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Die Wahrheit · 1905-07-28 · Heft 29 (28.7.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 29 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Die Wahrheit Leite 5. erkannt. Das Aktionskomitee selbst gibt in der Resolution, die das Ugandapröjekt verwirft, zu, daß der Zionismus die Möglichkeit hatte, dasselbe zu akzeptieren, denn es heißt in der Resolution: „Nachdem das Komitee den Bericht der Ostafrikakommission geprüft hat u. s. w." Ja, welches Recht hatte es, den Bericht zu prüfen, wenn es unberechtigt war, das Angebot anzunehmen? Das A.-C. und all diejenigen reinen Palästinenser, die so gerne von dem Unwert Ugandas sprechen, benahmen sich wie jener Rabbi, der, nachdem er schon sein Mittagessen zu verzehren begonnen hatte, ausrief: „Nehmen Sie mir diesen trefenen Braten weg — er ist zu hart!" Ich denke jedoch, daß der Braten, so hart er auch sein mag, koscher ist und einem Hungernden lieber sein wird, als gar kein Fleisch, indem er ihn kräftigen wird, um sein Endziel zu erreichen. Und wenn auch zugegeben würde, daß dieser Braten ungenießbar sei, ist es denn ausgeschlossen, einen schmackhaften Bissen zubekommen? Solange es nicht feststeht, daß das Ugandaprojekt zu verwerfen sei, weil es trefa ist oder weil es ungenießbar ist, kann es unmöglich einen wahrhaften Frieden geben. Die eine Partei schreit: „Nur Palästina" und möchte alle Mittel nur diesem Erdenwinkel zuwenden, die andere glaubt, daß ein Territorium mit autonomen Rechten uns der Aneignung Palästinas viel näher bringen würde als die Gründung von kleinen Kolonien in Palästina selbst. Wenn nun eine dritte Partei aufgekommen ist, die Territorialisten, die für die Gründung eines Judenstaates in irgend einem Lande sind, so sind die fanatischen Palästinenser einzig und allein daran schuld. Ihre zelotische Engherzigkeit hat diese Reaktion hervorgerufen. Je größer die Freiheit der Juden ist, desto größer ist der Einfluß, den sie auf die Verhältnisse ausüben können. Im schlimmsten Falle: welchen Schaden würde der Zionismus erleiden, wenn die seit 19 Jahrhunderten geschändete jüdische Fahne auf jüdischem Boden wieder wehen könnte? Welchen wunderbaren moralischen Aufschwung würde sie Hervorrufen, wenn sie auch nur auf einem unfruchtbaren Felsen gehißt werden könnte! ■ Können Sie sich etwas vorstellen, das besser geeignet wäre, das jüdische Selbstbewußtsein zu heben, als ein jüdischnationales Territorium? Die Hebung des jüdischnationalen Selbstbewußtseins bildet einen Teil des Baseler Programms, was genügend Grund ist für die Schaffung eines jüdischen Territoriums. Aber wir ziehen Scholaum vor — unseren alten Todfeind. Z a n g w i l l wandte sich hierauf der Besprechung des Ostafrikagebietes zu und erinnert daran, daß seinerzeit dem Doktor H erzl die Wahl des Gebietes seitens der englischen Regierung freigestellt wurde, das Projekt erhoben wurde, die Wahl der Regierung selbst übertrug, welche dann ein Territorium weit entfernt von der Bahn wählte. Ich würde daher an das Colonial Office appellieren, das Angebot aufzufrischen durch die in Aussichtstellung eines anderen Territoriums zum Zwecke der Expansion, im Falle, daß der Versuch gelingen sollte, und ich bin überzeugt, daß es das Angehen nicht unberücksichtigt lassen wird. Unser Volk darf durch ein solches Angebot nicht zum Narren gehalten werden, so daß, wenn es dasselbe verwirft, man ihm sagt, daß die Fremden sich weigerten das angebotene Asyl anzunehmen und daher nicht klagen können, wenn sie zum Teufel geschickt werden. Ich bin überzeugt, daß Mr. Chamberlain ursprünglich nicht an ein so zusammengepreßtes und unpassendes Land dachte. Als er am letzten Dezember im Limehoux sprach, sagte der große Staatsmann, dessen wohlwollender Phantasie wir das Angebot zu verdanken haben: .Ich hatte mehrere Zusammenkünfte mit dem verstorbenen Dr. Herzl, dem Manne, der auf mich den größten Eindruck machte und dessen Aufrichtigkeit, Patriotismus und Fähigkeiten einem jeden, der mit ihm in Kontakt kam, tiefe Verehrung abzwingen mußten. Im Prinzipe waren wir einig, daß es die beste Lösung der Judenftage ist, irgend ein Land ausfindig zu machen, das unter dem Schutze der englischen Fahne stünde oder unter der eines Konzerts der Mächte, wenn sie es so haben wollen, und in dem diese aus ihren Heimatländern vertriebenen Auswanderer, die