Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 31 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063296--03803-3070591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mene Sy»mtzogerrgesangswerke. Besprochen von Oberkantor I. Singer, Wien. „L*} Unesaneh tokef für Kantor und gemischten Chor, komponiert und herausgegeben von Mayer Schorr, Öberkantor am polnischen Tempel in Wien. Es muß vorausgeschickt werden, daß die seit Dezennien von dieser Stelle gegebenen Anregungen aus sruchkbaren Boden gefallen sind, indem in den letzten Jahren und Monaten eine anerkennenswerte Produktivität auf synagogal-gesanglichem Gebiete in Erscheinung tritt. Die Kollegen H e n l e - Hamburg, Friedmann - Berlin, Z i w i - Elberfeld, Heller- Brünn u. A., deren ersprießliche Synagogengesangs-Spezialitären auch in diesen Blättern volle Würdigung finden sollen, haben vom Gesichtspunkte ihrer Erfahrungen und Anschauungen — jeder nach seiner Richtung — treffliche komponistische und historische Beiträge geliefert, und auch die vorliegende Arbeit des Kollegen S ch o r r muß als eine solche synagogalgesaugliche Spezialität anerkannt werden. Dieser Ausspruch, das heben wir allen Ernstes hervor, soll beileibe keine Einschränkung des Schorrschen Könnens, vielmehr eine Zuerkennung seines Wollens und seiner Absichten bedeuten. Mancher Komponist hätre klüger gehandelt, anstatt so ins Blaue hinein ein Stück, Quartett, Symphonie, Oratorium, Lied rc. zu verbrechen, wenn er nicht der unbegründeten Anschauung gefröhnt hätte, daß ein bürgerlicher Erdensohn an Bedeutung gewinnt, wenn er sich zum Verkehre mit der Aristokratie herandrängt. Wenn dieser Verkehr eine Bedeutung haben soll, so muß das Tun und Lassen des Bürgerlichen allge- '.nein und hauptsächlich maßgebenden Ortes gewürdigt werden; es sind ja mrch Bürgerliche in Anerkennung ihres Schaffens und Wirkens in den Adelsstand erhoben worden. Nach dieser kurzen Vorausschickung stellen wir uns die Frage: Was beabsichtigt Kollege Schorr mit der Bearbeitung dieses Unesanek tokef? Zuvörderst eine treffliche, sinngemäße, musikalische Illustration eines gewissermaßen allerheiligsten Gebetstoffes. Abgesehen davon, daß die vorliegende Gattung seit Jahrzehnten, ja seit seiner frühesten Jugend die Wirksamkeitsdomäne Schorrs bildet, innerhalb deren er demnach zielbewußt walten kann,. ..zeigt, der. Komponist auch. eklatant, . .daß seine Muse, nicht an der Zeitscholle hastend, bei den Jugendeindrücken ihr Bewenden fand, sondern tüchtig mit den musikalischen Anforderungen der Gegenwart — vielleicht sogar mit Hintansetzung des eigenen Vorteiles — zu rechnen versteht. Dieser Unesanek tokef — trotz der Ausstrahlung seines inhaltlichen Heiligenscheines — liebenswürdig in der melodischen und, mit einigen Ausnahmen, streng und gefestigt auch in der harmonischen Ausgestaltung, soll nichts weiter sein, als nach dem Gedankengange unserer Altvorderen eine „S a ch e", doch eine „S a ch e", wie dieselbe den gereiften Musikanforderungen des XX. Jahrhundertes gegenüber auch bestehen kann. Mit dieser Arbeit hat der Herausgeber auch, vielleicht unbewußt, eine eminent didaktische Aufgabe erfüllt, indem er darstellt, wie solche „Sachen" unter dem musikalischen Gradmesser des XX. Jahrhundertes zu behandeln seien. Unsere Altvorderen, die mit Meschorerim (Hilfssängern) fungierten, überließen das Zusammensingen der zur Harmonie bestimmten Töne (Zuhalten) dem Mehr- oder Minderverständnisse ihrer Hilfssänger; selbstredend mußten die Leistungen sich auch mehr- oder minderwertig gestalten. Der Bearbeiter des vorliegenden Unesanek tokef rechnet jedoch, wie aus der Verzeichnung am Titelblatte ersichtlich, mit einem wohlgeschulten gemischten Chore, wobei jeder Chorstimme ihre Leistung streng musikalisch vorgezeichnet ist. Nach dieser Richtung bricht der bedeutende Traditionssänger Schorr mit der Tradition, die ja auch Hofoperndirektor Mahler als „Schlamperei" bezeichnet. Nun so leichthin wollen wir diesen, von seinem Gesichtspunkte gewiß auch vollberechtigten Ausspruch eines berühmten Musikers doch nicht akzeptieren; es gibt eine Tradition, die als Schlamperei gelten kann; wir jüdische Kantoren kennen jedoch auch eine Tradition, die jedem von uns hoch und heilig gelten muß, das ist die Tradition des S y n a g o g e n g e s a n g e s. Mit dieser Tradition rechnet auch der Herausgeber der vorliegenden Unesanek tokef. Derselbe beginnt mit einer Xiskorek (Introduktion) ^-Takt der Baßstimme in E-moll, welches Motiv im dritten Takle vom Soprane m der Quintenlage und, nach kurzer Unterbrechung durch den Gesamtchor, wieder vom Baßsolo und einzelnen Chorakkorden bis zum ersten Ruhepunkle „malckusecku" durchgesührt erscheint; der hierauf folgende sechstaktige Chorsatz sowie das später verzeichnete