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Die Wahrheit · 1905-07-21 · Heft 28 (21.7.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 28 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28. Die Wahrheit Seite 9. und später zum Rabbiner Abraham Isaak W ein b erg er nach Galgöcz (Freistadtl). 1830 besuchte er die Talmudschule des Rabbiners Abraham Wohl in Miskolcz, 1840 kam er nach Altofen, wo L. H. Schlesinger. Schwiegersohn von Awrom M i n z, Oberrabbiner von Altofen, sein Talmudlehrer war. Hier absolvierte er auch das Gymnasium und nach erlangtem Reifezeugnisse begab er sich 1846 nach Prag, um die Vorlesungen der berühmten Professoren an der philosophischen Fakultät als ordentlicher Hörer zu besuchen. Pollak erhielt das Rabbinerdiplom vom Altofner Rabbinatskollegium, setzte aber darnach seine talmndischen Studien fort. Er besuchte die Borträge des weltberühmten Prager Oberrabbiners Rappaport, von dem er, sowie auch vom Rabbiner Samuel Freund, Vorsitzender des Prager Rabbinerkollegiums, und vom mährischen Landes- -Oberrabbiner Abraham P l a t s ch e k die Hatorahs erhielt. 1851 wurde Pollak Rabbiner in Janowitz in Böhmen, woselbst er drei Jahre fungierte. Dann kam er als Rabbiner an die Prager Alt-Neusynagoge und von da wurde er nach Kremsier in Mähren als Rabbiner berufen, woselbst er sieben Jahre amtierte. Von hier aus erhielt er die Rabbinerstelle in Jnowrazlaw in Preußen, allwo er höchst segensreich wirkte. Sein größtes Verdienst bestand darin, daß er die dortige Niederlassung der schottischen Mission, welche den jüdischen Seelenfang betrieb, unmöglich, d. h. unschädlich machte. Seit 1872 ist er Rabbiner der Pester israel. Religionsgemeinde, deren treuer Seelenhirte er 33 Jahre hindurch gewesen. Hier hat er bei seinem Amtsantritte die herrliche Rombachsynagoge feierlichst eingeweiht; hier hat er die Koscherangelegenheiten in die .Hand genommen, sie neu organisiert und strenge kontrolliert; hier hat er eine hebräische Schule gegründet, welche die schönsten Erfolge aufzuweisen hatte und noch immer als Zierde unserer Gemeinde-Lehranstalten gelten kann; hier bat er den Ahawas Reim-Verein ins Leben gerufen, dessen Präsident er gewesen. Auch hat er als Siebzigjähriger eine prachtvolle Thorarolle geschrieben und diese in der Rombachsynagoge geweiht. Alljährlich wurde ihm als Chassan Thora aus „seiner" Thora der be-- treffende Abschnitt vorgelesen. Am 27. Mai 1901 beging Pollak das 'seltene Fest seines halbhundertjährigen Wirkens als Rabbiner nnd ward damals der Gegenstand ehrendster Ovationen aus Nah und Fern. Um Pollak trauern viele Jsraelitengemeinden, allen voran die Pester Großgemeinde, ferner seine Gattin, die 537, Jahre lang getreulich Leid und Freud mit ihm geteilt; sein Sohn Jakob Pollak, vier Töchter (davon ist blos eine verehelicht), sein Schwiegersohn Dr. S. H. G o l d f a h n, Rabbiner in Bacs-Topolya, und einige Enkelkinder. Die Leichenfeier P o l l a ks war ungemein imposant. Die Rombachsynagoge, allwo der Sarg vor der heiligen Lade .niedergestellt wurde, hatte Trauerschmuck angelegt und war glänzend, beleuchtet Hier fungierten Oberkantor Prof. Adolf Lazarus und'Kantor Keller im Vereine mit dem Männerchorpersonale des Tempels und der.Synagoge. Trauerreden hielten daselbst der Altofner Oberrabbiner Dr. Elias Adler, der in Aussicht genommene Nachfolger des Verewigten, und Rabbiner Moses Feldmann. Der sechsspännige Galatrauerwagen brachte die Leiche nach dem Gottesacker. Im Hofe desselben hielten Abschiedsreden Dr. S. H. G o l dfahn und Dr. Samuel Kohn, worauf Prof. Lazarus und Kantor Jako bo vits Tranergebete rezitierten. Rabbiner Pollak wurde an der Seite Dr. K a y s e r l i n g s zur ewigen Ruhe beigesetzt. D. H. Spitzer. Frankfurt a. M. (Ein ritueller Automat.) Eine dieser Tage in Frankfurt a. M. neu eröffnete Automaten-Restauration hat eine Einrichtung getroffen, die wohl einzig dastehen dürfte. Unter den Speisen- Äutomaten befinden sich zwei, die Fleischbrötchen nach streng israelitischem Ritus zubereitet liefern und von einem Aufseher der israelitischen Gemeinde kontrolliert werden. Klühende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Dieser wollte den Religionsunterricht auf eine ganz moderne Basis bringen, wollte das ganze Ritualgesetz ausgeschlossen wissen, nur die Morallehre sollte bleiben, während .Hellmann das Herz der ihm anvertrauten Kinder der Lehre des echten wahren Judentums öffnete, ihnen die Gebote und Gesetze, welche die Gotteslehre vorschreibt, einprägte. Er wurde von Dr. Piesen deswegen ein Finsterling genannt, der unfähig sei, den Rabbinerposten in M. auszufüllen. Piesen scheute selbst davor nicht zuriick, seine Ansicht selbst vor der Schuljugend auszusprechen, und das werde er voraussichtlich auch dieses Mal während oder nach der Prüfung tun. In diesem Falle war Hellmann entschlossen, an Ort und Stelle seine Kündigung vorzubringen. Die Zukunft machte ihm nicht bange. Sein Fleiß, sein Talent und seine Kenntnisse würden ihm schon einen Wirkungskreis eröffnen, der es ihm ermöglichen wird, sein Ziel zu erreichen, das Ziel nämlich, seine Martha heimzuführen. 