „Wahrheit" unter dem Titel „Im Zeichen der Renaissance des Judentums" berührt habe. Ein Herr B. aus Mähren, so nannte sich der Anonymus, Vater zweier talentierter Gymnasialschüler, empfand

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