Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-07-28 · Heft 29 (28.7.1905) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 29 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063294--03775-3070561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Redaktion u. Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon 8tr. der Druckerei 15302. Inserate .20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneinenlsn. JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar »nd klagbar.. Krscheint jeden Kreilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Rerngspileis: || Ganzjährig . . . K. ta.— , Halbjährig . . K. tz —! Für Cilitusbeaulte: ' Ganzjährig . . . 5t. 10 - Für Auslnud: . Ganzjährig ... 8 Mark. t>!>I»bel aber 16 Fes. ' Jtv. 29 Wien, 28. Inli 1995. Inhalt: Aus der Woche. — Bor dem Kongresse. — Revolution und Judentum in Rußland. — Das Wesen des Judentums. — Berschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Glühende Kohlen. — Der Sulzerismus und die moderne synagvgale Liturgie. Ans der Woche. Baron Albert von Rothschild hat in den letzten Tagen laut einer testamentarischen Bestimmung seines verewigten Bruders, Baron Nathaniel von Rothschild, zweiMillionen Kronen an verschiedene wohltätige und gemeinnützige Vereine und Anstalten in Wien ohne Unterschied der Konfession verteilt. Es liegt gewiß nicht in den Intentionen des Herrn Barons, mit dieser Spende Reklame zu machen, aber immerhin verdient ein solcher Akt hochherziger Munifizenz der breiten Oeffentlichkeit mitgeteilt zu werden und in diesem Sinne wurde er auch von fast allen Wiener Blättern kurz registriert. Nur die zu allem fähige antisemitische Presse, die bekanntlich nach dem Tode des Baron Nathaniel das Andenken dieses edlen Mannes zu besudeln suchte, ging über die zwei Millionen-Spende mit Stillschweigen hinweg, wahrscheinlich damit die antisemitischen Leser nicht davon erfahren, daß ein Jude so viele Hunderttausende für arme, kranke und hilfsbedürftige — Christen gewidmet hat. Die antisemitischen Preßorgane folgten dabei ganz dem Beispiele ihres Herrn und Meisters Dr. Lueger, der ja ebenfalls bei der Mitteilung, daß Nathaniel Rothschild — außer den 20 Millionen Kronen für arme Kranke ohne Unterschied der Konfession — 40.000 Kronen zur sofortigen Verteilung an die Armen Wiens hinterlassen hat, es sich nicht einfallen ließ, dem Toten die Ehre zu erweisen, daß er die Gemeinderäte zum Erheben von den Sitzen aufgefordert hätte. Hermann Bie lo h la w ef, der sich, seitdem er im öffentlichen Leben steht, bei jeder Gelegenheit als Fanatiker der Ungerechtigkeit und als ein brutaler Parteimann bewährte, aber trotzdem in dem Momente, als er die mit 12.000 Kronen dotierte Stelle eines Landesansschusses erhielt, sich öffentlich rühmte, ein „Fanatiker der Gerechtigkeit" zu sein, hat bei der vor einigen Tagen erfolgten Einweihung eines Landes-Kinderheims wieder einmal „schöne" Worte von der Duldsamkeit gegenüber anderen Nationalitäten gesprochen. Es wäre ein Leichtes, aus der politischen Karriere dieses Mannes in tausenden Fällen das Gegenteil zu beweisen, aber ob sie schöne oder hetzerische Worte sprechen, darauf kommt es bei den Herren Antisemiten gar nicht an — die Taten entscheiden. Und diese sind niemals mit solchen in festlichen Momenten leicht gesprochenen Worten in Einklang zu bringen. Ja, das sind eben Charaktere! # Wie die Charaktere aussehen, die das Judentum schafft,! dafür können wir ein interessantes Beispiel vorführen. In einem | vor kurzem erschienenen posthumen Werke von Karl Emil Franzos schildert der Dichter im Vorworte, wie er zu einem der idealsten und begeistertsten Kämpfer des Judentums wurde. „Es war ganz ausgeschlossen", sagt Franzos, „daß ich, meines Vaters Sohn und frühzeitig auch durch das Leben zum vollen Pflichtgefühl erzogen, jemals daran denken konnte, meinen Glauben zu wechseln. Aber ebensowenig dachte ich daran, daß das Judentum in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen, daß ich jemals innerhalb der engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung bringen sollte. Ich wollte Jude bleiben, auch hier meine Pflicht tun, das ist Alles." Dieses anfänglich etwas kühle Verhältnis des Dichters zum Judentum änderte sich erst, als derselbe vor die Alternative gestellt wurde, für seinen Glauben ein schweres Opfer zu bringen, oder seinen Glauben selbst zu opfern. Franzos Lebensideal war ursprünglich, klassische Philosophie zu studieren, für die er eine eminente Begabung mitbrachte, und Professor zu werden. Da er arm war, und eine Familie zu erhalten hatte, war er darauf angewiesen ein Stipendium zu erlangen, das ihm in Anbetracht seiner ausgezeichneten wissenschaftlichen Arbeiten, unmöglich entgehen konnte. „Die Entscheidung", so erzählt nun Franzos, „ließ lange auf sich warten. Endlich wurde ich eines Tages zum Landeschef (es war dies der Landeschef der Bukowina, welcher das Gesuch Franzos' auf das wärmste empfohlen hatte) berufen. Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit: „Ihre Eignung ist außer Zweifel, aber-" Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken. Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben, es hatte ja auch keinen rechten Sinn, denn ich wollte ja eine Universitätsprosessur erreichen, und die war ja den Juden unmöglich. Es war im Sommer 1867 vor der liberalen Aera". Und nun in dem schweren Leid, in dem bitteren Unrecht, das der Dichter wegen seines Judentums erfahren mußte, ging in seinem Herzen die große Liebe zu demselben auf. Ihm erschien es als ein Ding der sittlichen Unmöglichkeit, mit seiner religiösen Ueberzeugung Sckacher zu treiben. Da er arm war, mußte er zu seinem grenzenlosen Schmerze auf das geliebte Studikrm verzichten und einen andern Berus wühlen. Nun hören wir den Dichter, wie diese Resignation aus ihn wirkte: ..Derlei wirkt ans den Menschen verschieden, je nach seiner Anlage. Der eine kann das Opfer nicht bringen, ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere Opfer. Der Andere verzichtet zwar, beginnt aber innerlich sein Judentum als ein Unglück zu! empfinden und zu — hassen. Den Tritten aber beginnt | fein Glaube eben deshalb näher anzugehen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.