dieselben nicht aus irgend einer Laune verlassen oder weil sie uns schaden wollen, in Sicherheit ihrer Religion und ihren Idealen leben könnten. ..." „Das war unser Gegenstand," sagte er und fügte hinzu: „Jetzt hat die Sache zwar sehr viel gelitten durch den Tod des Dr. Herzl, aber seine Pläne werden fortgesetzt und wenn ich mich nicht irre, wird noch diese Woche eine Kommission nach Ostaftika abgehen, wo tausende und hunderttausende von Meilen unbewohnten Landes vorhanden sind, um zu sehen, ob dort nicht ein Asyl für diese Verfolgten zu gründen sei." „Tausende und hunderttausende von Meilen unbewohnten Landes." Da können Sie sich eine Idee bilden von dem Raume, der zu unserer Verfügung gestanden hat. Gewiß ist dieser Handel nicht einseitig. Zur Bearbeitung und Kultivierung seiner ausgedehnten Territorien braucht England Menschen. Das ist der Handel, auf den Dr. Herzl eingehen wollte. Der Zionismus sollte die Arbeitskräfte stellen und eine blühende Kolonie für England schaffen, wofür er nur „Self-Government" erhalten sollte. Und jeder vernünftige Zionist versteht, daß Self-Government uns viel näher zum Endziel des Zionismus bringt, als all die Pläne wegen Kleinkolonisation unter der vom Bakschisch beherrschten Negierung der Türkei. Der Boden für einen solchen Versuch muß fruchtbar sein und eine Zukunft haben. Er muß an ^und für sich eine Anziehungskraft ausüben und darf nicht zu. einem Pnppenheim für die Kreaturen der Philanthropie herabsinken. Es muß, um mit den einfachen, aber beredten Worten eines rumänischen Appells zu sprechen, „Brot und eine Zukunft für die Kinder" anbieten. Fügen sie zu „Brot" noch eine Fahne und ein Ideal hinzu, so erhalten sie Dr. H e r z l s Bedingungen für eine erfolgreiche Kolonisation. Das ist es, worin sich diese Kolonie von allen nichtzionistischen Kolonisationsversuchen unterscheiden würde, und der Grund, warum ich sie in den Händen der Zionisten und nicht den anderen jüdischen Körperschaften ausgeliefert wissen möchte, die ihre Seele töten würden. Man spricht jetzt so häufig von den Großfürsten in Rußland. Ich sage Ihnen, die Großfürsten der „Icaa sind nicht besser. Da sitzen sie und mißbrauchen den jüdischnationalen Schatz, verbergen sorgfältig ihre Bilanzen und kommen nur einmal jährlich für zehn Minuten in Paris zusammen. Ihre letzte Versammlung fand vor einigen Tagen statt und mit Entsetzen las ich die Reden des Präsidenten Herrn Narcisse Leven, in der er zwar die Lage der Juden in Rußland als so schrecklich, daß sie nicht mehr schrecklicher werden kann, schildert, von dem Ugandaprojekt aber kein Wort spricht, da er sich mit der Hoffnung tröstet, daß die russischen Juden eines Tages nützliche Bürger in Rußland werden, nützlich jenem Rußland, aus welchem sie Baron H i r s ch, dessen Gelder Herr Leven jetzt verwaltet, so rasch als nur möglich herausreißen wollte. Ja, nützlich für Rußland als gute Zielscheiben für die japanischen Kugeln. Derselbe Bericht erzählt, daß die jüdische Jugend in Argentinien zu richtigen Argentiniern wird, die spanisch spricht und sich dem Leben, den Sitten und Gewohnheiten der Landesbevölkerung anpaßt. Und über die H i r s chffche Schule lesen wir diese Woche, daß der Major Washington Steven den Zöglingen eine kanadische Fahne schenkte, damit sie als gute Kanadier aufwachsen. Und so gehr es in der ganzen Welt zu, auf jedem neuen Gebiet erfinden die „Klugen" neue Tricks. Als der verstorbene Sir Charles William Siemens, der Begründer der Firma Gebrüder Siemens, von Deutschland nach England herüberkam, arm und unbekannt, brachte er eine Erfindung für Wollepressen mit, für die er hier einen Kapitalisten zu gewinnen glaubte. Als er in seiner Verzweiflung durch die Straßen Londons wanderte, bemerkte er über einem Laden die Ueberschrift ,. Undertaker" *) „Das ist mein Mann!" rief er plötzlich freudestrahlend aus, „der unternimmt's sicherlich." Ich fürchte, daß die -Icaa in diesem Sinne die Rettung des jüdischen Volkes unternimmt. Die Sammlung aber aller ihrer Emigranten auf einem Boden unter einer Fahne würde ein neues jüdisches' Volk ins Leben rufen, anstatt das alte zu zerstören. Dieses Jahr kamen Emigranten aus eigenem Antriebe nach Argentinien, Unternehmer im allgemeinen, gewöhnlich aber nur zur Bezeichnung der Totenbestattungsunternehmer. Anm. d. Uebers.

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