Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 28. eine Arbeit, die in anderen Kirchen Konzilien von Päpsten, Kardinalen, Musikern und allerlei Künstlern — außer den fürstlichen Persönlichkeiten, die ihr Vorhaben durch. weltliche Macht patronisierten — Jahrhunderte in Anspruch genommen hat. Ein solches Unternehmen wäre auch vielleicht für einen Sulzer unausführbar gewesen, wenn ihm nicht zwei Faktoren von großer Bedeutung, sowohl für den freien Gesang, als auch für das Rezitativ, zur Seite gestanden wären. Bei der Komposition der Chorgefänge (rrn) hat eine ganze Reihe von Musikern ersten Ranges mitgewirkt; auf seine Initiative, nach seinem Plan und unter feiner Aufsicht wurden ganz neue Piecen im modernen Styl der jüdischen Liturgie einverleibt. Die Möglichkeit ist gar nicht ausgeschlossen, daß diese Kompositionen der fremden Autoritäten ihm als Muster bei seinen eigenen Kompositionen, in dem ersten Teile „Schir Zion" gedient haben; allenfalls erreichen seine originellen Kompositionen nicht die Höhe der fremden Kompositionen, wenn sie nicht sogar in Vielem etwas zurückstehen. Bedeutender war Sulzer in der Ordnung der alten traditionellen und formlosen Weisen. Bei dieser Arbeit beteiligte sich keiner seiner Mithelfer; musikalisch war er der leichteste, liturgisch jedoch der populärste. Für die Tepliilo, d. h. für die Gestaltung des neuen Rezitativs haben die reformierten Rabbinen direkt oder indirekt mitgewirkt. Der Schwung der hebräischen Sprache, das allgemeine Eindringen modernen Wissens in der Mendelfohnsi'chen Epoche und das Streben dieser Zeit nach Germanisation brachte eine Renaissance des akzentuierten Rezitativs, obwohl neu koloriert und modern transformiert, mit sich. Dadurch, daß die neuen Gemeinden Deutschlands ihre Kantoren wie halbe Pastoren zu betrachten anfiengen, denen die grammatische Diktion als eine Hauptbedingung für ihr heiliges Amt auferlegt wurde, konnte das Rezitativ in allen feinen Phasen neu aufgerichtet werden. Und da j Sulzer, wie wir schon früher gesagt haben, ein Sänger von Gottesgnaden und mit dramatischem Temperament begabt war, j so blühte das sulzerifche Rezitativ in einer eigentümlichen Weise, die wir mit dem Namen „Sulzerismus" bezeichnen. Wir können nicht konstatieren, wie wir im Aufsatze: „Salomon Rosst und Salomon Sulzer" schon erklärt haben, ob Sulzer Schöpfer oder Geschöpf seiner Zeit, wie auch ob seine dramatische Art natürlich oder künstlich adoptiert gewesen ist; jedoch darüber herrscht kein Zweifel, daß er seiner Zeit nicht zurückgeblieben, und daß er und kein anderer der Vater des synagogalen dramatischen Rezitativs ist. Nach dem Zeugnis seiner berühmten Schüler war Sulzer in feinem Gesänge mehr erschütternd als angenehm. Seine kräftige Baritonstimme, seine tiefe Auffassung des Textes, die intensive Expansion des Tones rc. waren so einfach und doch gewaltig, daß jede Phrase, jedes j Wort, jede Silbe, die er vorgetragen hat, mehr einem rethorischen j Vortrag denn einem Gesänge ähnlich war und keinen Zweifel in der Natürlichkeit seiner dramatischen Begabung aufkommen ließen. Wir würden jedoch den dramatischen Charakter seines Vortrages nicht weniger schätzen, wenn er auch ein Produkt der absichtlichen Adoption gewesen wäre. Der übertriebene Sentimentalismus der verkommenden Neima der vorsulzerischen Zeit, der ausschweifende, fast kränkliche Jammer des