Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 31 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31. Die Wahrheit Leite 5. mit russischen Fremdwörtern gemengt ist, daß selbst der rumänische Grenznachbar viele Wörter und Wendungen nicht versteht, natürlich auch der galizische, dem die russische Sprache fremd ist. Es erübrigt also der galizische Jargon, der allenfalls reiner von slavischen Lauten erscheint und sich besser anhört. Die Frage aber bleibt, was gewinnt unser Volk mit diesem Dialekt in nationaler, ökonomischer und kultureller Beziehung? Vielleicht nur das eilte Moment, daß er eine Scheidewand zwischen Juden und Polen aufführt, daß ferner hiedurch die Aneignung der in Galizien (unter der Herrschaft des einköpfigen weißen Adlers) verpönten deutschen Weltsprache erleichtert wird. Diesem Jargon sich hinzugeben mit dem Pathos, welchen Herr Dr. Nathan Birnbaum a-lia8 Ach er in Czernowitz wie in Lemberg entwickelt hat. erscheint mir und jedem Denkenden als ganz ausgeschlossen. Herr Dr. N. Birnbaum mag ja seine gewiß schätzenswerte Kraft wohin immer in Dienst stellen, aber unserem galizisch bukowinischen Volke den Jargon als lingua sancta hinzustellen, daß heißt doch zu stark abweichen von seinen Jugendvorsätzen, wie wir sie seit seinem Eintritt in den Ahawath Zion und bei seiner Mitarbeit in der Kadimah kennen lernten. Wer in Galizien und der Bukowina Sinn für höhere Bildung hat, wird Herrn Dr. Birnbaum auf diesen Seitengassen der psendonationalen Richtung nicht folgen. Um zum echten Judentum zu gelangen, haben wir eine breite ruhige Straße voll Sonnenschein. . das Studium der hebräischen Sprache, ihrer Literatur und der jüdischen Geschichte. Auf diesem Wege finden die jungen Doktoren wie die studierenden Mittelschüler den Weg zum Volke Israel, dem Volke zweier Epochen, der Vergangenheit und der Zukunft. Der Empfang, welcher diesem Jargongedanken in Lemberg und Czernowitz zuteil wurde, scheint beredt genug, um Herrn Acher auch tiefer „acher" zu stimmen und ihm den geraden Weg zu zeigen, welcher vom jüdischen Herzen zum silbischen Gehirn, von Czernowitz, Lemberg zu Zion-Israel stihrt. Wir wollen aber zur Ehre unseres bewährten Mitarbeiters aus der vorherzlschen und voracherschen Zeit annehmen, daß er derselbe geblieben in seiner Liebe zu Zion und wenden uns nun zum weiteren Ausbaue unserer Renaissancegedanken. Sprechen wir vom Zionismus vom allgemein geistigen, jüdischen Standpunkte, so glauben wir steif und fest daran, daß dort in Zion die Kulturarbeit zur Zentralarbeit für die gesamte Jndenheit gemacht werden muß, also ein Hochaltar für die gesamte jüdische Geisteskraft. Dort müßten Volks-, Mittel- und Hochschulen angelegt und alle Zweige der Literatur, der Kunst und der Wissenschaft in unser altnationales Sprachgewand gekleidet werden. Dort in Zion*) müssen uns neue Geister von Weltgröße herangebildet werden und kraft dieser Vorzüge, mit welchen sie noch einen reichen Schatz asiatischer und europäischer Sprachen vereinigen würden, siegreich in die Welt dringen. Neben dem Brennpunkte Zion muß die nationale Umwertung in Rußland und Galizien als Knotenpunkte des Exils, mit möglichstem Nachdrucke angebahnt werden. In Galizien müssen die Baron Hirschffchen Volksschulen tüchtigen, modernen hebräischen Lehrern anvertraut werden, deren Fachwissen und moralische Lebensweise über jedem Zweifel erhaben ist, und jene Individuen, die vielleicht gute polnische Lehrer abgeben, müßten unnachsichtig entfernt werden' eventuell - könnte man ihnen successive einen dreijährigen Zeitraum zum Nachstudium gewähren, nach dessen Ablauf sie durch eine Prüfung ihre Lehrqualifikation neuerlich beweisen müßten. Hier sei auch der Ort, um -einmal ein öffentliches Wort betreffs des Religionsunterrichtes zu sprechen. Welchen Gewissenszwang die polnische Schulregierung auf die jüdischen Schüler ausübt, geht daraus hervor, daß sie selbst den hebräischen Religionsunterricht ihrer chauvinistischen Propaganda zu unterwerfen zwingt. Während die Polen in Deutschland, wie in *) Bekanntlich lernen die jüdischen Kinder spielend und mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit neben Arabisch, Türkisch, noch Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Griechisch. Rußland sich dagegen empören, daß man ihnen aufträgt, den Religionsunterricht deutsch oder russisch zu erteilen, zwingen sie unsere Kinder, diesen Unterricht in der polnischen Sprache zu