Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 31 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6. Die' Wahrheit. Nr. 81-. Die „Kreuzztg.", die schon lange. sich dem Niveau der niedrigsten antisemitischen Presse immer mehr nähert, bemerkt dazu, daß die Mehrheit des deutschen Volkes aus die Religion und Konfession des Arztes Wert lege, weil sie caeteris paribus zum jüdischen Arzt allgemein nicht dasselbe Vertrauen besitze wie zum christlichen. In ihrem Unverstände hat die „Kreuzztg." keine Ahnung, welchen Vorwurf sie den christlichen Aerzten Deutschlands damit macht. Caeteris paribus, das soll so viel heißen, daß, wenn nicht der jüdische Arzt besonders tüchtig ist, die Mehrheit des deutschen Volkes einen christlichen Arzt vorzieht. Da sie nun fünf Zeilen vorher sagt — ob mit Recht, können wir in diesem Augenblick nicht feststellen —, daß die jüdischen Aerzte, „wohl fast die Mehrheit" bilden, so geht daraus, daß so viel jüdische Aerzte doch existieren, unwiderleglich hervor, daß dann die jüdischen Aerzte weit tüchtiger sein müssen, weil sonst die Mehrheit des deutschen Volkes christliche Aerzte wählen würde. Wohl gemerkt, dieses schlimme Zeugnis stellt die „Kreuzztg." den christlichen Aerzteu aus, nicht wir. Wir behaupten nur, daß der Patient sich nicht einen Pfifferling um die Religion oder Konfession seines Arztes kümmert, wenn dieser nur ein tüchtiger Arzt ist, sein Vertrauen genießt und sonst ihm zusagende Eigenschaften hat. Daß dem so ist, beweist zum Beispiel wohl am besten die Tatsache, daß ein früherer konservativer Landtagsabgeordneier, der im Abgeordnetenhause stramm antisemitische Reden hielt und als Protektor eines Ahlwardt bekannt war, einen jüdischen Hausarzt hatte und vielleicht noch heute hat. Wie wenig die Konfession und Nationalität etwas mit der ärztlichen Behandlung zu tun hat, geht weiter zur Genüge daraus hervor, daß selbst Päpste, Kaiser, Könige und auch Sultane mit Vorliebe jüdische Leibärzte gewählt haben, und zwar selbst in einer Zeit, da die Juden der übrigen Bevölkerung recht fern standen. Ein gewisses Lächeln aber muß die Bemerkung der „Kreuzztg." Hervorrufen, daß „die Nation sich die Führer aus der eigenen Nasse und nicht aus den Reihen einer fremden Rasse wählt." Spottet ihrer selbst. War nicht der Kreuzzeitungspartei eigenster Führer und Begründer, Licht und Leuchte, „einer fremden Rasse" entnommen? War nicht Stahl, ihr Stahl, ein Jude? Der Suherismus und die moderne fynagogale Liturgie. Von P. Akiukowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. (Fortsetzung.) Dagegen war Sulzer ein Novator in den Rezitationen der dritten Gattung, deren Konstruktion zwar mehr künstlerisch ausgestattet ist, jedoch mangelt ihnen dafür die natürliche Einfachheit und innerliche Religiosität, und haben sie weder im Innern noch im Aeußern irgend eine Gemeinschaft mit der synagogalen Tradition. Sie sind echte Gesangsrezitative, die auch irgend einem profanen Text passen würden; ihr Bau ist eine Kombination zweier Stile der letzten Jahrhunderte, des Oratoriums und der Oper. Diese Rezitative enthalten einen Reichtum von Modulationen und künstlerischen Wendungen, so daß uol6us volens der Text seiner Melodie untergeordnet wird. In diesen Rezitativen figurierte Sulzer mehr als Gesangskünstler, denn als Liturg. Sein Vortrag hier glich seinem Vortrage eines Schubert- oder Schumann-Liedes im vollen Sinne des Wortes. Als Muster der dritten Gattung möge Niüäasob naeleoli Schir Zion, 2. T., S. 4, dienen. In diesem Rezitative interpretiert Sulzer nach Möglichkeit den Inhalt des Textes als Ganzes, und besonders sind die Worte „Habocho" und „Cbemlo" impressiv, jedoch im einzelnen sind die Wörter im Vergleich mit der Vornehmheit der imperativen Melodie fast unbeachtet. Die freie Bewegung der Melodie in einem dezimalen Ambitus, vom untersten „d" bis zum obersten „f," die Ueberhäufung der chromatischen Noten und ihre Auflösungen für modulatyrische.Zwecke, die Ungebundenheit der Melodie mit dem Texte verleihen. dem ganzen ein modernes, künstlerisches Kolorit. Die ruhige, fast monotone Bewegung des Sprechgesanges ist hier-gänzlich gewichen, verlassen die schlichte Einfachheit, die Wendungen der Melodie, obzwar noch syllabisch gesetzt, sind hier gesungen, statt gesprochen. ' X.'