Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-07-21 · Heft 28 (21.7.1905) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 28 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063293--03766-3070551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28. Die Wahrheit Leite 5. jüdische Volksbewußtsein in aller Herren Länder und überall, besonders in Galizien, dem Lande, in welchem noch eine kompakte jüdische Volksmasse mit jüdischem Bewußtsein lebt, vollzieht sich das Wunderbare, daß große jüdische Gruppen erstehen, welche das Judentum auf ihre Fahne schreiben. Die aus der rabbinischeu Lehranstalt in Wien hieher zurückgekehrten Kandidaten übernahmen den Religionsunterricht an den Mittelschulen und verdrängten die falschen Lehrer und Rabbiner. Wohl setzte die nationaljüdische Bewegung schon früher in studentischen Kreisen ein. doch erst der zielbewußte, echtjüdische Unterricht an die Hunderte von Mittelschülern fachte die heilige Flamme an und erweckte die Liebe zum jüdischen Volksstamme, zu seiner Sprache, Literatur und Geschichte. Das Ohr des Gymnasiasten vernimmt die gottbegeisterten Prophetien des Jesajas, die Psalmen Davids und wird tief davon ergriffen. Tut er es nicht, verschanzt der Junge sich hinter der väterlichen Assimilation, dann hilft ihm kein Geld und keine Gunst der Großen, er fällt und verliert sein Studienjahr, selbst gegen den Einwand der Direktoren. Natürlich wächst das Interesse für die geistigen Schätze unseres Volkes mit der Zunahme der Erkenntnis und der Kenntnisse. Wohl gibt es noch Gymnasiasten mit assimilatorischen Velleitäten, was nützt es ihnen aber, der Religionsprofessor kriecht ihnen in ihrer Verschrobenheit nach, während die Schüler seinen Vorträgen folgen müssen, und die lateinische Regel: 86rnp6r aliquid haeret — es bleibt stets etwas hängen — findet auch hier ihre Bestätigung. Zartbesaitete Jünglinge werden sehr oft von der Erhabenheit des Vortrages und des Gegenstandes hingerissen und überwältigen unter der Macht der empfangenen Eindrücke den Antisemitismus des Elternhauses. Die Lernbegierde trieb die Mittelschuljugend an, sich zu didaktischem Zwecke zu vereinigen, und sie gründete eine jüdische Nationalbiblothek, welche Bücher an die Mitglieder verleiht. Neben dieser gewiß lobenswerten Einrichtung wird auch eine Jugendschrift herausgegeben. Damit aber auch die materielle Seite dieser brüderlichen Verbindung nicht fehle, werden Abende veranstaltet, deren Reinertrag dem Unterstützungsfond zu Gute kommt. Zur Förderung und Kräftigung dieser erhabenen Bewegung trägt noch besonders bei, daß die jüdischen Mädchen in Lemberg, wie in anderen Städten Galiziens, aus freiem Antriebe sich zu Vereinen organisieren, in denen die hebräische Sprache und jüdische Geschichte gepflegt wird. Es dauert kaum ein Dezennium, und es erblüht uns ein Geschlecht echter und rechter Hebräerinnen, welche die heilige Lehre mundgerecht und pädagogisch ihren Schwestern mitteilen werden. So wir nach 2000 jähriger Epoche der Diaspora daran gehen, diese zu beenden und eine neue zu inaugurieren, kann dies nicht nach der Art anderer Nationen geschehen, welche sich auf Blut und Eisen stützen; das auserlesene Volk darf kein unschuldiges Blut vergießen, sondern muß eingedenk sein der erhabenen Worte des Priesterfürsten Zerubabel: „Nicht mit Gewalt, nicht mit Heeresmacht, sondern in meinem Geist spricht Gott." Also müssen wir unsere Vorarbeiten mit dem geistigen Teile unseres Volkstums, mit der Schrift, der Sprache nnd der nationalen Geschichte beginnen, und uns dabei nicht an die Alten und Hinfälligen unter uns, sondern an die hoffnungsvolle Jugend wenden. Bei dieser rein geistigen Kulturarbeit wissen wir uns aber auch im Einklänge mit den materiellen Bedürsnissen der Gegenwart und der Zukunft. In Galizien werden zahlreiche Religionsprofessuren für Mittelschüler kreiert werden und noch größer wird die Zahl der Religionslehrer für Volksnnd Bürgerschulen sein, welche ihre Wissenskraft je nach dem Grade ihrer Qualifikation verwerten und definitive Staatsanstellungen erhalten werden. Ihnen auf dem Fuße folgen die Privatlehrer für den Unterricht in Judatcis, sie bilden eine weitere Kategorie, denen das jüdische Wissen Brod und offene Türen in anständigen jüdischen Häuser verschaffen wird. Diese Epoche ist blos das Prodomalstadium der nationalen Aera, aber ihre elementaren Vorteile heben sich schon