Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 30 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30. Die Wahrheit reite 5. Dienst ansehen, wenn das jüdische Volk durch seine friedliche, doch energische Besetzung Palästinas gewaltsame Äenderungen der dortigen Söuveränitäts Verhältnisse verhüten und eine Intervention der Mächte überflüssig machen würde, deren Gefahren der Diplomatie nur zu bekannt sind. Aber damit das jüdische Volk die hier angedeutete Rolle spielen könne, muß es der Türkei und Europa Vertrauen zu seinem Willen und seinen Fähigkeiten einflößen. Dieses Vertrauen müssen wir uns verdienen, indem wir einig bleiben, unbeirrt und stramm auf unser unverrückbares Ziel zu schreiten, unsere Organisation stärken und ausbauen. Niemand kann der Vorsehung in die Karten schauen. Unversehens kann die Weltgeschichte eine Gelegenheit darbieten, die sofort ergriffen werden muß. Sind wir dann nicht vorbereitet und fertig, so verpassen wir sie und sie kehrt vielleicht nie wieder. Wehe uns, wenn dann von uns gesagt werden muß: „Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht." Sie sehen, geehrte Versammlung, so schließt Nordau seine Ausführungen, wie groß die Ihnen gestellten Aufgaben sind, wie schwer Ihre Verantwortlichkeit ist. Ihre Beschlüsse werden für die weitere Entwicklung unserer Bewegung entscheidend sein. Von ihnen hängt es ab; ob sie mächtiger anschwellen und breiter dahinfluten oder kläglich im Sande verlaufen wird. Das Schicksal des Zionismus ist in Ihre Hand gelegt. Sie werden beweisen wollen, daß es bei Ihnen in guter Hut ist. Mögen ans Ihren Beratungen dem jüdischen Volke neuer Trost und frohere Hoffnung ersprießen. (Stürmischer Beifall.) Hierauf erstattet Architekt Oskar M a i m o r e k den Bericht des Aktionskomitees, der sich über alle bedeutsamen Ereignisse seit dem letzten Kongresse und die Fortschritte der zionistischen Organisation in den einzelnen Landern ansbreitet und zum Schtlisse an den Kongreß die Bitte richtet, dem Aktionskomitee das Absolutorium zu erteilen. An den Bericht knüpft sich eine lebhafte Debatte, in welcher Ussischkin namens der Russen folgende Resolution beantragt: ,.Der VII. Zionistenkongreß erklärt: die zionistische Organisation hält an dem Grundprinzip des Baseler Programms, das die ,Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina^ erstrebt, unerschütterlich fest und lehnt — sowohl als Zweck, wie als Mittel — jede kolonisatorische Tätigkeit außerhalb Palästinas und seiner nächsten Nachbarländer ab. Der VH. Zionistenkongreß bringt in Erinnerung und betont, daß laut § 1 des zionistischen Organisationsstatuts ,die zionistische Organisation diejenigen Juden. umfaßt, welche sich mit dem Programm des Zionistenkongresses einverstanden erklären^ und macht die Leitung der Organisation für die Durchführung dieser Bestimmung verantwortlich". (Beifall und Widerspruch.) Dr. A. No ssi g-Berlin erklärt, daß nach dem Scheitern des Nachtasyl-Projektes in Ostafrika sich die Erkenntnis durchringen müsse, daß das Ziel des Zionismus nicht auf dem Wege über Afrika sondern nur durch Palästina auf dem Wege eines systematischen, wirtschaftlichen und politischen Vordringens, aber nicht durch Maffenkolonisation, sondern durch Kolonisation im kleinen Maßstabe mit vernünftigem Tempo zu erreichen sei. Es sprachen weiter noch Dr. Syrkin, Sch a botinsky, K r e m e n e tz k y und R u b e n t s ch i k zum Berichte und hierauf wird die Sitzung geschlossen. Das Ostafrikaprojekt. In der 3. Sitzung die Freitag, den 28. Juli, vormittags, abgehalten wurde, referierten Professor O. Marburg und Mr. Green b erg über den Bericht der Ostafrikakommission. Es wurde darauf Wert gelegt, daß die nach Ostafrika zu sendende Expedition aus Männern bestehe, deren koloniale Erfahrung und deren Ruf als unabhängige Leute über allem Zweifel erhaben sei. Als Leiter wurde Major Gibbons gewählt und als seine Begleiter der Naturforscher Alfred Kaiser aus Arbon in der Schweiz, der einen großen Teil seines Lebens in Afrika zugebracht hat, und der Ingenieur