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Die Wahrheit · 1905-07-28 · Heft 29 (28.7.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 29 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 29. ohne daß die „Icau für ihre Jmportierung große Summen, wie gewöhnlich, auszugeben hatte. Warum soll sie nicht aus. der Erfahrung lernen? Warum nicht diese ganze geteilte Immigration auf ein großes Zentrum sammeln und dort eine jüdische Ansiedlung mit Selbstverwaltung gründ n? Warum scheucht die politische Autonomie die „Ica“, Lueiei- W o l.f und die nüchternen englischen Juden so sehr? Es ist -eine einfache Verwirrung. Sie fühlen in einer unklaren Weise, daß ihre Lage in Europa bedroht wird. Gegenwärtig erreichte ihre Position eine Höhe, die sie seit dem Falle Jerusalems nicht erklimmen konnten. Bor 250 Jahren sagte man ihnen, daß ihrer Einwanderung in England nichts im Wege steht, und sie wanderten ein; jetzt bietet man ihnen ein britisches Gebiet an, und sie reißen aus. Ich kann mir keine schönere Feier unserer 250jährigen Niederlassung. in England vorstellen, als die Annahme des großmütigen Angebotes von England. Das Angebot wurde nicht den englischen, sondern russischen und rumänischen Juden gemacht, die überhaupt keine Rechte haben. Wie dürfen wir uns unterstehen, ein solches Angebot zu verwerfen, solange wir ihnen nichts Besseres zu bieten haben? Ich bin ganz sicher, daß England das Angebot aufbessern würde, wenn wir einig wären. Aber ist auch das Territorium wirklich so schwarz wie es uns gemalt wird? Zangwill detailliert und kritisiert hierauf die einzelnen Berichte der Ostafrika-Kommission und weist nach, daß die gegen das Gebiet geltend gemachten Bedenken nichtssagend sind, da die gerügten Nachteile allen unkultivierten Gebietsstrichen anhaften. Ich lebte dieses Jahr einige Monate in Florida, das, einst Sümpfen und Krokodilen überlassen war, jetzt aber sich rasch zu einem prosperierenden Staat entwickelt. Ich kann mir denken, was unsere jüdischen Kommissionsmitglieder gesagt hätten, wenn man sie vor einem Jahrhundert hingeschickt hätte. Ja, selbst Australien war am Anfänge verurteilt. Als Leutnant Colli ns, der Kapitän der „Caleutta," der nach Australien ausgesandt wurde, mit einer kleinen Flotte von Verbrechertransporten,. deren Insassen dort angesiedelt werden sollten, an einer Stelle, die 36 Meilen von Melbourne entfernt ist, landete, berichtete er, daß dieses Gebiet für immer den Känguruhs überlassen werden müßte, die allein imstande wären, ihre Existenz zu finden, und versetzte die geplante Ansiedlung nach Tasmanien. Jetzt zählt Melbourne über 600.000 Einwohner. Ein Land, das jetzt von der Zivilisation entfernt ist, kann nach einer Generation zum Herde derselben werden. Welche Mittel sind vorhanden für ein Volk ohne Land, ein solches zu erlangen? Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder muß es ein entwickeltes Land bekommen oder — ein unentwickeltes. Entwickelte Länder sind aber bevölkert und wenn man sie haben will, muß man die Einwohner mit den Waffen in der Hand verjagen. Kann man aber den Weg des Krieges nicht einschlagen, muß man den Weg des Friedens gehen. Kann man den Krieg nicht gegen Menschen führen, so muß man ihn gegen die Natur richten. Wir müssen einen neuen Platz haben fern von der Zivilisation und dort eine neue Zivilisation aufbauen. Tun wir es nicht, so müssen wir entweder unter den Völkern verschwinden, oder für immer ein verlorenes und wanderndes Volk bleiben. Revolution nnd Judentum in Rußland. Wohl wenige russische Machthaber dachten bei Ausbruch des Krieges, der gegenwärtig den ganzen Erdkreis in Spannung hält, an die Folgen, die ihr Leichtsinn nach sich ziehen werde. Denk Je gegenwärtig in Rußland herrschende, von Zeit zu Zeit mit immer größerer Macht aufslackernde Revolution ist unzweifelhaft eine Mitfolge des unseligen Völkerkampfes, in den die provisionsgierige russische Bureaukratie das Volk stürzte, in der Hoffnung, besondere materielle Vorteile davonzutragen. Unzweifelhaft wäre der Kampf um eine Verfassung in Rußland früher oder später ausgebrochen; der gegenwärtig herrschende Massenmord jedoch öffnete bereits jetzt dem Volke die Augen und es sah deutlich die skrupellose Mißwirtschaft, die mit seinem heiligsten Gute, seinen Söhnen, zugunsten einiger Machthaber getrieben