polnisch-jüdischen Gesanges und seine Zerfahrenheit bezüglich des Textes, die metrischen und rhythmischen Seuchen, von denen die gesamte jüdische Liturgie heimgesucht war, erweckten in Sulzer den Willen, hartnäckig gegen diesen Schlendrian zu kämpfen. Dank seinem Dramatismus ist das ausgeartete Weibliche im jüdischen Gesänge ausgerottet und statt dessen ein gesunder männlicher Charakter eingeführt worden. Wenn wir uns der Sprache der Philologen bedienen sollen, welche die Abstammung ma? von -nat, schneiden in Cäsuren erklären oder, wie es in der musikalischen Terminologie bekannt ist, in Distinktionen, wie die Abstammung rrr» von “ntr Mauer, oder von mit» Reihe, Ordnung, wodurch die Begriffe von „Schiro“ und „Simroh“ in hebräischen synonym sind, dann verdient Salamon Sulzer den Titel i-mwa und na?a zu tragen, da er das Rezitativ akzentuiert, den Gesang rhythmisiert und die alte Ordnung zwischen Wort und Ton wieder hergestellt hat. (Fortsetzung folgt.) y Jlk« JrfMIFIIMW1 HlL HBSa Verschiedene Nachrichten. Wien. (Polizeirat Pres'ser.) Am 15. d. M.■ ist Polizeirat. Leopold Presser, der ausgezeichnete Bezirksleiter von Floridsdorf, im Alter von kaum 52 Jahren nach eintägiger Krankheit infolge einer Bauchfellentzündung gestorben und die unvermutete Trauerbotschaft hat allgemein schmerzlich überrascht. Der Verblichene war ein herzensguter Mensch, der nicht nur für seine Verwandten wie ein Vater sorgte, sondern auch niemals Mühe scheute, um Armen und Bedürftigen beizustehen. Er hatte überall Freunde, wo er dienstlich gewirkt und privat verkehrt hat, denn er war ein ernster ruhiger Beamter von einfachem Wesen, gutgesinnt,, herzlich wohlwollend und menschenfreundlich. Auf einen exponierten und verantwortungsvollen Posten gestellt, hatte er relativ größere Selbständigkeit im polizeilichen Dienst als andere Bezirksleiter, da Floridsdorf schon zu' einer Zeit in den Polizeirayon gehörte, als von seiner Vereinigung mit. der Großkommune noch nicht die Rede war. Auf eine nahezu. 28jährige tadellose Tätigkeit im Staatsdienst konnte der so unvermutet Verblichene zurückblicken. Am 12. September 1653 geboren, trat Presser nach Absolvierung der juridischen Studien im Jahre 1877 in den Staatsdienst. Er war im Konzepts- und Exekutivdienst bei verschiedenen Kommissariaten tätig, als Praktikant dem Kommissariat Ottakring zugeteilt, als- Polizeikommissär auf dem Alsergrund, wo er mehrere Jahre blieb. 1893 wurde er Oberkommissär und war in dieser Eigenschaft Bezirksleiterstellvertreter in der Josefstadt. Am 31. Dezember 1901 wurde er Polizeirat, nachdem er schon als Oberkommissär mit der Leitung des Kommissariats Floridsdorf betraut worden war. Der Verblichene, der ein guter und überzeugungstreuer Jude war, wurde seinem Wunsche gemäß in seine Vaterstadt Kremsier überführt und dort unter allgemeiner, tiefer Trauer zu Grabe getragen. Ueber das Leichenbegängnis wird uns aus Kremsier berichtet: In der Zeremonicnhalle des israelitischen Friedhofes hatte sich eine zahlreiche Trauerversammlung eingefunden. Unter den Anwesenden bemerkte man außer den Leidtragenden der Gattin des Verstorbenen, Bertha Presser, dessen Sohn, 8tnä. ^jrrr. Hans, u. A., den Verwalter des Wiedener Krankenhauses, Zukriegl, in dessen Armen der Polizeirat gestorben ist, j die Mitglieder des Kultusvorstandes unter Führung des Vorstehers Ignaz. ' Knöpfelmacher und