N. Wilbusch, ein Russe, dessen spezielle Aufgabe es war, die technischen Fragen und Jndustriemöglichkeiten des in Betracht kommenden Gebietes zn studieren. Als Resultat der Expedition berichtete Major Gibbons, daß das Territorium in Bezug auf Klima und sanitäre Zustände sehr günstig gelegen sei, aber daß seine agrikulturellen Aussichten nicht so bedeutend seien, wie es die britische Regierung offenbar gedacht hatte, als sie ihr Anerbieten machte. Dennoch ist er der Ansicht, daß eine kleine Kolonisation von einigen Tausend Personen ausführbar sei, und daß das Territorium, abgesehen von einem kleinen Teil, ein für Viehzucht und nicht für Ackerbau geeignetes Land ist. Kaiser berichtete im allgemeinen, daß das Territorium für eine jüdische Niederlassung ohne Wert sei und seine Meinung über die Aussichten der Gegend ist pessimistisch, was Juden betrifft. Wilbuschs Bericht über das Territorium lautet ganz ungünstig, von jedem Standpunkte aus i er hielt es in jeder Beziehung für wertlos mit Ausnahme für die Eingeborenen und wilden Tiere. Gibbons übte eine sehr scharfe Kritik an diesem Bericht und erklärte die Schlußfolgerungen von Wilbusch für durchaus nicht zulässig Als der Bericht von dem Aktionskomitee, das im April dieses Jahres zusammentrat, durchberaten wurde, ging der einstimmige Beschluß des Aktionskomitees in Bezug auf den Bericht dahin, dem Kongresse zn empfehlen, sich selbst nicht weiter mit dieser Frage zu befassen, wohl aber bei andern Körperschaften, die in jüdischen Angelegenheiten interessiert sind, anzufragen, ob sie ihrerseits diesen Ostafrika-Vorschlag aufznnehmen gewillt seien. Von diesen außerhalb stehenden Körperschaften gab nur eine, die Anglo-Jewish Association in London, ihre Zustimmung an einer eventuell zusammen zu berufenden Konferenz teilzunehmen, so daß auch dieser Plan aufgegeben wurde. Mit begeisterter Wärme trat Israel Z a n g w i l l für das Ostafrika-Projekt ein und beantragte folgende Resolution: Der Kongreß beschließt, das hochherzige Anerbieten der Regierung Sr. britischen Majestät, dem jüdischen Volke ein großes und fruchtbares Gebiet zur Ansiedelung mit Selbstverwaltungsrechten unter britischer Hoheit einzuräumen, mit der Erwartung dankbar anzunehmen, daß das zunächst ins Auge gefaßte Guas Ngishu Plateau durch andere Gebietsteile erweitert oder ersetzt werden soll, da nach dem Gutachten unseres Erforschungsausschusses dieses Plateau der Absicht der Regierung Sr. britischen Majestät nicht entspricht, einer großen Zahl jüdischer Einwanderer die Möglichkeit des Gedeihens auf britischem Kolonralgebiet z» gewähren. Diese Resolution wird zwei Zwecken dienen. 1. Sie wird der Welt sagen, daß das britische Gebiet nicht das reiche und große ist, wie es die Welt bisher gemeint hat. Das bringt nicht die Lösung der jüdischen Frage. Wenn uns die britische Regierung kein anderes Territorium anbietet, dann sind wir frei von Schuld, dann werden wir nicht der Mißgunst der Antisemiten ausgeliesert sein. 2. Wenn ich das Wort „ersetzt" gebrauche, so schließt das nicht aus, zum Beispiel das Territorium El Arish, und die Sinaihalbinsel. Für diese Resolution gibt Zangwill folgende Gründe an: 1. Ein Territorium zu erlangen, ist nicht schwer, aber die Selbständigkeit zu bekommen, nach 18 Jahrhunderten der Heimatlosigkeit wieder als Nation leben zu können, ist ungeheuer schwer und wenn wir diese Gelegenheit versäumen, so weiß ich nicht, wann wir eine neue haben werden. 2. Nichts kann dem jüdischen Selbstbewußtsein besser dienen, als wenn eine jüdische Flagge über jüdischem Lande weht. 4. Die jüdische Auswanderung ist eine konkrete Tatsache, jährlich verlassen Hunderltausende das russische Reich. Warum sollen sie zerstreut und von fremden Zivilisationen verschlungen werden, welche ihr ganzes geistiges Wesen aus dem Geleise bringen? Sie werden zu einem gesünderen Leben herangezogen, körperlich und geistig, als in den überbevölkerten Städten der alten und neuen Welt. Sogar die Herren Kaiser und Wilbusch geben zu. daß das jüdische Volk so gut wie irgend ein anderes