Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 31 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063296--03797-3070585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
cchrcheit Redaktion ». Slbmiiiiftratioii: An-Wagig« Keilschrift für Mische! f Wien, Il/[ Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei! Derngsziqers:! l i! Ganzjährig . . . K. »2.— j i Halbjährig . . St. 6.— i | i 1531)2. Inserate 20 Hell, ver Nonpareille-^eue. Interessent! | | Für CnltttSbeainte: i 1 j j Ganzjährig . . . K >» — Abonnementsu. JusertionSbeträge sind in Wie» zahlbar Kr scheint jeden Kr eilag. Für Ausland:! Ganzjährig . . . -> Mark.. und klagbar. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j 6 Rubel oder in szcs. |tv. 31 Wien, 11. August 1903. Inhalt: Aus der Woche. — Im Zeichen der Renaissance des Judentums. — Jüdische Aerzte. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Glühende Kohlen. — Neue Synagogengesangswerke. Ans der Woche. Wie die antisemitische Presse alle Erscheinungen des öffentlichen und sozialen Lebens entstellt und verdreht, um die Bevölkerung gegen die Inden zu Hetzen, dafür haben die letzten Tage wieder einmal einen eklatanten Beweis erbracht. Eine größere Anzahl Wiener Fleischhauer ist mit den Rindfleischpreisen um 30—40 Heller per Kilo in die Höhe gegangen, was natürlich den diversen Antisemitenorganen billigen Anlaß bot, sich als Beschützer des kleinen Mannes auszuspielen. In ihrer bekannten Verlogenheit wendeten sie sich aber, trotz der unleugbaren Tatsache, daß das Wiener Fleischhauergewerbe größtenteils in christlichen Händen liegt und die Wiener Fleischhauer zumeist stramme Anhänger der christlichsozialen Partei sind, nicht gegen die eigentlichen Urheber der Fleischtenerung, sondern sie suchten den Unmut der Bevölkerung -von ihren Gesinnungsgenossen auf die Juden zu lenken, indem sie unisono über die jüdischen Fleischwucherer schimpften. Allen voran schreibt das „Deutsche Volksblatt" folgendes: „Wollen die Wiener Fleischhauer denn wirklich den Juden Handlangerdienste leisten und glauben sie denn wirklich, damit dem Dr. Lueger in den Rücken fallen zu können? Nun, wenn selbe sich noch nie geirrt haben, so hätten sie es gewiß diesmal getan, denn mit diesem frivolen Spiele treffen sie die ganze Bevölkerung von Wien in ihren vitalsten Interessen, und der Großteil der Wiener Bevölkerung, das sollten doch gerade die Fleischhauer schon einsehen gelernt haben, steht hinter Dr. Lueger. Ist derselbe mit der mächtigen Clique der Gas- und Tramwayjuden fertig geworden, so wird er auch mit den jüdischen Fleischwucherern aufzuräumen imstande sein, selbst wenn denselben etliche christliche Fleischhauer Helfersdienste leisten". Fürwahr es ist ein frivoles Spiel, das da mit der Wiener Bevölkerung getrieben wird, aber die Frivolität liegt auf der Seite jener, die die Oeffentlichkeit mit lügenhaften Berichten zu täuschen suchen. * * Ob die Erhöhung der Fleischpreise durch die gegenwärtige Marktlage gerechtfertigt werden kann oder nicht, das zu untersuchen, ist nicht unsere Sache, aber das eine steht fest, daß die Teuerung der Lebensmittel znnimmt, hingegen die Kaufkraft immer geringer wird und daß diese traurige Erscheinung eine j Konsequenz des wirtschaftlichen Stillstandes ist, der sich in Wien j und in Oesterreich unter den Einflüssen des Antisemitismus i entwickelt hat. Die Juden wollte man in ihrem Erwerbsleben treffen, aber die bösen Folgen der gegen diese betriebenen Hetze hat die gesamte Bevölkerung zu tragen, und wenn besonders der kleine Mann, der bisher so willig und urteilslos den giftigen Schlagworten seiner angeblichen Befreier gefolgt ist, sich jetzt auch den Bissen Fleisch vom Munde absparen muß, dann wird vielleicht bei ihm die Erkenntnis aufdämmern, was er dem Antisemitismus zu verdanken hat. * Aber auch die Juden sollen dem Antisemitismus zu großem Danke verpflichtet sein. Dieses Paradoxon wurde jüngst in einem Artikel der Frankfurter Halbmonatsschrift, „Das freie Wort", zu beweisen gesucht, in welchem der Verfasser ganz ernstlich die Behauptung aufstellte, die Juden Hütten einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Erfolge dem Antisemitismus zu verdanken. Diesen Gedanken führte er in folgender Weise aus: „Indem man es den Inden unmöglich machte, ihre Söhne im S t a a t s d i e n st e unterzubringen, waren sie fortdauernd genötigt, sie dem Handel und der Industrie zuzuführen. Das mußte zu ihrem Heil ansschlagen, weil sie den riesigen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten vierzig Jahre voll ausnutzen und so die Reichtümer sammeln konnten, auf denen heute ihre Machtstellung beruht. Die antisemitische Bewegung in den achtziger Jahren kam dieser Entwicklung noch zu Hilfe. Während nämlich der Antisemitismus dem wirtschaftlich schwachen Juden den Lebenskampf schwer macht, ist er geradezu der Schutzengel für die reichen Inden geworden und zwar ganz besonders deshalb, weil er es ihnen ermöglicht, ihre Kinder gut zu erziehen. Das bekannte Wort, wonach der Geldsack und der Bettelsack alle drei Generationen in derselben Familie vorkommt, findet im allgemeinen offenbar auf die Inden keine Anwendung, und das verdanken sie in erster Linie dem Antisemitismus. Denn die Klippen, an denen Söhne reicher christlicher Familien scheitern, räumt der Antisemitismus den jüdischen sorgsam aus dem Wege. Zunächst weiß der jüdische Jüngling, daß er nicht an der Staatskrippe unterschlupfen kann, er muß etwas lernen, weil er sonst nicht unterkommt! Er kann als Student am Korpsleben nicht scheitern, weil ihn im allgemeinen kein Korps aufnimmt — was bleibt ihm übrig, als zu arbeiten? Er kann nicht Reierveosfizier werden, spart dadurch wertvolle Zeit und viel Geld und wird nicht in das „noble Leben" hineingezogen, das so viele Söhne reicher Familien