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Die Wahrheit · 1905-08-11 · Heft 31 (11.8.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 31 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 31. glücklichen Vaters, und seien Sie glücklich mit ihr und machen Sie sie glücklich." „Das will ich auch, immer, stets! Und Dr. Piesen? Was darf ich für ihn hoffen?' „Sie setzen mir hart zu, doch sei es. Um Ihretwillen sei ihm vergeben! Gleich morgen Abend fahre ich mit Ihnen nach Prag, Martha zu holen, nach der mir, aufrichtig gesprochen, schon recht bange ist. Ob sie jetzt zurückkehren wird? ' fragte Hönig neckend. ..Morgen können wir nicht fort, Papa," sagte Hellmann. „Auf morgen ist die Prüfung anberaumt, die darf nicht verschoben werden. 8. Das Wiedersehen. Die Prüfung in der Talmud-Thoraschule M. war sehr günstig verlaufen. Dr. Hellmann erntete den wohlverdienten Beifall für den Eifer, mit dem er die Pflege des Bibel- und Religionsunterrichtes betrieb, und für dic bedeutenden Erfolge, welche seine Schüler, namentlich in der hebräischen Sprache, aufwiesen. Nachdem die gefürchteten Sophismen Dr. Piesens diesesmal nicht störend in den allgemeinen Beifall fielen, konnte sich Hellmann der ihm dargebrachten stürmischen Lobesbezeugungen kaum erwehren. Unter diesen Umständen unterblieb auch die beabsichtigte Kündigung, die sicherlich auch nicht angenommen worden wäre. In dem schon einmal geschilderten Wohnzimmer auf dem Altstädter Fleischmarkte in Prag finden wir Emma und Bettina Kolinsky in traulichem Gespräche beisammen. Es gab vielleicht keinen größeren Gegensatz, als diese beiden Schwestern. Emma, die ältere, war hochgewachsen, schlank, mit rabenschwarzem Haare und dunkeln, braunen Augen. Betti, die jüngere, war klein und verwachsen. Das schöne, goldblonde Haar war kronenartig um ihren schief zwischen den Achseln steckenden Kopf gelegt, und ein paar blaue Augen blickten lebenslustig in die Welt hinein. So absurd es klingen mag, so gewiß war es auch: die Augen der schöngestalteten älteren Schwester waren umschattet, waren, wie der Dichter sagt, Augen, die sich im Weinen übten, während die jüngere, mißgestaltete, lustig und heiter, gar oft übermütig drein blickte. Ein solches Naturell bei solch einem unglücklichen Wesen ist aber eins der vielen ungelösten Rätsel der Natur, man nähme denn an> daß die hohe Intelligenz und seltene Herzensgüte dieses armen Geschöpfes das ihre zu der Heiterkeit ihrer Seele beitrugen. So sagte sie auch jetzt ganz aufgeräumt zur älteren Schwester: „War das ein schöner Chol-hamoed heute, dieser herrliche Frühlingstag und eine Fahrt in den Baumgarten, was kann es Schöneres geben? Für diesen Genuß werde ich Fräulein Martha immer dankbar sein." .Du hättest auch voriges Jahr hie und da einen solchen Genuß haben können, wenn Du mir gestattet hättest, einen Fiaker oder Einspänner zu nehmen." „Nein, wie könnte ich diese Verschwendung gestatten? Du plagst Dich den ganzen Tag mit Stundengeben ab, und ich, die Müßiggeherin, sollte bequem Spazierfahrten im Fiaker machen? Ja, wenn Du Dein vorgestecktes Ziel erreicht hast, und als Jnstitutsvorsteherin größere Einkünfte und eine gesicherte Existenz haben wirst, dann werde auch ich größere Ausgaben bewilligen. Jetzt aber heißt es noch immer sparen und jede größere Ausgabe vermeiden. Ich betrachte es als Glück für uns, daß wir an Fräulein Martha eine Pensionärin bekommen haben, welche wohl unsere einfache Lebensweise teilt, dabei aber ein so reichliches Kostgeld zahlt, daß meine Haushaltungskassa niemals leer wird und ich monatlich Ersparnisse mache." „Findest Du nicht, liebe Betti," unterbrach Emma, „daß die