Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 30 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite. 8. Die Wahrheit . Nr. 30. Soldaten, so daß fast jeder jüdische Mann zur Waffe gegriffen haben muß, und zwar, wie betont werden muß, aus freien Stücken. Diese Kompagnie tat gute Dienste bei der Verteidigung des Hafens von Charleston. Auch die damals etwa dreihundert Seelen zählende jüdische Gemeinde in New-Iork trat zum großen Teil tatsächlich für die Republik ein, wenn es auch nicht an solchen fehlte, die loyal zu England hielten. In jedem Falle taten die Juden ihre Bürgerpflicht, indem sie Partei ergriffen, und es spricht für ihren gesunden Sinn und auch für ihren Patriotismus, daß sie in der Mehrzahl sich der dem Lande nützlichsten, wenn auch damals wenig aussichtsreichen Unabhängigkeitspartei anschlossen. Gewiß find nicht alle heutigen amerikanischen Juden Nachkommen jener dreitausend, aber es sind auch nicht die heutigen Millionen der nordamerikanischen Union Nachkommen jener Amerikaner, die die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten «kämpft haben. Im Verhältnis zu ihrer geringen Zahl haben die Juden damals mehr, als ihnen zukam, für die Befreiung des Landes und die Begründung der Republik getan, in der sie denn auch heute mehr als in jedem anderen Lande in keiner Weise geschmälerte Gleichberechtigung genießen. Unter solchen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß die Juden, die in Amerika einwandern, sich leicht und vollständig assimilieren. Nur ein Beispiel, wie ein in Deutschland geborener, allerdings bereits im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach Amerika gekommener Jude, auch im Wohltun sich vollständig amerikanisiert, d. h. das Wohltun praktisch angefangen und in großem Maßstabe durchgeführt hat. Nathan Strauß, der 1848 in Bayern geboren wurde, hat sich durch seine praktischen Wohltaten außerordentliche Verdienste um New-Iork erworben. Im Jahre 1892, entnehmen wir einem Aufsatze von Albert B. Paine, wurde die Aufmerksamkeit des jüdischen Philanthropen auf die durch den Genuß ungesunder Milch verursachte große Kindersterblichkeit gelenkt. Er richtete hierauf ein Laboratorium ein, in welchem Milch sterilisiert wurde, und er verteilte im ersten Sommer umsonst 34.000 Flaschen Milch, was eine merkliche Abnahme der Kindersterblichkeit zur Folge hatte. Als im folgenden Sommer seine Frau erzählte, wie sie gesehen, daß arme Kinder ihre Cents zusammen taten, um im Parke die dort verkaufte ungesunde Milch zu fünf Cents die Flasche gemeinsam zu erstehen und unter sich zu verteilen, traf Strauß Einrichtungen, daß in allen dichtbevölkerten Teilen der Stadt pasteurisierte Milch zu einem Cent die Flasche verkauft werden konnte, d. h. weit unter dem Kostenpreise. Die Differenz sowie die Kosten der Einrichtung und des Betriebes zahlte Strauß aus seiner Tasche. In ähnlicher Weise sorgte er dafür, daß die Armen in verschiedenen Teilen der Stadt für fünf Cents Nachtquartier und Frühstück erhalten konnten. Im Verein mit Pierpont Morgan «öffnete er eine Stätte, wo die Armen Lebensmittel zum denkbar niedrigsten Kreise erhalten konnten, d. h. der Arme erhielt sein Brod, seine Kohlen zu demselben Engrospreise, als wenn er eine ganze Schiffsladung kaufte. In welchem Umfange von dieser Einrichtung Gebrauch gemacht wurde, geht daraus hervor, daß schon 1894 mehr als zwei Millionen