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Die Wahrheit · 1905-07-28 · Heft 29 (28.7.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 29 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 29. wärmer zu interessieren, weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müssen. Das Letztere war bei mir' der Fall. Ich wurde kein Frommer im Lande, aber mein Interesse für das Judentum, das Gefühl meiner Zusammmengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Czernowitzer „Wassergasse" wurde ungleich stärker als bisher." Man sieht, Karl Emil Franzos repräsentiert einen jener Charaktere, die das Judentum schafft. Verliert er an Wert, wenn man ihn mit jenen vergleicht, die durch den Antisemitismus gebildet und großgezogen werden? * * * , ■ Die ganze Welt steht unter dem Eindrücke der Kaiser- Entrevue in den finnischen Schären und in der gesamten europäischen Presse wird der Wunsch laut, daß aus der Begegnung des deutschen Kaisers mit dem russischen Zaren den Millionen bedrückter und besorgter Menschen in Rußland Heil erwachsen möge. Nur die Schmücke von der „Deutschen Zeitung," deren ohnehin nicht allzu weiter geistiger Horizont durch den wütigen Judenhaß vollkommen beengt ist, benützen auch diesen Anlaß, um Gift und Galle auf die Juden zu speien und ihren Lesern das Märchen von der jüdischen Abstammung des Priesters Gapon neuerdings aufzntischen. In einem Leitartikel über die Entrevue heißt es daselbst: „Ebenso ungelegen wie den Engländern, ist den Juden die Zusammenkunft. Ziemlich unverhüllt kommt in einigen der Londoner Judenblätter der Zorn darüber zum Ausdruck, daß der Zar nicht vor Antritt seiner Seereise einem Bombenattentate zum Opfer gefallen ist. Sie sähen es eben lieber, wenn der Krieg weiter wüten würde, um ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Zettelungen besser fortsetzen zu können. Darum veröffentlichen sie auch mit großem Behagen das neueste Sendschreiben Gapons an die russischen Arbeiter und Bauern. Dieses Schreiben Gapons, der vor einem halben Jahre die Petersburger Arbeiter zur Schlachtbank geführt und sich dann sehr geschickt salviert hat, ist ein neuer Beweis, daß Gapon jüdischer Abstammung ist. Nur für die Juden bittet er um Schutz. Den Zar, seine Minister und Beamten, die Fabrikanten und Gutsbesitzer aber läßt er allein an den schlechten Verhältnissen schuld sein und ihnen gilt einzig und allein seine Hetze. „Warum aber seid ihr denn, meine russischen christlichen Brüder," heißt es in dem Schreiben u. a., „da ihr doch die Wahrheit wißt, bereit, gegen den Heiland und die Menschiichkeit zu handeln? Warum aber erfüllt ihr euere Seele mit blindem Haß, mit wilder Wut gegen die Hebräer, die ihr verächtlich Juden (Shid) nennt? Warum aber laßt ihr es zu, daß euere Brüder und euere Kinder an den großen christlichen Feiertagen, gleichsam Christus verspottend, sich gegen die Juden mit Keulen und Waffen erheben und auch Kinder und Greise nicht verschonend, sie bis zu Tode schlagen, in ihre elenden Hütten eindringen, ihnen in rasender Wut auf Böden und Dächern nachjagen, ihnen die Schädel mit eisernen Stangen zerschmettern, ihre armselige Habe rauben, sie verspotten und verhöhnen? Und wenn am heiligen Ostersonntag im Tempel Gottes der Gesang ertönt: „Laßt uns wie Brüder uns umarmen!" wenn das Geläute der Glocken, der festliche Lärm, die helle Frühlingssonne und das frische Grün — wenn alles von Leben spricht und alles zu Frieden und Freude einladet — dann vergießen euere bösen Brüder, euere unwürdigen Kinder schonungslos das Blut der jüdischen Kinder auf den Straßen der Städte und tränken damit die heilige Gotteserde und sogar die Stufen der Kirche. O, russisches Volk, wer frißt jetzt deine Kinder, haut sie mit Säbeln und Nagaikas, durchbohrt sie mit Bajonetten und tötet sie mit Kugeln? Sind es die Juden? Nein! Das tun die Minister Nikolais H., die unersättlichen Vampire, Verschwender, Volksverräter. Sie schicken ihre Kosaken- und Soldatenregimenter, d. h. deine eigenen Söhne, gegen die armen Bauern, mit anderen Worten, gegen ihre eigenen Väter und Mütter, sie schicken sie gegeu die heldenmütigen Fabriksarbeiter, sie schicken sie gegen alle die, welche ihr Leben für ihr Land und ihre Freiheit hingeben. Wir stimmen, so raisonniert die „Deutsche Zeitung" weiter, der Bemerkung, welche die „Staatsb.