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Die Wahrheit · 1905-08-18 · Heft 32 (18.8.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 32 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seit Monaten bringt fast jede Zeitungsnummer Nachrichten über Gräuel- und Schandtaten, die in verschiedenen Provinzen des großen russischen Reiches an Juden verübt werden. Die Zeitungsleser haben sich daran schon so gewöhnt, daß wenn einmal die Blätter eine solche Nachricht nicht enthalten, dieser Umstand von ihnen sofort bemerkt und besprochen wird. Die Nachrichten über die Judenexzesse sind gewöhnlich von der Mitteilung begleitet, daß die russischen Behörden denselben ruhig zugesehen und nichts zum Schutze der Juden unternommen haben; oftmals sogar, oaß sie, die Behörden, im geheimen gegen die Juden gehetzt und so die eigentlichen Urheber und Anstifter der Judenmassakres sind. Wo die Juden zur Selbsthilfe greifen und Vorkehrungen zu ihrer Verteidigung treffen, da werden sie von den Behörden daran gehindert, und diese sind daran schuld, wenn die unmenschlichen Gewalttaten eines raub- und mordsüchtigen Pöbels immerfort zunehmen. Die Lage der Juden im russischen Reiche unter der Regierung des Kaisers Nikolaus hat große Aehnlichkeit mit der Lage der Juden im römischen Reiche unter der Regierung des Kaisers Hadrian. Auch damals wurden die Juden für die in allen Teilen des weiten römischen Reiches ausgebrochenen Unruhen verantwortlich gemacht; auch damals wurde behördlicherseits allenthalben gegen sie gehetzt; auch damals wurden sie von regierungswegen absichtlich in ihren heiligsten Gefühlen verletzt und provoziert, um sie dadurch zu Zusammenrottungen zu veranlassen, was wieder einen scheinbar berechtigten Anlaß und eine günstige Gelegenheit zur Niedermetzelung tausender von ihnen verschaffte; auch damals erflossen in betreff der Juden besondere kaiserliche Willenskundgebungen (die Hadrianschen Dekrete, die in der Geschichte der Juden traurige Spuren zurückgelassen); auch damals wurden die Juden von den allen andern Bewohnern des römischen Reiches erteilten Rechten ausgeschlossen. Und doch besteht ein Unterschied. zwischen Rußland und Rom, zwischen Zar Nikolaus und Kaiser Hadrian. Dieser war im Beginne seiner Regierung keineswegs von einem judenfeindlichen Geiste erfüllt; es hat sogar die zwar unverbürgt geschichtliche Nachricht viel Wahrscheinlichkeit für sich, daß er damals den Juden den Wiederaufbau ihres ungefähr ein halbes Jahrhundert vorher zerstörten Tempels versprochen hatte, und daß die Nicht- > einhaltung dieses Versprechens die Juden gegen ihn ausgebracht j hätte und die hauptsächlichste Ursache ihres Ausstandes unter Bar Kochba gewesen wäre. Jedenfalls steht es fest, daß Hadrian in seiner ersten Regierungszeit mit Juden viel verkehrt hat. Der Talmud berichtet über vielfache Unterredungen, die er mit dem weisen R. Josua b. Chananja hatte, aus welchen hervorgeht, daß ihm die Lehren des Judentums und die mannigfachen jüdischen Religionsvorschriften nicht unbekannt waren. Selbst zur Zeit, da seine anfangs nicht unfreundliche Gesinnung gegen die Juden sich bereits geändert und in einen verfolgenden Haß verwandelt hatte, ließ er noch Juden vor sich kommen und hörte sie an, wem: sie etwas bei ihm vorzubringen hatten (selbst der für einen Gott sich haltende, wahnwitzige Kaiser Kaligula hatte eine jüdische Deputation, an deren Spitze der berühmte Philo stand, empfangen); ja selbst von Juden geschriebene anonyme Briefe, die an ihn gerichtet waren, gelangten in seine Hände und wurden nicht unbeachtet gelassen. Von einem solchen Falle berichtet der Midrasch-Rabba-Kohelet in der als Motto angeführten Stelle. Ein Jude mit dem griechischen Namen Omikontron, wird dort erzählt, schrieb an Hadrian einen Brief, in welchem er ihn wegen seiner freventlichen Bedrückungen und Verfolgungen der Juden zur Rede stellt. Hassest und verfolgst du uns wegen der Beschneidung, schrieb er, so müßtest du ja auch Jsmaeliten, die ja auch die Beschneidung haben, hassen; ist aber die Beobachtung des Sabbath an unserer Verfolgung schuld, dann müßtest du ja auch die Kutäer, die ja auch den Sabbath halten, verfolgen; nein, es ist weder Beschneidung noch Sabbath, was deinen Haß gegen uns erregt, sondern lediglich der Umstand, daß wir Juden sind — solch grundlosen Judenhaß wird Gott gewiß nicht ungestraft lassen. Hadrian war neugierig den Schreiber dieses kühnen Briefes kennen zu lernen und ließ daher öffentlich kundmachen, derselbe möge sich ohne Furcht bei ihm melden, er werde mit ihm sprechen und ihn reichlich beschenken. Da meldete sich ein Jude, der den Brief gar nicht geschrieben hatte. Der Kaiser gab sofort den Befehl, den Juden zu enthaupten, dann aber richtete er doch noch an den tollkühnen Mann die Frage: Was hat dich zu einem solch tollkühnen Schritt veranlaßt, du mußtest doch wissen, daß es dem sich Meldenden ums Leben gehen wird? Der unerschrockene Jude antwortete ihm: Du, o Kaiser, weißt gar nicht, daß du mir durch deinen Befehl, mich zu töten, eine große Wohltat erweisest, du befreiest mich nämlich von drei unerträglichen Uebeln und Leiden. Jeden Morgen, wenn ich erwache, vergehe ich vor Schmerz über meine eigenen Leiden, dann über

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