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Die Wahrheit · 1905-08-04 · Heft 30 (4.8.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 30 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 30. folgung sich Mit dem geringsten Schaden sür sie und die Länder vollziehen könne, ließ das BuchMufeigene Kosten in mehrere Sprachen übersetzen und drucken,, ’ schickte es den angesehensten Rabbinern, Gemeindevorstehern, Finanzmännern, und wartete. . Jetzt mußte ja die', große Zeit der Erlösung Änd Wiedergeburt beginnen! Einige Wochen hoher Hoffnung und banger-, Ahnung vergingen, dann wußte er es: die meisten Empfänger feines Buches hatten es nicht aufgeschnitten, einige es nach den ersten Seiten ärgerlich in den Papierkorb geworfen, manche aber, die es durchflogen hatten, fielen iw Zeitungen, Broschüren und Kanzelreden über ihn her, und nannten ihn einen neuen Sabbatai Zevi, wenn sie ihn nicht einfach einen feigen Ausreißer, oder gar einen Antisemiten schimpften. Jeder andere hätte an dieser ersten Erfahrung genug gehabt. Nicht Herzl. Er stutzte nur, sammelte sich aber bald. Sein fluchtbares Hirn trieb sofort einen neuen Plan hervor. Mit der Finanzmacht, den geistigen Kräften, dem mannigfaltigen Einfluß der jüdischen Oberschicht konnte selbst ein mittelmäßiges Organisationstalent das zionistische Besreiungswerk ohne besondere Schwierigkeiten verwirklichen. Da diese Schicht auf Herzls Anruf taub blieb, da sie ihm ihr Geld vorenthielt, ihren Geist gebrauchte, um ihn zu verspotten, ihren Einfluß benutzte, um ihn überall zu hemmen und seine Bemühungen zu vernichten, sollte der hartkämpfende Mittelstand und die notleidende Masse die Mittel zum weltgeschichtlichen Unternehmen liefern. Er trat mit dem Entwurf der jüdischen Kolonialbank hervor und panzerte seine Empfindlichkeit eines hermelinreinen Goldverächters gegen die giftigen Verleumder, die ihn einen Gründer schalten und unterstellten,, er habe den ganzen Zionismus nur ins Werk gesetzt, um sich an einer Judenbank zu bereichern. Er verlangte vom jüdischen Volke 50 Millionen Franken, den kleinsten Betrag, mit dem man an ernste finanzielle Verhandlungen mit der Türkei denken durfte. Es gab ihm noch nicht ein Achtel der Summe und dabei ist es nach sechs Jahren bis zum heutigen Tage geblieben. Er versuchte ein anderes Werkzeug der Erlösung zu schmieden, ein weit schwächeres, weit dürftigeres; er regte die Schaffung des Nationalfonds an, der 200.000 Pfund betragen sollte. In fünf Jahren ist noch nicht die Hälfte vereinigt worden. Die einen wollten nicht, die anderen konnten nicht, kurz, es kam bei übermenschlichen Anstrengungen blutwenig heraus. Wo immer er mit seiner tapferen Faust zufaßte, da griff er ins Leere. Wo immer er den Fuß hinsetzen wollte, da schwand ihm der Boden unter der Sohle. Er baute auf sein Volk wie auf einen Ursels und fein Volk erwies sich als Flugsand. ... Als er seinen Weckruf an das jüdische Volk ertönen ließ, da sammelte sich statt der bestimmt erwarteten Millionen, nur ein kleines Häuflein um ihn; dieses Häuflein ist ihm bis zu seinem letzten Atemzuge treu geblieben, es hat sich im Laufe der Jahre auch stattlich vermehrt, aber selbst jetzt, nach neun Jahren leidenschaftlicher Propaganda, macht es erst etwa ein Sechzigstel der gesamten Judenheit aus. Ein Sechzigstel! Und mit der Arbeit und den Opfern dieses armen winzigen Sechzigstels sollte das Ganze, das reiche, große, teilnahmslos bei Seite stehende Ganze befreit werden. Herzl wollte das Mißverhältnis zwischen der Kraft und der Aufgabe nicht sehen. Er wollte nicht an die dauernde Gleichgiltigkeit des jüdischen Volkes glauben. In seinen Plänen und Berechnungen fetzte er immer das ganze jüdische Volk als Haben an. Das war die Ursache des Fehlschlagens seiner Unternehmungen; das war seine Schwäche, sagen seine kaltherzigen Kritiker; das war seine Stärke, das war seine Größe, sagen wir, die ihn verstanden haben. Nichts konnte seinen Glauben an fein Volk, nichts konnte sein Vertrauen zu seinem Volke erschüttern. Er verschloß zuletzt absichtlich die Augen vor der Wirklichkeit und sah im Geiste immer nur ein ideales Volk von zwölf Millionen Herzl vor sich, das ihn zu seinem Sachwalter berufen hatte... . Wenn Herzl sich unterfing, Geschichte machen zu wollen, so war es, weil er überzeugt war, daß 12 Millionen Menschen, seine zwölf Millionen einer unvergleichlichen Auslese, das Recht und die MäW Hatten, Geschichte zu, machen.