7. Eine Mission. Die Erinnerung an Martha verscheuchte die trüben Gedanken, welche sich der Seele des jungen Rabbiners bemächtigt hatten und ganz heiter gestimmt war er, als er am ersten Halbfeiertag den Besuch des Kultusvorstehers empfing. Der Rabbiner trat dem mit einem „Gut-Jomtof"-Wunsche eingetretenen Vorsteher entgegen, reichte ihm zum Willkommen die Hand und geleitete ihn zu einem Fauteuil. Der wohlbeleibte Herr ließ sich mit solcher Wucht nieder, daß der Sessel in seinen Fugen krachte, dann zog er ein großes, gelbseidenes Taschentuch hervor und wischte sich damit die Stirne ab, auf der große Schweißtropfen perlten. „Haben vorgestern eine famose Predigt gehalten, Herr Doktor, so erotisch, so verliebt, man erkennt gleich, daß wir einen jungen, ledigen Prediger haben, ha, ha, ha!" — Dem Rabbiner war bei diesen Worten nicht gerade zum Lachen zu Mute gewesen und er entgegnete mit einem Anfluge von Ironie: ..Wer in dem Wechselgespräche des Schir-haschirim nichts anderes sieht, als einen Austausch von Liebesworten zweier irdischer Menschenkinder, der wird meine Worte so auffassen, wie Sie es taten; wer aber bedenket, daß in diesem Falle das Hohelied nicht unter die Bücher der heiligen Schrift ausgenommen wäre und an unserem großen Befreiungsfeste vorgetragen würde, der wird der idealen Anschauung, wie ich sie vertreten habe, beistimmen." Der Vorsteher biß sich auf die Lippen. Er hatte als Abfertigung die Antwort bekommen, die er verdiente, aber von dem jeder Zeit bescheidenen Rabbiner nicht erwartet hatte. Es war ihm dies desto unangenehmer, als er eigentlich mit einer Bitte an den Rabbiner hergekommen war. „Lassen wir das, Herr Doktor!" sagte er, „das ist Ansichtssache. Ich bin ja eigentlich nicht wegen der Predigt hierhergekommen, sondern in ganz anderer Absicht. Während wir vorgestern vormittags arglos im Tempel saßen, Ihrer Predigt lauschten und den Tal benschten, hat sich in unserer Gemeinde ein sehr ernstes Ereignis abgespielt, welches sehr traurige Folgen hatte, und sehr geeignet scheint, die Ehre und das Ansehen unserer ganzen Gemeinde zu schädigen, ja ein gewaltiges Chillnl haschem hervorzurufen." Der Vorsteher räusperte sich ein wenig und schien die Wirkung seiner Worte abwarten zu wollen. Der Rabbiner antwortete: „Sie sprechen in Rätseln, Herr Vorsteher, wenigstens für mich." „Also, Herr Rabbiner, der Dr. Piesen ist futsch! Es hat sich herausgestellt, daß er einen falschen Wechsel auf den Namen des alten Hönig ausgestellt hat, damals, wo er glaubte, sein Schwiegersohn zu werden, und mit der Mitgift einlösen zu können. Wie sich die Sache aber zerschlagen hat, so mußte er mit der von Hönig erhaltenen Entschädigungssumme eine Masse ihn bedrängender Gläubiger befriedigen und zur Deckung des Akzeptes ist ihm nichts übrig geblieben. In seiner Verzweiflung hat er sich dem alten Hönig entdeckt und ihn gebeten, die notwendige Summe vorzustrecken, bis er eine andere reiche Braut gefunden, aber der will nichts davon wissen und gleich die Strafanzeige erstatten. Der Sohn Max' kam Mittags mit der Geschichte, die vorläufig Geheimnis ist, zu mir und bat mich himmelhoch, die Sache zu schlichten, weil ihm der Verlust von 5000 fl. nicht so schmerzlich wäre, wie der entstehende Skandal. Indessen ist aber der Dr. Piesen auf und davon. Wenn Hönig seine Absicht ausführt und die Anzeige erstattet, werden wir in den Augen der Welt lächerlich gemacht, denn wir haben vor kurzem erst den Doktor fast einstimmig in den engeren Ausschuß gewählt und obendrein zum Vorstand der Talmud-Thoraschule ermannt. Außerdem würde es in den Augen der Andersgläubigen ein großes Chillul-haschem abgeben; dem möchte ich gerne Vorbeugen, raten Sie mir nun, was zu tun, Herr Rabbiner?" „Da ist nur ein Rat," sagte dieser. .Bemühen Sie sich in Ihrer Eigenschaft als Vorsteher der Gemeinde, Herrn Hönig von seinem Vorhaben abzubringen. Wenn ihm klargelegt wird, was für uns alle auf dem Spiele steht, andernteils, daß eine Verfolgung des Flüchtigen doch eigentlich nutzlos ist, da, selbst im Falle man ihn einholt, an ihm nichts zu nehmen wäre, dann wird Hönig so klug sein, von der Anzeige abzulaffen." (Fortsetzung folgt.)

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