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Die Wahrheit · 1905-07-21 · Heft 28 (21.7.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 28 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 28. Die Wahrheit. Seite 7. niemals zuvor einen Juden gesehen und sie hatten ganz sonderbare Vorstellungen von Juden. Aus verschiedenen Teilen des Landes kamen sie eigens, um ihn zu sehen, und eine alte Quäkerfrau fragte ihn: „Bist Du ein Jude? Du bist also einer aus dem von Gott erwählten Volke. Willst Du mir gestatten. Dich einmal ordentlich anzusehen?" Sie drehte ihn hierauf hin und her und rief schließlich: ..Well, Du bist nicht anders wie andere Leute." Wie aus dem Adreßkalender von Cincinnati aus dem Jahre 1818 hervorgeht, war Joseph. Jonas bereits in jenem Jahre, also zwei Jahre nach seiner Ankunft, Freimaurer, und zwar hatte er bereits einen höheren Grad. In einer hinterlassenen Denkschrift aus dem Jahre 1842 schreibt Jonas: Von der Ankunft des ersten Juden in Cincinnati bis zu diesem Tage waren die Inden sehr geschützt und standen in hoher Achtung bei ihren Mitbürgern,' es fand ein Austausch von Höflichkeiten' zwischett ihnen statt und auch Freundschaften wurden zwischen Juden und Christen geschlossen. Viele Personen christlichen Glaubens, die fünfzig bis hundert (englische) Meilen von Cincinnati entfernt wohnten, kamen in die Stadt mit der ausgesprochenen Absicht, einige Kinder Israels, ..das heilige Volk Gottes," wie sie uns nannten, zu sehen und mit ihnen sich zu unterhalten. Weiter wird in der Schrift bemerkt, daß von christlicher Seite zngestanden wurde, daß es unter den Juden in der Stadt wie auf dem Lande die wenigsten Trunkenbolde, Stromer oder sonst den Gesetzen Zuwiderhandelnde Personen im Verhältnis zu deren Zahl gebe. Daß das Verhältnis zwischen Juden und Christen im großen und ganzen sich seit nahezu einem Jahrhundert nicht verändert hat — die kolossale Zusammenhäufung von russischen und rumänischen Juden in New-Iork hat nur hie und da einige Ausnahmeerscheinungen gezeitigt — das ersieht man aus einer Zuschrift an den „American Jfraelite." „Ich glaube — so lautet das aus Clarion, Pa, datierte Schreiben — daß Inden, gleichviel woher sie kommen, wenn sie sich niederlassen, einen Handel anfangen oder sonst ehrlich sich ihren Lebensunterhalt verdienen und anständig sich verhalten, von den Massen geachtet werden. Meine Erfahrung hat mich das gelehrt. Ich bin an diesen Ort gekommen im Jahre 1853, als ich zwanzig Jahre alt war. Ich war kurz vorher aus Deutschland herübergekommen, heiratete und bekam Familie. Fast die ganze Zeit war ich geschäftlich tätig, habe Söhne im Geschäft, hatte verschiedene Ehrenämter, wurde Mitglied verschiedener Gesellschaften u. s. w. Hier gibt es Presbyterianer, Methodisten, Baptisten, Lutheraner und -Katholiken, ich und meine Familie sind die einzigen Juden. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich in dieser ganzen Zeit, ob es mir gut oder schlecht ging, in Freude und in Not. stets Freunde und Helfer gefunden habe. Wir verkehren gesellschaftlich mit der Elite der Stadt; sie besuchen uns und wir besuchen sie und wir leben in Frieden und Eintracht. Es ist sehr bemerkenswert und ist bereits mehrfach ausgefallen, daß die Juden, denen doch nichts mit so großer Bestimmtheit nachgesagt wird, als daß sie eine besondere Begabung für den Handel haben, in Amerika im Wettbewerbe nicht die höchsten Preise erlangt haben, obgleich ihnen hier keinerlei Schranken im Wege stehen. Kein einziges der großen Vermögen, deren es in den Vereinigten Staaten so viele gibt, ist von einem Juden erworben oder znsammengescharrt worden oder, um auch das gleich hinzuzufügen, von Judenstämmlingen. Die Astors, Carnegies, Vanderbilts, Goulds, Rockfeller, Morgan und noch viele andere mehr unter den Reichsten der Reichen Amerikas sind ohne Ausnahme Christen. Dabei stehen Juden an der Spitze großer Bankhäuser, Eisenbahnen, Trusts, und anderer Geschäftsunternehmungen. Daraus ist der Schluß zu .ziehen, daß entweder die Juden nicht das alle anderen überragende Handelsvolk pur excellence sind — in Wirklichkeit können Engländer, Armenier, Griechen und noch andere in geschäftlicher Beziehung mindestens ebenso viel leisten wie die Juden, und auch in den fortgeschritteneren Teilen Deutschlands stehen die Urgermanen ihnen in kommerziellen und industriellen Unternehmungen nicht im geringsten nach.