solcher zum Einkäufe berechtigender Fünf Cents-Gutscheine ausgegeben uud allein 371/2 Millionen Pfund Kohlen verkauft worden sind. Ferner sorgte Strauß durch Errichtung zahlreicher Molen mit Bänken und Zelten, daß Erholungsbedürftige frische Luft genießen konnten. Es soll hier nicht weiter aufgezählt werden, was Strauß noch alles für seine Mitbürger getan hat, sondern wir beabsichtigen nur zu zeigen, daß er das in echt amerikanischem Stile, als guter amerikanischer Patriot getan hat. Verschiedene Nachrichten. Wien. („Kais er Franz I 0 s efs - Ferienh eim.") Mächtig hat sich in den letzten Jahren die Erkenntnis durchgernngen, daß durch die Fürsorge für das kranke und schwächliche Kind dem Staate und der Gesellschaft großer Nutzen erwächst. Jene Krankheiten, welche das Vorhandensein der größten Zahl erwerbsunfähiger Krüppel verursachen, könnew im Kindesalter mit Erfolg bekämpft und beseitigt werden. Diese Tatsachehat feit Jahren dem „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim" Veranlassung geboten, seine Wirksamkeit weit über die bei der Bereinsgründung ins Auge gefaßten Ziele hinaus zu erstrecken. Außer seinen Ferienkolonien für erhölungsbedürft ge Kinder hat der genannte Verein Kolonien für skrophulose, Herzkranke, rekonvaleszente und solche Schulkinder geschaffen, die für Tuberkulose disponiert sind. In der abgelaufenen Woche ist nun die e i nhundertste vom Vereine seit seinem Bestände entsendete Koloniengruppe — 135 meist rekonvaleszente Mädchen — aus dem eigenen Heime in. Borkloster-Tischnowitz mit vorzüglichen Erholungserfolgen und Gewichtszunahme zurückgekehrt. Es fand gleichzeitig der Serienwechsel in den anderen vom Vereine „Ferienheim" erhaltenen Kolonien Bad Hall, Petra» und Austerlitz statt, durch welchen neuerdings 210 arme kranke Kinder ber Gesundung und Erholung zugeführt werden. Insgesamt hat bisher der Verein „Ferienheim" 5355 Kinder an Leib und Seele günstig beeinflußt und zirka 450.000 Kronen in Erfüllung seiner edlen Mission auf dem Altar der Nächstenliebe geopfert, wobei alljährlich mehr als die Hälfte der Petenten trotz Dürftigkeit uud Würdigkeit mangels ausreichender Mittel abgewiesen werden müssen. Dem jährlichen Ausgaben-Etat des „Ferienheim" von zirka 45.000 Kronen stehen bloß zirka 10.000 Kronen fixe Einnahmen aus Jahresbeiträgen und Stiftungszinsen gegenüber, während der Rest von 35.000 Kronen durch Spenden edler Menschenfreunde aufgebrachtwerden muß. Möge das stille Jubiläum der Entsendung der einhundertsten Kolonie den Besitzenden, die sich jetzt vor den Qualen der Großstadt in Bäder und Sommerfrischen flüchten, Veranlassung geben, der armenkranken Schützlinge des „Ferienheim" zu gedenken und diesen so segensreich wirkenden Verein, dessen nächste Aufgabe die Errichtung eines eigenen Heimes für skrophulose Kinder ist, in seinen Bestrebungen nach besten Kräften zu fördern! Der Sitz des Vereines befindet sich in Wien, IX.,. Türkenstraße 17. Königgrätz. Samstag, den 29. Juli, ist unser allverehrter, greiser Rabbiner, Herr Abraham K 0 h n, im 81. Lebensjahre gestorben. Das Leichenbegängnis fand Montag, den 31., unter ungemein zahlreicher Beteiligung vom Trauerhause nach dem hiesigen Friedhofe statt. Der Verblichene hinterläßt zwei Söhne, Dr. Karl K 0 h n, Rabbiner in Pkibram, und Josef K 0 h n, Chormeister in Jglau, und zwei Töchter. n'-'x'-'n Frankfurt a M. Seit einigen Monaten kann man auf dem hiesigen Hauptbahnhofe häufiger als früher beobachten, daß Scharen von russischen Juden in ihre Heimat zurückbefördert werden. In dem letzten Tagen sind wiederum 90 Personen von diesem Schicksal ereilt worden. Wie es heißt, fallen diese Auswanderer in Bingerbrück in die Hände der Polizei. Die Schiffahrtsgesellschaften transportieren die Leute nur dann, wenn für jeden einzelnen ein Minimum von Barmitteln nachgewiefen werden kann, das 400 Mark für einen Erwachsenen. 