Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 28 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 28. i*.--. sxar-ii-'i-. ^yC& i- ''LZ! Die Wahrheit. angeführt von der zarischen Polizei, durch die armenischen Dörfer, morden die Männer, vergewaltigen die Frauen, bekehren mit Gewalt zum Islam, verbrennen die Kirchen, rauben und plündern die unglückliche Bevölkerung aus. Die zarische Regierung will sich an den zwei unglücklichen Völkerschaften des Reiches rächen und die letzten Tage ihres finsteren Daseins zu einer blutigen Orgie gegen alle schwachen und unbeschützten Elemente des Landes ausarten lassen. Es war dies von jeher ein Manöver der Regierung, um die Opposition als unberechtigt zu brandmarken, daß sie sie als unrussisch, von fremden Nationen ausgehend, zu kompromittieren versuchte. Die Freiheitsideen stammen vom „faulen Westen", war die ständige Version der Slavophilen der früheren Jahre, während die jetzigen Reaktionäre die inneren fremden Nationen, die Polen. Finnländer, Juden, Armenier, als die Ursache aller neuen politischen Tendenzen erklären. Dies ist in gewissem Grade wahr, indem die unterdrückten fremden Nationen, welche auf einer höheren Kulturstufe stehen und auch andere nationale Traditionen haben, seit jeher den Zarismus und dem Moskowitentum feindlich gegenüberstanden und gegenüberstehen mußten. Während aber die Polen und Finnländer, weil sie in kompakter Masse auf einheitlichem Boden leben, den Kamps gegen die Regierung leichter führen können, spitzt sich bei den Juden und Armeniern der revolutionäre Kampf gegen die Autokratie zu einer furchtbaren Tragödie zu. Weil Juden und Armenier nur einen Bruchteil der übrigen Bevölkerung bilden, so schürt die Regierung den nationalen und konfessionellen Haß, erweckt die traditionellen Vorurteile gegen diese andersgearteten Völkerschaften und erhebt die christliche Bevölkerung gegen die jüdische, die mohammedanische gegen die armenische, damit Haß, Zwietracht, Erbitterung, Furcht, Mord und Raub im Lande auskommen und der Abrechnungstag der Verbrecher am Regierungstisch hinausgeschoben werde. Wirft man einen Blick auf die numerische Größe der jüdischen und armenischen Bevölkerungen gegenüber ihrer Umgebung. so begreift man, welcher Katastrophe diese an Zahl schwachen Völker entgegenlaufen. Man zählt in Rußland gegen 5 2 Millionen Juden, von welchen 94% im Westen, Südwesten und in Polen wohnen, wo sie von 9 bis 14% der übrigen Bevölkerung ausmachen. Außerhalb des sogenannten Ansiedlungsrayons dürfen nur Handwerker, Großkaufleute und Leute mit akademischer Bildung wohnen, während innerhalb des Ansiedlungsrayons der Aufenthalt nur in den Städten gewährt wird, wo die Juden 26—28% der christlichen Bevölkerung ausmachen. Von diesen 52 Millionen Seelen sind über 1 Million Handwerker, Ackerbauer, Fabriksarbeiter, Lastträger, Taglöhner u. s. w., die übrigen befassen sich vornehmlich mit Handel und Gewerbe. Die Juden besitzen keine bürgerlichen Rechte; sie werden sogar in die öffentlichen Schulen nur in einem gewissen Prozentsatz ausgenommen. Durch Religion, Sprache, Sitten und wirtschaftlichen Beruf unterscheiden sich die Juden scharf von ihrer christlichen Umgebung. — Die Zahl der Armenier beträgt in Transkaukasien gegen 1 Million, gegenüber einer umgebenden Bevölkerung von über 5 Millionen Einwohnern, welche vornehmlich aus mohammedanischen Türken, Tataren, Kurden, Grusinern, Bergvölkern u. s. w. besteht. Die Armenier sind im Besitz aller bürgerlichen Rechte und befassen sich vornehmlich mit Handel und Industrie. Ebenso wie die Juden im Westen, sind die Armenier im Kaukasus ein kulturell und politisch höher stehendes Element, als die umgebende Bevölkerung. Der mephistophelische Plan'der Regierung besteht darin, diese zwei Völkerschaften durch Massakers zu terrorisieren, die Unzufriedenheit der russischen Bevölkerung abzulenken und so die Revolution zu einem Nationalitätenkrieg zu degradieren. Den Juden gegenüber wird diese Methode seit ' den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts angewendet, inbezug auf die Armenier brauchte die Autokratie nur die türkische Praxis Armenien gegenüber nach dem heiligen christlichen Zarenreiche zu übertragen. Ein universelles Kischinew ist der furchtbare Plan der Autokratie. Und dieser Plan geht von den höchsten Instanzen der Bureaukratie aus. Den Juden gegenüber