wurde. Und als sich dann auch das oft gebrauchte Schlagwort von den Kuropatkinschen Geheimplänen als plumpe Ausrede entpuppte, das russische Heer vor den anstürmenden Japanern regelmäßig reterierte, und auch im Militär die Erkenntnis von der nutzlosen Aufopferung platzgriff, war die Bewegung nicht mehr einzudämmen. Zum ersten Male äußerte sich diese durch den Schuß bei der Moskauer Wasserweihe und seit damals nahm der unter dem Heere verbreitete Unwille greifbarere Formen an. Schon damals konnte es den russischen Machthabern kein Geheimnis mehr sein, daß es mit der Machtfülle des allmächtigen Zaren schlecht bestellt sei. Trotzdem verschloß man sich allgemein dieser Erkenntnis und baute immer auf eine Wendung des Kriegsglückes. Und die Folgen sind jetzt eingetreten. Hintereinander traten die Zeichen offener und geheimer Revolution zutage. Eines der schrecklichsten und deutlichsten heißt: „Kniaz Potemlin Tawrischewski". Dies die Entwicklung der revolutionären Idee im gesamten russischen Volke. Wie verhält sich nun der Jude zu diesen Vorkommnissen? Soweit wir zurückdenken in der Geschichte des russischen Juden, war dieser immer bar jeden Rechtes und vollständig unterdrückt. Die russischen Zustände inbezug aus den Juden wurden auch oft genug besprochen, so daß die Kenntnis seiner Lage der breiten Oeffentlichkeit nicht fremd ist. Konstatiert soll nur werden, daß die Existenz der Juden überhaupt der Autokratie oft genug als Ventil für die Ablenkung der Volksleidenschaften gedient hat und noch dient. Die Revolution selbst fördert nur ein Teil der Judelychast. Dieser jedoch mit ganzer Kraft und Hingabe seines regen Temperamentes, nämlich \ die Arbeiterschaft. Dieser Teil unserer russischen Brüder sieht nämlich mit der Inauguration einer Verfassung eine neue Epoche < beginnen, in der es ihm leicht möglich sein wird, die vollständige \ Gleichberechtigung mit den anderen Völkern des russischen! Staates zu erlangen, eine Epoche, in der sich die Erringung! einer menschenwürdigeren Existenz als gegenwärtig leichter ge- > stalten würde.! Nicht so verhält es sich mit der Bourgeoisie unter den - Juden. Diese hält die Begleiterscheinungen der Revolution, die zahlreichen Plünderungen und Gewalttaten des Pöbels für Machenschaften der von der Polizei erhaltenen Spitzel und Provokateure, und fürchtet, selbst das Opfer zu sein, das die Regierung der Bevölkerung bietet, um sie von den ihr so gefährlichen Ideen abzubringen. Immer Unterdrückung und Rechtlosigkeit gewohnt, kennt der bessere Jude keine andere Pflicht, als durch Folgsamkeit dem autokratischen System gegenüber seine eigene Haut zu schützen. Viel trägt zu dieser Haltung auch der geringe Verkehr mit den Agitatoren und Mitgliedern der revolutionären Komitees bei, die sich nur in den unteren Schichten, als ihrem fruchtbarsten Arbeitsfelde bewegen und dort ihre meisten Anhänger gewinnen. Tatsächlich herrscht unter der Arbeiterschaft große Erbitterung gegen die mit dem Ausdrucke Bourgeoisie bezeichneten Elemente in der Judenschaft. Es wird nämlich gegen diese der Vorwurf erhoben, daß durch ihre Teilnahmslosigkeit die Bewegung nicht vorwärts komme, sondern stationär bleibe, was in diesem Stadium einen Rückschritt bedeutet. Der Kampf gegen die besseren jüdischen Elemente wurde vom jüdischen Arbeiterbunde inszeniert, um eben diese Kreise aus I ihrem Phlegma zu erwecken, und es kam bedauerlicherweise gleich- 3 zeitig in einigen Städten zu argen Ausschreitungen, bei denen nicht nur geplündert und geraubt, sondern auch gemordet wurde. Die Tätigkeit der Polizei beschränkte sich bei diesen Vorfällen ans die Rolle des passiven Zuschauers. Dieser Bruderkampf ist jedoch keineswegs geeignet, Sympathie für die jüdisch-russische revolutionäre Partei zu erwecken oder zu fördern. Es sind Opfer gefallen! Hunderte und Tausende. Aber nicht nur auf den Gefilden der Mandschurei, nicht nur auf den Feldern des Kampfes, nicht nur zum Schutze des Vaterlandes, zur Stärkung des autokratischen Regimes, auch zur Vernichtung desselben, zur Schaffung eines anderen Regierungssystems, zur Erlangung der vollen Menschenwürde fielen Hekatomben. Tausende unserer Glaubensgenossen schmachten in den Bergwerken Sibiriens, Emim»«rii"~rir—rnr'Tf - .uwrgawBPtiJi.'Jwi mm—m*,|l> nnw-»*«™

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