— oder der Umstand, daß in weniger freien Ländern mit noch von mittelalterlichen Schlacken nicht ganz freier aparter Judenpolitik die intelligentesten Kräfte bei den Juden dadurch, daß ihnen viele Wege zur Betätigung künstlich versperrt werden, in die eigentlich gelderwerbenden Geschäfte und Berufe hingedrängt werden, wo sie dann natürlich bessere Chancen in der Jagd nach dem Gelde haben, als ihre Mitbürger, denen alle Wege offen stehen und deren begabteste Köpfe, eben weil sie sich anderweitig betätigen können, sich nicht ausschließlich oder vorzugsweise dem Handel zuzuwenden brauchen. Die amerikanischen Juden sind nicht wenig stolz daraus, daß einer aus ihrer Mitte, Herr Lnbin, der eigentliche Urheber des Planes ist, in Rom eine Art permanenter internationaler Landwirtschastskammer zu begründen. Es ist in der Tat seltsam, daß ein Mitglied desjenigen Volksstammes, dem man seit lange jedes Interesse und jedes Verständnls für Landwirtschaft abspricht, ans eine solche die Landwirtschaft der ganzen Welt umfassende Idee gekommen ist. Nicht minder sonderbar ist, daß ein so verdienstvoller Mann sich bescheiden im Hintergründe hält, während man doch sonst den Juden immer Bordrängen und Reklamemachen vorwirst. Lubin, ein ernster und energischer Mann, hat sich mit der Idee viele Jahre herumgetragen. Er glaubt an die Zukunft der Landwirte und er wünscht aufs eifrigste, etwas zur Besserung ihrer Lage tun zu können. Der Äntrerisnnls und die moderne fynagogale Liturgie. Bon P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. (Fortsetzung.) Aber wie unkontrolliert entwickelte sich hingegen in der Synagoge die Vereinigung von Wort und Ton von der Epoche der Arabisation bis zur Epoche der Germanisation oder Reformation des 19. Jahrhunderts! Was Wunder, wenn eine Sprache (einige Piutim ausgenommen), die alle grammatischen Regeln, die gesunde Logik und den einfachen Styl verspottete, Empfänglichkeit für den Akzentus und Konzentus, wie auch für Fragmente aller kirchlichen und weltlichen Style gezeigt hat!! Fast alle massoretischen Genauigkeiten der drei Gattungen unserer Liturgie sind verstümmelt worden. Der gesangliche Teil rr:-j, d. h. die traditionellen Weisen der Nnschaoth, wie auch die sogenannten Kompositionen (Sachen) der Chasanim präsentierten einen taktlosen Singsang, einen Jargonismus, einen formlosen und tönenden Stoff, aus dem Musik gemacht wurde. Oder darf die zügellose Improvisation, die bei den meisten (außer den natürlich sehr musikalisch begabten und hebräisch gebildeten) Chasanim zu einer Revolution zwischen Text und tonlicher Phantasie geführt hat, zu irgend einer Gattung gerechnet werden?! Auch die m-iat verlor infolge Ignoranz des grammatischen Wissens, die in letzter Zeit gar als Apikorsus betrachtet wurde, ihren ursprünglichen Charakter und konnte unter keinen Umstünden mehr als prosaisches Rezitativ gelten. Ja, prosaisch war es schon genug, aber keine Spur von Rezitativ. Oder konnte die Art und Weise des Thoralesens in der letzten Zeit, wo die Leser am Schlepptau eines Souffleurs aus dem Chummisch bugsiert wurden (wie es noch heute bei den Chassidim Sitte ist), gar wagen, unter die Gattung des dichterischen Rezitativs gezählt zu werden?! Der alte Tropus, der die Sprache mit dem Tone fast zementierte, war schon lange im Munde der Frommen zerschmolzen. Bei dem Vorleser der Chassidim, der weder von der Grammatik der Sprache, noch von der richtigen Tonalität der verschiedenen tropischen Wendungen und Interpunktionen etwas wußte, gestaltete sich das ganze zu einer Vorstellung von gutteralem Brummen und nasalem Murmeln. Und in dieser Zeit des liturgischen Verfalles erschien am synagogalen Horizonte ein Mann, der auf jeden Zoll ein König der Ordnung und musikalischen Disziplin gewesen ist; ein Mann, der mit einer eisernen Energie und mit den höchsten Idealen für die Verschönerung der jüdischen Liturgie ausgerüstet war: sein Name ist Salomon Sulz er! Und dieser Mann unternahm es, die Entwicklung der jüdischen Liturgie durchzuführen,

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