-Ztg." hiezu macht, voll und ganz bei, daß eine gemeinere Hetze wohl nie veranstaltet worden ist, als von diesem revolutionären Urheber des blutigen 22. Jänner. Sein Christentum ist ihm der Deckmantel, unter dessen Schutz er das Volk zu neuen Bluttaten aufhetzl. Eine ärgere Verhöhnung des Christentums hat noch keiner begangen, als dieser Sproß aus jüdischem Blut, der die blinde Masse auf alles hetzt und nur für seine Stammesgenossen Schonung sucht. Wer diesem heuchlerischen Schuft begeistert zustimmt, der zeigt wes Geisteskind er selber ist. Sehr richtig! Hoffentlich wird aber alle Hetzerei und Wühlerei die Juden und ihre Verbündetem doch nicht an das gewünschte Ziel bringen." Man weiß wahrhaftig nicht, worüber man mehr staunen soll. Ueber die Niedertracht, die das zu schreiben wagt, oder über die Dummheit, die der Artikelschreiber bei seinen Lesern voraussetzt, um derartiges zu glauben. Uor dem Kongresse. Obwohl das Aktionskomitee sich gegen das Ostafrikaprojekt entschieden hat, wird der Widerstreit der Meinungen zwischen den Anhängern und Gegnern des Projektes gewiß noch auf dem am 27. d. M. beginnenden VII. Kongresse nachklingen. Einer der wärmsten Fürsprecher für die Kolonisation Ostafrikas ist Israel Zangwill, der am 10. d. M. in einer massenhaft besuchten Versammlung in London eine Rede hielt, die umso bemerkenswerter ist, als sie nicht blos bisher unbekannte Tatsachen der Geschichte des Ugandaprojektes vorbrachte, sondern auch grelle Schlaglichter auf die gegenwärtigen Strömungen in der zionistischen Partei warf. Einen Auszug dieser Rede wollen wir im Nachstehenden wiedergeben: Am Schluffe des letzten Kongresses besaßen wir drei Schätze: Herzl, das Angebot eines Territoriums in Ostafrika, das beinahe so groß ist wie Wales, und eine weitherzige Auffassung des politischen Zionismus. Am Schluffe des nächsten Kongresses werden wir höchst wahrscheinlich keinen derselben besitzen. Herzl ist tot, und die Zwerge haben nichts Eiligeres zu tun, als den Riesen zu zerstampfen und sein Werk zu vernichten. Nord au, der vielleicht imstande wäre, das Werk fortzusetzen, ist aus Gesundheitsrücksichten verhindert, es zu tun, und es darf uns nicht überraschen, wenn wir ihn als Führer nicht einmal nominell werden behalten können, In der Außenwelt ist der Zionismus durch den Tod des Sekretär H ay ärmer geworden, dessen Leistungen zugunsten der russischen und rumänischen Juden Und der Giltigkeit der jüdischen Reisepässe in Rußland ihn zu einem der größten Freunde, welche die Juden je hatten, stempelten. Aus einer langen Unterredung, die ich mit ihm im vorigen Dezember hatte, erfuhr ich, daß er am eifrigsten ein Konzert der Mächte zur Lösung der Judenfrage unterstützt haben würde. Er erlaubte mir sogar, seine Ansicht bekanntzumachen, daß die Beteiligung an der zionistischen Bewegung den Ruf der ameri- | konischen Juden als Patrioten unter keinen Umständen beeinträchtigen wird. Zu einer Zeit solcher Trübsal und Verluste für den Zionismus erschallt in unserem Lager ein sonderbarer Jubelschrei. Auf der amerikanischen zionistischen Konvention, die soeben in Philadelphia stattgefunden hat, begegnete man solchen Szenen von Begeisterung, Jubel, Gesang und Tanz, die unbeschreiblich sind. Was ist los? Friede ist eingezogen! Das Aktionskomitee verwarf das Ostafrikaprojekt. Unsere Brüder in Amerika hatten noch nicht einmal den Bericht der Kommission gelesen, aber das war belanglos — es herrschte Friede. Ein Friede um jeden I Preis. Eine Friede ohne Fortschritt. Das alte Motto lautete: | „Alles ist verloren nur nicht die Ehre." Das unsrige soll B heißen: „Alles ist verloren, nur nicht der Friede." 8 Eine große Gelegenheit ist dem jüdischen Volke verloren fl gegangen. Wir sind noch immer außerhalb der Tore Palästinas, I aber das tut nichts; wir haben Schalom. Und die amerikanische B Konferenz jubelt und tanzt vor Freude und unsere Führer B sprechen den „Schepotrani"-Segen. fl Aber herrscht wirklich Friede? Nein. Der Umschlag dieses B Blaubuches trägt ein zionistisches Zeichen und die Ueberschrift: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Das Blaubuch jedoch handelt nur über Ostafrika. Der Zionismus gibt hiermit zu, daß das Ostafrikaprojekt in den legitimen Bereich seiner Operationen hineingehört. Herr W o l f f s o h n sagte im vorigen Monat am Schekeltagmeeting in London, daß die Erlangung des Ostafrikaangebotes die größte Schöpfung Herzls gewesen sei, da die englische Regierung durch dieses Angebot das zionistische Prinzip gutgeheißen habe. Ja, aber zu gleicher Zeit hatte das zionistische Prinzip die englische Regierung an-

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