bedeutend ab von jener assimilatorischen Zeit, da alles Jüdische verpönt und verachtet war. Wir Juden im Osten, die in ihrer überwältigenden Majorität an die Wiedererweckungsmöglichkeit unseres Volkes glauben, müssen dieses große Stück Renaissancenarbeit auf sich nehmen, um es als Schulbeispiel unseren westlichen Brüdern vor Augen zu halten, in deren Häusern assimilatorische, resp. antisemitische Finsternis herrscht. Indessen wird die werbende Kraft des Judentums, die Propaganda der Tat, langsam aber sicher ihr Judaisierungswerk vollziehen, bis die Erkenntnis Gottes und des Judentums das ganze jüdische Volk durchdringt. Gerade in Angesicht des Zionskongresses unterbreiten wir die Besprechung dieses Themas den Kongreßmitgliedern, mit der Aufforderung, die nationaljüdische Erziehung, resp. Hebraisierung unseres Volkes, neben der Kolonisation Palästinas, zu beschließen und die nötigen Fonde für dieses große Werk zu beschaffen. Dr. Rüben Vierer, Lemberg. (Ein zweiter Artikel folgr.) Der Vil. Kongreß. Das Organisationskomitee des VII. Zionistenkongresses versendet als Richtscknlur für den am 27. d. M. beginnenden Kongreß in Basel nachstehendcs Kommunique: Tagesordnung: 1. Eröffnung des Kongresses. 2. Trauerrede : Dr. Max N o r d a u. 3. Wahl des Bureaus. 4. Rechenschaftsbericht des A.-K. Referent: Architekt O. Marmorek. 5. Bericht der P.-K. (Palästina-Kommission.) Referenten: Professor Dr. O. Marburg und Dr. S o s k i n. 6. Nationalfonds. Referent: Direktor I. K r e m e n e z k y. 7. Organisationsstatut. Referent: Dr. O. K o k e s ch. 8. Propaganda und Agitation. Referent: Rechtsanwalt S. Gronem a n n. 9. Eventualia. 10. Neuwahl. * * * Der diesjährige Kongreß fällt in eine Zeit des größten Fremdenverkehrs Basels und der Schweiz. Alle Hotels sind oft schon tage- und wochenlang mit ihren Zimmern vergeben. Um den werten Kongreß-Teilnehmern bei der Ankunft und beim Suchen einer Wohnung behilflich zu sein, hat sich aus Gesinnungsgenossen der Stadt Basel ein O r g a n i s ations-Komiree gebildet, das bereits seine Tätigkeit begonnen hat. Zur richtigen Durchführung der schwierigen Aufgabe des Komitees ist es dringend notwendig, daß die werten Teilnehmer uns unverzüglich von ihrer Ankunft in Kenntnis setzen. Die Mitteilung soll enthalten: 1. Ankunftstag, womöglich an welchem Bahnhof und mit welchemZug; 2. ob Hotel oder Privatlogis gewünscht wird und für wieviel Personen; 3. wieviel man für ein Zimmer anzulegen wünscht, mit oder ohne Frühstück, eventuell Pension, eventuell koscher; 4. welcher Aufenthalt in Basel vorgesehen. Die Anfragen sind womöglich in deutscher, französischer, englischer oder jüdischer Sprache (Jargon) abzufassen und sind zu richten an das Organisationskomiree des VH. Z i o n i st e n k o n g r e s s e s. Telegramme: „Organisation Zionistenkongreß Basel". Bei der Ankunft in Basel wollen sich die verehrlichen Gäste zuerst im Kongreßbureau melven, worauf ihnen vom diensttuenden Mitgliede des Komitees ein Zettel mit der für sie bestimmten Wohnung übergeben wird. Die Mitglieder des Komitees tragen schwarz-weiß-blaue Rosetten. Die Juden und Armenier in Rußland. Aus dem Westen des europäischen Rußland und dem fernen Kaukasus dringt ein furchtbarer Schmerzensschrei in die zivilisierte Welt, der Schrei zweier Völker, welche die zarische Regierung außerhalb des Gesetzes gestellt und der Wut der Polizei, der Soldateska und des Pöbels preisgegeben hat. Im Westen sind es die Juden, welchen der Zarismus den Vernichtungskrieg erklärt hat, im Kaukasus sind es die Armenier, welche im ungleichen Kampf verbluten. Nach den Judenmasfakers in Schitomir haben ähnliche Massakers in Breft-Litowsk, Minsk und anderen kleineren Orten stattgefunden. Bei diesen Massakers sind unter Aufmunterung und Beihilfe der Polizei Hunderte getötet, verwundet und zugrunde gerichtet worden, während die ärmere jüdische Bevölkerung um ihre Habseligkeiten gekommen ist. Jetzt kommt die alarmierende Nachricht, daß der Gouverneur von Kowno, Werewkin, ein allgemeines Judenmassaker in Kowno und den übrigen Städten durch direkte Zirkulare an die Behörden vorbereitet. Aber geradezu furchtbare Ereignisse spielten sich in Armenien ab. Nach der Bartholomäusnacht in Baku wurde unter den Armeniern in Nachitschwan und Eriwan ein Blutbad angerichtet. Jetzt ziehen Kurden und Tataren, bewaffnet und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.