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Die Wahrheit · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seue 0. Nr. 30. Gouverneur teilt mit, er habe von Jüden Briefe erhalten, in welchen gegen die Polizei die Beschuldigung erhoben wird, daß sie die antisemitische Bewegung nicht nur dulde, sondern sogar unterstütze und an der Agitation, die darauf abzielt, über die Juden herzufallen, teil habe. Der Gouverneur erklärt, diese Behauptungen seien ünbegründet. Er sei erstaunt darüber, daß die Juden es wagen, solche Briefe an ihn zu richten, weil es die Juden selbst seien, welche alle Unruhen hervorgerufen. Ohne Juden würde es keine „Potemkm"-Affaire, keine Unruhen gegeben haben, wäre es nicht nötig gewesen, den Belagerungszustand über Odessa zu verhängen. Es sei also von den Juden sehr verwegen, solche Anschuldigungen gegen die Polizei vorzubringen. Die Verbreitung 'eines solchen amtlichen Dokuments erregt angesichts der kritischen Situation und der allgemein aufgeregten Stimmung große Besorgnis, und es wird befürchtet, daß die unteren Klassen den Aufruf als Aufforderung belrachten werden, die Juden zu überfallen. Literatur. Haorah. Der greise Gelehrte Salomou B u b e r, der die jüdische Literatur bereits seit bald 50 Jahren mit einer stattlichen Anzahl wertvoller Werke bereichert, hat auch das Andenken Raschis, dessen Todestag am 29. Thamus — 1. August wiederkehrt, in würdigster Weise gefeiert, indem er dessen Ritualwerk H a o r a h, das bis jetzt nur handschriftlich existierte, mit Anmerkungeu und großer Einleitung herausgab. Jeder talmudisch Gebildete wird Buber aufrichtigen Dank wißen und zur geplanten Raschi-Stiftung nach Kräften beisteuern. — Ueber den Namen „Haorah" habe ich vergebens nach Aufklärung gesucht. Licht heißt o r, die Form o.r a h. kommt nur zweimal vor — sollte R a s ch i wirklich sein Ritualmerk 'mit einem Anflug von Unbescheidenheit Licht und das in der ungewöhnlschen Form genannt haben? Liegt nicht da em Schreibfehler vor und muß es nicht vielmehr nsnn Horaah (Belehrung. Entscheidung) heißen? Dr. Kahan, Znaim. M. Stengel: Gedichte. (Dresden, Pierson, 1905.) Eine Sammlung von „Liedern des Lebens", „Liedern der Liebe" und „Liedern des Leides". Gedichte, zum Teile von kindischer Unbeholfenheit, zum Teile von einer persönlich sympathischen Treuherzigkeit des Empfindens. Das Schwache ist wenigstens nicht gekünstelt. Unter den besseren Gedichten seien hervorgehoben: „Auf Wiedersehn". „Der Falter", „O weine nicht!", „Ursprung der Sterne", Die Vesperglocke". Die „Lieder des Leidens" sind dem zionistischen Judentum gewidmet: Das „Hebräerlied" zeigt echten Schwung, das Gedicht „An Theodor Herzls Manen" stellenweise Begeisterung. Brandeis' illustrierter israelitischer Bolkskalender (Jubilänms-Ausgabe) für das Jahr 5666 — 1905—1906. Prag, Zeltnergasse 33 neu. — Mit dem vorliegenden Kalender vollzieht sich die fünfundzwanzigste Jahreswende seines Erscheinens aus dem Büchermärkte. Sein gewandter und umsichtiger Herausgeber, Herr I. B. Bränders, arbeitet mit pfadfiuderischem Geschicke und mit zielbewußter Planmäßigkeit, indem er die Prävalenz des Buches nicht blos durch dessen Reichhaltigkeit, sondern noch mehr durch das praktische Moment des dargebotenen Stoffes .zu wahren und zu festigen sucht. So hat die diesmalige Ausgabe die neue Rubrik: „Konfirmations-Tafeln" aufzuweisen, die man in jüdischen Familienkreisen mit Dank und Freude begrüßen wird, zumal die genaue Umrechnung des deutschen Geburtsdatums eines Konfirmanden für Laien keine leichte Sache ist. Die rühmliche Sorgfalt für Korrektheit, die sich bei allen kalendarischen Daten bemerkbar macht, bürgt für die volle Verläßlichkeit jener Tafeln. Aus dem „Salon für Unterhaltendes und Belehrendes" ragt, wie immer, die „Jäh resrevue" hervor, in welcher der Herausgeber, als feiner Beobachter, die Ereignisse und Begebenheiten mit publizistischem Verständnisse pointiert. Wir glauben daher, den vorliegenden Kalender Jedem, der für. das jüdische Haus einen verläßlichen Wegweiser wünscht, um so nachdrücklicher empfehlen zu dürfen, als auch deffen handliche Form und typographische Ausstattung bei auffallend billigem Preise eine ansprechende ist. II. Olützende Kotzten. Novelle von Küvette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Die kurze Strecke Weges zu dem Hause Hönigs hatte er bald zurückgelegt. Er trat ins Zimmer Hönigs, als dieser eben mit der Zurüstung zu einer kleinen Reise beschäftigt war. ..Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Herr Doktor?" war die Frage Hönigs. „Wenn ich nicht ftörl, möchte ich Sie um eine Unterredung bitten, Herr Hönig!" „Ich bin allerdings sehr pressiert, wie Sie wohl sehen werden, jedoch auf einige Augenblicke soll es mir nicht ankommen." „Wenn die AngetegeNheit, wegen der ich zu Ihnen gekommen bin, in einigen Augenblicken erledigt wird, soll es mich sehr freuen, doch fürchte ich, daß es etwas länger dauern wird, und so muß ich im vorhinein um Entschuldigung wegen des Aufenthaltes, den ich Ihnen verursache, bitten. Statt einer Antwort schob Hönig seinem Besucher einen Stuhl hin, während er sich selber ihm gegenüber niederließ. „Nun?" fragte er gespannt. ..Herr Hönig! Niemand fühlt mehr den Verlust, der Ihnen bevorsteht, wenn Sie gegen den unglücklichen Pieseu Gnade ergehen lassen, wie ich selber, und trotzdem komme ich, bei Ihnen Fürbitte für ihn einzulegen. Wenn Sie strenge gegen ihn Vorgehen, so benehmen Sie ihm für immer die Gelegenheit, Ihnen einmal, wie er sich es gewiß vorgenommen hat, Ersatz zu bieten, denn seine Existenz ist dann vernichtet. Strecken Sie ihm aber die notwendige Summe vor, indem Sie den falschen Wechsel zur Verfallzeit einlösen, so haben Sie denjenigen vom Untergange gerettet, den Sie einst für würdig befunden hatten, ihn Ihren Sohn zu nennen. Es können sich doch Ihre Gefiihle für diesen Unglücklichen nicht so verändert haben, um ihn jetzt der strafenden Gerechtigkeit zu übergeben?" „Sie sprechen ihm das Wort, Sie? „Dies braucht Sie nicht zu wundern, Herr Hönig! Friede stiften, die Eintracht Herstellen, gehört zu den Obliegenheiten eines jüdischen Seelenhirten. Handle ich nicht demgemäß, so habe ich eben nicht meine Pflicht erfüllt, und das erwarten Sie wohl nicht von mir." ..Nein, das erwartete ich nicht von Ihnen, daß Sie sich zu einer Bitte an mich entschließen und daß Sie Piesen das Wort sprechen werden. Ich bin von Ihrem Edelmute gerührt, Herr Rabbiner, beim besten Willen kann ich Ihnen aber nicht zu Gefallen sein. Piesen hat es weder an Ihnen, noch an mir verdient, daß er verschont werde." „Was er mir zugefügt, das verzeihe ich gerne, habe es ihm eigentlich schon längst vergeben. Sie aber möchte ich an das Bibelwort erinnern: „Lo sikauni weloh sitor!“ Du sollst keinen Haß nachtragen und Dich nicht rächen!" „Herr Rabbiner! Wenn Sie wüßten, wie er mich bei der Abrechnung geschraubt hat, wie ich schwitzen mußte. Jeden Schritt, den er während seines Brautstandes unternommen hatte, mußte ich ihm mit Gold aufwiegen, und jetzt soll ich noch 5000 Gulden für ihn dahingeben? Warum, wie komme ich dazu?" „Sie haben Recht, Herr Hönig, es ist dies schmerzlich, selbst für einen so reichen Mann, wie Sie. Aber bedenken Sie, Herr Hönig! Sie haben Ihrer Tochter, der ehemaligen Braut Piesens, eine beträchtliche Mitgift zugesagt. In Erwartung derselben hatte dieser die nicht zu entschuldigende Tat einer Wechselfälschung begangen. Mit Ihrem eigenen Gelde hätte er. wäre die Heirat zustande gekommen, den Wechsel unauffällig rechtzeitig eingelöst. Fragen Sie Ihre Fräulein Tochter, ob Sie nicht gern auf einen beträchtlichen Teil ihrer Mitgift verzichten wird, wenn ihr der Schmerz und die Schande erspart bleibt, den ehemaligen Verlobten durch den eigenen Vater dem Gerichte übergeben zu sehen, und vielleicht selber gegen ihn Zeugenschaft ablegen zu müssen." „Da Sie von meiner Tochter reden, Herr Doktor, so frage ich Sie: ..Wo halten Sie mit Martha?" Der Rabbiner wurde verlegen; doch gewohnt, seine Handlungen jederzeit frei einzugestehen, sagte er einfach: „Wir lieben uns." „Führen Sie regen Briefwechsel?" „Nein, wir schreiben uns nicht, wir finden das für unpassend." „Wie also wissen Sie, ob sie Ihnen treugeblieben ist?" „Sie hat es mir versprochen, und ich glaube es ihr." „Was aber soll daraus werden? Wie stellen Sie sich die Zukunft eigentlich vor? ' „Wir vertrauen Beide auf Gott, der alles zum Guten lenken wird." „Wenn Sie auf meinen baldigen Tod hoffen, so könnten Sie sich getäuscht haben; ich hoffe noch länger zu leben, als es Ihnen beiden lieb sein wird." ..Weder mir, noch Martha kam jemals so ein sündiger Gedanke. Wir hoffen auf Ihre Sinnesänderung und nicht auf Ihren Tod, Herr Hönig!" (Fortsetzung folgt.)

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