genießen, wozu weder die Lehrer noch die Schüler geeignet erscheinen. Ist denn das Vorgehen der Polen gegenüber den galizischen Juden kein Sakrileg? Werden unsere Kinder aus Jargonhäusern nicht geradezu gemartert, eine ihnen nicht geläufige Weltsprache 25 Stunden wöchentlich lernen zu müssen? Weshalb tun es die Polen nicht so mit ihren Kindern und wie viele Stunden werden bei den polnischen Kindern der deutschen Sprache, der so unendlich wichtigen, mitteleuropäischen Weltsprache, programmgemäß gewidmet? Weshalb haben sich die Polen das Volksschulgesetz derart zurechtgelegt, daß der Unterricht in der deutschen Sprache erst in der dritten Klasse einsetzt, und da erst in welch kärglicher Stundenzahl? Wir erwachsene Menschen können es den zarten Kindern nachfühlen, wie schwer zwei heterogene Sprachgebiete sich zu gegenseitigen Uebersetzungen sich eignen. Bedenkt man die hohe Wichtigkeit des hebräischen Unterrichtes, der lautersten und reinsten Quelle der Moral, welche die Richtungslinie für die Erziehung zum göttlichen Menschtum abgibt, und sieht man sie durch das unverständliche Medium geleitet, so wird man erschrecken über die Ungeheuerlichkeit des modernen jüdischen Religionsunterrichtes. Dieses System an tausenden von jüdischen Kindern angewendet, kann nichts anderes bewirken, als unsere neue Generation das Judentum vergessen zu lassen, eventuell mit Leichtigkeit das Christentum an dessen Stelle zu setzen. Welchem Volksfreunde geht nicht dieses freiwillige Einbrechen in den Weinberg Gottes zu Herzen! Jeder Vorstand, der sich dem nicht entgegensetzt und dies nicht verhindert aus Liebdienerei oder des lieben Friedens willen, ladet eine schwere Verantwortlichkeit auf sich. Anders die deutsch-evangelische Schule, das Prototyp einer ausgezeichnet geleiteten Bürgerschule. Diese ließ sich von der galizischen Schulbehörde nichts weismachen und durch nichts beirren in ihren Anschauungen betreffs der Leitung der Schule, und sie prosperiert zur Freude aller Eltern. Es sei daher hier appelliert an die Leiter der Hirschffchen Schulen wie der noch vorhandenen Gemeindeschulen, den Religionsunterricht zumindest in der deutschen Sprache vorzutragen und die deutsche Sprache mit der ersten Normalklasse anfangen zu lassen. Noch ist es Zeit, die Thora zu retten aus der Grube, in die man gesunken ist. (Fortsetzung folgt.) Wdische Aerrte. In der Berliner Aerzte-Korrespondenz finden wir folgendes „Medizin und Religion" überschriebene Mahnwort: „Der unbefangene Leser der „Aerztlicheu Mitteilungen" wird bei Durchsicht der neuesten Rubrik „Stellennachweis" von der wirtschaftlichen Abteilung des Deutschen Aerztevereinsbundes (Leipziger Verband) staunend den Kopf schütteln. Von 56 Angeboten: Assistenten, Vertreter, Praxisstellen haben 32, also mehr als die Hälfte, den Zusatz „Christ" oder „evangelisch", „protestantisch". Ist es nur ein Zeichen von Unbefangenheit, wenn der Leser bisher der Ansicht gewesen ist, daß vor allem eine gründliche Kenntnis der wissenschaftlichen und praktischen Medizin, ein gefestigter Charakter, gute Uingangssormen die Fähigkeit eines tüchtigen Arztes bevmgen? Was har aber um Himmelswillen die Tätigkeit des Arztes mit der Religion und Konfession zu tun? Haben nicht deutsche Aerzte verschiedenen religiösen Bekenntnisses, die wir mit Stolz die Unfern nennen, unsere Wissenschaft aus das glänzendste gefördert? Standen nicht in den letzten Jahren alle deutschen Aerzte Schulter an Schulter im Kampf um die wirtschaftliche Hebung unseres Standes °? Zeigt nicht die tägliche Erfahrung, daß christliche Aerzte an jüdischen Krankenanstalten, in jüdischen Familien, sowie jüdische Aerzte an christlichen Krankenhäusern mit großem Erfolg ihre Tätigkeit ausüben? „Die Aerzte sind die Führer der Nation" wird in unfern Blüttern mit Stolz zitiert; der ärztliche Beruf ist ein freier, ein unabhängiger nach oben und nach unten! Wie stimmt dies obenbezeichnete Verfahren mit diesen hochtönenden Worten überein? Man sollte doch meinen, daß das dem Arzte innewohnende Gerechtigkeits¬ und Unabhängigkeitsgefühl ihn in erster Reihe verpflichte, sich den engherzigen und rückständigen Anschauungen gewisser Kreise kraftvoll entgegenzustehen und nicht derartige ungerechte und kulturfeindliche Bestrebungen gutzuheißen. Darum fort mit diesen „konfessionellen" Angeboten, die durch Äussäen von Zwietracht die bisherige erfteuliche Einmütigkeit der Kollegen auf das ernstlichste gefährden!"