Martha während der Feiertage sehr verändert ist? Sie blickt sehr trübe, oft mit verweinten Augen um sich her, kaum, daß während der heutigen Fahrt Deine gute Laune ihr ein Lächeln entlocken konnte?" „Wohl bemerkte auch ich es," antwortete Betti, „jedoch, finde ich diese Veränderung in dem Wesen unserer lieben Freundin sehr erklärlich. Sie fühlt Sehnsucht nach ihrer Heimat, ihrem Vaterhause. Darum ist sie gedrückten Gemütes. Wer den Seder in der Fremde feiert und nicht von der Sehnsucht nach der Heimat, nach den dort lebenden Angehörigen befallen wird, der müßte ja gerade herz- und gemütlos sein, und beides ist Martha nicht, wie Du weißt." Emma fragte sinnend, fast zu sich selber sprechend: „Ob sie denn doch nicht bereut, daß sie Heinrich so abgewiesen hatte, oder ob nicht etwas in ihrem Herzen für ihn spricht, ob nicht ein Fünkchen Reue in ihr glimmt, oder Liebe sogar. Unsere Pflicht wäre es sodann, dieses schwache Fünkchen anzufachen, bis es zur hellen Flamme werde, an welcher dann zwei Glückliche ihr Herdfeuer anzünden könnten." ..Warum nicht gar schon die Sabbatlampe und die Chanukamenorah, oder was für Flammen Deiner edelmütigen Phantasie vorschweben. Aus Piesen macht sie sich gar nichts. Das könnte ich Dir mit einem heiligen Eide versichern, aber ob nicht in M. oder gar in Prag Jemand anderer ist, den sie liebt, das wollte ich nicht verschwören. Sie sieht mir gerade so aus, als wäre es Mit ihrem kleinen Herzchen nicht ganz in Ordnung." „Was Du nicht alles weißt, Du kleiner Allwissend! Soscharfsinnig sonst die Bettina ist, in dem einen Falle müßte sie doch hie und da Briefe bekommen oder schreiben, im anderen Falle Besuch bekommen oder Zusammenkünfte haben. Beides könnte uns doch nicht verborgen bleiben. Siehst Du wohl?" „Wohl möglich, ich streite nicht darüber." sagte Betti, ich habe nur meine Vermutung ausgesprochen. Aber das Eine weiß ich bestimmt, daß sie den Piesen nicht nimmt, auch wenu Du Deinen ganzen, nicht unbedeutenden Einfluß auf sie in die Wagschale wirfst. Das ist vergebene Liebesmüh, sage ich Dir und ich weiß, was ich spreche." In diesem-'Aügenblicke' wurde an die"Türe"'geklopft,' und Emma, welche in dieser vorgerückten Abendstunde keinen fremden Besucher erwarten konnte, sondern annahm, es käme, wie es öfter geschah, eine ihrer früheren Schülerinnen zu Besuch, rief ein lautes, fröhliches „Herein! ' Doch wie erschrack sie, als zwei fremde Herren eintraten. „Befinden wir uns richtig in der Wohnung der Fräulein Kolinsky?" fragte der Aeltere von ihnen, ein wohlbeleibter Herr mit einer Glatze auf dem ergrauten Haupte. „Jawohl," sagte Emma höflich, „womit kann ich den Herren dienen?" Betti hatte sofort in dem Sprechenden den Vater Marthas erkannt, an seiner Aehnlichkeit mit derselben einesteils, andernteils durch eine Photographie desselben, die ihr einmal Martha gezeigt hatte. Bevor Hönig eine Antwort erteilen konnte, kam ihm Betti zuvor: „Irre ich nicht, so haben wir die Ehre, in Ihnen Herrn Hönig zu sehen?" „Der bin ich," sagte verwundert Hönig, ..und mein Begleiter ist Herr Dr. Hellmann. Rabbiner unserer Gemeinde. Wir kamen her, um meine Tochter aufzusuchen, die sich wohl noch bei Ihnen befindet?" „Ja, ja," meinte Emma. „Sie hat sich nur auf ihr Zimmer begeben, um die Toilette zu wechseln. Wollen die Herren freundlichst Platz nehmen, ich werde Fräulein Martha rufen." „Bitte, lassen Sie das, wir würden um die erwartete Ueberraschung kommen, auf die wir uns so gefreut haben. Wir wollen uns gedulden. (Schluß folgt.) Schicht feste ^\\se' Spezialität für Wolle und Seide. Gibt auch die schönsteWeißwäsche

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