Altsolo sind allesamt der oben angedeuteten konservativen Tendenz gemäß dargestellt. Hier, nach dem Altsolo „Eures ki atto ku“ etc. ändert sich mit einem Male die Szenerie, indem der Kantor in Wirksamkeit tritt, und hier wird sich der Komponist auch plötzlich seiner Mission voll bewußt, daß er - nicht allein für die begleitenden Chor- und Solostimmen, sondern auch für den Träger des Tonstückes, den Chasen, zu schreiben habe. Es ist in didaktischer Beziehung überaus lehrreich, wie der Komponist im Hinblick auf die Anfangstonart E-moll und G-Dur (Eis-Borzeichnung) dieses eine Kreuz in Wirksamkeit beläßt, trotzdem er schon beim vierten Gesangstone des Kantorsolo diese Wirksamkeit durch ein Auflösungszeichen (E) vernichtet, statt des obligaten Eis aber durchwegs daS inobligare Gis zur Anwendung bringt, so daß ganz offenkundig die Jiscktakdaok-Steigerskala E, E, Gis, A, H, C, D, E zur Anwendung gelangt. Das Ueberwältigende dieser Skala tritt in dem kleinen Männerquartette „wesiffcack“ so offenbar hervor, daß die anfängliche Tonartvorzeichnung geradezu wie eine unnötige Feffel erscheint und daher nach dem sechste» Takte, Seite 5, durch Anwendung eines Auflösungszeichens (E) schlankweg weggeräumt erscheint. Unseres Erachtens hätte dieses Auflösungszeichen gleich vor Beginn des Kantorsolo stehen sollen, dann wäre die Harmonisierung des kurzen Chorsatzes Wesiskor kol kanischkockos mit Hinweglassung der Eis und auch des zufälligen Dis viel stilreiner hervorgetreten. Wozu das Fangballspielen mit modernen Zukunftsakkorden, wenn die Notwendigkeit und die Macht der jüdischen Tonart so offenkundig klar liegt, wie bei der hierauf folgenden reizenden Fughette „umeelow jikkore" und bei sämtlichen später folgenden, so überaus wirkungsvollen Kantor-Solis, trotz der vom Komponisten so sehr gewünschten Modulationen (Woil- Singen)? Auch wir schätzen dieses „Woil-Singen" bei sogenannten unmusikalischen Chasonim, doch bei Herrn Schorr, der sich ja ganz offenkundig einer rühmlich-musikalischeu Einfachheit im Ausbaue vorliegender Konlposition befleißigte, Hütten wir sehr gerne hierauf verzichtet. Diesen Tonartfixierungskonflikt, welcher mehr oder weniger die ganze Komposition durchzieht, abgerechnet, muß das vorliegende Opus geradezu als Meisterwerk dieser Gattung bezeichnet werden. Wir anerkennen die lobenswerte Knappheit der Form, Lieblichkeit der Melodien, Korrektheit der Textanordnung, Mannigfaltigkeit der Harmonien und freuen uns, dasselbe als Spezialität altjüdischen Gesanges in zeitgemäßer Ausstattung herzlich empfehlen zu können. Duvli^aliouen des öfterr.-utig. Jtuntorai-Deranes. Die P. T. Vereinsmitglieder werden ersucht, den Pflichtbeitrag per K 2 für das berufsunfähig gewordene Vereinsmitglied I. T s ch a ß n Y-Retz umgehend an den Vereinskassier M. Schorr, Wien, II., Obere Donaustraße 47, einzusenden. Gleichzeitig wird um Zahlung der laufenden und rückständigen Mitgliedsbeiträge gebeten. Der Vereinsvorftand. Die „Vereinigte ßyör (Raab)- M Byörszigeter Isr. CElIis-Gemeindr. KONKURS. Bei der Györ- und Györszigeter Isr. Kultus- Gemeinde ist die Stelle eines Bassisten und Teinpelchordirigenten mit 1600 Kronen Jahresgehalt nebst dritten Teil Schechita zu besetzen. Bewerber dürfen nicht über 35 Jahre alt sein, müssen der ungarischen Sprache in Wort und Schrift vollkommen mächtig und ungarische Staatsbürger sein. Ferner müssen Bewerber eine schöne, kräftige Stimme haben, musikalische Bildung besitzen und zugleich Baaltefila, Schochet nbödek und Koreh sein. Guter Baalkoreh wird bevorzugt. Die Gesuche, versehen mit Zeugnissen über bisherige Tätigkeit, Alter, Familie und über musikalische Bildung, sind spätestens bis zum 15. September an den Gemeinde- Vorstand hieher zu richten. Zum Probevortrag werden nur die Berufenen zugelassen. Der Gewählte ist verpflichtet, in das in der Gemeinde bestehende Pensions-Institut einzutreten. Der Vorstand der Vereinigten Györ- und Györszigeter Isr. Kultusgemeinde: Soma Eros Josef Perl Gemeinde-Sekretär. Gemeinde-Vorsteher. Konkurs. Zweiter Kantor, musikalisch gebildet, beider Laudessprachen mächtig, welcher auch die Funktion eines Koreh und Schochet zu versehen hätte, wird seitens der Unterzeichneten Knltusgemeinde zum 15. September 1905 aufgenommen. Solche, welche die Befähigung zum Religionsunterrichte besitzen, erhalten den Vorzug. Gehalt nach Uebereinkommen.Die Stelle ist mit freier Wohnung und Erträgnis der Schechita (500 bis 600 Kronen) und üblichen Nebeneinkünften verbunden. Gesuche mit Angabe des curricilum vitae und Gehaltsansprüchen nebst Zeugnisabschriften sind bis zum 20. August einzureichen. Nur der engagierte Petent hat Anspruch auf Vergütung der Reisespesen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Kolin. *; Wird fortgesetzt.