Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 31 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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■HR v.:'Wft;fr: r^O;: '■:*!£&& ... ^.:Vi -. '. . J.Vfv ' '<■ ■-■ J Leite 4. Tie Wahrheit Nr. 31. ihrem Beruf entfremdet — kurz alles wirkt mit, ihn seiner kaufmännischen und gewerblichen Tätigkeit zu erhalten. Statt mäßig bezahlte Stellungen als Richter, Verwaltungsbeamte, Offiziere u. f. w. zu erstreben, zu denen ihn vielleicht sein sozialer Ehrgeiz hinzöge, muß sich der Sohn jüdischer Eltern Industrie, Handel, Bankwesen, Presse u. s. w. als Feld seiner Tätigkeit auswählen, Berufe, für die ihn angeborene Anlagen noch besonders geeignet machen. Den Erfolg dieser überaus klugen Maßnahmen der regierenden Kreise sehen mir in der wirtschaftlichen Macht unserer jüdischen Mitbürger vor Augen. Es ist nämlich ein Gesetz des Lebens, daß alle staatliche Unterdrückung zum Heil des Unterdrückten ausschlägt." Zu vorstehenden Auslassungen bemerkt die „Staatsbürgerzeituug" r „Wenn das von jüdischer Seite eingesehen wird, dann verstehen wir es nicht, warum der Antisemitismus bekämpft und gegen die angebliche Unterdrückung ewig gezetert wird." Wir können wohl begreifen, warum die „Staatsbürgerzeitung" das nicht versteht. Ihr geht ganz natürlich jedes Verständnis dafür ab, daß man noch andere, höhere Interessen zu verfolgen wünschen kann als nur geschäftliche. Noch weniger kann sie natürlich begreifen, daß Juden ans reinem Gerechtigkeitsgefühl gegen Zustände kämpfen, die ihnen möglich machen, dem Vaterlande, der Wissenschaft, der Welt nach bestem Können zu dienen. Die Leute der „Staatsbürgerzeitung" denken nur ans Geschäft, und wenn nur etwas für sie abfällt, geniert es sie wenig, selbst Antisemiten zu sein. * * * Rußland braucht Geld, und darum trachten die russischen Regierungskreise die jüdischen Finanzmänner durch windbeutelige Versprechungen über bevorstehende Erleichterungen in der Judengesetzgebung zu kaptivieren. Wie weit dies den russischen Staatsmännern angesichts der neuerlichen Meldungen über grausame, durch Polizeiorgane verschuldete und organisierte Judenmassakres gelingen wird, das wird schon die nächste Zukunft lehren. Existierte wirklich die von den Antisemiten so oft betonte Solidarität der Juden, dann fänden die Herren Russen allerdings bei jüdischen Finanzmännern zugeknöpfte Taschen. Aus Petersburg wird zu dieser Angelegenheit folgendes gemeldet: Rußland wird in der allernächsten Zeit mit einer neuen Anleihe auf den internationalen Markt treten. Anders wäre es nicht verständlich, warum die Regierung in ihrer „unermüdlichen Fürsorge um das Wohl des russischen Volkes" schon wieder auf neue Erleichterungen für die Juden bedacht ist. Die Anleihe kann allerdings nichtgroß sein, denn vor der letzten hatte das fällige Judengesetz fünf Paragraphe, während das jetzige eigentlich nur Zwei zählt. Dafür aber ändern sie an den bestehenden Verhältnissen lediglich insofern etwas, als sie den Kreis der der Willkür der niederen Polizei ausgesetzten jüdischen Bevölkerung erweitern und somit auch die Einnahmequellen der einzelnen Gewaltigen vergrößern. Das Gesetz vom 16./29. Juli d. I. besagt: § 1. Die jüdischen Handwerker erhalten die Erlaubnis zum Wohnen auf dem flachen Lande des Ansiedlungsgebietes; a) in den Städten, wo keine Handwerkskammern vorhanden sind, durch die städtische Gewerbeverwaltung; b) in solchen Städten, wo auch diese nicht bestehen, durch die allgemeine Verwaltungsbehörde. § 2: Das Verbot, außerhalb der Städte, aber im Ansiedlungsgebiet zu wohnen, tritt außer Kraft: a) für Apothekergehilfen, Zahnkünstler, Feldschere und Geburtshelferinnen; b) für Maurer, Steinschleifer, Bauhandwerker, Stukkateure, Gärtner, Pflasterer und Erdarbeiter. Die weiteren, als Paragraphe 3 bis 6 erlassenen Bestimmungen bilden lediglich eine Instruktion zu den beiden ersten. Wie viel arme Arbeiter werden genötigt sein, von ihren Löhnen, die