- Nachdem wir das Wesen des Sulzerismus ein wenig kennen gelernt haben, kehren wir zum Ziele unseres jetzigen Aufsatzes zurück, in der Hoffnung, jetzt besser als je verstanden zu werden. In den Gemeinden, wo die Wahl der Gesänge und die Art des Vortrages in der Synagoge den Kantoren überlassen ist, macht gewöhnlich jeder intelligente Kantor eine Rechnung seines musikalischen Vermögens, um sich überzeugen zu können, ob das, was für den Genius passend war, für den nicht auf solcher Stufe stehenden Jünger zum mindesten nicht schädlich ist. Wo aber der Gottesdienst ganz und gar vom Sulzerismus monopolisiert ist und die Schire Zion, wie einst das gregorianische Antiphonar bei den Katholiken, am Altäre fast geschmiedet sind, ohne zu fragen, ob die Kantoren die hiezu passende Stimme, das dramatische Temperament, die entsprechende Diktion rc. besitzen, verwandelt sich dieser unnatürliche Sulzerismus in einen Her schädlichsten Ballaste, der auf die Entwicklung der jüdischen Liturgie störend und hemmend wirkt. Außer dem Schaden, den er der alten Neima und der Improvisation verursacht hat, ist er auch in seinem eigenen Reiche ganz verunstaltet worden. Nicht zu sprechen von den weichen lyrischen Tenoren, die durch den forcierten Dramatismus ihre Stimmen sehr schnell ruiniert haben,' sondern auch unter den Bariton- Kantoren hat sich der Sulzerismus zu einem wilden Gebrüll, zu einer extravaganten Possenspielerei der Phrasen, der alten römischen Histrionen ähnlich, ausgebildet, und den Altar in eine Bühne verwandelt. Unter der Devise „Interpretation a la Sulzer" hat sich bei den meisten der sogenannten Sulzer-Kantoren ein plumpes Geplauder, ein trotziges und gesprächiges oder gesangliches Hauen ausgebildet. Mau brummt, murrt, knirscht mit den Zähnen, zankt sich herum mit dem Gotte Israels, im Sinne des Baalkultus bei den alten Phöniziern. Das Lächerliche dabei ist, daß die Jünger Sulzers päpstlicher als der Papst sein wollen, da Sulzer nie daran gedacht hat, mit seinem Werke ein Karäertnm in der synagogalen Liturgie zu schaffen. In seiner Vorrede zum ersten Schir Zion machte Sulzer folgende Deklaration: „Weit entfernt von dem Wahne, die Aufgabe ganz und erschöpfend gelöst zu haben, und ebenso weit entfernt von der Anmaßung ferneren, in mancher Beziehung wünschenswerten liturgischen Entwicklungen einen hemmenden Damm setzen zu wollen oder zu können, glaube ich mir so mehr, einem sehr dringenden Bedürfnisse der Gegenwart abzuhelfen, als die Nachfragen nach Partituren vonseiten der Gemeinden und Chasanim mit jedem Jahre zunehmen, und viele beachtenswerte Stimmen mich zur Herausgabe meiner geordneten und vollständigen Synagogenmusik zu wiederholtenmalen aufgemuntert haben. Diese Deklaration ist eines echten Künstlers würdig, und hätten die Jünger sie richtig aufgefaßt, es wäre für solche Reden „die Lehre der Schir Zion sollt ihr nie verlassen," die der Präsident des Wiener Kantoren-Vereines am Tage der Zentennarfeier an die versammelten Kantoren, zur Ehre Sulzers, gerichtet hat, kein Platz mehr. Der Sulzerismus wäre kein Hemmschuh für die weitere Entwicklung der synagogalen Musik gegen den Willen seines Verfassers, wie er es jetzt geworden ist. „Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen." *) Der monopolisierte Sulzerismus hat alles Streben nach Individualität bei den Sulzer-Kantoren ausgeschlossen. (Fortsetzung folgt.) *) Friedrich Nietzsche. Also sprach Zarathustra. 1. T., S. 114. Leipzig 1901.