des Stellvertreters Adolf S ch w o n e r, den Präses der Chewra-Kadischa in Ungarisch-Hradisch Hermann Brau n, sowie Deputationen mehrerer mährischer Gemeinden, Jugendfreunde des Verstorbenen, wie Realschulprofessor V a v r u ch u. v. A. Nach Vortrag der üblichen Trauergesänge durch Oberkantor R e i ch a r d unter Assistenz, des Chores, trat Rabbiner Dr. Frankl-Grün an die Bahre und hielt einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er die edlen Tugenden und die seltene Charakterfestigkeit des Verblichenen schilderte, der treu bei seinem Glauben ausharrte und den Kampf mit den jetzt herrschenden Vorurteilen siegreich bestand. Nachdem noch der Oberkantor das Dl mole rachamim ergreifend vorgetragen hatte, wurden die sterblichen Reste dieses edlen Mannes an der Seite seines Vaters zur ewigen Ruhe gebettet. Wien. Das innerösterreichiche Distriktskomitee des Verbandes „Zion" veranstaltet am 21. Thamus (27. Juli l. I.) am Grabe des toten Führers eine religiöse Gedenkfeier unter Teilnahme des Herrn Oberkantors Schorc samt Chor. Die Wiener Gesinnungsgenossen sind freundlichst eingeladen, ihrer Pietät durch recht zahlreiches Erscheinen Ausdruck zu verleihen. Wenn wir auch die Erwartung hegen, daß der Kongreß, der am selben Tage eröffnet wird, das Andenken des unvergeßlichen Führers durch Sicherung des inneren Friedens, durch neuen Treuschwur, beim Werke H e r z l s auszuharren, geziemend ehren wird, wollen auch wir Zionisten, die wir an jenem Tage in Wien weilen, uns am Grabe zusammenfinden und des Führers gedenkend, ihm bis übers Grab treue Gefolgschaft versprechen. Die Gesinnungsgenossen versammeln sich in der Zeremonienhalle des Döblinger Friedhofes (nahe der Straßenbahn-Haltestelle), um 8^2 Uhr früh, Donnerstag, den 27. Juli. Wien. Der theologische Verein der Hörer an der israelitisch-theologischen Lehranstalt zu Wien, II., Tempelgasse 3, empfiehlt den 3?. T. Gemeinden seine Mitglieder als Prediger für die hohen Feiertage. Linz. Für die hiesige Kultusgemeinde wurde Herr I. Löwe ns o h n, früher Oberkantor in Stanislau, in gleicher Eigenschaft, nach einem mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag, einstimmig gewählt. Infolge der tüchtigen kantoralen Leistung wurde Öberkantor L ö w e n s o h n von den im Konkurse beanspruchten Schechita- und Religionslehrerfunktionen enthoben. Budapest. (Rabbiner Eliezer Pvllak.) Am 5. d. M. starb, wie bereits gemeldet, im hohen Alter von 83 Jahren Herr Eliezer P o l l a k, Rabbiner an der Rombachsynagoge. Seit einem Vierteljahr ist dies leider schon der dritte tiefschmerzliche Verlust, den die Pester israel. Religionsgemeinde erlitten. Zuerst der unvergleichliche Dr. Mayer Kayserling, dann der unersetzliche Jacob B ach mann und jetzt der Nestor der Budapester Rabbiner Eliezer P o l l a k! . . . . Rabbi P o l l a k gehörte der konservativen Richtung an, ohne jedoch ein Finsterling zu sein. Er war stets ein Mann des Friedens, der selbst in religiösen Dingen, obgleich er seinen Standpunkt energisch vertrat, den Frieden über Alles schätzte und denselben soviel als möglich zu erhalten, strebte. Im März 1822 in Neutra geboren, wurde er schon als Kind in das Studium der heiligen Schrift eingeführt. Als Jüngling saß er zu den. Füßen des Rabbi Ezechiel B an et, welcher damals Oberrabbiner von Neutra war, dann kam er zum Rabbiner S. H. W e i ß in Sok-Szolöczer