zum Beispiel für Gärtner 90 bis 120 Kopeken die Woche, für Pflasterer 30 bis 50 Kopeken den Tag betragen, an die entsprechenden Polizeiinstanzen zu zahlen, um das Recht, überhaupt Arbeit zu suchen, sich zu erkaufen, und wie viel Kräfte werden dadurch zur Unproduktivität verdammt, daß sie zur Beaufsichtigung der Befolgung des neuen ..Gesetzes" verwendet werden müssen? Ist es nicht ein jämmerliches Bild, die Regierung eines Volkes von bald 140,000.000 Menschen zu solchen Mittteln greifen zu sehen, wie das neue Judengesetz, um den Staatskredit im Auslande zu heben? Es ist, als ob jede Selbstachtung aus den Reihen der höchsten Bureaukratie geschwunden wäre. * * Gegenüber den lügenhaften Ausstreuungen der russischen Regierungsörgane, daß die Juden an der revolutionären Bewegung in Rußland und auch an der Meuterei auf dem „Potemkin" schuld tragen, veröffentlichen die-drei Führer der Matrosen des ..Fürst Potemkin," Kowaleukow, Matuschenko und Cyrill in der Pariser „Tribüne russe" folgende Erklärung: „Wir lasen den amtlichen Bericht der russischen Regierung über die Odessaer Ereignisse. Es ist ein Gewebe von Lüge und Entstellung. Wir wollen ungesäumt diese niederträchtige Herausforderung entlarven, die den Zweck verfolgt, den Rassenhaß zu schüren und neue Metzeleien von Juden, Polen und Armeniern hervorzurufen. Wir, die verantwortlichen Leiter der Matrosenbewegung erklären die Unterstellung der Regierung, daß jüdische Studenten und Arbeiter die Erhebung , angestiftet hätten, für völlig unwahr. Es hat sich auch nicht ein einziger Jude aus dem Torpedoboot „S 264" oder auf , dem „Pobjedonossew" oder unter den Abgesandten des „Potemkin" befunden. Im Zeichen der Renaissance des Judentums H. So wir im Begriffe sind, unsere Gedanken über die in Galizien sich entwickelnde Renaissance fortzuspinnen, dürfen wir, ohne den Vorwurf des künstigeit jüdischen Geschichtsschreibers auf uns zu laden, daß wir die Baumeister und Poliere der neuen Hütte Jakobs verschwiegen haben, alle wirklichen Mitarbeiter dieser neueren und beglückeuderen Epoche nicht übergehen. Als Männer des mutigen Voraneilens auf der neuen Bahn, welche das Judentum in lichtere Höhen führen, heben wir zunächst die Herren Religionsprofessoren Dr. Schorr, Dr. Hauser, Dr. Gutmann, Dr. Weißberg, Dr. Brode und Ballaban hervor. Diese standen am Tage der Konferenz der galizischen Religionslehrer auf der Höhe der Zeit und erklärten unumwunden im Angesichte des Vertreters der hohen Schulbehörde, Statthalterei-Vizepräsidenten v. PlaLek, das Studium des Hebräischen als den integrierenden Bestandteil des Religionsunterrichtes, gegenüber einem Zufallsreligionslehrer, einem Ignoranten ärgster Sorte, welcher diese Behauptung als Vertreter der assimilatorischen Strömung entgegentrat. Allein diesem Auchreligionslehrer wollen wir verzeihen, da er in seiner geistigen Dürftigkeit nicht wußte, wem er seine Sympathie zuwenden solle und instinktiv das zum besten gab, was in seiner engen Gehirnkammer gerade noch anzutreffen war. Heute steht jenen religionslosen Religionslebrern eine junge Schar auserlesener Religionsprofessoren gegenüber, so in den größeren Städten wie Brody (nach dem Rücktritte des Assimilations-Apostels Dr. Herzl), Drohobycz, ' Sambor rc. Nicht minder hat auch die Volksschule, bereits gestützt und gedeckt von den Führern, eine recht ansehnliche Zahl von begeisterten Hebraisten zu Religionslehrern. Ein andersmal wollen wir auch die Namen dieser wackeren Männer in diese Blätter eintragen und kehren nun zu unserem Thema zurück. Stellen wir einmal fest, was zur Renaissance unseres geistigen Israel gehört, so erscheint es notwendig, die Bewegung ins Auge zu fassen, welche so sehr von den Jargonisten breitgetreten wird und eine starke Ablenkung von unserem Ziele hervorruft. Von den russischen Jargonisten in ihrem Verhältniste ztl ihren russisch-jüdischen Lehrern müssen wir galizische Juden ganz absehen, da ja der russisch-jüdische Jargon derart