wird düs bösari^e Verhalten der Regierung noch dadurch gesteigert, daß nach dem Verfassungsprojekte Bulygins die Juden, ebenso wie die Verbrecher, vom Wahlrecht zur Volksvertretung ausgeschlossen bleiben. Wenn der Haß gegen alles Neue und Aufstrebende am stärksten ist, steigert er sich zum Kreuzzug gegen Juden, Armenier und Polen. Nun ist aber der Geist der Zeit nicht spurlos au den Parias des Zarenreiches vorübergegaugen. Nicht allein die Armenier, die seit jeher gewohnt waren, zu kämpfen, sondern auch die Einwohner der Judengasse sind längst politisch erwacht und voll Mutes. Seit Jahren vollzieht sich im Ghetto Rußlands ein tieferzRegenerationsprozeß, und es ist ein neues Geschlecht herangewachsen, das stolz seinen Kopf hochhält und zum Kampf gegen die Tyrannei bereit ist. Es spielte hierbei die Hauptrolle die jüdische sozialdemokratische Arbeiterpartei, genannt der „Bund", welcher zehntausende Arbeiter in seiner Organisation zählt und sich starker Sympathien in der Intelligenz erfreut. In der letzten Zeit entstand auch unter dem Proletariat und der Intelligenz eine revolutionäre und sozialistische Zionistenpartei, welche den Kampf gegen den Zarismus sich zu einer ihrer Aufgaben gestellt hat. Unter dem Einfluß dieser Freiheitsströmungen innerhalb der Judengasse organisierten sich im ganzen Ansiedlungsrayon Selbstschutzkomitees, welche sich mit Waffen versehen, um beim Ausbruch der Massakers gegen die „Schwarzen Hunderte" zur Schlacht zu ziehen. Es wäre eine Leichtigkeit für die Juden, die Angreifer zurückzuwerfen, wenn die Polizei und das Militär sie nicht daran hinderte. Ein Kampf der Juden gegen den von der Polizei angeführten Pöbel gestaltet sich aber bald zu einer blutigen Schlacht von Juden auf der einen und dem Pöbel und dem Militär auf der anderen Seite. Trotz des heroischen Kampfes unterliegen die Juden im ungleichen Kampfe. In Armenien ist dieser Kampf wegen der besonderen Zusammensetzung der Bevölkerung ein noch furchtbarerer. Dort leistet die ganze armenische Bevölkerung den wilden Angreifern, welche die Behörden noch in der Gestalt der Kurden aus der Türkei zusammengezogen hat, verzweifelten Widerstand. Regelrechte Schlachten finden dort zwischen den Armeniern, angeführt von den revolutionären Parteien, und den Mohammedanern, welche von der Polizei bewaffnet worden sind, fortwährend statt. Der Generalgouverneur Woronzow-Daschkow, der Gouverneur Golitzin, der getötete Nakatchidze spielen und spielten in Armenien dieselbe verbrecherische Rolle, wie die Gouverneure im Ansiedlungsrayon. Gegenüber der Soldateska, der Polizei und dem Pöbel sind die Selbstverteidigungskomitees der Juden und Armenier ohnmächtig. Blut fließt in diesen Gebieten stromweise, und der Bürgerkrieg ist entfacht mit allen seinen Schrecken. Die Greuel, die der Zarismus im ganzen Lande hervorruft, haben sich in diesen ethnographisch bunten Gebieten des Reiches zum permanenten Schrecken potenziert. Alle göttlichen und menschlichen Gesetze sind aufgehoben, und Mord und Blut sind die Parole. Die zivilisierte Menschheit kann diesem Schrecken ohne Ende nicht gleichgiltig zusehen, das öffentliche Gewissen muß sich empören, und ein Schrei der Entrüstung muß in der ganzen Kulturwelt gegen diese Verbrechen einer Regierung erschallen, die ein Unglück der Menschen und eine Schande der Zeit geworden ist. Amerikanischer Srief. Im Hinblick auf das zweihundertund fünfzigjährige Jubiläum der jüdischen Einwanderung in den Vereinigten Staaten, das im Herbst feierlich begangen werden soll, schwelgt die amerikanische Judenschaft in Reminiszenzen, und es ist nicht zu leugnen, daß manches Interessante dabei zutage gefördert wird. Die Einwanderung in den Weststaaten begann erst viel später und im März 1817 ließ sich der erste Jude, ein Uhrmacher, in Cincinnati nieder. Bezeichnend und Interessant ist, was dieser erste jüdische Einwanderer über seine Aufnahme berichtet hat. Man muß sich vergegenwärtigen, daß Ne Einwanderung selbst damals noch nicht so bedeutend war wie in späteren Zeiten des neunzehnten Jahrhunderts, und daß die christlichen Einwanderer meist noch aus Ländern stammten, in welchen es nur sehr wenige Juden gab. So erst wird man das folgende verstehen und glauben. Als Joseph Jonas — so hieß der erste jüdische Ansiedler im Ohio-Gebiet — in Cincinnati ankam, wurde er als eine Kuriosität angestaunt. Viele hatten