- Hjese Ueberzeugüng hielt''allen^McherwMigkeiien aüfleD, mit ihr ist er gestorben -^ .und vH hasten fie vons ihmgeerbt. Der Tod hat ihn zu Wh gebrochen und dadurch das jüdische Volk eines unersetzlDen BKügeräH..,füMseine Wiederaufrichtung bekäübt. Sein Glaube, seine ZielsiMcheit^ sein Wille gaben ihm immer MUe Kombinationen ein.^SchluF eine fehl, nicht durch ihre Mangelhaftigkeit oder seine Schülb, immer nur durch Mangel an Unterstützung, so ersetzte er sie sofort durch eine andere, und die folgend^ war jedesmal überraschender, kühner, geistreicher als die vorherige. Herzl war ein Vorbild und ein Erzieher. Er hat ein gebrochenes Volk gerade gerichtet. Er hat ihm Hoffnungen geschenkt und Wege gezeigt. Er hat mit großartig weitem Schwünge gesät und die Saat wird aufgehen und sein Volk wird ernten. Ich aber glaube nicht passender schließen zu können als mit diesen Strophen einer Trauerkantate, die ich für einen Tondichter verfaßt habe: „Ewig in des Volks Gedächtnis Lebt dein Werk und lebt dein Bild. Sieh! Wir hüten dein Vermächtnis Treu, den stolzen Davidsschild." „In der Zionsfahne Falten Wird dereinst dein Sarg gehüllt Was du schworst, wir werden's halten, Und dein Sehnen wird erfüllt..." Die Rede Nordaus wurde in atemloser Stille angehört. Unmittelbar nach der Rede wurde die Sitzung von Nordau zum Zeichen der Trauer für geschlossen erklärt. II. Sihung, Donnerstag, den 27. Zuli, nachmittags. Dr. Alexander Marmorek erstattet namens des Permanenzausschusses Vorschläge zur Konstituierung des Bureaus, denen zufolge gewählt werden: zum Präsidenten Dr. Max Nordau und zu Vizepräsidenten: die Herren David Wolffsohn. Dr. Alex. Marmorek, Ingenieur Temkin, Dr. Kohan-Bernstein und Sir Francis Montefiore. Bei der Wahl der Beisitzer kommt es.zu erregten Einsprachen, doch wird durch Intervention Nordaus die vom Permanenzausschusse vorgeschlagene Liste der Beisitzer und Schriftführer angenommen. Hierauf ergreift Nordau das Wort, um zunächst für die Wahl als erster Vorsitzender zu danken. Sein ganzes Streben werde darauf gerichtet sein, die Beratungen im Geiste seines Vorgängers zu leiten und dieser Versammlung den hohen parlamentarischen Charakter zu erhalten, den Herzl ihr von allem Anfang zu geben gewußt hat. Im weiteren Verlaufe seiner Rede skizziert Nordau die Aufgaben des Zionismus und verweist unter Mahnung zur Einigkeit auf die innerhalb der Partei bestehenden Spaltungen, die das Ostafrika-Projekt und die von einem Teil der Parteigenossen gewünschte Kleinkolonisation Palästinas ohne öffentlich rechtliche Grundlage und ohne vorherige Schließung eines zweiseitigen Vertrages mit der rürkischen Regierung hervorgerufen hat, dann erörtert er die Stellung des Zionismus zu den tiefen Umgestaltungen, denen Rußland entgegengeht, die aber selbst mit der Erlangung der Freiheit und Gleichberechtigung der Juden in Rußland die Judenfrage nicht endgiltig lösen würden. Die Judenwanderung nimmt von Tag zu Tag einen größeren Umfang an, ohne daß der Zionismus in der Lage wäre, den Wandernden ein Land zu bieten, wohin sie getrost ihre Schritte lenken könnten. Eine Bewegung, die einen großen Teil des arabischen Volkes ergriffen hat, kann leicht eine Richtung nehmen, die auch Palästina berühren würde. Dann würde die türkische Regierung sich vielleicht in die Notwendigkeit versetzt sehen, ihre Herrschaft in Palästina und Syrien gegen ihre eigenen Untertanen mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, und es könnte ihr dann einleuchten, daß es für sie von außerordentlichem Werte wäre, in Palästina und Syrien ein zahlreiches, kräftiges und wohlorganisiertes Bevölkerungselement zu besitzen, das bei voller Achtung der Rechte der Vorgefundenen Einwohnerschaft keine Angriffe auf die Autorität des Sultans dulden, sie vielmehr mit dem Aufgebot aller Kräfte verteidigen würde. Auch Europa würde es wohl als einen ihm geleisteten

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