200 Mark' für ein Kind beträgt. Das kann in den meisten Fällen nicht geschehen, denn die große Mehrzahl der Leute ist vollkommen besitzlos; sie habenkaum mehr, als was sie auf dem Leibe tragen, höchstens einige Lebensmittel. Frankfurt ist der Sammelpunkt der Armen, deren Rückfahrt nach dem. Osten am Montag oder Donnerstag vor sich geht. Von hier aus werden sie zunächst nach Myslowitz befördert und von dort nach Kattöwitz. Die Leute werden von der Polizei als Strafgefangene überwacht und befördert; die Fahrt geschieht in „Schubwagen". Der Transport bis zur Grenze dauert etwa sechs Tage, denn die Züge, denen diese „Schubwagen" zugeteilt werden, machen keine Schnellfahrten, und mit dem Anschluß hat man es auch nicht besonders eilig. Fürchterlich sind die Qualen, denen die Leute, namentlich an Tagen tropischer Hitze, in den engen Räumen ohne genügende Lüftung ausgesetzt sind. Paris. Anläßlich des 80. Geburtstages des berühmten Gelehrten Prof. Julius Oppert, den der hiesige deutsche Botschafter Fürst Radolin persönlich zu seinem Wiegenfeste beglückwünschte, hieß es in einer biographischen Notiz, die eines der Tageblätter brachte, Oppert habe Deutschland verlassen, weil damals Pfleger der Sprachwissenschaft in Deutschland keine Aussichten hatten. Als Beweis wurde der Fall Max Müllers angeführt. Weshalb Max Müller nach Oxford ging, das hat er in seiner Lebensgeschichte selbst erzählt. Es war durchaus nicht, weil er in Deutschland keinen Lehrstuhl fand. Was aber Oppert betrifft, so wäre es eine Verschleierung der Wahrheit,. wie sie in diesem Blatte nicht üblich ist, wenn man seine Auswanderung nach Frankreich mit der Aussichtslosigkeit der Sprachwissenschaft zu erklären vorgeben würde. Oppert verließ sein Vaterland, weil er als Jude an keiner deutschen Hochschule auch nur als Privatdozent zugelassen wurde (sein Oheim, der Jurist Gans, wurde in Berlin erst Professor, als er sich hatte taufen lassen), während in Frankreich sein Judentum ihn nicht hinderte, Professor, Offizier der Ehrenlegion und Mitglied der Akademie zu werden. Kalwaria tGouv. Suwalki). Am 25. Juli verschied hier Herr Abraham W i l k 0 w i t s ch im Greisenalter von 81 Jahren. Sein ganzes Sein weihte er dem Talmudstudium. Der Verblichene hinterläßt fünf Söhne, von denen vier angesehene Kantorstellen bekleiden, und zwar: Herr Israel Wilkowitsch, erster Chasan nnd Schochet der Orthodoxengemeinde Preßburg, Sigmund, Oberkantor in Warasdin, Erwin, Oberkantor in Boston, und Armin, Oberkantor in Gewitsch. n'a'x'j'n Odessa, 27. Juli. Heute vormittags soll eine Proklamation des Generalgouverneurs, die sich mit der Situation in Odessa beschäftigt, in allen hiesigen Zeitungen veröffentlicht und in den Straßen asfichiert werden. In den Kreisen, die vom Inhalte dieser Proklamation schon jetzt Kenntnis haben, erregt dieselbe großes Erstaunen, besonders wegen heftiger Anklagen, die der Gouverneur gegen die Juden erhebt. Der